mini|Die doppelten, übereinander angeordneten Kolonnaden an der Südfassade von West Wycombe Park. Sie sind unten toskanisch und oben korinthisch. Oben ist ein zentraler Ziergiebel aufgesetzt, was in der englischen Architektur sehr unüblich ist (auf dem Grundriss unten mit M markiert). mini|Sir Francis Dashwood, 2. Baronet (1708–1781), ein notorischer Lebemann und Auftraggeber von West Wycombe, gekleidet in seinem „ottomanischen“ Dining-Club-Gewand West Wycombe Park ist ein englisches Landhaus in der Nähe des Dorfes West Wycombe in der englischen Grafschaft Buckinghamshire, das zwischen 1740 und 1800 errichtet wurde. Es war als Lustschloss für den Libertinen und Dilettanten Sir Francis Dashwood, 2. Baronet. Das Haus bildet ein langgezogenes Rechteck mit vier Fassaden, die mit Säulen und Ziergiebeln versehen sind; drei davon vermitteln einen theatralischen Eindruck. Das Haus repräsentiert den gesamten Fortschritt britischer Architektur des 18. Jahrhunderts von der idiosynkratisch-palladianistischen bis zur klassizistischen, auch wenn Anomalitäten im Entwurf des Hauses dieses architektonisch einmalig machen. Das Herrenhaus liegt inmitten eines Landschaftsgartens aus dem 18. Jahrhundert, der kleine Tempel und Follies enthält, die sich als Satelliten des größeren Tempels, nämlich des Hauses selbst, darstellen.
Das Haus, das als historisches Gebäude I. Grades gelistet ist, hat Sir John Dashwood, 10. Baronet (1896–1966) im Jahre 1943 an den National Trust übertragen, was ihm sein Erbe sehr übelnahm. Dashwood behielt sich das Eigentum an dem Inhalt des Hauses vor, den er größtenteils veräußerte. Nach seinem Tod wurde das Haus auf Kosten seines Sohnes, Sir Edward Dashwood, renoviert. Heute gehört zwar das Gebäude dem National Trust, aber Sir Edward Dashwood und seine Familie wohnen darin. Während der Sommermonate ist das Haus öffentlich zugänglich und dient auch als Ort für standesamtliche Trauungen und Firmenveranstaltungen, die zur Finanzierung der Reparaturen und des Unterhalts beitragen. In diesem Haus wurde der Film Austenland gedreht.
Architektur Ethos miniatur|links|Der Chiericati-Palast (oben) von Palladio (um 1550) hat übereinander angeordnete Kolonnaden wie die von West Wycombe Park, aber die Inspiration für die Südfassade hat vermutlich Palladios Rekonstruktion von Vitruvs römischer Villa geliefert, die er in seinem Buch I quattro libri dell' architettura illustriert hat. miniatur|Palladios Villa Capra detta La Rotonda war die Inspiration für Mereworth Castle, das Haus von Dashwoods Onkel, Lord Westmorland. Die Ostfassade West Wycombe Park war wiederum eine Hommage an Westmorelands künstlerischen Geschmack bei Mereworth Castle. West Wycombe Park, das architektonisch von den Renaissancevillen Venetiens inspiriert war, ist nicht das größte, großartigste oder bekannteste von Englands vielen Landhäusern. Im Vergleich zu den zeitgenössischen palladianistischen Bauten, wie der Holkham Hall, der Woburn Abbey oder der Ragley Hall ist es ziemlich klein, wenn auch architektonisch wichtig, da es eine Periode englischer Sozialgeschichte des 18. Jahrhunderts einschließt, als junge Männer, Dilettanti genannt, von ihrer fast schon obligatorischen Grand Tour mit neu erworbenen Kunstgegenständen zurückkamen und oft Landhäuser bauten, um ihre neuen Sammlungen unterzubringen und ihre Erkenntnisse und ihre Kultur, die sie auf ihren Reisen erworben hatten, in Stein darzustellen.
Das Anwesen von West Wycombe Park erwarben Sir Francis Dashwood, 1. Baronet, und sein Bruder Samuel 1698. Dashwood ließ das alte Herrenhaus abreißen und ein neues Herrenhaus an einem höher gelegenen Standort in der Nähe errichten. Dieses Herrenhaus bildete das Kernstück des heutigen Hauses. Bilder dieses Hauses auf frühen Plänen des Anwesens zeigen ein sehr konventionelles Haus mit quadratischem Grundriss im zeitgenössischen karolinischen Stil. 1724 vermachte Dashwood sein wenig bemerkenswertes Haus seinem 16-jährigen Sohn, dem 2. Baronet, der auch Francis hieß, dem späteren Lord le Despencer, der vermutlich am ehesten für seine Gründung des Hellfire Club in der Nähe des Herrenhauses, in den West Wycombe Caves, bekannt wurde. Zwei Jahre später brach er zu einer Reihe von Grand Tours auf: Die Ideen und Sitten, die er sich in dieser Periode aneignete, beeinflussten ihn sein ganzes Leben lang und bildeten den Dreh- und Angelpunkt für die Erneuerung des einfachen Hauses seines Vaters, wodurch es zu dem heutigen klassischen Gebäude wurde.
miniatur|links|Freskos in the Villa Farnesina (um 1510), die die Inspiration für die Dekoration der Innenräume von West Wycombe Park lieferten. West Wycombe Park wurde als „eines der theatralischsten Gebäude im Italianatestil aus der Mitte des 18. Jahrhunderts in England“ beschrieben. Von allen Landhäusern des 18. Jahrhunderts sind seine Fassaden in unverwässerter Form nicht nur im klassizistischen Stil italienischer Villen gestaltet, an denen der Palladianismus sich erstmals etablierte, sondern auch in dem der antiken Tempel, auf denen der Klassizismus beruht. Die dorischen Säulen am westlichen Portikus des Hauses gelten als frühestes Beispiel für den Greek-Revival-Stil in Großbritannien.
Das Ende des 18. Jahrhunderts war auch eine Periode der Veränderungen in der Innenausstattung englischer Landhäuser. Die barocke Konzeption des Hauptgeschosses oder der Beletage mit großen Schlafzimmerfluchten, die man Paradezimmer nannte, und neu einer großen Halle oder Salon für die gemeinschaftliche Nutzung verschwand nach und nach zu Gunsten kleinerer, gemütlicherer Schlafräume in den oberen Stockwerken. Dieser geänderte Grundriss ermöglichte die Nutzung der Beletage als Flucht von Empfangsräumen, jeder zu einem eigenen Zweck und schuf getrennte Bereiche, wie den kleinen Salon, das Speisezimmer, den Musikraum oder den Festsaal. So reflektiert West Wycombe Park perfekt die Veränderungen und Ideale aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Dieses Arrangement von Empfangs- und öffentlichen Räumen im Erdgeschoss und Schlaf- und Privaträumen darüber ist ohne Veränderung bis heute erhalten.
Fassaden miniatur|Die Nordfassade von West Wycombe Park (mit O im Grundriss bezeichnet) Der Erbauer von West Wycombe Park, Sir Francis Dashwood, 2. Baronet, beauftragte drei verschiedene Architekten und zwei Landschaftsarchitekten mit den Entwürfen von Haus und Park. Er brachte auch selbst viel in die Planung ein: Er hatte eine Grand Tour hinter sich, hatte die italienischen Renaissancevillen selbst gesehen und wollte ihnen nacheifern.
Die Arbeiten begannen 1740 und endeten um 1800, als das alte Haus innen und außen komplett verändert worden war. Diese lange Bauzeit erklärt die Sprünge und Variationen in den Entwürfen: Als der Bau 1740 begonnen wurde, war der Palladianismus gerade modern, aber zur Zeit der Fertigstellung war er komplett von Klassizismus verdrängt worden; und so stellt sich das Haus als Ehe dieser beiden Stile dar. Während diese Ehe nicht vollständig schlecht ist, gehen die palladianistischen Details doch mit einem Verlust von Palladios Proportionen einher: Der östliche Portikus liegt nicht in der Achse des Hauses und auf beiden Seiten des Hauses wurden Bäume gepflanzt, um den Blick von diesem Entwurfsmakel abzulenken.
