Die Stiftskirche Liebfrauen ist ein römisch-katholischer Kirchenbau in Baden-Baden, der am Florentinerberg unterhalb des Neuen Schlosses über der Altstadt thront. Zwischen 1391 und 1793 diente der Chorraum als Grablege der Markgrafen von Baden.Otto Frank: Stiftskirche Baden-Baden. Verlag Schnell & Steiner GmbH, München 1991, S. 3. Patrone sind die Jungfrau Maria und die Apostel Petrus und Paulus.Otto Frank: Stiftskirche Baden-Baden. Verlag Schnell & Steiner GmbH, München 1991, S. 2.

Mit ihrem rund 68 Meter hohen Turm prägt die Stiftskirche die Silhouette der Kur- und Bäderstadt Baden-Baden. Erstmals 987 urkundlich erwähnt, wurde sie im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut, erweitert und überformt. Aus dem 13. Jahrhundert ist der romanische Turmschaft erhalten geblieben, während der Chor und das Langhaus zwischen 1453 und 1474 im spätgotischen Stil erbaut wurden. Die barocken, welschen Turmhauben gehen auf den Wiederaufbau der Stiftskirche nach dem Stadtbrand 1689 zurück. Der Innenraum beherbergt Ausstattungsgegenstände und Kunstschätze verschiedener Epochen. Dazu gehören ein Kruzifix des Niclas Gerhaert van Leyden und ein Sakramentshäuschen aus dem 15. Jahrhundert sowie das prunkvolle Epitaph von Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, genannt „Türkenlouis“, aus dem 18. Jahrhundert.

Die Stiftskirche gilt als ein „Kulturdenkmal von landesgeschichtlich und kunsthistorisch besonderer Bedeutung“.Bernhard Nicola: Instandsetzung und Renovation. In: In neuem Glanz. Die Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden. Katholische Kirchengemeinde Baden-Baden (Hrsg.), Aquensis-Verlag, Baden-Baden 2023, S. 47. Sie ist das älteste durchgehend genutzte Gebäude der StadtSanierung der Stiftskirche. www.bnn.de. Aufgerufen am 25. März 2024. und liegt als Teilobjekt in der Kernzone des UNESCO-Welterbe-Bezirks in Baden-Baden.UNESCO-Welterbe. www.baden-baden.com. Aufgerufen am 1. April 2024. Obwohl das 1453 eingerichtete Kollegiatstift 1808 wieder aufgelöst wurde, hat die Bezeichnung als Stiftskirche überdauert.Kollegiatstift Baden-Baden. www.leo-bw.de. Aufgerufen am 25. März 2024. Kirchenbau und Gemeinde gehören heute zur Seelsorgeeinheit Baden-Baden im Dekanat Baden-Baden der Erzdiözese Freiburg.

Geschichte Römerzeit und frühes Mittelalter Um 75 n. Chr. fassten die Römer die heißen Thermalquellen, die im Oostal am Florentinerberg austraten, und errichteten dort Badeanlagen. In den Jahren darauf wurde der Ort Aquae weiter ausgebaut. Die Fundamente der sogenannten Kaiserbäder sind unter dem Marktplatz erhalten und reichen bis an das nördliche Seitenschiff des heutigen Kirchenbaus heran. Bei Grabungen im Zuge von Renovierungsarbeiten wurden 1967 in der Marienkapelle Mauerreste eines Nebengebäudes freigelegt, das als Sudatorium (Schwitzraum) gedient hat.Jessica Preiß: Von Thermalwasser und Hypokausten – die Bäder von Baden-Baden. In: Sarah Roth, Jessica Preiß: Zwischen Marmor und heißen Quellen. Das römische Baden-Baden. Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.), S. 55. Weitere Fundamente erstrecken sich unterhalb des Chorraums bis weit in das südliche Seitenschiff. Aus dieser Zeit datieren auch erste Spuren einer religiösen Stätte an diesem Ort. So deuten Ausgrabungen auf die Existenz eines Weihebezirks neben den Bädern hin, unmittelbar nordöstlich und westlich der Kirche gibt es zudem archäologische Hinweise auf Quellheiligtümer.Jessica Preiß: Von Thermalwasser und Hypokausten – die Bäder von Baden-Baden. In: Sarah Roth, Jessica Preiß: Zwischen Marmor und heißen Quellen. Das römische Baden-Baden. Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (Hrsg.), S. 79–81.

Steine mit römischen Inschriften wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder als Baumaterial für die Stiftskirche benutzt. Bis 1804 war am Turm eine auf 197 n. Chr. datierte Ehrentafel für den „Caracalla“ genannten Kaiser Marcus Aurelius Severus Antoninus vermauert, die inzwischen im Stadtmuseum ausgestellt ist.Dagmar Kicherer: Kleine Geschichte der Stadt Baden-Baden. DRW-Verlag Weinbrenner GmbH & Co. KG, Leinfelden-Echterdingen 2008, S. 15. An einem Strebepfeiler der Johannes-Nepomuk-Kapelle ist noch der Grabstein eines Soldaten der damals in Argentorate (Straßburg) stationierten Legio VIII Augusta sichtbar. Dessen Inschrift „VS LEG XIII AVG H F C“ (Veteranus legionis VIII Augustae. Heres faciendum curavit) weist auf seine Genesung in den hiesigen Thermalbädern hin. Den Sarg von Jakob II., der 1808 in die Stiftskirche überführt wurde, setzte man damals unterhalb des Chorraums „auf einem gut erhaltenen römischen Mosaikboden“Otto Frank: Stiftskirche Baden-Baden. Verlag Schnell & Steiner GmbH, München 1991, S. 22. in einer Gruft mit WandbemalungDazu Judith Baldauf: Die Gruft Jakobs II. in der Stiftskirche Baden-Baden. In: Archäologische Nachrichten aus Baden. Heft 98, 2022, S. 16–22. bei.

Im 8. Jahrhundert wurden die Alamannen, die nach dem Abzug der Römer am Oberrhein entlang des Schwarzwalds siedelten, durch irische Mönche christianisiert. Die Thermalbäder gelangten 712 als Besitz an die Reichsabtei Weißenburg im Elsass, von der auch das Peter-und-Paul-Patrozinium der späteren Pfarrkirche herrühren dürfte.Wolfgang Zimmermann: Die Bedeutung der Pfarr- und Stiftskirche. In: In neuem Glanz. Die Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden. Katholische Kirchengemeinde Baden-Baden (Hrsg.), Aquensis-Verlag, Baden-Baden 2023, S. 23. Eine „ecclesia […] in loco badon“ wird erstmals 987 in einer Schenkungsurkunde Kaiser Ottos III. an den Grafen Manegold von Nellenburg schriftlich erwähnt.Dagmar Kicherer: Kleine Geschichte der Stadt Baden-Baden. DRW-Verlag Weinbrenner GmbH & Co. KG, Leinfelden-Echterdingen 2008, S. 20. Allerdings ist davon auszugehen, dass bereits zuvor ein Kirchenbau bestanden haben muss, wobei dessen Standort bislang nicht sicher nachweisbar ist. Archäologische Grabungen haben 1967 mehrere frühmittelalterliche Plattengräber unter dem Mittelschiff freigelegt, darunter ein „in situ erhaltene[s] ‚Grab 1‘ – auch als ‚Fürst(inn)engrab‘ bezeichnet“.Bernhard Nicola: Instandsetzung und Renovation. In: In neuem Glanz. Die Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden. Katholische Kirchengemeinde Baden-Baden (Hrsg.), Aquensis-Verlag, Baden-Baden 2023, S. 48. Daneben trat ein Befund zutage, bei dem es sich „um die Fundamentierung der Westfassade und die Portalschwelle der vorromanische Kirche gehandelt haben könnte“.

Romanischer Kirchenbau mini|hochkant=0.9|Aus der romanischen Bauperiode ist der Turmschaft mit Rundbogenfriesen erhalten Um 1100 ließ Hermann II. über dem Oostal die Burg Hohenbaden errichten. Sie diente als Herrschaftssitz der Markgrafen von Baden, die die Geschichte der Kirche fortan maßgeblich mitprägten. Mit der Erhebung Baden-Badens zur Stadt gegen Mitte des 13. Jahrhunderts ging auch der Bau einer neuen, repräsentativen Pfarrkirche am Florentinerberg einher, die als dreischiffige Basilika im romanischen Stil konzipiert war. Davon erhalten sind der viergeschossige Turmschaft aus Rotsandsteinquadern samt Eingangshalle, die unteren Teile des Triumphbogens zwischen Mittelschiff und Chorraum sowie die Ansätze der Seitenschiffarkaden. Daran lassen sich die „beeindruckenden Konturen dieses Baus nachzeichnen, der in seinen grundsätzlichen Dimensionen bereits der heutigen Stiftskirche entsprach“.Marc Carel Schurr: Architektur und Ausstattung. In: In neuem Glanz. Die Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden. Katholische Kirchengemeinde Baden-Baden (Hrsg.), Aquensis-Verlag, Baden-Baden 2023, S. 35. Das Langhaus wies demnach eine Länge von rund 21 Metern auf.

