mini|Die Chanten leben hauptsächlich im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen im Westen Sibiriens
mini|Eine chantische Familie in traditioneller Bekleidung
Die finno-ugrische Ethnie der Chanten (alter Name „Ostjaken“, Eigenbezeichnung und russisch Chanty ), indekl.) spricht eine zum finno-ugrischen Zweig der uralischen Sprachen gehörende ugrische Sprache, das in vier Dialekte unterteilte Chantische. Gemeinsam mit den Mansen werden sie als Ob-Ugrier bezeichnet und bilden die indigene Bevölkerung der früher Jugorien genannten Region im Westsibirischen Tiefland. Sprachlich sind die Ob-Ugrier die nächsten lebenden Verwandten der Ungarn.
Die ursprünglichen Pferdezüchter vom oberen Irtysch wurden zu Jägern und Rentierzüchtern und kamen im 11. Jahrhundert mit Russen in Kontakt. Im 16. Jahrhundert kamen sie unter russische Herrschaft. Erst im 18. Jahrhundert setzte die Christianisierung der Chanten ein. Ihre kulturelle Existenz ist durch die Ölindustrie des Gebietes bedroht.
Gruppen Die Chanten werden nach ihren Siedlungsgebieten in drei größere Untergruppen eingeteilt, deren Dialekte sich teils stark unterscheiden. Die Nordchanten leben am Kasym, einem rechten Nebenfluss des Ob; die Ostchanten siedeln am Wach, der bei Nischnewartowsk in den Ob mündet. Die südliche Gruppe, die ursprünglich am Irtysch siedelte, wurde fast vollständig assimiliert.Soja Sokolowa: Das Land Jugorien. Verlag Progress Moskau und F. A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1982 (original )
Bevölkerung mini|Ein älterer Chante Bei der Volkszählung 2002 gaben 28.678 Personen „chantisch“ als Nationalität an. 26.694 von ihnen lebten in der Oblast Tjumen, davon 17.128 im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen und 8.760 im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen. In der Oblast Tomsk gaben 873 Einwohner „chantisch“ als Nationalität an, in der Republik Komi waren es 88.Vgl.
Sprache Die Umgangssprache in Städten und größeren Siedlungen ist heute hauptsächlich das Russische. In kleineren Dörfern, in ethnischen Enklaven innerhalb größerer Siedlungen sowie auf den Wohnplätzen der in der Taiga lebenden Halbnomaden stellen die chantischen Dialekte bis heute ein wichtiges und teilweise das Hauptkommunikationsmittel dar.
Geschichte Frühgeschichte mini|Ungegerbte Zobelfelle
Die Chanten und Mansen stammen wohl aus den Steppengebieten des sibirischen Südwestens. Um 500 n. Chr. wanderten sie als pferdezüchtende Nomaden vom Oberlauf des Irtysch nach Norden, bis an den unteren Ob. Sie passten sich dabei den lokalen Umweltbedingungen an und übernahmen die Rentierhaltung von den uralischen Völkern. Die ursprüngliche Pferdezucht lebt nur noch in den Mythen. Andererseits verbreiteten sie zentral- und südasiatische Kulturelemente nach Norden. Man nimmt an, dass sich Chanten und Mansen erst im 13. Jahrhundert getrennt haben, wobei die beiden frühen Phratrien (Clan-Verbände) darauf hindeuten, dass die frühen Neuankömmlinge ältere sibirische Völker assimilierten.
Nowgorod und Russland, 11. bis 16. Jahrhundert mini|Ein Hermelinfänger der Chanten (1790) In russischen Quellen wurden die Chanten erstmals im 11. Jahrhundert unter dem Namen Jugra erwähnt. Um 1265 waren sie gegenüber Nowgorod tributpflichtig. Im 14. Jahrhundert unternahm Nowgorod mehrere Militärexpeditionen gegen die Chanten, nachweislich 1323, 1329 und 1364. Ähnliche Vorstöße machten die Moskowiter, besonders in den Jahren 1483 und 1499. Die Chanten wichen weiter ostwärts aus, doch 1563 mussten sie dem Khanat Sibir, einem Nachfolgereich der Goldenen Horde, ebenfalls Tribut leisten.
Neben den Mansen gehörten sie zu den ersten Völkern Sibiriens, denen die Expedition Jermaks begegnete. Die Russen installierten eine indirekte Herrschaft, deren Hauptziel die Zahlung von Tributen (Jassak) in Form von Zobelfellen war. Lokale Führungspersönlichkeiten, entweder traditionelle oder von den Kolonialherren eingesetzte, waren dabei für das Einsammeln und Entrichten des Tributs zuständig. Dieser Tribut war das ursprüngliche Hauptziel der russischen Eroberung Sibiriens. Lange Zeit waren sibirische Zobelfelle die wichtigste Einnahmequelle des Staates.
