mini|Selbstporträt (1593), Galleria nazionale di Parma mini|klasse=skin-invert-image|Carraccis Unterschrift Annibale Carracci (* vor 3. November 1560 (Taufe) in Bologna; † 15. Juli 1609 in Rom) war ein vor allem in Bologna und Rom tätiger Maler und Kupferstecher. Neben Michelangelo Merisi da Caravaggio gilt er als einer der bekanntesten Maler der Zeit um 1600.

Leben Annibale war ein Sohn des Schneiders Antonio Carracci.Donald Posner: Carracci, Annibale, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 20, 1977, Artikel auf Treccani (italienisch; Abruf am 10. September 2020) Auch sein älterer Bruder Agostino war Künstler, und Annibale soll das Malerhandwerk bei seinem Cousin Lodovico Carracci erlernt haben. Einige frühe Werke, darunter der berühmte Bohnenesser in der Galleria Colonna (Rom) zeigen jedoch auch eine Orientierung an Bildern von Bartolomeo Passarotti.

mini|hochkant=0.7|Trinkender Jüngling, ca. 1582–83, Cleveland Museum of Art, Cleveland (Ohio) Zusammen mit Ludovico und Agostino gründete er die Accademia degli Incamminati, die sich zum Ziel setzte, die Malerei ihrer Zeit zugunsten einer größeren Natürlichkeit zu überwinden. Um dies zu erreichen, arbeiteten sie sehr viel mit Studien an lebenden Modellen.Carracci, Annibale, Artikel in: Lexikon der Kunst, Bd. 3, Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 120

Annibale Carraccis erstes bekanntes religiöses Gemälde ist die 1583 entstandene Kreuzigung in der Kirche Santa Maria della Carità in Bologna.

Kurz danach schuf er gemeinsam mit Lodovico und Agostino Fresken im Palazzo Fava, bei denen die Hand der einzelnen Künstler nicht immer eindeutig zu identifizieren ist.Carracci, Annibale, Artikel in: Lexikon der Kunst, Bd. 3, Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 119–120 (v. a. 120)Claudio Strinati: Annibale Carracci (italienisch), Art e Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 14 f Annibales Fresken im Camerino d’Europa des Palazzo Fava wurden von den konservativeren Bologneser Malern wegen „bloßer Naturnachahmung“ kritisiert.

1584–1585 unternahm er eine Reise nach Parma, wo er den weichen malerischen Stil von Correggio kennenlernte und eine Pietà mit Heiligen für die Kapuzinerkirche von Parma malte (datiert 1585).Claudio Strinati: Annibale Carracci (italienisch), Art e Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 15–16 Möglicherweise kam er in dieser Zeit auch nach Florenz, Mantua und Venedig. In den folgenden Jahren erhielt er außerdem Aufträge für Kirchen in Reggio Emilia: eine Himmelfahrt und die sogenannte Madonna di San Matteo, die sich heute beide in der Dresdner Gemäldegalerie befinden.Claudio Strinati: Annibale Carracci (italienisch), Art e Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 16–17 Wahrscheinlich 1587 folgte eine weitere Reise nach Venedig.Carracci, Annibale, Artikel in: Lexikon der Kunst, Bd. 3, Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 118 In den folgenden Jahren bis 1595 orientierte er sich stark an der besonderen Farbigkeit der Gemälde von Paolo Veronese und Tintoretto.

mini|hochkant=0.80|Mystische Hochzeit der Hl. Katharina, 1585–87, Museo di Capodimonte, Neapel In Bologna malte er um 1590, wiederum zusammen mit seinem Bruder und seinem Cousin, im Palazzo Magnani einen umfangreichen Freskenzyklus zu Romulus und Remus. Auch hier ist es schwierig, die Hand der einzelnen Künstler eindeutig zu identifizieren, jedoch scheint Annibale mittlerweile unter den drei Carracci die Führung übernommen zu haben.Claudio Strinati: Annibale Carracci (italienisch), Art e Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 21–22

Bis 1595 schuf er zahlreiche Altarbilder für Kirchen in Bologna oder Reggio Emilia, von denen sich heute viele in großen Museen und Sammlungen befinden. Außerdem erhielt er Aufträge von privaten Kunden, wie dem Herzog von Ferrara und auch vom Hof der Farnese in Parma,Claudio Strinati: Annibale Carracci (italienisch), Art e Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 24–25 wie die Darstellung der Mystischen Hochzeit der Hl. Katharina, die er für Ranuccio Farnese malte und 1595 in dessen Auftrag als Geschenk für den Kardinal Odoardo Farnese (den Bruder Ranuccios) nach Rom mitgebracht haben soll;Nicola Spinosa (Hrsg.): Museo Nazionale di Capodimonte (Guide artistiche), Soprintnendenza per i Beni Artistici e Storici di Napoli, Electa Napoli, Neapel, 1994/2001, S. 97 (italienisch) später gelangte das Bild aus der Sammlung Farnese ins Museo di Capodimonte in Neapel.Claudio Strinati: Annibale Carracci (italienisch), Art e Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 24 Etwa zur selben Zeit entstanden Bilder mit mythologischen Themen, wovon die zwei Versionen einer Darstellung von Venus und Adonis (Prado, Madrid; KHM, Wien) zeugen, oder das Gemälde mit Venus, einem Satyr und zwei Amoretten in den Uffizien in Florenz.

