Der arabische Aufstand, , auch Großer arabischer Aufstand genannt, bezeichnet eine Serie von Gewaltakten nichtjüdischer arabischer Einwohner Palästinas gegen den jüdischen Jischuv und die Briten im Völkerbundsmandat für Palästina, die sich zwischen April 1936 und April 1939 im Kontext der demografischen, sozialen und politischen Umwälzungen innerhalb der Gesellschaft Palästinas ereigneten. Angeführt wurde er von den sogenannten Nationalkomitees, die zunächst einen Generalstreik initiierten. Mohammed Amin al-Husseinis ad hoc gegründetes Arabisches Hohes Komitee nahm später eine stärkere Stellung ein. Manche Historiker gewichten den Aufstand in seiner zweiten Phase ab 1937 auch als Bauernaufstand gegen die arabische Elite.

Die Zahl der Aufständischen wird zuweilen auf 2.000–5.000 geschätzt, zuweilen mit 9.000–10.000 angegeben. Die britische Kolonialmacht schlug den Aufstand mit über 20.000 Soldaten gewaltsam nieder. Die Zahl der Todesopfer wird auf 3.000–3.700 Araber, 2.000–2.400 Juden und 600 Briten geschätzt. Zeitgenössische britische Quellen bezeichneten den Aufstand als „disturbances“ (Störungen, Unruhen).

Vorgeschichte Mehrere Faktoren trugen dazu bei, dass die angestammte arabische Landbevölkerung Palästinas in der Spätzeit der osmanischen Herrschaft und während der seit 1917 faktisch bestehenden und 1922 durch den Völkerbund für völkerrechtlich bindend erklärten britischen Mandatszeit verarmte und teilweise ihren Grund und Boden und damit ihren Lebensunterhalt verlor. Zu nennen sind vor allem: 1.) Bereits die Osmanen überbesteuerten die Landbevölkerung in der Spätphase ihrer Herrschaft; während des Ersten Weltkriegs sahen sie sich genötigt, die palästinische Land- und Viehwirtschaft in nicht gesteigertem Maße auszubeuten. In Beschreibungen ist von Abholzung, der Intensivierung des Obstanbaus und Hungersnöten die Rede.Zum Kontext der Ausbeutung speziell des Obstbaus vergleiche 2.) Der zunehmende Antisemitismus in Europa, insbesondere in NS-Deutschland, führte zur verstärkten Einwanderung von Juden nach Palästina. Allein zwischen 1931 und 1939 stieg die jüdische Bevölkerung des Mandatsgebiets von 175.000 auf 460.000 Personen. Diese Immigranten errichteten eine Reihe industrieller Betriebe, die sich jedoch als unwirtschaftlich erwiesen. Die britische Mandatsmacht führte daher 1927 eine Politik ein, mit der die Industrie unterstützt werden sollte, und subventionierte die Betriebe, wohingegen die arabische Landbevölkerung weiterhin mit hohen Steuern belastet war.Zur Überbesteuerung der Landbevölkerung vergleiche Zur Subventionierung der zionistischen Industrie vergleiche den Bericht der Peel-Kommission: Zu einem prominenten Beispiel für diese Umverteilung vergleiche Zudem entzog die britische Mandatsmacht in mehreren „Konzessionen“ einige der wirtschaftlich bedeutendsten Gebiete (mit Flussläufen und dem Toten Meer) den Arabern, um sie für die zionistische Produktion nutzbar zu machen. 3.) Hinzu kamen der Preisverfall landwirtschaftlicher Erzeugnisse nach dem Ersten Weltkrieg und mehrere in der Mandatszeit dicht aufeinanderfolgende Missernten. Gemeinsam führten alle diese Faktoren dazu, dass große Teile der verschuldeten palästinensischen Bevölkerung gezwungen waren, ihr Land an Banken, arabische Großgrundbesitzer oder immigrierende Zionisten zu verkaufen. Bis 1931 besaßen zwischen knapp 40 und knapp 60 Prozent aller palästinischen Araber gar kein eigenes Land mehr, und bis zu 80 Prozent der arabischen Bauern in Palästina besaßen zu wenig Land, um ihre Familien zu ernähren. Der Trend zu Armut und Mangel beschleunigte sich noch in den frühen 1930er Jahren.

