mini|hochkant|Michail Tuchatschewski auf dem Höhepunkt seiner Macht als Marschall der Sowjetunion, wahrscheinlich aufgenommen im Jahr 1936 Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski (, wiss. Transliteration ; * auf Alexandrowskoje (heute Slednewo) bei Safonowo, Gouvernement Smolensk, Russisches Reich; † 12. Juni 1937 in Moskau) war einer der ersten fünf Marschälle der Sowjetunion der Roten Armee in der UdSSR. Tuchatschewski trug den Beinamen „Der rote Napoleon“.Knerger.de: Leo Trotzkij Er fiel als einer der ersten Militärbefehlshaber den Säuberungen unter der Diktatur Stalins zum Opfer.
Leben Jugend (1893–1912) mini|hochkant|Michail Tuchatschewski (Foto aus den 1920er-Jahren) Tuchatschewski entstammte einer alten, aber verarmten Adelsfamilie aus dem Gouvernement Smolensk. Nach den Forschungen eines entfernten Verwandten des russischen Dichters Leo Tolstoi soll dessen Geschlecht mit den Tuchatschewskis verwandt sein; ihr Ursprung soll im Geschlecht der Grafen von Flandern liegen, die durch die Kreuzzüge bedingt über Palästina und Zypern zur Nordküste des Schwarzen Meeres gelangten und sich der dort herrschenden Aristokratie anschlossen.S. 54 und 55.S. 21. Einer seiner Vorfahren, Artemi Tuchatschewski, war kurzzeitig stellvertretender Kommandant von Berlin, als es im Jahre 1762 von russischen Truppen besetzt war.S. 60. Ein weiterer Vorfahr war beteiligt an der Schlacht von Borodino gegen Napoleon im Jahr 1812.
Tuchatschewskis Großvater war mit einer französischen Adeligen verheiratet.S. 21.; er hatte das Familienvermögen der Tuchatschewskis durch exzessives Glückspiel in Paris erheblich geschmälert; damit erging es ihm wie vielen damaligen russischen Aristokraten. Michail Tuchatschewski wuchs gemeinsam mit seinen drei Brüdern und seinen fünf Schwestern auf.S. 56. Sein Vater soll sich in dieser Zeit dem Atheismus zugewandt haben.S. 27.
Ein schwerer Schlag für den jungen Tuchatschewski war der frühe Tod seiner Schwester Maria, an der er sehr hing. In der Schulzeit am Gymnasium in Pensa fiel er mehr durch schlechtes Benehmen und mäßige Leistungen auf als durch schulische Strebsamkeit. Gute Noten hatte er nur in Geschichte und Sport, dem Reiten galt damals seine sportliche Passion. Er wurde zu einem militärhistorisch interessierten Einzelgänger.S. 57.S. 24f.
Frühe Jahre beim Militär, Erster Weltkrieg und Russischer Bürgerkrieg (1912–1920) Nach einem Jahr im Moskauer Kadettenkorps, das er als Jahrgangsbester abschloss und auch hier in Fechten, Schießen und Gymnastik Bestnoten erhielt,S. 28+29. besuchte er noch sechs Monate die Smolensker Militärfachschule. Nach deren erfolgreicher Beendigung ist von ihm folgender Ausspruch überliefert:
Von dort aus wurde er im Range eines Unterleutnants zu Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 unmittelbar an die russische Westfront versetzt.S. 29. Im gleichen Jahr starb sein Vater Nikolai in Moskau.S. 22.
Für seine Leistungen an verschiedenen Frontabschnitten wurde er zum Oberleutnant befördert und in sehr kurzer Zeit mit acht Orden ausgezeichnet, darunter dem Orden des Heiligen Wladimir, dem Orden der heiligen Anna und dem Orden des heiligen Stanislaus.S. 58.S. 29.
Deutsche Kriegsgefangenschaft (1915–1917) Schon im Februar 1915 geriet Tuchatschewski in der Nähe des Dorfes Wysokij Duschi bei Łomża in deutsche Kriegsgefangenschaft.S. 59. Bei einem zunächst erfolgreichen Fluchtversuch gelangte er bis zur Ostseeküste, wurde aber dort von einer Militärpatrouille wieder aufgegriffen. Danach wurde er ins mecklenburgische Stuer gebracht, von wo er auch floh.S. 33. Nach erneuter Gefangennahme verlegte man ihn ins brandenburgische Beeskow, von wo ihm bald eine weitere Flucht gelang. Auf dem Weg zur holländischen Grenze wurde er jedoch wiederum von einer Militärpatrouille gefangen genommen.
