mini|Blüte der Zitronatzitrone mini|Frucht der Citrus medica var. sarcodactylis mini|Zitronatzitronen (ital. cedri) Die Zitronatzitrone oder Cedrat (Citrus medica) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Zitruspflanzen in der Familie der Rautengewächse (Rutaceae). Weitere Bezeichnungen sind Zedrate, medischer Apfel, Apfel aus Medien, Judenapfel, Cedrizitrone, Zedernapfel, Zedernfrucht/Cedernfrucht und Zedrat-Zitrone. Zitronatzitronen gelten als die ersten auf dem europäischen Kontinent angebauten Zitrusfrüchte.Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 177.
Ursprünglich aus Südostasien stammend wird sie heute vorwiegend in Kalabrien, Sizilien, Marokko, Kreta, Korsika sowie Puerto Rico angebaut. Sie wird zum größten Teil zu Zitronat verarbeitet.
Name Das medica im wissenschaftlichen Namen bezieht sich auf das historische Land Medien. Im Italienischen wird die Frucht als cedro (in Bezug auf den zedernfruchtähnlichen Geruch der Zitronatzitrone abgeleitet von griechisch kedrómêlon, „Zedernapfel“) bezeichnet und hat somit denselben Namen wie die Zeder. Die Zitronatzitrone war die erste Zitrusfrucht, die nach Europa eingeführt wurde. Die Zitronatzitrone und indirekt auch die Zeder wurden somit zum Namensgeber der Zitrusfrüchte.Helmut Genaust: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Birkhäuser, Basel/Boston/Berlin 1996, ISBN 3-7643-2390-6, S. 159–160. Sowohl der deutsche Name Zedrate als auch das deutsche Wort Zitrone leiten sich von der italienischen Bezeichnung cedro ab, gut erkennbar auch bei Zedernbrot, einem Gebäck mit Zitronat. Zitrone bezeichnete in der deutschen Sprache ursprünglich die Zedrate, wurde jedoch später im Deutschen und Französischen auf die Limone (Citrus × limon) übertragen, einer Kreuzung aus der Zitronatzitrone und der Bitterorange. Lateinische Synonyme von Citrus medica L. waren pomum citrinum und Citrum (auch Cytrum).Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Halle an der Saale 1959. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift (30. Mai) 1960, S. 172 (dort auch pomum aque „Wasserapfel“) und 217 (Poma citrina – citrin epphel […] – Pomum citrinum – ist eyn apphel = Citrus medica L.)Jerry Stannard: Identification of the plants, described by Albertus Magnus, 'De vegetabilibus', lib. VI. In: Res publica Litterarum. Band 2, 1979, S. 281–318, hier: S. 291 („[…] vocatur pomum citrinum aut pomum cedrinum“). In anderen Sprachen wie dem Englischen heißt die Zitronatzitrone noch immer citron, während die Zitrone mit dem aus dem arabischen entlehnten Wort lemon bezeichnet wird.
Beschreibung Der Strauch oder kleine Baum bildet eine unregelmäßig geformte Krone. Die Pflanze ist relativ kurzlebig und bildet nur leichtes Holz. Junge Zweige sind kantig und rötlich gefärbt, sie sind in den Blattachseln mit kurzen, dicken Dornen besetzt.
Die Blätter sind oval, mit stumpfer Spitze und abgerundetem oder keilförmigem Blattgrund. Der Blattrand ist gezahnt. Der Blattstiel ist kurz, nicht oder nur wenig verbreitert. Die Blattspreite ist vom Blattstiel nur undeutlich abgesetzt.
Die duftenden Blüten stehen in wenigblütigen Blütenständen in den Blattachseln. Die Blütenknospen sind rötlich, die Blütenblätter sind oberseits weiß, unterseits rötlich. Etwa 30 bis 40 (60) Staubblätter sind vorhanden. Der Fruchtknoten ist zylindrisch und geht allmählich in den Griffel über. Manchmal bleibt der Griffel auch an der reifen Frucht erhalten. Ein Teil der Blüten ist funktional männlich mit verkümmertem Fruchtknoten.