Die Krise war der britischen Mandatsmacht bekannt, wurde aber zum Teil verschleiertVergleiche zur Verschleierung der Zahlen landloser Arbeiter im Zensus und zur Zensur des French-Berichts von 1931 und zur Einführung einer neuen Zählmethode landloser Arbeiter um 1934. und ungenügend bekämpft.Vergleiche So behauptete der Bericht der Peel-Kommission, der nach Ausbruch des Aufstands dessen Gründe untersuchen sollte: „Aufs Ganze gesehen geht es den [Bauern heute] besser als um 1920.“: „In the light of the foregoing considerations we have come to the conclusion that, despite the disproportion between their numbers and the amount of cultivable land they occupy, the fellaheen are on the whole better off than they were in 1920.“Vergleiche dazu Als Gründe für den Aufstand wurden stattdessen der Wunsch der Palästinenser nach nationaler Unabhängigkeit und ihre Abneigung gegen die Errichtung einer „jüdischen nationalen Heimstätte“ in Palästina identifiziert; dies seien „die einzigen ‚fundamentalen‘ Ursachen“.: „[…] [W]e have no doubt as to what were ‚the underlying causes of the disturbances‘ of last year. They were: –(i) The desire of the Arabs for national independence.(ii) Their hatred and fear of the establishment of the Jewish National Home. […]They were the same underlying causes as those which brought about the ‚disturbances‘ of 1920, 1921, 1929 and 1933.[…] They were the only ‚underlying‘ causes.“ Der Sekretär des Arabischen Hohen Komitees dagegen identifizierte die britische Wirtschaftspolitik als Grund des Aufstands:

Verlauf Bereits vor dem Beginn der Unruhen im Frühjahr 1936 war es im Mandatsgebiet Palästina zu gewalttätigen Ausschreitungen von Teilen der arabischen Bevölkerung gekommen, den Unruhen von Jaffa 1921 und den Ausschreitungen von 1929. Im Jahr 1935 entdeckten Hafenarbeiter in Jaffa eine Waffen- und Munitionslieferung, als deren Adressat die Zionisten vermutet wurden, was die Furcht der Araber vor ihrer Verdrängung und Entrechtung weiter schürte. Im Norden des Landes wurde etwa zu dieser Zeit zudem der Geistliche Izz ad-Din al-Qassam tätig, der die landlos gewordene, verarmte Landbevölkerung politisierte. Der Aufstand von 1936 nahm größere Ausmaße als die vorhergehenden an. Dies hat Benny Morris zum Teil auf die Hebung des Bildungsstandards und die Verbesserung der infrastrukturellen Vernetzung zurückgeführt, die in den zurückliegenden Jahren feststellbar gewesen sei.Benny Morris: 1948. A History of the First Arab-Israeli War. 2008, S. 12 ff.

Erste Phase, April bis Oktober 1936 miniatur|Britische Militärpolizisten zerstreuen eine arabische Menschenmenge während der Ausschreitungen in Jaffa, 19.–21. April 1936 (The Illustrated London News, 13. Juni 1936)

Als Beginn des Aufstands gilt die Ermordung von zwei Juden in Nablus im April 1936. Gewalt und Gegengewalt weiteten sich auf Jaffa aus, wo Araber am 19. April 1936 sechzehn jüdische Hafenarbeiter töteten. Anlass für die Übergriffe war ein Gerücht, wonach Juden eine Frau und drei syrische Arbeiter ermordet hätten. Die britische Polizei griff ein und erschoss sechs Araber.Martin van Creveld: The Sword and the Olive. A critical history of the Israeli Defence Force. Public Affairs, New York 2002, ISBN 1-58648-155-X, S. 36–41. Mohammed Amin al-Husseini versuchte sich am 25. April mit der Gründung des Arabischen Hochkomitees an die Spitze der Bewegung zu stellen. Am 15. Mai begann ein Generalstreik. Auch in dieser Phase kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen, bestimmt wurde sie aber von Akten gewaltlosen Widerstands mit „Protestmärschen und Demonstrationen, Streiks und Boykotten, Nichtzusammenarbeit und zivilem Ungehorsam“.Übersetzt nach : „This was a period when the dominant forms of resistance were overwhelmingly unarmed, with a whole range of symbolic, polemical, offensive and defensive forms of resistance practised: protest marches and demonstrations, strikes and boycotts, non-cooperation and civil disobedience.“

Jaffa Im Rahmen der von der britischen Mandatsregierung als Sanierung gerechtfertigten „Operation Anker“ wurden ab dem 16. Juli 1936 während zwei Wochen große Teile der Altstadt von Jaffa, in der ersten Phase die Hochburg des Aufstandes, zerstört, um befahrbare Zugangswege in die den Angreifern Rückzug bietende enge Baustruktur zu schlagen.

