Der Schweizerspiegel ist ein politischer Roman von Meinrad Inglin, der im Jahr 1938 in Leipzig erschienen ist. Er behandelt das Schicksal der Schweiz in der Zeit um den Ersten Weltkrieg und ist das literarische Monument nationaler Selbstbehauptung in einer extremen Krisensituation, wie sie sich ähnlich zur Zeit der Abfassung in den dreissiger Jahren wieder abzuzeichnen begann. Der Schweizerspiegel gilt als Inglins Hauptwerk.
Inhalt und Bedeutung des Romans Der Schweizerspiegel ist ein breit angelegter, umfangreicher Roman, der das Schicksal der Schweiz in den Jahren 1912 bis 1918 darstellt. Die Zeit des Ersten Weltkrieges war für die Schweiz nicht nur eine Phase der äusseren Bedrohung, sondern auch der inneren Spannungen, die in einer seltenen Intensität ausgelebt wurden. Das Kernthema des Romans ist denn auch die Darstellung dieser Spannungen und die Rückbesinnung auf jene Werte, die diese Spannungen abbauen können. Die Handlung setzt ein mit den vom Deutschen Kaiser besuchten grossen Armeemanövern (Kaisermanöver) im Herbst 1912 und schliesst alle wesentlichen historischen Ereignisse ein bis zum Generalstreik im November 1918. Dazu gehören die Mobilmachung der Armee und die Generalswahl, der Grenzdienst mit seinen Strapazen, die Oberstenaffäre und die Grimm-Hoffmann-Affäre. Die Saturiertheit des Bürgertums in den Vorkriegsjahren ist dabei ebenso Thema wie es die revolutionären Umtrieben am Ende des Weltkrieges sind; die uneigennützigen und opferbereiten Hilfeleistungen an den Kriegsversehrten, an denen sich Menschen aus allen Schichten beteiligten, ebenso wie die rücksichtslosen Machenschaften der Kriegsgewinnler.
Die wichtigsten Handlungsträger sind die Mitglieder der Familie des liberalen Nationalrats und Brigadekommandanten Ammann aus Zürich, sowie die weiteren Verwandten, die geschickt so gewählt sind, dass die verschiedensten Schichten, Gruppierungen und Landesteile vertreten sind. Der älteste Sohn Severin steht dabei mit seinen konservativen und deutschfreundlichen Ansichten nicht nur im Gegensatz zu seinem Bruder Paul, der sozialistische Anliegen vertritt, er steht auch in Opposition zu seinem Onkel Junod, der die welsche Seite repräsentiert. Die Vehemenz, mit der die Positionen vertreten werden, führt vorübergehend zu einem familiären Zerwürfnis, das dem inneren Zustand des ganzen Landes entspricht. So ist denn „der eigentliche »Held« des Buches [...] keine Einzelfigur, sondern – wie im Mann ohne Eigenschaften – ein Zustand; der Ausnahme- und Belagerungszustand der Schweiz, das nichtschlüssige, aber aufrüttelnde Abenteuer des bewaffneten Neutralitätsschutzes, im Kern: das stille Drama der Neutralität selbst.“Adolf Muschg: Ausser Spesen nichts gewesen? Adolf Muschg über Meinrad Inglin: Schweizerspiegel (1938). In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Romane von gestern – heute gelesen, Bd. III 1933–1945, Frankfurt am Main 1996, S. 165 f.
Die historischen Fakten sind Inglin grossenteils aus eigenem Erleben zur Verfügung gestanden, sind aber auch durch ausführliche Recherchen erhärtet und ergänzt worden. Ausführliche chronikalische Passagen sind eng verwoben mit der fiktionalen Erzählung: „Inglin will dokumentarisch genau vorgehen, ohne ein blosses Geschichtsbuch zu schreiben. Historisches Material und Dichtung treten in ein fruchtbares episches Spannungsverhältnis und fügen sich im Werk bruchlos ineinander.“Beatrice von Matt: Meinrad Inglin. Eine Biographie. Zürich 1976, S. 171 Der Roman kann deshalb auch als Schlüsselroman gelesen werden.Jakob Tanner: Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-68365-7, S. 125
Die dargestellten Grundkonflikte der Schweiz, die sich im Laufe der Zeit und unter dem äusseren Druck des Krieges immer stärker akzentuieren, sind hauptsächlich:
Der sprachregionale Konflikt zwischen dem deutsch- und dem französischsprachigen Landesteil, mit den entsprechenden Sympathien für die jeweiligen kriegführenden Parteien, der gleich zu Beginn des Krieges in der Wahl des Oberbefehlshabers der Armee einen ersten Höhepunkt hat. Die sozialen Spannungen zwischen Bürgertum und Proletariat, die während des Krieges durch Nahrungsmittelknappheit und Teuerung verstärkt und durch die revolutionären Ereignisse in den umliegenden Ländern, vor allem aber in Russland, angeheizt werden, und die sich 1918 in einem landesweiten Generalstreik entladen, der mit Hilfe der Armee niedergeschlagen wird. Damit verbunden der Umbruch im politischen System, wo das Machtmonopol der Freisinnigen Partei erschüttert wird durch die Erstarkung anderer, sich auch als bürgerlich verstehenden Kräfte, was einerseits zur Gründung der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei führt (vorerst in wenigen Kantonen), während andererseits in national-konservativen Kreisen an der Schaffung von Bürgerwehren gearbeitet wird.
