mini|Mariazell-Wurmsbach mini|St. Dionys Das Kloster Mariazell-Wurmsbach (lat. Abbatia Cella B. M. V.) ist eine Zisterzienserinnen-Abtei und liegt beim Dorf Bollingen am Ufer des Zürichsees in der Gemeinde Rapperswil-Jona im Kanton St. Gallen in der Schweiz. Es gehört zur Mehrerauer Kongregation.

Neben dem eigentlichen Klosterbereich mit Kirche, Kreuzgang, Kapitelsaal, den klösterlichen Wohnbauten, einem Gästehaus sowie Friedhof und dem mit einer Mauer umgebenen Garten gehören zum Komplex das 2022 geschlossene Mädcheninternat «Impulsschule Wurmsbach» sowie ein grosser Bauernhof und Scheunen und das Gästehaus «Lichthof». Das Konventsgebäude stammt grösstenteils aus dem 17. Jahrhundert.

Das Kloster Mariazell-Wurmsbach ist seit seiner Gründung im Jahr 1259 ohne Unterbrechung bewohnt. Die jetzige Äbtissin Monika Thumm (seit 2000) ist die 43. Amtsinhaberin.

Wurmsbach vor der Klostergründung mini|Lage Wurmsbachs auf dem Gygerplan von 1667 Der Name Wurmsbach ist alemannischen Ursprungs. Vurmheresvilari wird 775 als Weiler des Vurmari erstmals erwähnt. 854 heisst die Siedlung Vurmirrispah und 870 Wurmheresbach; der Bach des Wurmher trat an die Stelle des Weilers. Da der heutige Wurmsbach vermutlich erst der Klostergründung wegen vom nördlich gelegenen westwärts gegen St. Dionys (Jona SG) fliessenden Wagnerbach abgeleitet wurde, lässt sich vermuten, dass der Kern des Weilers Wurmsbach nicht an der Stelle des heutigen Klosters lag, sondern weiter landeinwärts bei der Kirche St. Dionys.Website Rapperswil-Jona, Kirchen und Klöster: Kapelle St. Dionys

Der Hof Wurmsbach gehörte im 10. Jahrhundert den Vorfahren der Grafen von Rapperswil und dem Kloster St. Gallen. Bis zum 13. Jahrhundert ging der klösterliche Grundbesitz nach und nach in die Hände der Rapperswiler über; der Hof Wurmsbach erscheint in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Verwaltungszentrum ihres dortigen Gebiets. St. Dionys wurde 1147 als Kirche der Grafen mit einer eigenen Pfarrei und einem Leutpriester erwähnt.

Bei Grabungen kam unter dem Boden des Kapitelsaals eine 90 cm dicke Mauer aus Backsteinen zum Vorschein, die in keinem Zusammenhang mit dem neuen Mauerwerk stand und von einem älteren Gebäude stammte. Kleinfunde, unter anderem eine Öllampe, ein Tonfigürchen und ein Glasfläschchen, konnten ins 13. Jahrhundert datiert werden. Es ist anzunehmen, dass die Mauerreste von der ehemaligen Burg der Grafen von Rapperswil stammen.

Gründung mini|hochkant|Gründungsurkunde Gegründet wurde das Kloster Wurmsbach 1259 von Graf Rudolf IV. von Rapperswil und seiner Gemahlin Mechtild von Neifen. Rudolf wurde um 1230 als Rudolf III. von Vaz-Rapperswil geboren, als Sohn von Walter III. von Vaz und Adelheid von Rapperswil. Als Erbe der Grafschaft nannte er sich Rudolf IV. von Rapperswil. Er starb am 27. Juli 1262 und wurde aller Wahrscheinlichkeit nach im Kloster begraben. Über den Ort seiner Grablegung gibt es widersprüchliche Angaben, da ein eigentliches Grab nie gefunden wurde; anderen Angaben zufolge wurde er im Kloster Wettingen beerdigt.

Rudolfs und Mechtilds Sohn Vinzenz starb 1260 im Alter von höchstens drei Jahren und wurde in Wurmsbach begraben. Sein Grab wurde im Winter 1982 zufälligerweise beim Einbau einer Bodenheizung in einer Tiefe von 55 cm entdeckt.

hochkant|links|mini|Wappen des Stifters, des Ordens, der ersten Äbtissin und des Klosters Der eigentliche Gründungstag ist der 12. Oktober 1259. Graf Rudolf liess im Hof von Wurmsbach verkünden, dass er seine Burg sowie die umliegenden Güter den Frauen von Mariaberg «in monte Sanctae Mariae» am Albis vergabt, dies mit Einwilligung seiner Gemahlin Mechtild von Neifen und seines zweijährigen Sohnes Vinzenz. Drei Güter wurden den Frauen des Zisterzienserinnenklosters in Oberbollingen weggenommen und den Schwestern von Wurmsbach zugesprochen; am 12. Oktober 1260 wurde Oberbollingen mit 20 Mark Silber entschädigt. Der Konvent in Oberbollingen löste sich 1267 auf und der grösste Teil der Schwestern trat ins Kloster Wurmsbach über.

