mini|hochkant=1.5|Tehuelche-Indianer aus Patagonien auf der Jagd zu Pferd mit Bola-„Schleuderkugeln“
Die indigenen Reiterkulturen Südamerikas waren eingeborene Gesellschaften in bestimmten südamerikanischen Kulturarealen, deren Lebensweise sich zwischen der Mitte des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts durch die Übernahme des von den Spaniern eingeführten Pferdes stark veränderte und durch die Pferdehaltung und -nutzung geprägt wurde.Helmut Schindler: Equestrian and Non-Equestrian Indians of the Gran Chaco during the Colonial Period. In: Indiana. Nr. 10, Gebr. Mann 1985. . S. 451–464.
Zu den Reiterkulturen gehören besonders Völker im Südkegel des Kontinents (Araukanien und Patagonien im mittleren Süden Chiles beziehungsweise Argentiniens sowie im Gran Chaco), die Charrúa in Uruguay und im Süden Brasiliens sowie verschiedene Völker der Zirkumkaribik im Norden des Kontinents, die sich mit Hilfe des Pferdes in den karibischen Steppen und tropischen Savannen Kolumbiens und Venezuelas ausbreiteten.
Grundzüge
Sehr früh erbeuteten die Mapuche im Arauko-Krieg in Chile Pferde von den spanischen Soldaten und erlernten sehr rasch deren Haltung und Nutzung im Kampf. Schon in den 1550er Jahren waren die berühmten Kriegshäuptlinge Lautaro und Caupolicán beritten. Hier führte die Übernahme des Pferdes zu einem gewissen Ausgleich des Kräfteverhältnisses: Berittene Araukaner waren den (zudem zahlenmäßig oft unterlegenen) spanischen Gegnern in der häufig unwegsamen und für große Schlachtenmanöver ungeeigneten Landschaft praktisch ebenbürtig. Die Mapuche entwickelten eine beinahe mystische Beziehung zu ihren Pferden und gaben ihnen religiöse Bedeutung.Peter Mitchell: Horse Nations. The Worldwide Impact of the Horse on Indigenous Societies Post-1492. Oxford 2015, S. 258, 260.
Der wesentliche Antrieb für die Entstehung der Reiterkulturen in den großen südamerikanischen Ebenen auf der Ostseite der Anden war die Verfügbarkeit verwilderter Rinder und Pferde – der sogenannten „Cimarrones“. Die Spanier legten offenbar weniger Wert auf die Kontrolle ihrer Pferdebestände als die Angloamerikaner, und auch das Rind wurde wesentlich früher eingeführt als in Nordamerika, so dass es für die Indigenen in den meisten Regionen einfach war, in den Besitz der Tiere zu gelangen.
Bisweilen schlossen sich den Reitervölkern Mestizen, entlaufene schwarzafrikanische Sklaven oder Europäer an, die aus verschiedenen Gründen den Kontakt zur spanischen Obrigkeit mieden. Darüber hinaus wurden häufig gefangene Frauen und Kinder in die Stämme integriert.Michael Riekenberg: Kleine Geschichte Argentiniens. C.H.Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58516-6. S. 13–15. Dies trug ebenfalls zum Kulturaustausch bei und vermittelte den Indianern relevante Fertigkeiten und Informationen. In Argentinien hatten die indianischen Reitervölker große Bedeutung für die unter ihrem Einfluss entstandene Kultur der Gauchos.
Eine Sonderentwicklung nahm der Gran Chaco im Norden Argentiniens, wo es vor allem in der südlichen Hälfte zur Übernahme des Pferdes kam. Im Chaco wird die Vegetation nach Norden hin immer dichter, so dass Pferde hier keine Vorteile bei der Jagd mehr boten. Der Hauptnutzen des Pferdes lag daher ähnlich wie in der Anfangszeit in Chile in seinem Einsatz für Kriegszwecke.Helmut Schindler: Die Reiterstämme des Gran Chaco. (Völkerkundliche Abhandlungen). Reimer, 1983, ISBN 978-3-496-00532-2. S. 80. Dennoch fällt im Vergleich gerade die Chaco-Region durch die besonders große Vielfalt der Entwicklungsstrategien auf, die von unterschiedlichen Völkern mit der Haltung des Pferdes verbunden wurden: Die Existenzmöglichkeiten als Pferdehalter reichten vom gefürchteten Räuber über den Viehzüchter bis zum erfolgreichen Händler.Peter Mitchell: Horse Nations. The Worldwide Impact of the Horse on Indigenous Societies Post-1492. Oxford 2015, S. 19 f.
