mini|Richard Dawkins (2022) rahmenlos|rechts|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Richard Dawkins
Clinton Richard Dawkins, FRS, FRSL (* 26. März 1941 in Nairobi, Kenia) ist ein britischer Zoologe, theoretischer Biologe, Evolutionsbiologe und Autor populärwissenschaftlicher Literatur. Von 1995 bis 2008 war er Professor an der University of Oxford.
Er wurde 1976 mit seinem Buch The Selfish Gene (Das egoistische Gen) bekannt, in dem er die Evolution auf der Ebene der Gene analysiert. Er führte den Begriff Mem als hypothetisches kulturelles Analogon zum Gen in der biologischen Evolution ein. In den folgenden Jahren schrieb er mehrere Bestseller, unter anderem The Extended Phenotype (1982), Der blinde Uhrmacher (1986), Und es entsprang ein Fluß in Eden (1995), Gipfel des Unwahrscheinlichen (1996), Der Gotteswahn (2006) und Die Schöpfungslüge (2009) sowie weitere kritische Beiträge zu Religion und Kreationismus.
Dawkins ist Skeptiker und gilt als einer der bekanntesten Vertreter des „Neuen Atheismus“ und der Brights-Bewegung.
In einer Umfrage des Magazins Prospect wählte eine Auswahl britischer und US-amerikanischer Juroren Dawkins 2013 zum weltweit wichtigsten Denker.
Leben Richard Dawkins wurde 1941 in Nairobi geboren, wohin sein Vater Clinton John Dawkins als Angehöriger der Alliierten Streitkräfte versetzt worden war. Er hat eine jüngere Schwester. Er kehrte mit seiner Familie 1949 nach England zurück. Später studierte er bei dem niederländischen Ethologen Nikolaas Tinbergen am Balliol College der University of Oxford Biologie. Im Jahr 1966 erlangte er seinen Doktorgrad in Zoologie (D.Phil.).
Im Jahre 1967 heiratete er die Biologin Marian Stamp, von der er sich 1984 trennte.
In den Jahren 1967 bis 1969 war Dawkins Assistenzprofessor der Zoologie an der University of California, Berkeley, von 1970 bis 1995 Dozent für Zoologie am New College der Universität von Oxford.
1984 heiratete er Eve Barham (gest. 1999), mit der er im selben Jahr eine Tochter hatte. Auch diese Ehe wurde geschieden. Von 1992 bis 2016 war er mit der Schauspielerin Lalla Ward verheiratet.
Seit 1997 ist er gewähltes Mitglied der Royal Society of Literature und seit 2001 auch gewähltes Mitglied der Royal Society. Im Jahre 1991 hielt er die renommierte Weihnachtsvorlesung der Royal Institution (Growing Up in the Universe).
Ab 1995 war er Charles Simonyi Professor of the Public Understanding of Science an der Oxford University. Charles Simonyi äußerte sich wiederholt als Anhänger des wissenschaftlichen Werks von Dawkins. Für die Einrichtung spendete der Milliardär Simonyi 1,5 Mio. Pfund an die Oxford University. Im Jahre 2008 wurde bekanntgegeben, dass die Professur neu ausgeschrieben würde und Dawkins von dieser Position aus Altersgründen zurücktreten wolle.
Der Spiegel bezeichnete im Jahre 2006 Dawkins als „einflussreichsten Biologen seiner Zeit“.
Dawkins lebt in Oxford.
Werk Biologie und biologische Evolution mini|hochkant|Richard Dawkins(März 2008)
Dawkins erlangte 1976 Bekanntheit mit seinem Schlagwort vom egoistischen Gen. In seinem gleichnamigen Buch beschreibt er das Gen als fundamentale Einheit der natürlichen Selektion, die den Körper nur als „Überlebensmaschine“ benutzt. Es wurde 2017 in einer Umfrage der Royal Society zum inspirierendsten britischen wissenschaftlichen Buch aller Zeiten gewählt.
Er tritt innerhalb der Evolutionsbiologie für die These ein, dass in evolutionären Prozessen Konkurrenzsituationen (Fitnessunterschiede) auf genetischer Ebene ausschlaggebend sind, wohingegen Gruppenselektion keine oder nur eine marginale Rolle spielt. In seinem ersten Buch Das egoistische Gen behandelt er diese Thematik und führt sie dann in The Extended Phenotype (1982) weiter aus, indem er die enge Definition des Phänotyps erweiterte und vermehrt das einzelne Gen ins Zentrum stellt. Diese Haltung war im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts weitestgehend akzeptiert. In jüngster Zeit jedoch wurde diese Aussage durch theoretische Modelle und konkrete Beispiele relativiert. Hier sind insbesondere die Arbeiten des Biologen David Sloan Wilson sowie des Wissenschaftsphilosophen Elliott Sober zu nennen.
Vermittelt über die Soziobiologie, als deren führender Vertreter Dawkins – neben Edward O. Wilson – gilt, wird die Vorstellung vom egoistischen Gen zum Teil auch in den Sozialwissenschaften rezipiert, ist dort aber sehr umstritten.Gebhard Kirchgässner: Homo oeconomicus. 2008, S. 293, 295 ff.
Mem
In seinem Buch Das egoistische Gen führte Dawkins 1976, als hypothetische Analogie zum Gen als Replikationseinheit der biologischen Evolution, den Begriff Mem als Replikationseinheit der kulturellen Evolution ein. Beispiele für Meme sind nach Dawkins: „Ideen, Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Kunst, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen“. Meme vermehren sich demnach im Mempool, „indem sie von Gehirn zu Gehirn springen durch einen Prozeß, den man im weitesten Sinne als Imitation bezeichnen kann“, und unterliegen ebenso wie Gene Mutation und Selektion.
Dawkins wollte mit dem Mem-Konzept vor allem den universellen Charakter der Darwin’schen Evolutionstheorie verdeutlichen und zeigen, dass Gene nicht die „einzigen Angehörigen jener wichtigen Klasse der Replikatoren sind“, betonte dabei aber den spekulativen Charakter der Idee. Mittlerweile gibt es einige Wissenschaftler, die sich in der neuen Forschungsrichtung der Memetik mit dieser Form von Replikatoren befassen und Meme als tatsächliche Replikationseinheiten der kulturellen Evolution akzeptieren. Ein bekannter Vertreter der Memtheorie ist zum Beispiel Daniel Dennett.
Weltanschauung In einem 1994 veröffentlichten Interview beschrieb sich Dawkins selbst als „ziemlich militanten Atheisten“.Thomas A. Bass: Reinventing the Future. Addison-Wesley Pub., 1994, ISBN 0-201-62642-X, S. 118 (). 1996 antwortete er auf die Frage, ob er lieber als Wissenschaftler oder militanter Atheist bekannt sein möchte: „Bertrand Russell bezeichnete sich als leidenschaftlichen Skeptiker. Das ist ein großes Ziel, aber ich strebe es an.“ Da Dawkins die Existenz eines Gottes nicht zu 100 Prozent ausschließt, bezeichnet er sich selbst auch als Agnostiker. Dabei schätzt er die Wahrscheinlichkeit, dass Gott existiert, als sehr gering ein. Agnostizistische Positionen, wonach die Existenz und Nicht-Existenz Gottes gleich wahrscheinlich sind, oder über diese Wahrscheinlichkeiten keine Aussage getroffen werden kann, lehnt er ab.Richard Dawkins: Der Gotteswahn. Ullstein Verlag, 2008, S. 67 ff. Allerdings bezeichnet sich Dawkins zuweilen als „Kulturchristen“, da die christliche Kultur im Gegensatz zum Islam „fundamental anständig“ sei.
mini|Ariane Sherine und Richard Dawkins beim Start der Atheist Bus Campaign (Oktober 2008)
Dawkins ist Mitglied der britischen Skeptics Society, einer Organisation der Skeptikerbewegung, sowie weiterer britischer Organisationen zur Förderung humanistischer und atheistischer Weltanschauungen und einer stärkeren Säkularisierung des britischen Staates. Er gehört zu den Meinungsführern der Brights. Schon in früheren Werken verteidigte er die Evolutionstheorie vehement gegen teleologische Konzepte, die in der Entstehung der Arten eine Zielgerichtetheit erkennen wollten. Insbesondere bekämpft er jede Form von Kreationismus und Intelligent Design.
In seinen Büchern wie The Blind Watchmaker (dt.: Der blinde Uhrmacher) oder Climbing Mount Improbable (Gipfel des Unwahrscheinlichen. Wunder der Evolution) erklärt er, wie die Vielfalt und Komplexität des Lebens gemäß der Evolutionstheorie durch Prozesse der natürlichen Selektion entstanden und lediglich eine Illusion von „Design“ vermitteln.
In den vergangenen Jahren hat er sein Streiten auf die Religion im Allgemeinen ausgeweitet. So stellt er sie in seinem Essay Viruses of the Mind Religion im Rückgriff auf seine Mem-Theorie als „gedankliches Virus“ dar. Damit meint er, dass Religionen ein kulturelles Konstrukt sind, das sich auf Grund gewisser Eigenschaften besonders schnell verbreitet und in den Köpfen der Menschen festsetzt.
Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern und Autoren wie zum Beispiel Sam Harris oder Christopher Hitchens wendet er sich nicht nur gegen den Glauben an einen Gott, sondern auch gegen den „Glauben an den Glauben“. Damit meint er die Tendenz an sich nicht religiöser Menschen, der Religion eine positive Wirkung auf die Moral und die Ethik zuzuschreiben. Im Jahre 2006 erschien sein Buch The God Delusion (dt.: Der Gotteswahn), in dem Dawkins theistische Religionen und insbesondere die drei monotheistischen Weltreligionen als irrational und schädlich beschreibt.
Die Atheist Alliance International (Internationaler Atheisten-Verband) vergibt seit 2003 den Richard-Dawkins-Preis für einen herausragenden Atheisten, der die nicht-theistische Weltanschauung öffentlichkeitswirksam präsentiert hat, fachwissenschaftliche Kenntnisse vergrößert hat oder vorbildhaft nicht-theistische Philosophie lehrt und dessen öffentliches Auftreten die „kompromisslose“ nicht-theistische Weltanschauung von Dawkins spiegelt.Die Originalformulierung: Website der Atheist Alliance Group Im Jahre 2005 verlieh Dawkins den Preis persönlich an die Illusionskünstler Penn & Teller. Bericht und Interview mit Richard Dawkins von Gordy Slack, aus dem Englischen übersetzt von Dietmar Michalke (PDF; 176 kB)
Im Jahre 2006 gründete er die Richard Dawkins Foundation for Reason and Science (RDFRS oder RDF),Richard Dawkins Foundation for Reason and Science Internetpräsenz der Richard Dawkins Foundation eine gemeinnützige Stiftung, welche sich in den Bereichen der humanistischen Forschung und Bildung engagieren will.
Richard Dawkins unterstützte in den Jahren 2008 und 2009 gemeinsam mit der British Humanist Association die Atheist Bus Campaign der Aktivistin Ariane Sherine, auf Londoner Bussen die Zeilen zu veröffentlichen. Seine Unterstützung begründete Dawkins mit: „Diese Kampagne wird Leute zum Denken bringen – und Denken ist Anathema für jede Religion.“
Im Jahre 2014 erklärte Dawkins, dass seiner Meinung nach das Austragen eines Kindes mit Down-Syndrom unmoralisch sei, und riet stattdessen zum Schwangerschaftsabbruch, um Leiden zu vermeiden.
In Bezug auf die Politik in Großbritannien unterstützt Dawkins die Liberal Democrats, für die er auch mehrmals öffentlich Wahlempfehlungen abgab.LibDems are the Party of Progress The Guardian, 28. April 2010Who you’re voting with if you’re voting Lib Dem iNews, 7. Juni 2017
Rezeption Auszeichnungen mini|hochkant|Dawkins (re.) und Karlheinz Deschner (li.) bei der Verleihung des Deschner-Preises 2007 in Frankfurt
Dawkins erhielt Ehrendoktorwürden von der Universität Westminster, der University of Durham, der University of Hull, der Open University und der Vrije Universiteit Brussel.
Seine populärwissenschaftlichen Bücher wurden mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet. So erhielt er 1987 den Royal Society of Literature Award, im selben Jahr den Literaturpreis der Los Angeles Times. Im Jahre 1990 erhielt er den Michael Faraday Award der Royal Society und 1994 den Nakayama-Preis sowie 1997 den International Cosmos Prize for Achievement in Human Science und 2001 den Kistler Prize.
Er ist Vizepräsident der British Humanist Association. Von der American Humanist Association wurde er 1996 zum „Humanisten des Jahres“ gekürt; diese Auszeichnung wurde ihm 2021 wieder entzogen, da er „marginalisierte Gruppen unter dem Deckmantel des wissenschaftlichen Diskurses herabgewürdigt“ habe; hierzu zählten Transgender-Personen sowie Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Im Jahre 2001 wurde er mit dem Emperor Has No Clothes Award der Freedom From Religion Foundation ausgezeichnet. Zu Ehren Dawkins’ wird der seit 2003 verliehene Preis der Atheist Alliance International „Richard Dawkins Award“ genannt.
Im Jahre 2005 wurde er im Magazin Prospect nach Noam Chomsky und Umberto Eco zum drittwichtigsten lebenden Intellektuellen weltweit gewählt,