Die Christianisierung der Chanten begann erst Anfang des 18. Jahrhunderts durch den Mönch Fjodor, doch die russische Kolonialmacht sicherte sich das Gebiet früh durch Festungsbauten, wie Tjumen im Jahr 1585, Tobolsk 1587, Surgut 1593, Obdorsk (das spätere Salechard) 1595 usw.
1715 entstand eine Kurze Beschreibung der Ostjaken von Grigorij Novickij, die als erste ethnographische Studie Sibiriens gilt. Novickij war Teilnehmer der ersten Missionierungskampagne, die von 1712 bis 1715 dauerte.Erich Kasten: Reisen an den Rand des Russischen Reiches. Die wissenschaftliche Erschließung der nordpazifischen Küstengebiete im 18. und 19. Jahrhundert, Kulturstiftung Sibirien 2013, S. 15. Die von solchen Reisen nach Sibirien mitgebrachten Objekte wurden in der Petersburger Kunstkammer gesammelt. In den 1730er Jahren änderte sich der dortige Blick auf die Kuriositäten, die sich dort angesammelt hatten. Ende der 1730er Jahre begann eine Systematisierung. In Schrank 9, der, ebenso wie 10, sibirische Kleidungsstücke barg, wurde ein Mantel der Chanten aus Schwanenhaut abgelegt.Marcus Köhler: Russische Ethnographie und imperiale Politik im 18. Jahrhundert, Göttingen 2012, S. 245. Der in Berlin geborene Peter Simon Pallas bereiste gleichfalls Sibirien. In seinem Werk Reise durch verschiedene Provinzen des Russischen Reichs, das 1771–1801 in St. Petersburg erschien,Uni Göttingen: . Digitalisate. widmete er 30 Seiten des 3. Bandes den Chanten. Er beschreibt sie als „Nation von Fischern“, die noch dem „Heydenthum“ anhingen. Wie er berichtet, machten Träume aus einigen der Stammesangehörigen Schamanen, wobei sie von alten Schamanen in ihren, wie er meint, „Betrügerkünsten“ unterrichtet wurden.Marcus Köhler: Russische Ethnographie und imperiale Politik im 18. Jahrhundert, Göttingen 2012, S. 170–173.
Sprachwissenschaftler begannen sich im 19. Jahrhundert zunehmend für die Sprache der Chanten zu interessieren. Daher reiste der Ungar Antal Reguly (1819–1858) in den Jahren 1845 bis 1848 zu ihnen, um Sprachmaterialien zu sammeln, die belegten, dass seine Muttersprache und die der Chanten einer größeren Sprachfamilie angehörten (ural-altaische Hypothese). Zwar konnte der erkrankte Reguly die Materialien nicht mehr selbst auswerten, doch auf ihrer Grundlage entstand die ungarische Finno-Ugristik.Erich Kasten: Reisen an den Rand des Russischen Reiches. Die wissenschaftliche Erschließung der nordpazifischen Küstengebiete im 18. und 19. Jahrhundert, Kulturstiftung Sibirien 2013, S. 24. mini|Chanten vom Ob, Ende des 19. Jahrhunderts Ähnlich wie in Nordamerika wurden die Indigenen in ein Netz von Handelsposten eingebunden, die vor allem dem Einsammeln von Pelzen dienten (Pelzhandel in Nordamerika). Als wichtiges Tauschmittel tauchte bald der Alkohol auf, dazu kam die Verbreitung von bis dahin unbekannten Krankheiten. Die Gesellschaft der Chanten befand sich um 1900 in voller Auflösung.
Sowjetunion Mit der Oktoberrevolution begann eine Epoche von rund 60 Jahren, in denen die Regierung versuchte, die Minderheiten zwangsweise zu assimilieren. Dazu wurden, wie in Nordamerika, Internatsschulen eingerichtet, in denen die Kinder der Indigenen ihre Muttersprachen nicht mehr benutzen durften. Als das Projekt 1925 begonnen wurde, waren damit allerdings auch Hoffnungen verbunden, der katastrophalen Situation im Norden Sibiriens zu entrinnen. 1930 entstand der Ostyak-Vogul-Distrikt, der zehn Jahre später in Chanten-Mansen-Distrikt umbenannt wurde. Unter Stalin wurden Schamanen verfolgt und heilige Stätten zerstört.