Dazu kommen die psychischen Probleme in der Armee eines nicht kriegführenden, aber von kriegführenden Mächten umgebenen Staates, wenn während längerer Zeit unter ständiger Anspannung und höchster Gefahr immer wieder Alarmsituation herrscht, der Alarm aber jedes Mal wieder abgeblasen wird, da die erwarteten Angriffe ausbleiben. In dieser zermürbenden Lage greift der Cafard um sich und droht die Sinnhaftigkeit des militärischen Einsatzes in Frage zu stellen.
Dazu kommen ausserdem auf der persönlichen Ebene der Verlust vermeintlich fest gefügter Werte von Ehe und Familie und das Schwinden elementaren Anstandes zwischen Nachbarn und Bürgern. Streit zwischen Ehegatten, zwischen Brüdern, zwischen Vater und Sohn und zwischen Verschwägerten verbreitet sich und kann allenfalls notdürftig überkleistert werden. Kriegsgewinnler lösen die alten Eliten ab und stellen ihren neu erworbenen Reichtum hämisch zur Schau. Die Monotonie des Alltags in der Armee artet aus in wüste Alkoholexzesse.
In dieser in aller Schärfe gezeichneten Krisensituation bringen am Ende des Romans zwei Prinzipien eine Beruhigung und mögliche Befriedung: Erstens die Rückbesinnung auf die gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame Werte und Traditionen, und darauf, dass der Reichtum der Schweiz gerade in ihrer Uneinheitlichkeit, in ihrer Vielgestaltigkeit liegt. Und zweitens das Vertrauen auf eine als schweizerisch verstandene Tugend, nämlich auf die Tugend, Konflikte nicht auf die Spitze zu treiben, sondern rechtzeitig einen Kompromiss zu suchen. Dieser „rechtzeitige Gefechtsabbruch“Meinrad Inglin: Schweizerspiegel, in: Gesammelte Werke in 10 Bänden, hrsg. Von Georg Schoeck, Neuausgabe, Band 5, Limmat Verlag, Zürich 2014, S. 844 verhindert auch im Falle des Generalstreiks den drohenden Bürgerkrieg und ebnet den Weg zu einer demokratisch legitimierten Neuordnung des politischen Systems.
Gattungsmässig wird man den Schweizerspiegel aufgrund seiner klaren Wirkabsicht am ehesten dem politischen RomanBeatrice von Matt im Nachwort zu Meinrad Inglin: Schweizerspiegel. In: Gesammelte Werke in 10 Bänden, hrsg. von Georg Schoeck, Neuausgabe, Band 5, Limmat Verlag, Zürich 2014, S. 887: „Doch hatte er [Inglin] nicht primär ein kulturhistorisches Buch im Sinn, sondern einen politischen Roman über die Kriegszeit der Schweiz und deren Weg zur Kompromissdemokratie.“ zuordnen; gleichzeitig trägt er mit der breit angelegten Schilderung der schweizerischen Gesellschaft aber auch Züge des Gesellschafts-Martin Schaub über den Schweizerspiegel: „Dieser einzigartige Gesellschaftsroman...“. In: Martin Schaub, Otto F. Walters Wortmaschine, Tagesanzeiger Magazin Nr. 31, 6. August 1988 oder Zeitromans.Beatrice von Matt: Meinrad Inglin. Eine Biographie. Zürich 1976, S. 189: „Trotzdem gilt der «Schweizerspiegel» als einer der hervorragendsten und welthaltigsten Zeitromane der schweizerischen Literatur.“
Personen Die Romanhandlung wird von vielen fiktionalen Personen getragen und ist ausserdem verflochten mit Personen der Geschichte. Es gibt Interaktionen zwischen den fiktionalen und den historischen Personen, wodurch das Romangeschehen auf reizvolle Art im historischen Rahmen verankert ist.