Im Registerbuch des Klosters findet sich zur Gründungsurkunde folgender Eintrag: «1259 VII his Decemb. in Rapprechtswyler, Graf Rudolf von Rapperswyl übergiebt sein Schloss samt allen Gütern zu Wurmsbach der Äbtissin u. Convent zu Marienberg bei Kilchberg nahe am Zürichsee, die den Cistercienser=Orden angenommen und nach Wurmsbach übersiedeln. Der Stiftbrief ist gegeben die St. Martini (=alten Calenders) und gesiegelt von Eberhard Bischof von Constanz, Berchtold Abt von St. Gallen, Anselm Abt von Einsiedeln, Graf Rudolf von Habsburg, Freiherr Lütold von Regensberg und dem Stifter selbst.»

Der Schenkung fand statt in Anwesenheit zahlreicher Zeugen: Vier Mönche, drei Priester, fünf Ritter und fünf weitere Zeugen werden namentlich genannt.

Am 11. November, dem Tag des heiligen Martin, wurde die Schenkung in der Burg Rapperswil in Gegenwart von Zeugen wiederholt. Am 7. Dezember 1259 wurde die Schenkung schriftlich bestätigt und die Urkunde ausgestellt. An der Urkunde sind die Siegel von Bischof Eberhard von Konstanz, Abt Berchthold von St. Gallen, Abt Anselm von Einsiedeln, Graf Rudolf von Habsburg, Ritter Lutolf von Regensberg und Rudolf von Rapperswil angebracht.

Die Schwestern sollen Gott nach den Regeln des heiligen Benedikt nach den Satzungen des Zisterzienserordens dienen. Die päpstliche Bestätigung durch Urban IV. erfolgte am 7. März 1262, die Urkunde wurde von elf Kardinälen unterschrieben. Wurmsbach heisst darin «Cella sancte Mariae».

Die erste Äbtissin war Adelheid von Wesperspühl. Sie ist urkundlich nicht belegbar, wird aber im Nekrologium (Totenverzeichnis) und in allen Äbtissinnenlisten aufgeführt. Sie war Vorsitzende der Schwesterngemeinschaft auf dem Albis und zog mit ihren Mitschwestern nach Wurmsbach.

Anlage Die erste Kirche mini|hochkant|Äbtissinnensiegel an einer Urkunde von 1269 Über den ersten Bau der Klosterkirche gibt es keine Unterlagen. Sie wurde an der höchsten Stelle des Geländes im Norden errichtet. Aufgrund der Spende einer Nonne lässt sich berechnen, dass die Kirche zwischen 1270 und 1280 erbaut wurde. Sie wurde 1281 vom Titularbischof Albert von Pomesanien eingeweiht. 1369 wurde die Kirche dem Sprengel der Pfarrkirche von Busskirch zugeschlagen.Bernhard Anderes: Die Kunstdenkmäler des Kantons St. Gallen, Band IV, Der Seebezirk. Birkhäuser Verlag, Basel 1966.

Grabungen anlässlich der Restaurierungsarbeiten von 1965 ergaben Aufschlüsse über die erste Kirche. Sie wurde als einfache Saalkirche mit geradem Chorabschluss gebaut und entsprach damit dem Typ der Kirchen der Zisterzienserinnen des 12. bis 14. Jahrhunderts. Der Chor war durch einige Stufen vom Schiff getrennt, das Chorgestühl war zweifach gestuft; Abdrücke davon wurden im Boden gefunden. Der Nonnenchor war vom restlichen Teil des Kirchenraumes durch einen Lettner getrennt, der 1866 entfernt wurde. Im Lettner führte ein Durchgang zum Krankenchor, der durch einen weiteren Lettner vom rückwärtigen Gebetsraum für Laienbrüder und -schwestern abgetrennt war.

Die West- und Südmauer der heutigen Kirche stammen grösstenteils noch von der ersten Kirche, die heutige Nordmauer steht auf deren Fundament und der heutige Chor ist in den ursprünglichen hineingebaut.