Als Reaktion darauf erfolgte seine Verlegung ins Fort Zorndorf, welches zur Festung Küstrin gehörte. Hier lag er mit einem französischen und einem britischen Offizier auf einer Stube und lernte dabei auch seinen Mitgefangenen Roland Garros kennen, der damals als Fliegerass schon bekannt war.S. 35. Mit seinem französischen Kameraden, dem General Gardeaux,S. 62. grub er einen Fluchttunnel, was kurz vor dem geplanten Ausbruch verraten wurde. Laut dem deutschen Untersuchungsbericht zu diesem Tunnelbau hatte Tuchatschewski eine Körpergröße von 175 cm.S. 63.
Kriegsgefangener in Ingolstadt (1916–1917) mini|Festung Ingolstadt Daraufhin wurde er 1916 in die Festung Ingolstadt verlegt, deren Fort IX (bei Oberstimm)Donaukurier: Wo Charles de Gaulle einst Gefangener war, 29. Juni 2015 | Stand 2. Dezember 2020, 21:08 Uhr, abgerufen am 5. Mai 2024 speziell für kriegsgefangene Offiziere, die als Mehrfachausbrecher galten, umgebaut worden war.S. 31. Unter anderem war er dort zusammen mit dem späteren französischen Präsidenten Charles de Gaulle inhaftiertS. 74. und soll sogar kurzzeitig die Stube mit ihm geteilt haben.S. 8. De Gaulle und den späteren französischen Generälen Georges Catroux und Louis de Goÿs de Mézeyrac war er seit dieser Zeit freundschaftlich verbunden.S. 42. Aufgrund seiner Erziehung durch eine französische Gouvernante und seine französische Großmutter sprach er fließend Französisch und beherrschte laut den damaligen deutschen Quellen auch das Deutsche ein wenig.S. 67.S. 48. Hier erhielt er von seinen französischen Mitgefangenen den Spitznamen Tuka, der später auch von seinen Landsleuten gebraucht wurde.S. 114.S. 46.
In dieser Zeit erfuhr er bruchstückhaft von der Russischen Revolution und brannte daher darauf, schnellstmöglich in seine Heimat zurückzukehren, um sein Vaterland neu mitgestalten und gleichzeitig seine eigene militärische Karriere weiter fortsetzen zu können.S. 46. Er setzte in dieser Zeit große Hoffnungen auf den Bolschewismus und die Führungspersönlichkeit Lenins, dem er als einzigem zutraute, Russland in seiner Einheit zu bewahren, denn seiner Meinung nach erforderte das eine harte Hand. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sich nicht ansatzweise mit der Ideologie der bolschewistischen Partei auseinandergesetzt und weder die Schriften von Karl Marx, Friedrich Engels noch Lenins gelesen.S. 69 + 70.
Am 16. August 1917S. 71. gelang ihm auch von hier die Flucht, als er sich bei einem bewachten Freigang auf Ehrenwort von seinen Bewachern entfernen konnte.S. 20. Geplant hatte er diese Flucht mit seinem russischen Offizierskameraden Tscherniwezki, sie glückte allerdings nur Tuchatschewski. Beide hatten die Ehrenworterklärung des jeweils anderen unterschrieben, so dass sie formal dieses Ehrenwort nie gegeben hatten und ihren Bewachern gegenüber nicht wortbrüchig geworden waren.S. 70 und 71.S. 72. Über Schaffhausen und Bern in der Schweiz, wo er von der russischen Botschaft mit Papieren versorgt worden war, kehrte er nach einer über 1.500 Kilometer langen Reise über Paris, London, Bergen in Norwegen, Schweden und Finnland im Oktober 1917 nach Russland zurück und wurde im Range eines Kapitäns (russ.: Капитан) in Petrograd demobilisiert.S. 73.Russland aktuell: Russland Geschichte: Kim Jon Il und Tuchatschewski, 16. Februar 2009Virtual Library Museen Deutschland: Ausstellungsbesprechung Da in der Sowjetrepublik Klassenunterschiede kein Ehehindernis mehr darstellten, konnte er seine Jugendliebe Marussia heiraten.
Seit 1917 litt Tuchatschewski an der Basedowschen Krankheit; zeitweilig wurde er von dem Leiter der Medizinischen Akademie von Petrograd, Fedorow, behandelt.S. 65.