Die Früchte mit unregelmäßiger, höckeriger, sehr dicker Schale können bis zu 25 cm lang und 4 kg schwer werden. Sie sind oval geformt, oft mit einer Ausstülpung an der Spitze, wie man sie von der Zitrone kennt. Die äußere Schale ist bei der Reife gelb und duftet, darunter befindet sich das dicke weiße Mesokarp. Das Innere der Frucht ist in zehn bis 13 Segmente aufgeteilt, das hellgrüne Fruchtfleisch kann süß oder sauer sein, nimmt aber nur einen geringen Teil der Frucht ein. Die Samen sind glatt, an einem Ende zugespitzt, im Innern weiß. Sie enthalten jeweils nur einen Embryo.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 18.
Geschichte Zitronatzitronen waren die ersten Zitrusfrüchte, die auf dem europäischen Kontinent angebaut wurden. Eingeführt wurden sie durch jüdische Migranten, die sich nach der Eroberung Jerusalems im Jahre 70 nach Christus in Spanien, Griechenland und Italien und hier insbesondere in Kalabrien ansiedelten. Erst mit den arabischen Eroberungen im 9. Jahrhundert brachten arabische Siedler auch Bitterorangen und Zitronen in die eroberten europäischen Regionen.Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 180.
Ursprung Ursprünglich stammt die Zitronatzitrone, neben der Pampelmuse und der Mandarine eine der drei ursprünglichen Arten der Zitrusfrüchte, aus Assam am Fuße des Himalaya. Assam bot diesen Pflanzen mit seinem milden Klima und seinen großen Mengen an Niederschlag ideale Wachstumsbedingungen. Um außerhalb dieser Region in heißeren und trockeneren Gebieten wachsen zu können, benötigt die Pflanze Pflege durch den Menschen. Dass die Pflanze zunächst in einem immer größeren Gebiet in China und Indien angebaut wurde, nennt die Gartenhistorikerin Helena Attlee verblüffend: Die Früchte sind mit ihrer dicken Schale und dem wenigen sauren Saft kaum genießbar, das Holz eignet sich weder als Brennholz noch als Baumaterial, die Pflanze ist empfindlich und wirft kaum Schatten. Sie hat jedoch – in den Worten von Attlee – die fast übernatürliche Eigenschaft, gleichzeitig überreichlich Blüten und goldene Früchte von beeindruckender Größe zu tragen. Alles an ihr duftet: Die dunkelgrünen Blätter, die Blüten, die Früchte und selbst das Holz. Diese bemerkenswerten Charakteristiken führten dazu, dass ihr eine große symbolische Bedeutung zugebilligt wurde.
Die Zitronatzitrone wird in den Veden, einer Sammlung heiliger, vor dem 8. Jahrhundert v. Chr. in Sanskrit geschriebener Texte erwähnt. Sie wird dort mit dem indischen Kubera assoziiert, dem vedischen Gott des Reichtums, der Kaufleute, der Händler und der Schätze der Erde. Aufgrund dieser Zuschreibung und vermutlich wegen der Größe der Frucht und ihrer goldenen Farbe wurde die Zitronatzitrone zum Symbol des Wohlstands. Die Zitronatzitrone taucht erneut in einem verblassten Deckengemälde in einer der Höhlen von Ajanta auf. Die Höhlen entstanden während der Vakataka-Dynastie im 5. Jahrhundert und in einer der Höhlen wechseln sich Szenen aus dem Leben Buddhas mit Darstellungen von Blumen und Früchten ab.Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 181.
Antike mini|Halbierte ZitronatzitroneDurchmesser 12 cm Als im 4. Jahrhundert v. Chr. Alexander der Große das Achämenidenreich eroberte, war die Zitronatzitrone dort bereits weit verbreitet. In seinem Gefolge erfassten griechische Gelehrte die Besonderheiten der eroberten Regionen, darunter auch die angebauten Pflanzen. Die Zitronatzitrone beschrieben sie als „medischen Apfel“. Die gesammelten Aufzeichnungen gelangten nach Alexanders Tod 323 v. Chr. nicht nach Griechenland, sondern verblieben in den Archiven von Babylon. Der altgriechische Naturforscher Theophrast nutzte sie als eine der Quellen für seine Naturgeschichte der Gewächse, die um das Jahr 310 v. Chr. entstand. Im Buch IV, Kapitel IV erwähnte er die Zitronatzitrone, die er als persische Frucht bezeichnete, und empfahl sie zur Abwehr von Motten. Durch Theophrast, der Zitronatzitronen wahrscheinlich niemals selbst gesehen hatte und immer betonte, dass sein Wissen aus zweiter oder dritter Hand stammte, ist überliefert, dass im damaligen Anbaugebiet die Zitronatzitrone als nicht essbar eingeordnet wurde. Ihr Saft galt jedoch als Gegenmittel bei Vergiftungen, da er gemischt mit Wein Erbrechen auslöse.Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 182.
