Die Schlacht am Morgarten am 15. November 1315 war eine Auseinandersetzung zwischen Herzog Leopold I. von Habsburg und den Schwyzern. Herzog Leopold zog mit seinem teilweise berittenen Gefolge von Zug herkommend durch das Ägerital gegen Sattel und wurde am Ägerisee von zahlenmässig unterlegenen Schwyzern in die Flucht geschlagen. Weitere Einzelheiten sind unsicher.
Die Schlacht am Morgarten spielt eine zentrale Rolle in der mythisch aufgeladenen Befreiungstradition der Schweiz, in der man sie als die erste kriegerische Auseinandersetzung des jungen eidgenössischen Bundes betrachtet.
Quellenlage und Historizität Es gilt als gesichert, dass es im Winterhalbjahr 1315/6 zu einem militärischen Konflikt zwischen den Schwyzern und Herzog Leopold I. von Habsburg gekommen ist, zumal von einigen Vertretern des lokalen Adels überliefert ist, dass sie am Morgarten gefallen sind (so Reichsvogt Otto von Strassberg,: „laut dem Chronisten Matthias von Neuenburg gelang Otto von Strassberg nach der Nachricht über die Niederlage von Morgarten die Flucht, auf der er aber vor Erschöpfung starb.“ daneben Rudolf von Landenberg zusammen mit seinem Sohn Pantaleon, was das Ende der Dynastie Alt-Landenberg bedeutete).Herta Elisabeth Renk, Der Manessekreis, seine Dichter und die Manessische Handschrift, 1974, S. 92. Eine offene Feldschlacht fand nicht statt; in den Quellen ist von einem Überfall aus dem Hinterhalt auf ein marschierendes Heer die Rede, neben zahlreichen Erschlagenen seien auch viele auf der Flucht im Ägerisee ertrunken. Dass archäologische Spuren der Schlacht fehlen, ist nicht weiter aussagekräftig, da auch grössere mittelalterliche Schlachten nur in Ausnahmefällen archäologisch direkt fassbar sind.„Dagegen fallen die archäologischen Nachforschungen auf mittelalterlichen Schlachtfeldern enttäuschend aus. Gemäss einer Zeichnung Urs Grafs blieb auf einem Schlachtfeld zahlloser Waffenschrott liegen. Doch schient dieses Material in den Tagen und Wochen nach einer Schlacht teils von den Siegern, teils von den Leuten aus der Umgebung aufgesammelt worden zu sein“ – Wener Meyer in: Manuel Braun, Cornelia Herberichs (Hrsg.): Gewalt im Mittelalter: Realitäten, Imaginationen, Wilhelm Fink Verlag, 2005, S. 40 f.
Es gibt eine Reihe von chronistischen Quellen aus dem 14. Jahrhundert, die die Schlacht erwähnen. Zeitlich am nächsten bei der Schlacht ist die Königsaaler Chronik. Diese Chronik wurde ab 1316 von Peter von Zittau geführt, der für den Winter 1315/6 den Eintrag hat, ein «sozusagen wehrloses, unbedeutendes Volk» (populum satis inermem et humilem) in einem Land, das Sweicz et Uherach (Schwyz und Uri) genannt werde, habe fast 2000 Mann erschlagen und ertränkt, und der Herzog selber sei nur knapp entronnen.Frederico in provincia que Sweicz et Uherach dicitur, Leopoldo fratre suo vix evadente, fere duo milia pugnatium per populum satis inermem et humilem ferro et fluvio sunt exstincta, zitiert nach Maria Schnitzer, Die Morgartenschlacht im werdenden schweizerischen Nationalbewusstsein, 1969, S. 21.
Eine nächste Erwähnung findet sich in der Oberrheinischen Chronik von 1337/38, allerdings nur in sehr kurzer Form: Zu dieser Zeit geschag der grosse strit ze Switz und verlůren die herzogen gros folk.
Ausführlicher beschreibt der Abt Johannes von Viktring in seiner 1340–1344 verfassten Chronik das Ereignis. Dieser Text ist aber weniger auf eine historisch korrekte Geschichtsschreibung denn auf eine religiöse und moralische Belehrung bedacht. Johannes stellt denn auch immer wieder einen Bezug zu biblischen Textstellen her.Morgarten – Abenteuer Geschichte, Stiftung der schweizerischen Schuljugend zur Erhaltung des Schlachtfeldes von Morgarten, entstanden 2015 zur 700 Jahr Feier, www.morgarten2015.ch, besucht 17.5.2024
Den ausführlichsten Bericht über die Schlacht verfasste der Minorit Johannes von Winterthur zwischen 1340 und 1348. Darin schildert er bildgewaltig und dramatisch, weshalb es zum Kampf kam und wie dieser verlief. Der Schlachtbericht ist aber in noch stärkerem Masse als derjenige von Johannes von Viktring mehr Predigt denn historischer Text und bezieht sich noch viel mehr auf Bibelstellen.
