Alfred Redl (* 14. März 1864 in Lemberg, Galizien; † 25. Mai 1913 in Wien) war ein österreichischer Nachrichtenoffizier, der in der Zeit der politischen Spannungen in Europa und des Balkankriegs militärische Geheimnisse der österreich-ungarischen Armee an Russland, Italien und Frankreich verriet. Während des größten Teils seiner Dienstzeit war er in leitender Stellung im k.u.k. militärischen Nachrichtendienst Evidenzbüro tätig und bekleidete zuletzt den Rang eines Obersts und Generalstabschefs des VIII. Korps in Prag. Dank seines Zuganges zu fast allen geheimen Unterlagen der Armee konnte er zu einem der wichtigsten Spione des russischen Geheimdienstes werden. Zuletzt verriet er Staatsgeheimnisse auch an den italienischen und französischen Geheimdienst. Redl beging im Zuge seiner Enttarnung Suizid.

mini|hochkant=1.3|Alfred Redl als Oberst im Generalstab (ca. 1912)

Herkunft, Jugend und Ausbildung Alfred Redl wurde 1864 als viertes von neun Kindern der Eheleute Franz und Mathilde Redl geboren (manche Quellen nennen nur sieben Kinder).John Sadler, Silvie Fisch: Spy of the Century. Alfred Redl and the Betrayal of Austria-Hungary. Pen & Sword Military 2016, ISBN 978-1-4738-4870-2, S. 28. Sein Geburtsort Lemberg war die Hauptstadt des damaligen österreichischen Kronlandes Galizien und Lodomerien. Redls 1820 geborener Vater hatte im k.u.k. Infanterieregiment „Hoch- und Deutschmeister“ Nr. 4 gedient, war dort aber nicht über den damals niedersten Offiziersrang Unterlieutenant 2. Classe hinausgekommen.Beilage zum österreichischen Soldatenfreund, vom 10. April 1852, Nr. 44, Quittirungen (sic) Weil er die von Offizieren zu ihrer Hochzeit geforderte Heiratskaution nicht aufbringen konnte, musste Franz Redl mit 31 Jahren die Armee verlassen. Er wechselte zur damals noch privaten k.k. priv. Carl-Ludwig-Bahn, bei der er zeitlebens angestellt blieb. Dienstort war Lemberg. Zum Zeitpunkt der Geburt seines Sohnes Alfred war Franz Redl als Expeditor 2. Classe in der Materialverwaltung tätig, mit 700 Gulden Jahresgehalt.John Sadler, Silvie Fisch: Spy of the Century. Alfred Redl and the Betrayal of Austria-Hungary. Pen & Sword Military 2016, ISBN 978-1-4738-4870-2, S. 24–25.Handbuch des Statthalterei-Gebietes in Galizien für das Jahr 1866. Lemberg (ca. 1866/67), S. 539. Als Stationsvorstand erhielt Franz Redl 1867 für seine Verdienste während des Deutsch-Deutschen Krieges 1866 das Goldene Verdienstkreuz.II. Beilage des Neuen Fremden-Blattes Nr. 11, 11. Jänner 1867 (Amtliches) Als er 1875 mit 55 Jahren starb, hielt Franz Redl im Lemberger Material-Magazin den Rang eines Offizials mit 2400 Gulden Gehalt.Adolf Lausch, Carl Graf Stubick (Hrsg.): Eisenbahn-Schema für Österreich-Ungarn. Achter Jahrgang, Wien 1876, S. 345. Das entsprach etwa Rang und Gage eines Oberstleutnants der Armee.Oesterreichisch-ungarische Militärische Blätter, Erster Jahrgang 1874, Bd. 1, Teschen (1874), S. 238. Fortan lebte die Familie von der vergleichsweise bescheidenen Witwenpension der Mutter.

Franz Redls Kinder waren alle beruflich erfolgreich: Zwei seiner Söhne wurden Berufsoffiziere, einer Architekt, einer Jurist und einer Bahnbeamter wie sein Vater. Die beiden Töchter ergriffen den Lehrberuf. Die Tatsache, dass sich der Vater erfolgreich bemühte, die Kinder dreisprachig – polnisch, ruthenisch und deutsch – zu erziehen, sollte für die Karriere Alfred Redls entscheidende Bedeutung erlangen.

