miniatur|Max Goldt (2009) Max Goldt (geboren 1958 in Weende; eigentlich Matthias Ernst) ist ein deutscher Schriftsteller, Kolumnist, Musiker, Comic-Szenarist und Hörspielautor. Goldt schrieb von 1989 bis 2011 Kolumnen für das Satiremagazin Titanic und ist seit 1996 Teil des Comicduos Katz & Goldt, auf das sich seine literarische Tätigkeit seit den 2010er Jahren konzentriert. Außerdem ist er Mitglied der 1981 gegründeten Band Foyer des Arts.
Leben Goldts Eltern waren 1945 aus Schlesien geflohen. Aufgewachsen im traditionellen Arbeitermilieu, erwarb er als erster in seiner Familie die Hochschulreife. Nach dem Abitur am Theodor-Heuss-Gymnasium Göttingen zog er 1977 nach West-Berlin, wo er eine Fotografenausbildung begann. Er brach diese ab und wandte sich der Musik zu. Zwischen 1979 und 1986 arbeitete er als Fremdenführer. Der Text zum Foyer-des-Arts-Song Wissenswertes über Erlangen, der von einer Stadtführung durch Erlangen handelt, wurde als Resultat dieser Tätigkeit gedeutet. Zunächst war Goldt parallel als Musiker und Schriftsteller aktiv, bis er die Musik wegen finanzieller Erfolglosigkeit aufgab und beschloss, seinen Lebensunterhalt ausschließlich mit der Literatur zu verdienen. Interview mit Schriftsteller und Musiker Max Goldt von Moderator Jan Müller auf der Homepage des Podcast-Labels Viertausendhertz GmbH (Berlin), Titel der Folge: Lockeres Getue war mir schon immer ein Gräuel, 21. März 2022 Zwischen 1985 und 1988 war Goldt in Berlin Schöffe.
In den 1980er Jahren pflegte Goldt Kontakte zur alternativen Kunstszene Ost-Berlins, wo er wiederholt mit Lesungen und Musik auftrat, etwa in der Galerie Deloch und in der Samariterkirche. Mit der DDR-Band Teurer denn je traten Foyer des Arts in einem Kino in Berlin-Weißensee auf.„Bei Deloch“, in: Genieß deinen Starrsinn, CD 1, Track 5. 1989 heiratete der offen schwul lebende Goldt die Auto-Perforations-Artistin Else Gabriel, um ihr eine Übersiedelung in die Bundesrepublik zu ermöglichen. Die Verlobung fand in der Villa Bärenfett des Karl-May-Museums Radebeul statt. Die Scheinehe wurde bald darauf wieder geschieden.Der Spiegel, Nr. 33, 8. August 2025: „Sind Interviews möglich? Leider nein“ Reportage über Max Goldt mit Interview-Zitaten von Stefan Kuzmany aus Anlass der Veröffentlichung des Buchs "Aber?". Spiegel Verlag, Hamburg. S. 112–114
Goldt lebte längere Zeit in Hamburg, heute lebt er in Berlin.
Musikalisches Werk Ab 1980 trat Goldt unter seinem Pseudonym als Musiker auf, zunächst in der Schreibweise Max Gold. Als ihn die GEMA darauf hinwies, dass sich in ihrer Kartei bereits ein Künstler dieses Namens befand, änderte er sein Pseudonym in Max Goldt. 1981 gründete Goldt mit Gerd Pasemann das teilweise der Neuen Deutschen Welle zugeordnete Duo Foyer des Arts, für das er textete und sang. Pasemann hatte Goldt über eine Anzeige in einem Berliner Stadtmagazin kennengelernt und mit ihm zunächst an einem Projekt namens Aroma Plus mit englischsprachigen Texten gearbeitet. Es folgten zahlreiche Schallplattenveröffentlichungen, diesmal auch solo, zum Beispiel 1984 Die majestätische Ruhe des Anorganischen.
Seine Soloprojekte nahm Goldt anfangs mit der von ihm als „Rubbermind“ bezeichneten Technik auf, eine perkussive Spielweise, für die er eine Akustikgitarre und eine Unterlegzither mit Schlagstöcken, Pappen, Blechen und Geschenkpapier präparierte und sie im Knien spielte. Die Technik ähnelt der des präparierten Klaviers von John Cage, den Goldt zu dieser Zeit jedoch noch nicht kannte. Für die Demos verwendete Goldt zunächst eine TEAC-Vierspur-Bandmaschine, später eine Fostex-Achtspurmaschine. Die Beschäftigung mit „Rubbermind-Musik“ datiert Goldt zwischen 1977 und 1983. Nach einem Bandscheibenvorfall 1984 konnte er eine Zeitlang nicht knien und wandte sich daher Synthesizern zu. Er verwendete einen Yamaha DX7 und ein Roland-Bandecho.Interview mit Felix Kubin, 2017
Goldts musikalische Einflüsse sind breit. Nach eigenen Angaben hörte er mehrere Jahre lang jeden Tag das Werk Les Noces von Igor Strawinsky. Nach anfänglicher Ablehnung wandte er sich später auch dem Jazz zu. Goldt hegt außerdem eine Sympathie für elektronische Musik, die sich z. B. im Stück Die Räude niederschlug. In den Archiven von Pasemann und Goldt befinden sich noch zahlreiche Demos von Foyer des Arts auf Kassetten. Mit Stephan Winkler produzierte er 1998 als Musik-Duo NUUK die LP/CD Nachts in schwarzer Seilbahn nach Waldpotsdam. Goldts musikalische Arbeiten erschienen 2019 auf der 6-CD-Anthologie Draußen die herrliche Sonne – Musik 1980-2000.
