miniatur|hochkant|Karl Heinrich Ulrichs mini|hochkant|Gedenktafel am Magnus-Hirschfeld-Ufer, in Berlin-Moabit Karl Heinrich Ulrichs (* 28. August 1825 in Westerfeld, heute Stadtteil Kirchdorf in Aurich (Ostfriesland); † 14. Juli 1895 in L’Aquila, Italien) war ein deutscher Jurist, Journalist, Verleger, Schriftsteller, Privatgelehrter, Vorreiter der SexualwissenschaftHans-Martin Lohmann: Geschichte der Sexualität – Vom Widerspruch her gedacht (Buchbesprechung: Volkmar Sigusch, Geschichte der Sexualwissenschaft, Campus, 2008), Frankfurter Rundschau Online, Version vom 18. Juni 2008 12:15 und einer der ersten bekannten Vorkämpfer für die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen.

Er forschte und publizierte über gleichgeschlechtliche Liebe, die er „Uranismus“ nannte, und propagierte die Möglichkeit der Eheschließung zwischen zwei Männern, die er als „urnische Ehe“ bezeichnete. Den Begriff „homosexuell“ gab es zu dieser Zeit noch nicht. Er bekannte sich zudem öffentlich und selbstbewusst zu seiner Veranlagung, was zu seiner Zeit ein unerhörter Vorgang und wegen drohender Strafverfolgung nicht ungefährlich war. Volkmar Sigusch bezeichnete ihn als den „ersten Schwulen der Weltgeschichte“.

Auf dem deutschen Juristentag 1867 in München forderte er in einer Rede erstmals öffentlich die Straffreiheit gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen, da diese auf einer natürlichen Veranlagung beruhen würden, worauf es zu tumultartigen Szenen unter den Zuhörern und zum Abbruch seiner Rede kam. Ulrichs gilt als ein früher Vordenker und -kämpfer der heutigen Lesben- und Schwulenbewegung, blieb aber zu Lebzeiten mit seinen Ideen und Forderungen ein Außenseiter. Statt der angestrebten Liberalisierung musste er die zunehmende staatliche Repression gegen Homosexuelle nach der deutschen Reichsgründung 1871 miterleben, weshalb er 1880 enttäuscht ins Exil nach Italien ging. Teile seiner wissenschaftlichen Theorien zur Sexualität wurden nach seinem Tod von anderen Vorreitern der Sexualwissenschaft wie Magnus Hirschfeld aufgegriffen. Für über 100 Jahre nach seinem Tod weitgehend vergessen, erfahren sein Werk und seine Person seit einigen Jahren eine zunehmende Anerkennung in der SexualwissenschaftVolkmar Sigusch: Karl Heinrich Ulrichs, Der erste Schwule der Weltgeschichte. Männerschwarm, 2000, ISBN 978-3-86149-105-7 und der Lesben- und Schwulenbewegung. Anlässlich seines 200. Geburtstages am 28. August 2025 wurde Ulrichs in der Presse erneut als Vordenker der Gleichstellung von Homosexuellen und genderqueeren Personen gewürdigt.

Leben und Wirken Von 1844 bis 1846 studierte er Theologie und Jurisprudenz an der Universität Göttingen – dort schloss er sich zunächst 1844 der burschenschaftlichen Allgemeinheit, dann den Burschenschaften Al(l)emannia (1845) und Hercynia (1845/46) an.Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 699–701.Ernst August Gries: Progreß-Burschenschaft Hercynia Göttingen, 1845–1867/68, Koblenz 2014, S. 27, von: www.burschenschaftsgeschichte.de Anschließend betrieb er bis 1848 ein Studium der Geschichte an der Universität Berlin und verfasste eine lateinische Dissertation zum Thema Westfälischer Frieden. Als er 1854 in Hildesheim Gerichtsassessor war, wurde gegen ihn ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil er einem Gerücht zufolge „widernatürliche Wollust mit anderen Männern treibe“. Zwar war im Königreich Hannover Homosexualität nicht unter Strafe gestellt, jedoch damit verbundene öffentliche Ärgernisse (§ 276 des Criminalgesetzes für das Königreich Hannover). Daraufhin verließ Ulrichs sofort den Staatsdienst und ließ sich 1856 in Burgdorf als Anwalt nieder. 1859 erließ aber das Oberappellationsgericht Celle ein Berufsverbot nach entsprechenden Ermittlungen durch das Ministerium. Ulrichs schlug sich als Journalist (unter anderem als Korrespondent der berühmten Allgemeinen Zeitung des Verlegers Johann Friedrich Cotta), als Privatsekretär und mit Fremdsprachenunterricht durch. Ulrichs galt als einer der besten Latein­kenner seiner Zeit.