Ende 1594 folgte er – zusammen mit Agostino – zum ersten Mal einer Einladung von Odoardo Farnese nach Rom und begann ab 1595 in dessen Palazzo wahrscheinlich zunächst mit der Dekoration des Camerino. Dafür entstand u. a. das Bild mit Herkules am Scheideweg, das sich heute im Museo di Capodimonte (Neapel) befindet. mini|hochkant=1.3|Deckenfresken mit Polyphem und Galatea in der Galleria Farnese (Südwand)

Etwa von 1597 bis 1600 schuf er die Deckenfresken in der Galleria Farnese mit Allegorien der Macht der Liebe, die sich um das zentrale Bild mit dem Triumph des Bacchus und der Ariadne gruppieren. Stilistisch integrierte Annibale dabei auch Elemente der römischen Tradition, insbesondere von Michelangelos Fresken an der Decke der Cappella Sistina (u. a. die Ignudi) und von Raffaels Wand- und Deckengemälden in der Villa Farnesina (insbesondere die Galatea). Zwei Szenen der Decke malte Agostino, der jedoch nach einem heftigen Streit mit Annibale Rom verließ und im Februar 1602 starb.Claudio Strinati: Annibale Carracci (italienisch), Art e Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 40 Die Ausschmückung der Galeriewände mit Stuck und Bildern, die die von der Tugend beherrschte sinnliche Liebe zum Thema haben, entstand vermutlich zwischen 1602 und 1604 unter Carraccis Leitung mit Hilfe seiner Mitarbeiter und Schüler Domenichino, Giovanni Lanfranco, Sisto Badalocchio und Antonio Carracci. Die Galleria Farnese gilt in der Kunstwissenschaft als das umfangreichste Dekorationsprogramm der römischen Kunst seit dem frühen 16. Jahrhundert und wurde zu einem wichtigen Vorbild für die Freskomalerei des folgenden Jahrhunderts. Sie begründete Annibale Carraccis Ruhm.

Zur gleichen Zeit arbeitete Carracci an zahlreichen anderen Aufträgen und schuf unter anderem die beiden berühmten Pietà-Darstellungen im Museo Capodimonte, Neapel (ca. 1600) und im Louvre (vollendet 1607), sowie eine Himmelfahrt Mariens (ca. 1600–1601) für die römische Kirche Santa Maria del Popolo, die in direkter Konkurrenz zu Caravaggio entstand.

mini|links|hochkant=0.9|Pieta, 1600, Museo di Capodimonte, Neapel Für seine Arbeiten an der Galleria Farnese erhielt Annibale die relativ geringe Summe von nur 500 Scudi, was der Überlieferung nach der Grund für Depressionen und Krankheit gewesen sein soll. Tatsache ist, dass er im März 1605 schwer erkrankte und sich davon nie ganz erholte. 1606 verließ er den Palazzo Farnese, wo er bis dahin gewohnt hatte, und zog in die Gemeinde von San Lorenzo in Lucina in Rom. Alle Arbeiten Carraccis aus dem Zeitraum von 1605 bis 1609 entstanden mit starker Beteiligung der Werkstatt, darunter teilweise verlorene Fresken in der Cappella Herrera von San Giacomo degli Spagnoli in Rom, bei denen Francesco Albani, Lanfranco und Badalocchio mitwirkten.

Im Sommer 1609 reiste Annibale in Begleitung des Malers Baldassare Aloisi nach Neapel, erkrankte jedoch so schwer, dass er bald nach Rom zurückkehren musste. Dort starb er am 15. Juli 1609. Bei seiner Aufbahrung wurde sein Gemälde mit dem Christus mit der Dornenkrone auf dem Katafalk aufgestellt.Das Bild befindet sich heute in der Pinacoteca Nazionale di Bologna. Claudio Strinati: Annibale Carracci (italienisch), Art e Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 46 Auf seinen eigenen Wunsch hin wurde er im Pantheon begraben.