Unterschiedliche Reaktionen auf die Anwesenheit des Pferdes lassen sich auch im Norden des Kontinents in den Trockensavannen am Rand des karibischen Beckens beobachten. Hier gelang es den Wayuu (span. Guajiro), die im halbtrockenen Klima der Guajira-Halbinsel beheimatet waren, sich durch Übernahme des Pferdes und der damit verbundenen Wirtschaftsweisen zu einer hochmobilen und effizienten Händler- und Schmugglernation zu entwickeln, die sich ihre Unabhängigkeit bis über das Ende der spanischen Kolonialzeit hinaus bewahren konnte. Die in den südlicher gelegenen Ebenen Großkolumbiens beheimateten Völker nutzten das Pferd dagegen weit weniger, obwohl die Voraussetzungen dazu grundsätzlich auch hier gegeben waren.
Während die fortschreitende Übernahme des Pferdes durch native Völker in Nordamerika – insbesondere bei den Prärieindianern – ausgiebig untersucht wurde, war der Forschungsstand für die indigenen Reiterkulturen Südamerikas lange nur dürftig.
Einzelne Lebensräume mini|Reiterkrieger (Llanero), wie sie bis Mitte 19. Jh. in den trockenen Ebenen der Guajira-Halbinsel in Kolumbien und Venezuela lebten „Pferde- und Fuß-Indianer“ im Chaco Im Norden Argentiniens entstanden – ausgehend von Asunción (heute Paraguay) – bereits zur Mitte des 16. Jahrhunderts verschiedene spanische Ansiedlungen, von denen aus die Kolonisten in den Trockensteppen der nördlichen Pampa und den lichten tropischen Trockenwäldern des südlichen Gran Chaco Viehzucht betrieben. Dabei entliefen immer wieder Tiere, die sich die dortigen Indianerstämme schnell zu Nutze machten.
Süd-Chaco Von vornherein spielte im Chaco die berittene Kriegskunst – mithin die Verteidigung der angestammten Wohngebiete gegen die Eindringlinge – die wichtigste Rolle beim kulturellen Wandel. Bis auf die Lule-Vilela-Stämme und die Chiriguano wurden alle Völker des südlichen Chaco seit der Mitte des 17. Jahrhunderts zu gefürchteten Reiterkriegern, die ihr Wirkungs- und Einzugsgebiet mit Hilfe des Pferdes deutlich erweitern konnten. Bekanntestes Beispiel sind die Abiponen,Ludwig Kersten: Die Indianerstämme des Gran Chaco bis zum Ausgange des 18. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur historischen Ethnographie Südamerikas. Internationales Archiv für Ethnographie, Band XVII, Leiden (NL) 1905. S. 17–19. die wahrscheinlich schon vor 1600 mit der Nutzung des Pferdes begannen.Peter Mitchell: Horse Nations. The Worldwide Impact of the Horse on Indigenous Societies Post-1492. Oxford University Press, Oxford und New York 2015, ISBN 978-0-19-870383-9, S. 236.
Nord-Chaco Im nördlichen Gran Chaco (heute Nordwest-Paraguay und Südost-Bolivien), wo der Baumbewuchs Richtung Amazonien immer dichter wird, sah die Situation anders aus. Hier blieben viel mehr Stämme „Fuß-Indianer“,Göran Burenhult (Hrsg.): Illustrierte Geschichte der Menschheit. Band: Naturvölker heute. Bechtermünz, Augsburg 2000, ISBN 3-8289-0745-8 (Original: Traditional Peoples Today, Harpercollins 1994). S. 198. so die Ethnien der Mascoi-Sprachen, die Toba (Qom), Wichí (Mataco), Aché, Tapieté, verschiedene Guaraní-Gruppen, Ayoreo und Chiquitanos. Viele von ihnen lebten vom Feldbau und der koloniale Druck blieb noch lange Zeit eher gering, so dass das Pferd auch demzufolge nur geringe Vorteile gebracht hätte. Erst in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert erwarben einige von ihnen (etwa die Zamuco-Chamacoco) unregelmäßig, zeitweilig oder in geringfügiger Zahl Pferde.Walter Regehr: Die lebensräumliche Situation der Indianer im paraguayischen Chaco: humangeographisch-ethnologische Studie zu Subsistenzgrundlage und Siedlungsform akkulturierter Chacovölker. Wepf 1979. S. 56.