Literarisches Werk mini|Max Goldt bei einer Lesung in Speyer (2016)
Kolumnen
Goldt ist vor allem als Schriftsteller und Humorist bekannt. Nachdem er ab 1987 mit Kolumnen in der unabhängigen Berliner Zeitschrift Ich und mein Staubsauger und der von Tex Rubinowitz in Wien herausgegebenen Amerikanischen Krankenhaus Zeitung in kleinem Kreis Aufmerksamkeit erregt hatte, engagierte ihn das Satire-Magazin Titanic. Zwischen 1989 und 1998 veröffentlichte er dort 108 Kolumnen unter den Titeln Aus Onkel Max’ Kulturtagebuch, Diese Kolumne hat vorübergehend keinen Namen, Manfred Meyer berichtet aus Stuttgart und Informationen für Erwachsene. Von 2005 bis 2009 schrieb Goldt eine titellose Kolumne für Titanic, 2011 erschienen unregelmäßig einige weitere.
Bücher, Lesungen, Hörspiele und Hörbücher Goldts Texte erschienen gesammelt und in verschiedenen Überarbeitungen in Büchern. Zahlreiche Texte erschienen außerdem als Hörbücher (zumeist als Doppel-CDs) mit einer Kombination von Studioaufnahmen und Mitschnitten von Publikumslesungen. Als ein Vorbild im Bereich der Autorenlesung gibt Goldt Günter Grass an, den er 1980 erlebt hat. Für seine Lesungen überarbeitet Goldt ältere Texte regelmäßig. Im Herbst 1991 unternahm er gemeinsam mit Wiglaf Droste eine zweiwöchige Lesetournee, die in einem Text seines 2025 erschienenen Buchs Aber? thematisiert wird. Einige Texte sind bisher nur auf Hörbuch erschienen, darunter insbesondere als Dramolette gelesene Comic-Skripts für die Comics von Katz & Goldt, die seit 2015 enthalten sind. Seit den 1980er Jahren schreibt Goldt Dramolette in Form von Dialogen oder fiktiven Radiointerviews, die er mit verteilten Rollen liest (darunter Die Radiotrinkerin, Ein Leben auf der Flucht vor der Koralle oder Mütter mit nach hinten). Goldt schreibt außerdem sprachkritische Essays, Tagebuchtexte, Gedichte, Hörspiel- und Comicszenarien. Er hat nie einen Roman veröffentlicht.
Comics, Bildlegenden, Collagen und Buchgestaltung Zusammen mit Marcus Weimer (Rattelschneck) gestaltete Goldt ab 1991 die Collage-Reihe Die Mulde in der Satirezeitschrift Kowalski. Seit 1996 arbeitet Goldt mit dem Zeichner Stephan Katz im Comicduo Katz & Goldt zusammen. Seit 1998 arbeitet Goldt mit dem Schriftsetzer Martin Z. Schröder zusammen, der ihn 1988 bei einer Lesung in der Ost-Berliner Samariterkirche gesehen und 1996 per Brief kontaktiert hatte. Häufig sind in Goldts Büchern von ihm gemachte Fotografien sowie Bilder mit ausführlichen Bildunterschriften und fiktiven Bildlegenden enthalten.
Sonstiges Goldt gibt seit den 2010er Jahren an, unter einer Schreibblockade zu leiden. Die Arbeit an Comics sei davon nicht betroffen. Seither erscheinen nur selten neue Texte, die zumeist in den Hörbüchern enthalten sind, etwa Frau Wentzien vom Deutschlandfunk (2021). Im Januar 2023 sagte Goldt, angesprochen auf das Thema, er sei „immer noch damit beschäftigt, meine Schwierigkeiten zu überwinden“ (zu finden ab Minute 14 im Gespräch mit dem ORF). Es mache ihm aber Spaß, seine Comics in Kurz-Dramen zu übersetzen.
Goldt tritt nur selten im Fernsehen auf und nimmt nie an der Frankfurter Buchmesse teil. 2017 war er Gesprächsgast in der literarischen TV-Sendung Druckfrisch von Literaturkritiker Denis Scheck. Ein Angebot Harald Juhnkes um 1990, Sketche für ihn zu schreiben, lehnte Goldt ab. Ebenso lehnte er zahlreiche weitere Angebote ab, an Drehbüchern für das Fernsehen mitzuwirken.