Neben den bereits genannten Künstlern war wahrscheinlich auch der als „Gobbo dei Carracci“ bekannte Pietro Paolo Bonzi sein Schüler.Jörg Martin Merz: Bonzi, Pietro Paolo, in: Allgemeines Künstlerlexikon : die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker [Saur], Bd. 12: Bobrov-Bordacev, 1996, S. 632 (Hier nach der Online-Version)

Würdigung mini|Rast auf der Flucht nach Ägypten, um 1604, Eremitage (Sankt Petersburg)

Annibale war der bedeutendste der drei Carracci. Sein vielfältiges Werk erlangte zu Lebzeiten und darüber hinaus große Bewunderung. Er malte außerdem lebendige und originelle Porträts. Von seiner Hand sind auch zwei Karikaturen erhalten (im Louvre und auf Schloss Windsor).

Seine teilweise von Heiligen bevölkerten Landschaften orientieren sich an Bildern von Nicolò dell’Abate und wurden ihrerseits zum Vorbild für die Ideallandschaften von Domenichino, Nicolas Poussin und Claude Lorrain.

Carracci hinterließ auch Radierungen (darunter der so genannte Christus von Caprarola von 1597). In seinen frühen Jahren schuf er auch Stiche, war jedoch auf diesem Gebiet nicht so fleißig wie sein Bruder Agostino.

Viele seiner Werke erschienen als Kupferstiche, besonders die Fresken der Galleria Farnese (von Carlo Cesio, Pietro Aquila u. a.), außerdem die so genannten Elementi del disegno, 30 Blätter von François de Poilly. Simon Guillain radierte unter Beihilfe Alessandro Algardis Carraccis Serie von Straßenstudien mit Marktschreiern und Händlern (Le arti di Bologna) in 78 Blättern (Rom 1646, spätere Ausg. 1740); auch bei Giuseppe Maria Mitelli, Bologna 1660).

Bildergalerie

Galleria Farnese, Rom

Religiöse Gemälde

Mythologische und allegorische Gemälde

Porträts

Werke (Auswahl) mini|hochkant|Selbstporträt auf Staffelei, um 1605, Uffizien, Florenz mini|hochkant|Johannes der Täufer weist auf Jesus, um 1600, Metropolitan Museum, New York

Fleischerladen, ca. 1582–83, Christ Church Picture Gallery, Oxford; andere Version in der Sammlung D. Gordon in Haddo House, Aberdeenshire Leichnam Christi mit den Leidenswerkzeugen, Staatsgalerie, Stuttgart, um 1582 Der Bohnenesser, Galleria Colonna, Rom, ca. 1583–1584: Kreuzigung, Santa Maria della Carità, Bologna, 1583 Porträt des Giacomo Turrini, Christ Church, Oxford, 1585 Taufe Christi, San Gregorio, Bologna, 1585 Pietà mit Heiligen, Galleria nazionale di Parma, 1585 die Jagd und der Fischfang, Louvre, Paris, ca. 1587–88 Kreuzigung Christi, Yale University Art Gallery, ca. 1587–88 Madonna di San Matteo, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden, 1588 Venus, ein Satyr und zwei Amorini, Uffizien, Florenz, ca. 1588 Venus und Adonis, Prado, Madrid, ca. 1588–89 Flusslandschaft, National Gallery of Art, Washington, ca. 1589–90 Bacchantin, Uffizien, Florenz, um 1590 Himmelfahrt Mariä, Pinacoteca nazionale di Bologna, 1592 Madonna mit den Hl. Lukas und Katharina, Louvre, Paris, 1592 Madonna mit Kind und den Hl. Giovanni Evangelista und Katharina, Pinacoteca nazionale di Bologna, 1593 Auferstehung Christi, Louvre, Paris, 1593 Selbstporträt, Pinacoteca di Brera, Mailand, um 1593 Jesus und die Samariterin, Pinacoteca di Brera, Mailand, 1594–95 Almosen des Hl. Rochus, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden, 1594–95 Dekorationen im Palazzo Farnese, Rom: Die Tugenden des Kardinals Odoardo Farnese, im Camerino, 1595–97, darunter Hercules am Scheideweg, heute: Museo di Capodimonte, Neapel Dekor und Fresken Die Macht der Liebe, in der Galerie, 1597–1600 und 1602–1604 Marienkrönung, Metropolitan Museum, New York, ca. 1596 Geburt Mariens, Louvre, Paris, ca. 1598–99 Landschaft mit dem Opfer Isaaks, Louvre, Paris, ca. 1599 Pietà, Museo di Capodimonte, Neapel, ca. 1599–1600 Die drei Marien am Grabe, Eremitage, St. Petersburg, ca. 1600 Lautenspieler (Giulio Mascheroni), um 1600, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden