mini|Zen-Tempel (Chicago, USA) Mit Buddhismus im Westen wird der religiöse und philosophische Einfluss des Buddhismus auf die Kultur der sogenannten westlichen Welt bezeichnet. Ebenso wird darunter die Verbreitung des Buddhismus im „Westen“ sowie der zunehmende Austausch zwischen der „westlichen“ Kultur und dem Buddhismus verstanden. Eine intensive Beschäftigung mit dem Buddhismus findet in der westlichen Welt erst seit rund 100 Jahren statt.Karl-Heinz Golzio: Die Ausbreitung des Buddhismus in Süd- und Südostasien: eine quantitative Untersuchung auf der Basis epigraphischer Quellen. Band 16 von Religionswissenschaft Series, Peter Lang Verlag, 2010, ISBN 3-631-61259-1, S. 17
Geschichte Antike Erste Kenntnisse des Buddhismus gelangten schon im Altertum in den Mittelmeerraum: über die Handelswege entlang der Seidenstraße sowie mit den Eroberungszügen Alexander des Großen (356 – 323 v. Chr.) besonders auf Initiative des indischen Kaisers Aśoka (er regierte etwa 268 – 232 v. Chr.), der erstmals religiöse Gesandtschaften nach Syrien, Ägypten, Griechenland und Makedonien aussandte (siehe auch Edikte des Aśoka und drittes buddhistisches Konzil). schließlich über das Diadochenreich der Seleukiden und das Griechisch-Baktrische Königreich (beide 3. – 2. Jahrhundert v. Chr.) sowie das indo-griechische Königreich im Nordwesten Indiens (2. – 1. Jahrhundert v. Chr.), dessen Regent Menandros I. mit dem Milindapanha in Verbindung gebracht wird.
mini|hochkant|Die Pompeji Lakshmi ist eine elfenbeinerne Statuette, die im Jahre 1938 in den Überresten von Pompeji (beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. verschüttet) gefunden wurde. Sie ist vermutlich in Bhokardan (Shatavahana) entstanden und belegt die römisch-indischen Handels- und Kulturbeziehungen
Im ägyptischen Alexandria soll sich längere Zeit eine buddhistische Schule (siehe Therapeuten, ) gehalten haben, von der man annimmt, dass sie die griechische Philosophie beeinflusst haben könnte. Östliche Einflüsse sind vor allem bei Pythagoras und Empedokles, sodann in der Gnosis – in Basilides hat man gar einen Kryptobuddhisten erkannt – und im Neuplatonismus (Plotin und Porphyrius), bei Apollonius von Tyana und bei Origenes erkennbar. Gnosis und Neuplatonismus könnten ihrerseits (Rück-)Wirkungen auf die Ausbildung des Mahayana-Buddhismus gehabt haben. Buddhistische Einflüsse lassen sich auch im gnostischen Gedankengut erkennen. Unter den 700.000 Papyrusrollen der alexandrinischen Bibliothek ist zwar kein einziger buddhistischer Text dokumentiert, aber der Bestand dieser riesigen Bibliothek ging verloren. mini|300px|Buddhistische Gesandtschaften zur Zeit des Aśoka, (268–232 v. Chr.) mini|300px|Der Buddhismus und die Handelswege im 1. n. Chr.
Mittelalter Einen etwas kuriosen Eingang in die christliche Welt hielt Buddha vermittels der im Mittelalter weitverbreiteten Heiligenlegende von Baarlam und Joasaph (auch Josaphat, ursprünglich 'Bodhisattva') aus dem frühen 6. Jahrhundert, die nichts anderes als eine christliche Umarbeitung der Buddha-Legende ist, was freilich erst Jahrhunderte später zutage gefördert wurde. Mit der Heiligsprechung der beiden legendären Gestalten im Jahr 1583 (Namenstag: 27. November) fand so auch Buddha als vermeintlich christlicher Heros Aufnahme in die Heiligengalerie der katholischen Kirche.
Mit dem Aufkommen des Islam und dem Abbruch des geistigen Transfers zwischen Ost und West (ab dem 8. Jh.) gerieten bestehende Kenntnisse über den Buddhismus wieder in Vergessenheit. Erst durch die Berichte des Marco Polo (1251–1324), der viele Jahre am Hof des buddhistischen Mongolenkaisers Kublai Khan zubrachte, gelangten erstmals wieder Nachrichten über den Buddhismus in die westliche Welt. Sie wurden aber als Phantasterei, Ketzerei und Heidentum abgetan und so kaum zur Kenntnis genommen. Geprägt wurde das westliche Bild vom Buddhismus in der Folge auch durch die Berichte christlicher Missionare. So berichtet Volker Mertens von dem Franziskaner Wilhelm von Rubruck, der zwischen 1252 und 1255 das Reich der Mongolen besuchte und für den französischen König Ludwig IX. diese Reise ausführlich dokumentierte. Die offizielle Mission des Gesandten bestand darin, die Mongolen, vielleicht auch den Khan selbst, zum Christentum zu konvertieren, eng verbunden mit dem politischen Ziel, das Land als Verbündeten gegen die Muslime zu gewinnen.
Neuzeit Zwar lebt seit dem 17. Jahrhundert mit den Kalmücken ein ganzes buddhistisches Volk in Europa, es sollten aber wiederum Jahrhunderte verstreichen, ehe sich zunächst Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) und in der Folge vor allem Arthur Schopenhauer (1788–1860) als erste westliche Philosophen der Neuzeit eingehend mit dem östlichen Denken auseinandersetzten. Schopenhauer bezeichnete sich selbst als den »ersten europäischen Buddhisten«, doch waren seine Kenntnisse über diese Religion noch sehr rudimentär und unvollständig. Dennoch wird er als wesentlicher Wegbereiter des Buddhismus in der westlichen Welt gesehen. Buddhistische Einflüsse sind in Schopenhauers Ethiklehren unverkennbar. So hatte er in Abgrenzung zu Kant, jedoch ganz ähnlich dem Buddha das Mitgefühl zum Fundament seiner Ethiklehre erklärt. Ein egalitärer Universalismus bildet den gemeinsamen Bezugspunkt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte in rascher Folge eine rege Übersetzertätigkeit buddhistischer Quellentexte ein, welche zunehmend einen umfassenden und zuvor nicht gekannten Wissensstand vermittelten. Vielen der frühen Rezipienten des Buddhismus in Europa und auch den ersten Konvertiten erschien Buddhas Lehre als eine attraktive, rationale Glaubenslehre ohne die von vielen seinerzeit so empfundenen theistischen Zumutungen des Christentums. Man verstand den Buddhismus als „Vernunftreligion“, ein Begriff, der auf europäische Diskurse der Aufklärung im 17. Jahrhundert zurückgeht, in denen es um die Begründung ethischen Handelns ohne Gottesbezug ging.
20. Jahrhundert mini|„Hsi Lai“ Tempel (Los Angeles, USA) Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zogen erstmals auch Europäer (darunter zahlreiche Deutsche und Österreicher) in den Osten, um in den Ursprungsländern des Buddhismus zu studieren, wobei einige als Übersetzer ins Deutsche hervortraten, wie Karl Eugen Neumann, oder gar dem buddhistischen Mönchsorden beitraten und aus der direkten Begegnung und Auseinandersetzung mit der Lehre den Buddhismus dem Abendland öffneten (Nyanatiloka, Nyanaponika, Lama Anagarika Govinda, Ayya Khema). Umgekehrt begaben sich ab den 1950er-Jahren zunehmend auch asiatische Lehrer, darunter der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh und der japanische Zenmeister Taisen Deshimaru, in die westliche Welt, wo sie ihrerseits zu einer großen Buddhismus-Rezeption im Westen beitrugen.
Heute sind fast alle Schattierungen des Buddhismus im Westen vertreten, allen voran: Theravada, Vajrayana und Zen, aber auch unterschiedliche europäische Neubildungen, wie z. B. der von Sangharakshita gegründete Western Buddhist Order (in Deutschland: „Freunde des Westlichen Buddhistischen Ordens“) oder der von Ole Nydahl geprägte Diamantweg. Jack Austin (1917–1993) strebte mit seiner einflussreichen Zeitschrift Western Buddhist einen ökumenischen westlichen Buddhismus an, der die Traditionen Asiens inkludiert.Birgit Zotz: Jack Austin und das Prinzip des Dialogs. In: Der Kreis Nr. 271, Mai 2014
Weniger stark als in den USA sind auch in Europa die Lehren des „Reine Land Buddhismus“ (Amidismus) und der verschiedenen Schulen des Nichiren-Buddhismus verbreitet. Bekannt wurde der Buddhismus in den letzten Jahrzehnten vor allem über das Schicksal der Tibeter und ihres bekanntesten Repräsentanten, des 14. Dalai Lama.
Buddhismus und westliche Wissenschaft Die Verbreitung des Buddhismus im Westen hat auch ein Zusammentreffen mit der westlichen Wissenschaft zur Folge. Das Prinzip des bedingten Entstehens (strikte Kausalität innerhalb der phänomenalen Welt ohne Annahme einer transzendenten Wirklichkeit) gilt manchem als besser mit einem streng wissenschaftlichen Weltbild verträglich, als der in der abendländischen, jüdisch-christlichen Tradition verankerte Rekurs auf einen Schöpfergott. Das Diktum vieler buddhistischer Lehrer, dass man der Wissenschaft folgen soll, wenn der Buddhismus unrecht hat (Dalai Lama, Lama Ole Nydahl u. a.), wird dann nicht nur als Zeugnis eines großen Vertrauens in die eigene Lehre, sondern auch in das große Potenzial der Wissenschaften interpretiert. Weil der Buddhismus keine Glaubens-, sondern eine Erfahrungsreligion ist, sind Buddhismus und Wissenschaft die Anwendung empirischer Methoden gemeinsam. Die buddhistische Philosophie des Mahayana steht allerdings in Widerspruch zu dem in den Naturwissenschaften vorherrschenden Reduktionismus und Physikalismus, da sie die Erfahrung einer bewusstseinsunabhängig existierenden Wirklichkeit für eine Illusion erklärt und deshalb die Erfahrung der Natur des Geistes als einzige Möglichkeit der Erfahrung der wirklichen Natur der Dinge ansieht. Allerdings werden in der neueren westlichen Erkenntnistheorie und der Wissenschaftstheorie zunehmend antirealistische oder gar idealistische Positionen vertreten (Dummett). Die Biologen und Neurowissenschaftler Francisco Varela und Humberto Maturana beziehen sich explizit auf den Buddhismus. Max Scheler unterschied in seiner Wissenssoziologie zwischen Heils- und Herrschaftswissen, den Buddhismus subsumierte er unter die Kategorie des Heilswissens. Im Unterschied zu Scheler hält z. B. der 14. Dalai Lama Buddhismus und Wissenschaft nicht für zwei einander entgegenstehende Sichtweisen auf die Welt, "sondern eher unterschiedliche Annäherungen an dasselbe Ziel, die Wahrheit zu finden." Das vom Dalai Lama initiierte Mind&Life Institute erhebt seit 1989 den Anspruch, Wissenschaftler und Buddhisten in fruchtbaren Dialog zu bringen, der für bereits für beide Seiten als vorteilhaft erwiesen habe. Die Wissenschaftlerin Eva Funk kommt hingegen zu einer anderen Einschätzung: Über wirklich kritische Dispute werde von solchen Konferenzen und Begegnungen kaum berichtet, eher handele es sich um festliche Ereignisse mit fast zeremoniellem Charakter, wo ein Raunen von großen Zusammenhängen und diffusen Gemeinsamkeiten zu vernehmen ist und man auseinandergeht mit der Vorstellung, Wissenschaft und Religion wieder einmal von beiden Seiten ein großes Stück nähergebracht zu haben. Nicht selten beherrsche eine Allianz wechselseitiger Schmeichelei das Bild.
Literatur: Humberto Maturana, Francisco Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Goldmann, 1987, ISBN 3-442-11460-8. Francisco Varela, Evan Thompson: Der mittlere Weg der Erkenntnis. Scherz Verlag, München 1992, ISBN 3-502-13750-1. Jeremy Hayward: Die Erforschung der Innenwelt. Insel, Frankfurt 1996, ISBN 3-458-33523-4. Jeremy W. Hayward, Francisco Varela: Gewagte Denkwege. Wissenschaftler im Gespräch mit dem Dalai Lama. 2. Auflage. Piper Verlag, München/Zürich 1998, ISBN 3-492-22115-7. Artur Przybyslawski (Hrsg.): Form und Leerheit. Buddhismus und Wissenschaft. Buddhistischer Verlag, Wuppertal 2007, ISBN 978-3-937160-11-5.
Prominente westliche Buddhisten Bekannte westliche Buddhisten lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Die einen sind Prominente wie Richard Gere, Tina Turner, Steve Jobs, Orlando Bloom und Allen Ginsberg, von deren „Buddhist sein“ aufgrund ihrer anderweitig bedingten Bekanntheit öffentlich die Rede ist.
Zum anderen sind es Europäer und US-Amerikaner, die sich so intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt haben, dass sie ihre Erfahrung und ihr Wissen weitergeben können. Zu ihnen gehören z. B. Alexander Berzin, Pema Chödrön, Jeffrey Hopkins, Jack Kornfield und Robert F. Thurman.