Auf dem Land Der bewaffnete Konflikt verlagerte sich ab Juli 1936 von den Städten in ländliche Regionen. Angriffe kleiner Gruppen bewaffneter Araber auf Juden und Briten hatten hier am 10. Mai im Hügelland rund um Nablus begonnen. Die Aufständischen griffen in dieser kaum mit Fahrzeugen erreichbaren Gegend die Kirkuk-Haifa-Pipeline der Iraq Petroleum Company an. Ab Ende August standen die Angriffe unter der Führung von Fausi al-Kawukdschi, sechs arabische Guerilla-Gruppen unterstellten sich freiwillig seinem Kommando. Fausi stellte sich im Machtkampf zwischen Raghib an-Naschaschibi und Mohammed Amin al-Husseini auf die Seite von Naschaschibi. Im September 1936 entschied die britische Regierung die Entsendung einer ganzen Division nach Palästina. Die dadurch im Land konzentrierten Truppen hätten 40 % der gesamten britischen Truppenstärke entsprochen, doch kam von arabischer Seite zuvor ein Angebot zur Einstellung der Aggression.

Husseini ließ den Generalstreik im Oktober nach 173 Tagen beenden, offiziell auf Bitten der arabischen Monarchen Ägyptens, Transjordaniens und des Iraks. Ein gewichtiger Grund zur Niederlegung des Streiks war die anstehende Zitrusfruchternte, die für die städtischen Pachtgeber eine Haupteinnahmequelle darstellte. Bis zum Oktober 1936 kostete die Revolte 28 Briten, 80 Juden und 197 Arabern das Leben. Die britische Regierung versuchte, durch die Einsetzung der Peel-Kommission Ruhe zu schaffen.Benny Morris: 1948. A History of the First Arab-Israeli War. 2008, S. 16–21. Die Mandatsmacht legte ab 1936 den Straßenbauplan ‹Military Road Programme› auf, um vor allem arabische Siedlungen, aus denen heraus Anschläge gegen zivilen und britischen Amts- wie Militärverkehr geführt wurde, durch neu ausgebaute Verkehrswege zu umgehen.Schira Pinchas (), “The imperial roots of ‹shrinking the conflict›: Long before Israel paved segregated road networks to maintain the separation of Jews and Palestinians, the British had already laid their foundations” (17. Mai 2022), auf +972 Magazine – Independent Journalism from Israel-Palestine; abgerufen am 10. Februar 2024.

Zweite Phase, September 1937 bis April 1939 miniatur|Amin al-Husseini (Mitte) verlässt den Anhörungsraum der Palestine Royal Commission, Aufnahme des Matson Photograph Service, 1937

Im Juni 1937 verhängten die Briten die Todesstrafe für unerlaubten Waffenbesitz, der vor allem bei Arabern verbreitet war; die Mehrzahl der 112 im Gefängnis Akkon Gehenkten wurden wegen dieses Delikts verurteilt.Gudrun Krämer: A History of Palestine: From the Ottoman Conquest to the Founding of the State of Israel. Princeton University Press, Princeton 2008, ISBN 978-0-691-11897-0, S. 292. Als die Peel-Kommission in ihrem Abschlussbericht am 7. Juli eine Teilung des Mandatsgebietes in einen jüdischen und einen arabischen Teil in Aussicht stellte, verweigerte Mohammed Amin al-Husseini in dieser Frage jeden Kompromiss. Die durch den vorangehenden Streik zusätzlich verarmten Bauern erneuerten ihre Revolte im September 1937. Fast 80 % der Anführer der lokalen Aufstände waren Bauern. Sie verweigerten die Bezahlung von Schuldzinsen. Reiche arabische Familien in Haifa flüchteten ins Ausland. In den von ihnen eroberten Dörfern verboten Bauern das Tragen des Tarbusch und verlangten die Verwendung der Kufiya.

Husseini begann indes eine Einschüchterungs- und Mordkampagne gegen alle Araber, die dem Peel-Teilungsplan für Palästina zuzustimmen bereit waren. Unter seinem Druck wurde die arabische Presse gleichgeschaltet, wovon insbesondere die einflussreiche in Jaffa erscheinende Oppositionszeitung Filastin betroffen war. Schätzungen über die von Tätern aus dem Umfeld Husseinis getöteten Araber liegen zwischen 900 und 3.000 Personen.