Um 1350 gab Mathias von Neuenburg eine detailliertere Beschreibung des Verlaufs der Schlacht; die Zahl der Gefallenen wird hier auf 1500 beziffert.Kapitel 39, trans. G. Grandaur (1899), S. 66 f.: „Herzog Lüpold […] zog auch mit einem großen Heere gegen Schwyz in der Absicht, diese Thäler, welche zum Reiche gehören, seinem Bruder zu unterwerfen. Graf Otto von Straßberg drang mit einem Theil vom Heere Lüpolds durch das Thal von Unterwalden vor und wollte sich mit dem Herzoge vereinigen; als aber das große Heer desselben auf der anderen Seite der Berge aufstieg, sieh, da kam das Volk von Schwyz mit Hellebarden [jesa] bewaffnet und mit großem Ungestüm den Berg herab und nachdem die vornehmsten Adeligen, die voranzogen, unbarmherzig niedergemacht waren, schlug es den Herzog und sein Heer zu seinem großen Leidwesen zurück. Als dies Otto von Straßberg erfuhr, stieg er eiligst den Berg, von welchem er herabgekommen war, wieder hinauf; dabei verletzte er sich innerlich und wurde bald darauf begraben. Es fielen daselbst tausend fünfhundert Mann, und auf solche Weise blieben diese Thäler unbesiegt.“
Die chronistische Geschichtsschreibung des 15. Jahrhunderts, so Konrad Justinger (um 1420) und die Tschachtlanchronik (1483), stellt die Schlacht in den grösseren Zusammenhang des langjährigen Streits der drei Waldstätte mit den Habsburgern und mit der Entstehung der Eidgenossenschaft.
Aegidius Tschudi (1505–1572) bettet in seinem Chronicon Helveticum um 1550 die Schlacht dann in die voll ausgeformten Erzählungen zur Befreiungstradition ein. Im Weissen Buch von Sarnen wird die Schlacht hingegen nicht erwähnt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Geschichte von der Schlacht am Morgarten zu einem gesamtschweizerischen Bild der heldenhaften Ur-Schweizer, die sich gegen Unterdrücker in Form der bösen Herren auflehnten. Seither werden die moralisch aufgeladenen Mythen und Legenden als Symbol für Wehrwille und Tapferkeit, Freiheitsliebe, Unabhängigkeit und Widerstand gegen fremdes Diktat verwendet.
Mythen und Legenden
Im Rahmen der schriftlichen Aufzeichnungen sind mehrere allgemein bekannte Mythen und Legenden entstanden, die sich nicht wissenschaftlich untermauern lassen. Trotzdem spielten und spielen diese für den Mythos der heldenhaften Ur-Schweiz eine wesentliche Rolle.
Die Erzählung von herabgerollten Baumstämmen und Felsbrocken findet sich als Motiv praktisch auf allen Bilddarstellungen der Schlacht. Tatsächlich benutzten die Eidgenossen im Spätmittelalter faustgrosse Steine, die zu Beginn eines Kampfes auf die gegnerischen Pferde geworfen wurden. In den späteren Chroniken wurden diese Steine zu Felsblöcken und Baumstämmen.
Die Letzimauern (Talsperren) bei Arth und Oberarth spielen in den Schlachtbeschreibungen eine zentrale Rolle. Eine Lücke bei Morgarten soll als bewusste Falle für Leopold eingesetzt worden sein. Vermutlich wurde zuerst die Letzi bei Oberarth, danach die Letzi bei Arth gebaut - und zwar nach heutigen Erkenntnissen frühestens in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die beiden Letzinen können nicht als zusammengehöriges, in die Tiefe gestaffeltes Verteidigungssystem betrachtet werden. Eine Lücke bei Morgarten kann damit kaum als bewusste Falle Leopolds eingesetzt worden sein.
Die Narrensage des Hofnarren Kuony von Stocken ironisiert anekdotenhaft den habsburgischen Kriegsplan. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Wandersage. Eine fast identische Szene schildert Diebold Schilling zur Schlacht bei Sempach und auch in der Walliser Sage «Thomas in der Binen» findet sich eine ähnliche Stelle.