Fiktionale Personen Im Zentrum des Romans stehen die Angehörigen der Familie von Alfred Ammann. Kein Handlungsstrang, der nicht wenigstens einen von ihnen als Träger hat, keine Szene, die nicht aus der Perspektive einer dieser Personen geschildert ist. Wohnort der Familie Ammann ist Zürich. Es gibt aber auch andere Schauplätze, vor allem aufgrund militärischer Grenzeinsätze im Jura und im Tessin; und Ammanns Nationalratsmandat bringt auch Bern ins Blickfeld.
Alfred Ammann Alfred Ammann, im Roman selber meist nur als „Ammann“ bezeichnet, während auf die anderen Personen üblicherweise mit dem Vornamen Bezug genommen wird, stammt aus einer Bauernfamilie. Sein Bruder Robert bewirtschaftet noch immer den Hof, auf dem sie aufgewachsen sind. Alfred aber ist in die Stadt gezogen, hat Erfolg gehabt in Armee und Politik. Zu Beginn des Romans scheint er auf dem Höhepunkt seiner Karriere, ist Nationalrat, Brigadier und Jurist. Er bewohnt mit seiner Familie ein stattliches Herrschaftshaus in Zürich. Er ist überzeugter Anhänger einer liberalen Demokratie. Seine Haltung ist tolerant und human. Ammann ist das Modell des bürgerlichen Schweizers, wie es noch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet war. Seine Handlungen allerdings scheinen kurzsichtig, wenig konsequent, eher übervorsichtig und kleinlich und ziehen einen Misserfolg nach dem andern nach sich. Seine politische Grundhaltung kann er nicht durchsetzen. Seine Söhne Severin und Paul werden ausserhalb der Mitte politisch aktiv, Fred scheint indifferent, was Ammann alles als Gefahr für die schweizerische direkte Demokratie empfindet, die seiner Meinung nach auf Engagement, Toleranz und Ausgleich angewiesen ist. Den herrschaftlichen Familiensitz setzt er ohne Not aufs Spiel und das militärische Kommando verliert er. So muss er am Ende eine enttäuschende Lebensbilanz ziehen, gemildert nur durch den Sieg der Toleranz beim Ende des Generalstreiks. Die Krise der Schweiz spiegelt sich in der Krise im Leben von Alfred Ammann.
Barbara Ammann Barbara, die Frau Ammanns, ist eine resolute und umsichtige Hausfrau, deren Wirken weit über das rein Häusliche hinausgeht und die ihrem Ehemann nötigenfalls Widerstand bieten kann, wenn sie von einer Sache überzeugt ist. Während der Kriegszeit engagiert sie sich stark in der Betreuung der Kriegsopfer, die in der Schweiz vorläufig Aufnahme und Hilfe finden, und sie organisiert Geldsammlungen zu humanitären Zwecken. Sie ist auch die, die versucht, die Familie so gut wie möglich zusammenzuhalten und Streit zu schlichten. Kein Verständnis hat sie anfänglich für die Eheprobleme ihrer Tochter Gertrud, die sie zu verdrängen sucht. Umso mehr erschüttert sie der Verlust vermeintlich fest gefügter Werte.
Severin Ammann Der älteste Sohn Ammanns ist Redakteur bei der Zeitung „Ostschweizer“, ein von der Redaktionskommission, zu der auch sein Vater gehört, als liberal angedachtes Blatt, das unter dem Einfluss von Severin immer stärker nationalkonservative und deutschfreundliche Züge annimmt. Während Ammann stets ausgleichend zu wirken sucht, entwickelt Severin je länger desto mehr polarisierende Tendenzen und wird zu einem radikalen Gegenspieler der welschen Position, was zum Zerwürfnis mit dem welschen Zweig der Familie (Junod) führt. Severins kompromisslose Art bringt Ammann in eine heikle Lage, der als Mitglied der Redaktionskommission mit dem Inhalt der Zeitung identifiziert wird. In der Folge wird Severin als Redakteur abgesetzt, aber ohne festen Termin, so dass er de facto weiter wirken kann. In der Auseinandersetzung um den Generalstreik traut er der Regierung und der Armee die seiner Meinung nach nötige Durchsetzungskraft nicht zu und versucht eine Bürgerwehr aufzubauen.
Paul Ammann