Alfred Redl trat nach dem Besuch der Unterrealschule im Alter von fünfzehn Jahren in die k.k. Kadettenschule Karthaus ein, die in einem Vorort von Brünn gelegen war. Als Sohn eines ehemaligen Offiziers war für ihn der Besuch kostenfrei.John Sadler, Silvie Fisch: Spy of the Century. Alfred Redl and the Betrayal of Austria-Hungary. Pen & Sword Military 2016, ISBN 978-1-4738-4870-2, S. 29. 1883 verließ er Karthaus als Kadett-Offiziersstellvertreter mit „sehr gutem Erfolg“. Nach vierjähriger Truppenverwendung beim Infanterieregiment Nr. 9 in Lemberg wurde er mit Wirkung zum 1. Juni 1887 „vom Offizierskorps der Beförderung zum Leutnant für würdig empfunden“. Mit einer überdurchschnittlich guten Beurteilung seiner Vorgesetzten versehen bewarb er sich 1892, gemeinsam mit mehreren hundert anderen Bewerbern, um Zulassung an der k.u.k. Kriegsschule, der Ausbildungsstätte für Offiziere des Generalstabsdienstes. 1894 absolvierte er den Lehrgang erfolgreich.

Redl war homosexuell, was bei Bekanntwerden damals zur Entlassung aus dem Staatsdienst, gesellschaftlicher Ächtung und einem Gerichtsverfahren geführt hätte. Bereits vor seiner Einberufung musste er sich wegen einer syphilitischen Erkrankung in Behandlung begeben, die vor der Entdeckung von Antibiotika häufig einen chronischen und nicht selten tödlichen Verlauf nahm. 1892 war die Krankheit laut einer Dienstbeschreibung angeblich völlig geheilt.István Deák: Der K.(u.)K. Offizier 1848-1918. Böhlau, Wien 1995, ISBN 3-205-98242-8, S. 175. Redls Obduktion nach seinem Suizid ergab allerdings, dass er nicht nur chronisch erkrankt war, sondern auch nicht mehr lange zu leben gehabt hätte.Georg Markus: Der Fall Redl. Amalthea, Wien 1984, ISBN 3-85002-191-2, S. 33–35.

Generalstab und Nachrichtendienst Nach seinem Abgang von der Kriegsschule war Redl bis 1895 im Eisenbahnbüro tätig, einer Dienststelle, die sich mit Transport- und Aufmarschplanungen beschäftigte. Dabei ging es auch darum, die Bahnstrecken möglicher Kriegsgegner auszukundschaften. Von besonderer Bedeutung war diese Aufgabe in Russland, da dort Landkarten der Geheimhaltung unterlagen und der Verlauf von Bahnstrecken vielfach nur durch persönliche Bereisung festgestellt werden konnte.

Nach dieser relativ kurzen Dienstverwendung war Redl mehrere Jahre bei Truppenstäben eingesetzt, zunächst in Budapest, dann – bereits als Hauptmann – in seiner Heimatstadt Lemberg. 1899 wurde er auf Weisung des Chefs des Generalstabes Friedrich von Beck-Rzikowsky auf einen Sprachkurs nach Russland geschickt. In Kasan erwarb er dann jene Kenntnisse, die das Sprungbrett zu seiner Dienstverwendung in der „russischen Gruppe“ des Wiener Evidenzbüros im Generalstab waren, die im Jahr 1900 begann.

Das Evidenzbüro sammelte die aus den verschiedensten Quellen stammenden Meldungen militärischer Relevanz, die täglich dem Chef des Generalstabes und einmal wöchentlich dem Kaiser Franz Joseph I. (bis 1913 handschriftlich) vorgelegt werden mussten. Dafür standen 20 Offiziere zur Verfügung, ein Bruchteil dessen, worüber der deutsche, geschweige denn der russische Generalstab verfügten. Der Personal- und Geldmangel beruhte vor allem auf der Tatsache, dass das Evidenzbüro dem Außenministerium unterstand, das als eines der drei k.u.k. Ministerien von Ungarn mitfinanziert wurde, das den gemeinsamen Institutionen grundsätzlich nur minimale Mittel zubilligen wollte.

Redl stieg rasch auf. Nach wenigen Monaten wurde er in das Kundschaftsbüro versetzt, das für die nachrichtendienstliche Überwachung aller auswärtigen Staaten zuständig war. 1905 wurde er Major und übernahm 1907 die Leitung des Kundschaftsbüros. Wenige Monate später, im Oktober 1907, avancierte er zum stellvertretenden Leiter des Evidenzbüros, was ihn zu einem der engsten Vertrauten des Chefs des Generalstabs machte. Am 1. Mai 1909 stieg er zum Oberstleutnant auf, am 1. Mai 1912 zum Oberst.Peter Broucek: Ein General im Zwielicht. Die Erinnerungen Edmund Glaises von Horstenau. Böhlau, Wien u. a., 3 Bde., 1980 ff.; Bd. 1: K.u.k. Generalstabsoffizier und Historiker (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs. Bd. 67). 1980, ISBN 3-205-08740-2, S. 264. Am 18. Oktober desselben Jahres wurde Redl als Generalstabschef des VIII. Armeekorps nach Prag versetzt, das der ehemalige Evidenzbüro-Leiter Arthur Giesl von Gieslingen befehligte.