1864 veröffentlichte Ulrichs die erste von insgesamt 12 Schriften Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe, die in einigen deutschen Staaten verboten wurden. In ihnen stellte Ulrichs die Hypothese von der weiblichen Seele im männlichen Körper auf. Gleichgeschlechtliche Liebe nannte er Uranismus (der Begriff Homosexualität wurde erst 1869 vom österreichisch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny geprägt). Ulrichs bekannte sich öffentlich als Urning. Er ging von einer natürlichen, nicht krankhaften Veranlagung aus und forderte daher die Straflosigkeit homosexueller Handlungen. Durch diese Forschungen und Publikationen wurde er zu einem der Vorreiter der damals noch im Entstehen begriffenen Sexualwissenschaft.

Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe

Im Jahre 1867 trug er diese Forderung erstmals öffentlich vor: Auf dem deutschen Juristentag in München vor 500 Mitgliedern rief diese jedoch tumultartige Szenen vor, in denen seine Rede unterging.

Ulrichs war stolz auf diesen Auftritt und schrieb dazu später:Karl Heinrich Ulrichs: „Gladius furens“: das Naturrätsel der Urningsliebe und der Irrtum als Gesetzgeber: eine Provokation an den deutschen Juristentag. sechste Schrift über mannmännliche Liebe. Max Spohr, 1898

Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch nannte Ulrichs wegen dieses bewussten „Coming-out“ und seiner selbstbewussten Haltung den „ersten Schwulen der Weltgeschichte“. In der Rückschau gilt der Auftritt von 1867 zudem als erstes öffentliches Coming-out in Deutschland.

Noch im selben Jahr 1867 beschlagnahmten die preußischen Behörden Ulrichs Archiv und vernichteten es.Jens Dobler: Ausstellungen, Archiv, Bibliothek – Das Schwule Museum in Berlin. In: Sexuologie . 20 (1–2), 2013, S. 66–69. Ulrichs stand nach seiner Münchner Rede verstärkt im Blick preußischer und später reichsdeutscher Behörden. Vor allem wegen der immer mehr um sich greifenden Homosexuellenverfolgung nach der Reichsgründung unter Preußen (siehe § 175), aber auch verbittert und resigniert wegen seiner Erfolglosigkeit, ging Ulrichs 1880 nach Italien ins Exil und ließ sich in Neapel nieder.

Im Juni 1883 zog er nach L’Aquila, wo er zwölf Jahre später starb. Weil sein Grab ein wichtiger und gut erhaltener historischer Ort ist, wird es von Menschen häufig besuchtPirmin Meier: Der Heilige Vater Franziskus sprach das Wort des Jahres. Zentralschweiz am Sonntag, 14. Juli 2013, S. 7 (online (PDF; 167 kB) auf dem Internet-Portal für Wahlen und Abstimmungen im Kanton Luzern), die sich für die Geschichte der Homosexuellen interessieren.

Alaudae In Italien gab er von 1889 bis 1895 eine kleine, aber von Freunden des Lateinischen in mehreren Kontinenten abonnierte lateinischsprachige Zeitschrift namens Alaudae (deutsch „Lerchen“) heraus. Darin verfolgte er ein neues idealistisches Ziel: die Wiederbelebung der lateinischen Sprache als Lingua franca der humanistisch Gebildeten.

Urninge und Dioninge mini|Aphrodite Urania als Schirmherrin der Künste (Christian Griepenkerl, 1878/79) miniatur|links|hochkant|Titelblatt der von Ulrichs herausgegebenen Zeitschrift Uranus, Januar 1870. Weil die bis dato benutzten Ausdrücke für die homosexuellen Männer ihm zu sehr negativ gefärbt erschienen, führte Ulrichs seine eigenen Begriffe ein. Seine Terminologie baute sich auf der Rede Pausanias in Platons Symposion (Kapitel 8 und 9), die zwei Formen der Liebesgöttin Aphrodite vorstellt: Den heterosexuellen Mann bezeichnete Ulrichs als Dioning – nach der Göttin Aphrodite Dionea, die Zeus als Vater und Dione als Mutter hatte und somit verschiedengeschlechtliche Liebe repräsentierte. Den homosexuellen Mann bezeichnete Ulrichs als Urning – nach der Göttin Aphrodite Urania, die nach der Legende aus abgetrennten Körperteilen ihres Vaters Uranus entstand, also eingeschlechtliche Liebe repräsentierte. Ulrichs’ Systematik sah auch den Begriff Urninde für eine homosexuelle Frau vor.