Die nordöstlich nahe der heutigen Grenze nach Brasilien lebenden Guaycurú-Ethnien der Mbayá (spätere Kadiweu) und ihre Nachbarn, die Terena, wurden hingegen im 17. Jahrhundert zu Reiterkriegern wie die Stämme des Südens.Erick D. Langer: Indigenous Peoples and the Chaco War: Power and Acquiescence in Bolivia, Paraguqy, and Argentina. In: Bridget Maria Chesterton (Hrsg.): The Chaco War: Environment, Ethnicity, and Nationalism. Bloomsbury Publishing 2016, ISBN 978-1-4742-4889-1. Kap. 6. Die Mbayá, in deren Selbstverständnis Körperbemalung den Unterschied zwischen Menschen und Tieren markiert, bemalten die Körper ihrer Pferde in ähnlicher Weise wie ihre Frauen und Sklaven und integrierten sie damit in ihr streng hierarchisch klassifiziertes Gesellschaftswesen.Peter Mitchell: Horse Nations. The Worldwide Impact of the Horse on Indigenous Societies Post-1492. Oxford University Press, Oxford und New York 2015, ISBN 978-0-19-870383-9, S. 240.
Pampas, Araukanien und Patagonien mini|Einfangen eines Pferdes mit Hilfe der Bolas Südlich des Gran Chaco – in den riesigen Gras- und Trockensteppen, Savannen und Halbwüsten – breiteten sich die „Cimarrones“ rasant aus. Bereits 44 Jahre nach der ersten Gründung von Buenos Aires (1536) wurden verwilderte Pferde an der Magellanstraße vor Feuerland gesichtet.Manuel Llarás Samitier: Origen del Caballo en la . In: historiaybiografias.com, beruhend auf Revista Patagónica Nr. 19/1984, abgerufen am 22. Januar 2016. Die Entstehung von Reiterkulturen unter den Völkern dieses Raums spielte sich hier in drei voneinander differenzierbaren, allerdings eng miteinander kommunizierenden und vernetzten Arealen ab: westlich der Anden in Araukanien (Westpatagonien); in der Pampas-Region südlich von Buenos Aires und im südlicheren (Ost-)Patagonien.
Pampas-Indianer mini|hochkant=0.8|Pampas-Indianer in Buenos Aires vor einem Geschäft für Reitzubehör (um 1820) mini|hochkant=0.8|Reiter in Patagonien, 1904 In der Pampa um den Río de la Plata gerieten die dortigen Ethnien Anfang des 16. Jahrhunderts mit den spanischen Konquistadoren der La-Plata-Kolonie in Konflikt. Sie waren Jäger und Sammler, die unter anderem Guanakos und Nandus jagten, sowie Meeresfischer und Muschelsammler an den Küsten.Waldemar Stöhr: Lexikon der Völker und Kulturen. Band 1, Westermann, Braunschweig 1972, ISBN 3-499-16158-3. S. 41–42, 81. Vermutlich lernten auch die Het und die Charrúa östlich des Uruguay bereits Ende des 16. Jahrhunderts das Reiten. Insbesondere der Einsatz der Bola („Schleuderkugel“) durch berittene Jäger und Krieger erwies sich als ausgesprochen wirkungsvoll.Jan Onofrio: Dictionary of Indian Tribes of the Americas, Band 1. American Indian Publishers, Newport Beach (USA) 1993, ISBN 0-937862-28-2, S. 335.Angelika Kitzmantel: Die Jesuitenmissionare Martin Dobrizhoffer und Florian Paucke und ihre Beiträge zur Ethnographie des Gran Chaco im 18. Jahrhundert. (PDF-Version), Wien 2004. S. 34.Hartmut Motz: Sprachen und Völker der Erde – Linguistisch-ethnographisches Lexikon. 1. Auflage, Band 3, Projekte-Verlag Cornelius, Halle 2007, ISBN 978-3-86634-368-9, S. 213–214.
In der La-Plata-Region gab es neben den Het und Charrúa ursprünglich viele kleine wildbeuterisch lebende Stämme wie die Minuané, Yaró, Timbú, Corondá, Colastiné, Quiloazá und andere. Ihre geringen Gruppengrößen und die fehlenden Herrschaftsstrukturen (→ Akephalie) führten jedoch innerhalb von nur rund 100 Jahren zum Genozid der ursprünglichen Pampas-Indianer durch die Spanier. Die Übriggebliebenen gingen entweder in der Mestizenbevölkerung auf oder schlossen sich zu neuen Völkern zusammen. So bildeten sich etwa aus Teilen der Het sowie Bewohnern der Monte-Dornsavanne in den Sierras Pampeanas die Rankülche (span. Ranqueles).Evaristo Aguirre: In: museolosdesmochados.com.ar (Museo Particular de Antropología e Historia Natural „Los Desmochados“), Casilda (Arg), abgerufen am 18. Januar 2016.