Im Rahmen der Befreiungstradition wird oft ein Aufstand der Eidgenossen gegenüber der Obrigkeit mit einer «Vertreibung der Vögte» und einem sog. «Burgenbruch» kolportiert, d. h. der gezielten Zerstörung von Burgen. Die neuere Forschung weist auch diesen Burgenbruch ins Reich der Sagen. Archäologische Befunde gewaltsamer Zerstörung fehlen auf den untersuchten Plätzen.
Vorgeschichte Schwyzer Freiheitsdrang und habsburgische Hausmachtansprüche Der unmittelbare Anlass des Morgartenkriegs war gemäss der Befreiungstradition der Konflikt zwischen den habsburgischen Machtansprüchen und der lokalen Elite in Schwyz und Uri. Die Habsburger erschienen im 11. Jahrhundert als Geschlecht des niedern Adels im Aargau. Seit dem 12. Jahrhundert bauten sie ihren Herrschaftsbereich stetig aus, besonders seit der Wahl von Rudolf IV. 1273 zum römisch-deutschen König, als Rudolf I., und dem Erwerb der Herzogtümer Österreich und Steiermark. Gemäss alter Geschichtsschreibung schlossen sich die Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden gegen die Habsburger zusammen, um ihre alten Rechte der Reichsunmittelbarkeit zu verteidigen, die ihnen noch zu Zeiten der staufischen Kaiser gewährt worden waren. Die Dokumente, durch die die Reichsunmittelbarkeit verliehen wurde, werden in der traditionellen Schweizer Geschichtsschreibung deshalb als «Freiheitsbriefe» bezeichnet (Uri 1231, Schwyz 1240, Unterwalden 1309). Die neuere Geschichtsforschung kann die Ansprüche von Habsburg nicht belegen. Die Kantone waren als eigenständige Einheiten noch gar nicht etabliert.
Als König Rudolf I. 1291 starb, kam es gemäss der schweizerischen Geschichtsschreibung des 15. Jahrhunderts zur (in zeitgenössischen Quellen nicht verbürgten und archäologisch nicht belegbaren) Vertreibung der Vögte aus der Innerschweiz und der Bildung des ersten eidgenössischen Bundes. Schriftliche Belege der Existenz solcher Bünde zwischen den Orten der Innerschweiz sind überliefert in einer Reihe von Bundesbriefen, die ältesten davon sind der Bundesbrief von 1315 und der «Bundesbrief von 1291» (letzterer wurde nach heutiger Ansicht auf das Todesjahr Rudolfs zurückdatiert und entstand um 1309, also möglicherweise noch einige Jahre vor dem Morgartenkrieg).
Rudolfs Sohn Albrecht konnte sich erst 1298 wieder als deutscher König durchsetzen. Er ging wie Rudolf aber nie militärisch gegen die Innerschweiz vor. Beide führten stattdessen einen politischen, wirtschaftlichen und kirchenrechtlichen «kalten» Krieg gegen die Waldstätte. Militärisch waren beide Herrscher an anderen, für ihre Macht wichtigeren Fronten gebunden: Rudolf in Böhmen und Österreich, Albrecht in Thüringen und Sachsen. Die Ermordung Albrechts I. 1308 bedeutete für die Machtpolitik der Habsburger einen schweren Rückschlag, da sein Sohn Friedrich «der Schöne» die Königswürde an Heinrich VII. von Luxemburg verlor. Nur als deutsche Könige hatten die Habsburger nämlich Rechte und Befugnisse über die reichsunmittelbaren Gebiete Uri, Schwyz und Unterwalden gehabt. Die luxemburgischen Könige bestätigten die Freiheitsbriefe der Innerschweizer auch deshalb, um ihren habsburgischen Konkurrenten diese Gebiete zu entziehen. Unter Heinrich VII. wurde sein Gefolgsmann Graf Werner von Homberg um 1309 zum Reichsvogt der Waldstätte. Graf Werner war als Kriegsunternehmer in der Lombardei tätig und spielte möglicherweise eine wichtige Rolle in der Schlacht am Morgarten auf Seiten der Schwyzer. Die Stellung dieses lokalen Adligen mit Sitz in Rapperswil schlüsselte der Historiker Roger Sablonier in seinem Buch «Gründungszeit ohne Eidgenossen» auf. mini|hochkant|Das Wappen des Hauses Habsburg im 14. Jahrhundert mini|Karte der Herrschaftsgebiete von Habsburg und der Eidgenossenschaft 1315
Lokaler Kontext: Marchenstreit zwischen Schwyz und dem Kloster Einsiedeln