In der Gründungsurkunde des Zisterzienserinnenklosters Lichtenthal, das 1245 durch Irmengard von Baden gestiftet worden war, findet die Pfarrkirche in Baden-Baden erneut Erwähnung. Darin legten die Markgrafen nicht nur das Kloster als ihre Grablege fest, sondern übertrugen ihm auch die Patronatsrechte an der Pfarrei. Mit einem Teil der zu entrichtenden Pfründe wurde eine Vikariatsstelle finanziert.Wolfgang Zimmermann: Die Bedeutung der Pfarr- und Stiftskirche. In: In neuem Glanz. Die Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden. Katholische Kirchengemeinde Baden-Baden (Hrsg.), Aquensis-Verlag, Baden-Baden 2023, S. 25. Für das Jahr 1256 ist das Petrus-Patrozinium der Pfarrkirche erstmals urkundlich bezeugt. 1361 wurde sie in das Bistum Speyer inkorporiert.Ulrich Coenen: Von Aquae bis Baden-Baden – Die Baugeschichte der Stadt und ihr Beitrag zur Entwicklung der Kurarchitektur. Verlag Mainz, Aachen 2008, S. 117.

Ende des 14. Jahrhunderts entstand auf dem Florentinerberg eine Befestigungsanlage, das spätere Neue Schloss, das bis 1479 die Burg Hohenbaden als Residenz ablöste. Bereits mit dem Tod Rudolfs VII. im Jahr 1391 verlegte die markgräfliche Familie ihre Grablege von der Fürstenkapelle im Kloster Lichtenthal in die Pfarrkirche innerhalb der Stadtmauern von Baden-Baden. 1434 taucht schließlich der heilige Paulus zum ersten Mal als weiterer Patron in der schriftlichen Überlieferung auf.

Spätgotischer Ausbau zur Stiftskirche Regierungssitz und Grablege der Markgrafen von Baden lagen sich zur Wende des 15. Jahrhunderts nunmehr gegenüber. Jakob I. erhob daraufhin die Pfarrkirche St. Peter und Paul mit päpstlicher Approbation zum 10. April 1453 zur Stiftskirche.Otto Frank: Stiftskirche Baden-Baden. Verlag Schnell & Steiner GmbH, München 1991, S. 4. Er erfüllte damit ein Gelübde seines Vaters Bernhard I., der bereits 1431 verstorben war und die Stiftsgründung an seinen Sohn übertragen hatte. Das Kollegiatstift, mit zwölf Kanonikern und zehn Vikariaten ausgestattet, sollte für die Instandhaltung der Gräber sorgen und dessen Mitglieder „dauerhaft für das Seelenheil der verstorbenen Angehörigen des Hauses Baden beten“. Die 1245 gewährten Rechte des Klosters Lichtenthal an den Pfründen der Pfarrkirche erloschen damit.

mini|links|hochkant=1.5|Stiftskirche mit spätgotischem Spitzhelm inmitten der Stadt, Stich von Matthäus Merian, 1643 Die Erweiterung zur Stiftskirche erfolgte in zwei Bauphasen. Zwischen 1453 und 1455 entstand zunächst der Langchor mit vier Jochen in spätgotischer Formensprache. Die Gräber der markgräflichen Familie wurden unter dem Boden eingelassen, später kamen an den Seitenwänden prachtvolle Epitaphe hinzu. Dazwischen installierte man ein Chorgestühl, über den Maßwerkfenstern wurde ein Sterngewölbe eingezogen. Bernhard I. und der im Jahr der Stiftsgründung verstorbene Jakob I. waren die ersten, die in der neuen Grablege ihre letzte Ruhestätte fanden. Rudolf VII. war noch in der romanischen Kirche bestattet worden und wurde später in den Chor umgebettet. Ein Lettner trennte den Chorraum vom Langhaus ab.

Markgraf Karl I. ließ die Bauarbeiten ab 1455 fortführen. Nachdem das romanische Langhaus niedergelegt worden waren, errichtete man an dessen Stelle im Rahmen der zweiten Bauphase eine dreischiffig gestaffelte Hallenkirche.Clemens Kieser (et al.): Kunst- und Kulturdenkmale im Landkreis Rastatt und in Baden-Baden. Landkreis Rastatt und Stadt Baden-Baden (Hrsg.), Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2002, S. 42. Das Gewölbe entstand ebenfalls in Sternform. Um mehr Platz zu schaffen, wurden die Seitenschiffe bis an die Westfassade des Turms aus dem 13. Jahrhundert herangeführt. Die Marienkapelle schloss 1468 das nördliche Seitenschiff ab. Auch an das südliche Seitenschiff wurde ein Kapellenbau angefügt, darüber richtete man den Kapitelsaal des Kollegiatstifts ein. Dahinter entstand die Sakristei. Bis 1474 wurde schließlich der Turm aufgestockt und in ein achteckiges Glockengeschoss überführt, ein Spitzhelm ersetzte das bisherige Zeltdach. Das Hauptportal in der Westfassade erhielt eine Rahmung mit einem Wimperg, über den man unter anderem die Standfiguren der Kirchenpatrone Petrus, Paulus und Maria gruppierte.