Ulrichs war überzeugt, dass die Urninge und die Dioninge von verschiedener Natur seien und daher der Ausdruck „widernatürliche Unzucht“ auf Liebe zwischen Urningen nicht anwendbar war. Die Liebe zwischen zwei Urningen war nach Meinung Ulrichs’ in höchstem Maße ethisch, weil sie die beiden Individuen ihrer Natur gemäß entwickeln lässt. In seinen Schriften erörterte Ulrichs auch die Frage einer Ehe zwischen einem Urning und einem Dioning und inwieweit diese ethisch vertretbar sei. Die von ihm bereits Mitte des 19. Jahrhunderts skizzierte Zwischenstufentheorie brach das binäre Geschlechtermodell auf und postulierte, dass es mehr als zwei Geschlechter gebe; sie wurde später durch Magnus Hirschfeld weiterentwickelt und popularisiert. Auch Otto de Joux bezog sich teilweise auf Ulrichs.

Aufgrund seiner Veröffentlichungen erhielt Ulrichs viele Zuschriften und wurde durch die sich daraus entwickelnde umfangreiche und weitgespannte Korrespondenz mit Betroffenen auch mit verschiedenen Graden und Spielarten gleichgeschlechtlicher Neigungen bekannt. Aufgrund dessen entwickelte er seine Theorie weiter und gelangte schließlich zu einer Art Zwischenstufentheorie, die später von Magnus Hirschfeld (der noch mit Ulrichs’ Schwester Ulrike darüber sprechen konnte) aufgegriffen wurde. So schrieb er: „Der geschlechtliche Dualismus, welcher ausnahmslos in jedem menschlichen Individuum im Keim vorhanden ist, kommt in Zwittern und Uraniern nur in höherem Grade zum Ausdruck als im gewöhnlichen Mann und im gewöhnlichen Weib. Im Uranier kommt er ferner nur in einer anderen Weise zum Ausdruck als im Zwitter.“Ulrichs, K. H. (1994 [geschrieben 1862, veröffentlicht 1899]): Vier Briefe von Karl Heinrich Ulrichs (Numa Numantius) an seine Verwandten. In: Kennedy, H. (1994): Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe. In 4 Bänden. Band 1. Verlag Rosa Winkel, Berlin.Voß, H.-J. (2011): Geschlecht: Wider die Natürlichkeit. Schmetterling, Stuttgart.

Urningsbund In seinem Entwurf zu den „Satzungen für den Urningsbund“ hat Ulrichs unter „Zwecke“ angegeben:Hubert Kennedy: Karl Heinrich Ulrichs: Leben und Werk. MännerschwarmScript, Hamburg 2001, ISBN 3-935596-27-8

Rezeption Obwohl in zahlreichen Städten Straßen und Plätze nach Ulrichs benannt wurden, ist seine Bedeutung für die moderne Geschichte in der breiten Öffentlichkeit nach Einschätzung der Presse bislang oft wenig präsent. Der Historiker Norman Domeier würdigt Ulrichs als sehr mutig und betont zugleich, dass er im heutigen Sinne kein Aktivist gewesen sei; erst seit den 1990er Jahren erfahre sein Werk vermehrte Aufmerksamkeit, und eine tiefgehende wissenschaftliche Gesamtdarstellung seines Lebens und Wirkens stehe noch aus.

Ehrungen 1997 wurde eine Gedenktafel am Haus Markt 5 in Göttingen angebracht, in dem er 1844 bis 1845 gewohnt hat. 1998 wurde in München der Platz an der Ecke Am Glockenbach/Arndtstraße im Glockenbachviertel Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz genannt. 2002 wurde in Bremen im Stadtteil Ostertor der Platz im Mündungsbereich von Wulwesstraße und Hohenpfad Ulrichsplatz genannt. Die Bremer Straßenbahn-AG benannte gleichzeitig eine nahe gelegene Haltestelle Wulwesstraße/Ulrichsplatz. 2020 wurde die Haltestelle in Ulrichsplatz umbenannt. 2002 wurde an der FH für Rechtspflege Hildesheim, die das ehemalige Gerichtsgebäude nutzt, eine Gedenktafel angebracht. 2002 beschloss die International Lesbian and Gay Law Association, alle drei Jahre den Karl Award an verdienstvolle Menschen zu vergeben. 2006 wurde in Hannover-Mitte ein Fußweg in unmittelbarer Nähe zum VW-Tower Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße genannt. 2006 wurde innerhalb der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung der Karl-Heinrich-Ulrichs-Fonds gegründet, welcher Projekte im Bereich von Forschung und Wissenschaft fördert. 2007 wurde in L’Aquila ein Platz Piazzale Karl Heinrich Ulrichs genannt.