Russischer Bürgerkrieg (1918–1920) Kriegskommissar der Moskauer Sektion (1918)
Nach der Oktoberrevolution trat er im April 1918S. 74. in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki) und die Rote Armee ein. Schon früh lernte er Grigori Sinowjew, der ihm ein Empfehlungsschreiben ausstellte, und auch Jakow Swerdlow kennen.S. 74.S. 93. Dadurch kam er in Kontakt zu Leo Trotzki, der damals Volkskommissar für Militär und Marine war. 1918 erhielt er das Kommando über die 5. Armee (Ränge bzw. Dienstgrade gab es zu dieser Zeit in der Roten Armee noch nicht) mit gerade einmal fünfundzwanzig Lebensjahren und war damit Kriegskommissar der Moskauer Sektion.S. 97.
An der Wolgafront (1918–1919) Im Russischen Bürgerkrieg wurde er zuerst in der Stadt seiner Jugend, Pensa, eingesetzt und führte von dort aus eine Offensive zur erfolgreichen Eroberung Sysrans.S. 101–103. Daraufhin wurde er an die Wolgafront versetzt. Dort nahm ihn kurzzeitig der putschende General Michail A. Murawjow fest, der ihm das Angebot einer Doppelherrschaft machte, was er aber aus Loyalität zu Lenin ausschlug.S. 105. Tuchatschewski wurde von lettischen Soldaten befreit und lockte daraufhin Murawjow in eine Falle. Nach Murawjows gewaltsamer Beseitigung wurde er wieder in sein Kommando als Befehlshaber der 1. Armee eingesetzt.S. 97.S. 106. Durch den gescheiterten Putsch brach die Wolgafront zwischenzeitlich ein, so dass Lenin Trotzki zur Unterstützung Tuchatschewskis aus Moskau dorthin entsandte. Tuchatschewski gelang daraufhin die Niederwerfung der weißen Armeen mit einem kühnen Umgehungsplan, der zur Eroberung der Städte Bolgar, Simbirsk, Stawropol und Samara führte.S. 107–109. Seine stärkste Truppe war dabei die Eiserne Division unter dem Kommando von Gaik Bschischkjan, der mit seiner Division auch seine weiteren Feldzüge begleitete; im Jahre 1937 wurde auch er hingerichtet.
Die rote Marne (1919) Vom 5. April bis 25. November 1919 kommandierte Tuchatschewski die 5. rote Armee gegen die Koltschak-Armee an, die auf Zentralrussland zumarschierte. Michail Frunse, der Nachfolger Trotzkis, gab ihm weitreichende Vollmachten, um die feindlichen Armeen vernichtend schlagen zu können.S. 116. In der Nähe der Stadt Ufa gelang ihm fast die komplette Einkesselung des weit überlegenen Feindes. Diese Schlacht wurde daraufhin in Sowjetrussland die „rote Marneschlacht“ genannt. In deren Folge wurde die Koltschak-Armee in weiteren, kleineren Schlachten von Tuchatschewski vollständig aufgerieben. Dabei verfolgte er die weißen Truppen über den Ural und Tscheljabinsk bis Omsk.S. 117+118. Seit dieser Zeit verband ihn ein enges Freundschaftsverhältnis mit Frunse, das durch dessen frühen und plötzlichen Tod im Jahre 1925 ein jähes Ende fand.
Ukraine und Krim (1919–1920) 1919 nahm Tuchatschewski an der Kampagne gegen die Denikin-Armee teil. Tuchatschewski schlug den Feind erfolgreich zurück und eroberte in kurzer Zeit die Städte Orjol, Kursk, Sotschi und Rostow. Bis April 1920 trieb er die Reste der weißen Truppen unter der Führung des Generals Wrangel bis auf die Krim zurück, eroberte die Städte Jalta und Sewastopol und vertrieb die letzten weißen Truppen schließlich vom russischen Boden.S. 79 und 80.S. 123+124.
Zu dieser Zeit erklärte er seiner Frau Marussia im Salonwagen seines Sonderzuges, dass er beabsichtige, sich von ihr zu trennen. Im direkten Anschluss an dieses Gespräch nahm sie sich mit einem Kopfschuss das Leben.S. 55.S. 239. Seine Privatvilla in der Prominentensiedlung Pokrowka bei Moskau, deren Grund und Boden einstmals dem Grafen Schuwalow gehört hatte, trug später den Namen Marussia.S. 56.S. 240.
Sowjetischer General und Marschall (1920–1937) mini|hochkant|Tuchatschewski 1936 als Marschall der Sowjetunion Sowjetisch-Polnischer Krieg (1920–1921)