Positionen
Boulevardjournalismus
Im September 2000 kritisierte Goldt die Bild-Zeitung in seiner Titanic-Kolumne. Anlass war, dass Ernst August von Hannover eine Bild-Redakteurin wegen der respektlosen Berichterstattung über seine Person am Telefon beschimpft hatte. Ernst August war dabei fotografiert worden, wie er an den türkischen Pavillon auf der Expo 2000 uriniert hatte. Seine Aussagen wurden daraufhin in der Zeitung abgedruckt und fanden ein breites Echo. Goldt verteidigte Ernst August:
2007 schrieb Goldt einen Gastbeitrag im Bildblog.
Geschlechtergerechte Sprache Die Verwendung des Partizips Präsens als Mittel geschlechtergerechter Sprache kritisierte Goldt in einer Kolumne 2001 mit dem Titel Was man nicht sagt aus stilistischer Perspektive:
Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch kritisierte Goldts Position aus linguistischer Sicht: Ein nominalisiertes Partizip I müsse keineswegs jemanden bezeichnen, der die durch das Partizip ausgedrückte Tätigkeit im Moment des Sprechens ausführe.
Im Text Frau Wentzien vom Deutschlandfunk, publiziert auf seinem Hörbuch Genieß deinen Starrsinn an der Biegung des Flusses von 2021, kritisiert Max Goldt die Beidnennung, die er als „Doppeltsagerei“ bezeichnet, als „neues Funktionärsdeutsch“ und als „sprachbürokratische Maßnahme“.
Im Gespräch mit Peter Fässlacher vom ORF sagte Goldt: „Man sollte aufhören, vom generischen Maskulinum zu sprechen“, das sei „ein irreführender Ausdruck, das ist die neutrale Form, die selbstverständlich alle Menschen einschließt“.
Rezeption
Im Jahr 2008 wurde Goldt auf Empfehlung von Daniel Kehlmann mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet. In der Begründung der Jury hieß es, Goldt habe den deutschen Alltag „bis zur Kenntlichkeit entstellt“.Kleist-Preis geht an Max Goldt sueddeutsche.de vom 7. April 2008. Eine ähnliche Formulierung hatte Goldt in einem früheren Text parodiert.Max Goldt: Edith Hancke findet den Theaterclub mehr als okay-hey für sich (Dezember 1990), in: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau. Rowohlt, Reinbek 2005, S. 151ff.
Daniel Kehlmann würdigte Max Goldt: „Seine Werke sind klug und klar, unaufdringlich moralisch – und vor allem das Witzigste, was die deutsche Literatur zu bieten hat.“ Zudem verglich er Goldt mit Thomas Mann: „Wer seine perfekte Syntax liest, wird nicht durch Zufall oft an Thomas Mann erinnert – und tatsächlich ist das einer der wenigen Autoren, zu deren Einfluss sich Goldt bekennt.“ Bei beiden entstehe „der Witz aus selbstbewusstem Manierismus, aus einer ironischen Überinstrumentierung des sprachlichen Materials; aber bei Goldt wird dieses Material konfrontiert mit etwas ganz anderem: dem Sprachmüll der Medien, allen Registern von Umgangssprache und Slang, der starren Knappheit der Bildergeschichte.“
Auszeichnungen 1997: Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 1999: Richard-Schönfeld-Preis für literarische Satire 2008: Kleist-Preis 2008: Hugo-Ball-Preis der Stadt Pirmasens 2016: Göttinger Elch 2022: Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache
Werke mini|Von Max Goldt signierte Buchseite (2019) Bücher Mein äußerst schwer erziehbarer schwuler Schwager aus der Schweiz. A-verbal, Berlin 1984, ISBN 3-88999-003-7. Ungeduscht, geduzt und ausgebuht. A-verbal, Berlin 1988, ISBN 3-88999-006-1. Die Radiotrinkerin. Mit einem Vorwort von Robert Gernhardt. Haffmans Verlag, Zürich 1991, ISBN 3-251-01112-X. Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau. Haffmans Verlag, Zürich 1993, ISBN 3-251-30008-3. Schließ einfach die Augen und stell dir vor, ich wäre Heinz Kluncker. Haffmans Verlag, Zürich 1994, ISBN 3-251-30044-X. Die Kugeln in unseren Köpfen. Haffmans Verlag, Zürich 1995, ISBN 3-251-00275-9. Der Sommerverächter. (= Literacard Nr. 11). Delius & Company, Berlin 1996, ISBN 3-931870-10-3. Ä. Haffmans Verlag, Zürich 1997, ISBN 3-251-30065-2. Ein gelbes Plastikthermometer in Form eines roten Plastikfisches. Typographie von Martin Z. Schröder. Revonnah Verlag, Hannover 1998, ISBN 3-927715-87-5.