Umbau nach der Reformation Beim Umbau um 1600 erneuerte Äbtissin Maria Dumeisen (1591–1643) von Rapperswil die Kirche. Sie liess das östliche Drittel abbrechen, der Chor wurde verengt und gegen Osten mit den drei Seiten eines Achtecks abgeschlossen. Der Kirchenraum wurde im spätgotischen Stil gestaltet und bekam einen neuen (den heutigen) Dachstuhl. Der Laienraum im Westen wurde verkürzt und durch einen 40 cm hohen Lettner vom ebenfalls verkleinerten Nonnenchor getrennt.

Zahlreiche Bruchstücke im aufgefundenen Mauerschutt lassen darauf schliessen, dass alle Chorfenster mit Masswerk ausgestattet waren; eines davon hat sich erhalten. Es wurde 1965 freigelegt und steht heute im Chorscheitel. Auch der Turm mit einem vierseitigen Faltdach stammt bis in die Höhe des Kreuzfirstes aus diesem Umbau. 1615 bis 1620 liess Maria Dumeisen den Renaissancekreuzgang des Klosters errichten.

Die barocke Kirche mini|Die Kirche auf einer Zeichnung von Rudolf Rahn, 1859 Die barocke Umgestaltung der Kirche wurde um 1767 von der Äbtissin Anna Müller (1764–1788) aus Schmerikon durchgeführt. Der Nonnenchor wurde nach hinten verlegt, der Laienraum überwölbt und zum Keller umgebaut. Darüber kam der verlängerte Nonnenchor zu liegen. Auch wurden die Schiffsfenster neu angeordnet. An die Stelle des bisherigen Westportals wurde auf der Nordseite ein Portal gebaut.

Das neue Äussere der Kirche hielt 1859 Johann Rudolf Rahn auf Zeichnungen fest. Architekt der Umbauten war wohl Johann Jakob Haltiner von Altstätten, dessen Schwager Johannes Grubenmann aus Teufen 1767 das Zwiebeltürmchen auf den gotischen Turmschaft gesetzt hatte. Mit Grubenmann hatte es die Bauherrin nicht immer einfach. Sie schrieb: «Wegen dem Glockenturm habe vill ausgestanden, die Rappersweiler haben uns den Hofweibel zwei Mahl an einem Tag geschickt und uns lassen pfänden, willen wir ein Verding gehabt mit dem J. Grubenmann. Dieser hat von den Bürgern von Rapperschweil Ware bezogen und nicht bezahlt...»

Dem Umbau von 1767 ist auch die Rokoko-Stuckdecke der Kirche zu verdanken, deren verschmutzte Übermalungen der letzten Jahrhunderte entfernt wurden. Die drei grossen Deckengemälde stellen den Tempelgang Marias, die Herz-Jesu-Vision der heiligen Margareta Maria Alacoque und St. Cäcilia an der Orgel dar. Sie sind im Chor von zehn und im Schiff von elf Kartuschen umrahmt.

Umbau 1866 Die vierte Umgestaltung der Kirche erfolgte unter der zweiten Schmerikoner Äbtissin, Maria Aloisia Coelestina Müller (1839–1888). Baumeister dieser Umbauten war der Rapperswiler Anton Winiger. Wohl durch die Eröffnung der Schule 1843 war die Kirche zu klein geworden, der vordere Lettner wurde abgebrochen und der Nonnenchor wurde auf eine westliche Empore verlegt. Neue Türen und Fenster wurden ausgebrochen, die barocken Fenster durch die noch heute bestehenden Rundbogenfenster ersetzt und das Fenster im Chorscheitel zugedeckt. Teilweise wurden die Deckengemälde übermalt oder mit Leinwand zugeklebt.

Auf den Rat des Wettinger Abtes Martin Reimann liess die Äbtissin eine Kanzel und drei Altäre mit je zwei Statuen des Bildhauers Georg Lang erstellen. Mit der barocken Ausstattung wurde auch die Orgel entfernt; eine neue wurde 1867 zum Preis von 5322 Schweizer Franken durch Martin Braun & Sohn aus Spaichingen in Württemberg geliefert.

Renovation 1895 Diese Innenrenovation fand unter der Leitung der Äbtissin Margareta Brunner (1888–1905) statt und blieb bis 1965 unverändert. Die Aufsicht führte Pater Albert Kuhn (1839–1929) aus dem Kloster Einsiedeln, der die neuromanischen Änderungen von 1866 «weder passend noch qualitätvoll fand, alles sei den Formen und Motiven des Rokokos zu entlehnen». Der Innenraum der Kirche wurde im Stil des Neurokokos nach Entwürfen von François Cuvilier (1695–1795) in München umgestaltet. Von dieser Rokokoherrlichkeit hat sich nur das Sakristeiportal erhalten.

Umbau 1965/1966