miniatur|links|Blick auf die Südfassade von 1781, der zeigt, wie die Bäume gepflanzt wurden, um die Asymmetrie des östlichen Portikus zu verstecken. Das Gebäude links ist der „Tempel des Apollo“. Die besten damaligen Architekten unterbreiteten Pläne zum Umbau des älteren Familiensitzes in eine moderne architektonische Extravaganz. Darunter war auch Robert Adam, der einen Plan für den westlichen Portikus einreichte, aber sein Vorschlag wurde nicht angenommen. Schließlich wurde der Architekt Nicholas Revett befragt und entwarf den bis heute erhaltenen westlichen Portikus. Heute ist das erste Bauteil, das man bei der Annäherung an das Haus von der Auffahrt her sieht, ebendieser westliche Portikus: Von dieser Seite erscheint das gesamte Haus als griechischer Tempel. Der Portikus mit seinen acht Säulen, der vom Bacchus-Tempel in Baalbek inspiriert wurde und 1770 fertiggestellt wurde, gilt als frühestes Beispiel der Greek-Revival-Architektur in Großbritannien. Der entgegengesetzte (östliche) Teil des Hauses, das von John Donowell entworfen und um 1755 fertiggestellt wurde, erscheint auch tempelähnlich, aber diesmal war die Muse La Rotonda. So repräsentieren die beiden entgegengesetzt liegenden Portikus, Ost und West, die Periode architektonischen Übergangs des späten 18. Jahrhunderts vom früheren, römische inspirierten Palladianismus zum eher griechisch inspirierten Klassizismus.
miniatur|Der östliche Portikus von West Wycombe Park mit seinen Pflanzungen, die die asymmetrische Ausrichtung auf das Haus verdecken sollen. (als N im Grundriss markiert) Die Hauptfassade ist die Südfassade, eine zweistöckige Kolonnade von korinthischer Säulen im Erdgeschoss und toskanischer Säulen im Obergeschoss, das Ganze mit einem darüber in der Mitte angebrachten Ziergiebel. Die Säulen bestehen nicht aus Stein, sondern aus Holz, das mit Stuck verkleidet wurde. Dies ist besonders interessant, da die Kosten kein Problem beim Bau des Hauses waren. Der Architekt dieser Fassade war John Donowell, der seine Arbeiten zwischen 1761 und 1763 ausführte (wenn er auch bis 1775 auf deren Bezahlung warten musste). Die Fassade, die Ähnlichkeiten mit der Hauptfassade von Palladios Chiericati-Palast von 1550 aufweist, war ursprünglich die Eingangsfront. Die Vordertür ist immer noch in der Mitte des Erdgeschosses eingebaut und führt in die Haupteingangshalle. Dies ist an sich eine wesentliche Abweichung von der klassischen Form: West Wycombe Park hat keine Beletage im Obergeschoss. Wäre der Architekt genau Palladios Idealen gefolgt, so hätten Haupteingang und Paradezimmer im Obergeschoss liegen müssen und wären über eine Außentreppe zu erreichen gewesen, wodurch die Hauptempfangsräume einen Ausblick von einem erhöhten Standort aus geboten hätten. Im Erdgeschoss wären dann Räume für die Dienerschaft angeordnet gewesen.
Die strengere Nordfassade ist 11 Joche breit, wobei den Endjochen besondere Bedeutung durch eine Rustizierung des Erdgeschosses verliehen wurde. In der Mitte dieser Fassade befinden sich ionische Säulen, die einen Ziergiebel stützen, und ursprünglich das Wappen der Dashwoods trugen. Diese Fassade soll in den Jahren 1750 und 1751 entstanden sein, auch wenn die geteilten Fenster dieser Fassade den Schluss nahelegen, das dies eine der ersten Verbesserungen des 2. Baronets am originalen Haus waren, da gebogene oder geteilte Fensterköpfe typisch für den Anfang des 18. Jahrhunderts waren.
Innenräume miniatur|Grundriss des Erdgeschosses. Legende: A Halle; B Salon; C Roter Salon; D Arbeitszimmer; E Musikzimmer; F Blauer Salon; G Treppenhaus; H Speisezimmer; J Wandteppichraum; K Königszimmer (früheres Paradeschlafzimmer); L Westlicher Portikus; M Südfassade und Kolonnade; N Östlicher Portikus; O Nordfassade; P Flügel für die Dienerschaft. Die Hauptempfangsräume befinden sich im Erdgeschoss und sind mit großen Schiebefenstern versehen, die zu den Portikus und den Kolonnaden hin öffnen und daher auch zu den Gärten, ein Arrangement, das man so nicht in den großartigen Villen und Palästen der italienischen Renaissance findet. Das Herrenhaus enthält eine Reihe von Salons aus dem 18. Jahrhundert, die in der Art dieser Zeit dekoriert und ausgestattet sind, mit mehrfarbigen Marmorböden und Deckengemälden, auf denen klassische Szenen aus der griechischen und der römischen Mythologie dargestellt sind. Von besonderem Interesse ist die Eingangshalle, die einem römischen Atrium mit marmorierten Säulen und einem Deckengemälde, einer Kopie von Robert Woods Ruins of Palmyra ähnelt.