Die römischen Schriftsteller, die sich wie beispielsweise Plinius der Ältere zur Pflanzenwelt äußerten, beschränkten sich über vier Jahrhunderte darauf, Theophrasts Hinweise wiederzugeben und kannten die Pflanze offenbar nicht aus eigener Anschauung. Der erste römische Schriftsteller, der mit dieser Tradition brach, war Palladius: In seinem gegen Ende des 4. oder zu Beginn des 5. Jahrhunderts geschriebenen Werk Opus agriculturae widmete er ein Kapitel den Zitronatzitronen, die er auf seinen eigenen Zitrusplantagen auf Sardinien und in der Nähe Neapels anbaute. Er gab dort detaillierte Hinweise zu ihrer Pflege.Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 184. In der Sammlung römischer Rezepte De re coquinaria, die einem Apicius zugeschrieben wird und in ihrer überlieferten Fassung aus dem 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. stammt, wird unter anderem ein Saucenrezept beschrieben, bei dem Zitronenschale mit Minze und Fenchel in einer Brühe verwendet wird. Es gibt jedoch bereits zuvor Hinweise darauf, dass Zitronatzitronen im römischen Reich zunehmende Verbreitung fanden: Auf einer Reihe von bronzenen Drachmen aus der Regierungszeit des römischen Kaisers Antoninus Pius (138 bis 161 n. Chr.) werden die Taten des antiken Sagenhelden Herakles dargestellt; dabei symbolisieren zitronenförmige Früchte die goldenen Äpfel der Hesperiden. Da die Zitrone noch unbekannt war, muss es sich dabei um Zitronatzitronen handeln.
Neuzeit mini|Bartolomeo Bimbi, 1715. Dargestellt sind Zitronen und Zitronatzitronen. Goldfarbene Zitruspflanzen hatten diese Bedeutung auch noch in den Renaissancegärten wohlhabender italienischer Familien. Als herausragende Sammlung von Zitruspflanzen galt die der Familie Medici, die auf das Jahr 1537 zurückgeht: Niccolò Tribolo begann zu diesem Zeitpunkt damit, die Gartenanlagen der Villa Medici von Castello anzulegen und nutzte dabei Zitruspflanzen, um eine Verbindung zwischen der Medici-Familie und den heroischen Tugenden des Herakles zu unterstreichen.Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 11.
Die heute gewohnte Unterscheidung zwischen Zitronatzitronen, Orangen und Zitronen hat ihren Beginn in der Barockzeit. Der Jesuit und Botaniker Giovanni Baptista Ferrari gab 1646 mit Hesperides, sive, De Malorum aureorum cultura et usu (Hesperides, oder, die Kultivierung und Nutzung der goldenen Äpfel) eine Bestandsaufnahme der zur damaligen Zeit angebauten Zitruspflanzen heraus.Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 35. Statt auf antiken Texten aufzubauen, hatte Ferrari unterstützt von seinem Freund Cassiano dal Pozzo einen Fragebogen an Anbauer von Zitrusfrüchten in ganz Italien gesendet und darin um Auskunft über den Namen der Pflanze, der Herkunft des Namens, das Aussehen des Baums, der Blätter, der Blüte und der Frucht sowie deren Verwendung ersucht. In seiner Auswertung teilte Ferrari Zitruspflanzen dann in drei klar unterschiedene Kategorien ein: Zitronatzitronen, Zitronen und Orangen.Helena Attlee: The Land Where Lemons Grow. S. 37.
Verwendung Rituelle Bedeutung Judentum mini|Eine Zitronatzitrone wird von einem chassidischen Juden darauf untersucht, ob sie ohne jeglichen Fehl ist. Nur dann darf sie als Etrog verwendet werden.