Die „Affäre Redl“ Redls Spionagetätigkeit Lange Zeit wurde angenommen, dass die russische Ochrana, die damals federführend für die Auslandsspionage zuständig war und Büros in Moskau, Sankt Petersburg und dem damals russischen Warschau unterhielt, aktiv an Redl herangetreten sei. Für Österreich war die Ochrana-Abteilung in Warschau zuständig, die eine Stärke von 50 Mann hatte, 150 gehörten zur Reserve. Chef des Kundschafterwesens war Oberst Nikolai Stepanowitsch Batjuschin, der um 1901 einen perfekt Deutsch sprechenden Deutschbalten namens Pratt als „Urlauber“ nach Wien schickte, um einen möglichst hochrangigen Konfidenten des Wiener Evidenzbüros anzuwerben. Auf seiner Suche nach Schwachstellen im Privatleben dieser Offiziere wurde er 1903 angeblich bei Hauptmann Redl fündig, der zu dieser Zeit eine homosexuelle Beziehung mit einem Leutnant Meterling des Dragonerregimentes Nr. 3 führte. Pratt soll Redl damit erpresst und zur Spionage für die Ochrana genötigt haben.

Historiker vertreten inzwischen die Auffassung, dass eine solche Erpressung nie stattgefunden habe, da sich in den Quellen der Moskauer Archive keine Hinweise auf Redls Homosexualität finden, und dass die Initiative von Redl selbst ausgegangen sei, um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren.Verena Moritz, Hannes Leidinger: Oberst Redl. Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten. Residenz Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-7017-3169-5; Herbert Lackner: Spion aus Leidenschaft. In: Profil, 42 (2012), 15. Oktober 2012, S. 26–34, hier S. 34. Albert Pethö: Agenten für den Doppeladler. Österreich-Ungarns Geheimer Dienst im Weltkrieg. Stocker, Graz 1998, ISBN 3-7020-0830-6, S. 231ff; Günther Kronenbitter: „Krieg im Frieden“. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906–1914. Verlag Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-56700-4, S. 18; Verena Moritz, Hannes Leidinger, Gerhard Jagschitz: Im Zentrum der Macht. Die vielen Gesichter des Geheimdienstchefs Maximilian Ronge. Residenz-Verlag, Wien 2007, ISBN 978-3-7017-3038-4, S. 111. Möglicherweise war den russischen Agenten die Identität ihres Informanten nicht einmal bekannt, weil Redl den Kontakt verdeckt angebahnt hatte und die Übermittlung von Unterlagen und Geld immer per Post erfolgte.Albert Pethö: Der Fall Redl. In: Wolfgang Krieger (Hrsg.): Geheimdienste in der Weltgeschichte. Spionage und verdeckte Aktionen von der Antike bis zur Gegenwart. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50248-2, S. 138–150, hier: S. 145f. und 359 (Fußnoten). Zunächst wurde er vom russischen Militärattaché Baron de Roop betreut. Als de Roop das Land wegen Spionage verlassen musste, übernahm die Betreuung dessen Nachfolger Oberst Mitrofan Martschenko, der später aus dem gleichen Grund ausgewiesen wurde. Dieser urteilte über Redl im Oktober 1907 wie folgt:

Da die Russen Redl großzügig entlohnten, war er in der Lage, ein Leben zu führen, das sonst nur reichen Aristokraten oder Industriellen vorbehalten war. Er verkehrte grundsätzlich nur in Lokalen der gehobenen Klasse und leistete sich zwei teure Automobile, eigene Dienerschaft, Pferde, Apanagezahlungen an seine Liebhaber (zuletzt der Ulanenleutnant Stefan Horinka).Albert Pethö: Der Fall Redl. In: Wolfgang Krieger (Hrsg.): Geheimdienste in der Weltgeschichte. Spionage und verdeckte Aktionen von der Antike bis zur Gegenwart. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50248-2, S. 138–150, hier: S. 144. Um seine Einnahmen zu erhöhen, begann er seine Unterlagen auch dem italienischen und dem französischen Geheimdienst anzubieten, wodurch er auf einen Jahresverdienst von etwa 50.000 Kronen kam. Zum Vergleich: Im Jahr 1909 bezog ein Oberstleutnant des k. u. k. Heeres (Rangklasse VII) eine jährliche Gage von 5.400 bis 6.200 Kronen. Ein Oberst (Rangklasse VI) verdiente 7.200 bis 8.800 Kronen. Jeweils nicht eingerechnet waren eventuelle Stellenzulagen, Mietzuschüsse, Futter- und Tischgelder etc.Zirkularverordnung vom 15. November 1908, Praes. Nr. 10600., im Verbund mit § 1 der Gebührenvorschrift für das k. u. k. Heer, I. Teil. In: Verordnungsblatt für das k. u. k. Heer. Fünfzigster Jahrgang. Normalverordnungen, Wien 1909, S. 295 ff.