Die Chanten wehrten sich gegen diese Missachtung ihrer Kultur und warfen den in ihr Gebiet kommenden Russen vor, ihre heiligen Orte zu schänden und ihnen die Kinder zu entfremden. Als sechs Mitglieder einer Sowchose 1934 im See Numto fischten, kam es zu einer fatalen Eskalation.Dies und das Folgende nach: Hannoversche Allgemeine, Wochenendbeilage, 31. März 2007. Dieser See war nach Auffassung der Chanten Wohnsitz der Göttin Kasim, daher war es ein Verbrechen dort Fische zu fangen. Die sechs Ahnungslosen wurden nach einem Opferritual getötet. Moskau entsandte daraufhin Truppen, und es kam zu einem offenen Aufstand mit einer unbekannten Zahl von Opfern. Nach monatelangen Kämpfen wurden 51 Chanten erschossen oder verschwanden in Straflagern, aus denen sie nie zurückkehrten. Der Aufstandsversuch ging als „Kasimer Aufstand“ in die Geschichte ein. Zwangsumsiedlungen unter Stalin führten zur Errichtung von Dörfern wie Warjogan, 7 km oberhalb von Nowoagansk gelegen, und Agan. Die kulturell bedeutsame Bärenjagd wurde verboten, auf die Ausübung der dazugehörigen Rituale standen nunmehr zehn Jahre Gefängnis. Das eigens für die Sprache geschaffene, an das lateinische Alphabet angelehnte Zeichensystem wurde durch die russische Schrift ersetzt.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden rund 200 Chanten aus Kasim in die Rote Armee eingezogen, von denen nur 18 zurückkehrten.
Die Zerstörung der Kultur nahm mit der Erdölförderung (ab 1953), genauer der radikalen Veränderung des Ökosystems, ihren Fortgang. Zahlreiche Familien wichen weiter nordwärts in noch nicht erschlossene Gebiete aus, doch die Erdölindustrie folgte ihnen.
1989 brachte Lennart Meri seinen Film „Die Söhne von Toorum“ heraus.Englisch "The Sons of Toorum": https://www.youtube.com/watch?v=iX7nHETRNow; Russisch: "Сыновья Тоорума", Original Estnisch "Toorumi pojad" ["Encyclopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum"] In diesem wird das traditionelle Leben der Chanten dokumentiert, ihr Bärenkult aber ebenso die Umweltzerstörung durch die Erdölraffinerien.
1990 gründeten die bedrohten Völker die Vereinigung der indigenen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens, die sich gegen Diskriminierung und Umweltzerstörung zur Wehr setzte. Sie ist Mitglied des 1996 gegründeten Arktischen Rates. Im Gebiet der Chanten und Mansen entstand die Unterorganisation Spasanie Jugry (Rettung Jugriens).Dittmar Dahlmann: Naturzerstörung und Naturbewahrung. Die Großprojekte des Sozialismus in Sibirien, in: Michael Düring (Hrsg.): Nur Bären und Wölfe? Natur und Umwelt im östlichen Europa, Josef Eul, Lohmar-Köln 2011, S. 40-, hier: S. 64.
Russische Föderation mini|Die Ölfelder Russlands 1997 war etwa die Hälfte der 23.000 Chanten im Kreis der Chanten und Mansen ansässig, die übrigen im Gebiet Tomsk. Das Gebiet der Chanten und Mansen ist weiterhin ein wichtiges Fördergebiet für Öl und Gas, wobei jahrzehntelang keinerlei Rücksicht auf die Ureinwohner oder auf die Landschaft genommen wurde. Die Rentierherden der Chanten sind zusammengeschrumpft, u. a. weil sie auf ölverseuchten Weiden standen. Die kulturell Entwurzelten treffen neben den wirtschaftlichen Folgen, wie Arbeitslosigkeit und Besitzlosigkeit, die psychischen Folgen jeder kulturellen Entwurzelung, wie Alkohol- und Drogenprobleme, häusliche Gewalt und Depression (siehe dazu: Ölkatastrophe in Westsibirien)
Manche Orte müssen per Tankwagen mit Trinkwasser versorgt werden, weil das Leitungswasser nach Öl schmeckt. Die Selbstmordrate ist hoch. Dennoch könnten sich die Lebensverhältnisse abermals drastisch verändern, wenn die Ölfelder erschöpft sein werden.
1993 gründete sich ein Verband selbstständiger Rentierzüchter, zu denen auch der ehemalige Leiter des ethnographischen Museums von Varjogan, Jurij Kylevich Ajvaseda (Vella), zählt. Eine 1989 gegründete Gruppe der Indigenen setzte durch, dass die Erbauer von Förderanlagen sie um Erlaubnis fragen müssen.