mini|2,6 Mio. Jahre altes Steinartefakt von Bokol Dora (Afar-Dreieck, Äthiopien) in Fundlage. Rechts: Foto und dreidimensionales Modell des gleichen Artefakts. mini|Bearbeiteter Stein (Museo Arqueológico Nacional de España) Als Oldowan (auch: Olduwan, Olduway) oder Oldowan-Kultur wird die archäologische Kultur mit den weltweit ältesten Steinwerkzeugen bezeichnet. Sie datiert in die Zeit von etwa 2,9 bis 1,5 Millionen Jahren vor heute. Die Bezeichnung verweist auf die Olduvai-Schlucht im Norden Tansanias, einen Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Geprägt wurde die Bezeichnung von Louis Leakey und Mary Leakey, die ab 1931 am Rande dieser Schlucht zahlreiche, nur geringfügig bearbeitete Steinwerkzeuge geborgen hatten. Oldowan-Steinwerkzeuge sind kennzeichnend für das Early Stone Age Afrikas. Das Oldowan wird deswegen auch als Archäolithikum (von griech. ἀρχαῖος / archaĩos, „uralt“ und lithikos / „die Steine betreffend“) bezeichnet, da es die älteste nachweisbare Kultur ist, die sich gegen Ende des Pliozäns und am Beginn des Pleistozäns in Afrika etablierte.Fiorenzo Facchini: Die Ursprünge der Menschheit. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2006, S. 179.

Steingerät und Abschläge aus der Fundstelle Lomekwi 3 in Kenia wurden sogar auf ein Alter von 3,3 Millionen Jahren datiert und als Beleg für eine „Lomekwi-Kultur“ ausgewiesen.

Historisches Den ersten homininen Fund in der Olduvai-Schlucht hatte Hans Reck im Jahre 1913 gemacht (Olduvai Hominid 1, abgekürzt: OH 1); er wird heute in der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München verwahrt. OH 1 ist der Überrest des Schädels eines anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens), dem im Jahr 1974 ein Alter von 17.550 ± 1000 Jahren zugeschrieben wurde,Reiner Protsch: The age and stratigraphic position of Olduvai Hominid I. In: Journal of Human Evolution. Band 3, Nr. 5, 1974, S. 379–380, IN1, 381-385, doi:10.1016/0047-2484(74)90200-0 und Reck hatte im Jahr 1925 als Herausgeber über „Wissenschaftliche Ergebnisse der Oldoway-Expedition 1913“ ausführlich publiziert.

Auf der Suche nach Fossilien von frühen Vorfahren des anatomisch modernen Menschen hatten daher auch Louis Leakey und Mary Leakey die Olduvai-Schlucht im Norden des damaligen Tanganjika als besonders erfolgversprechend erkannt. Ab Anfang der 1930er Jahre suchten sie dort wiederholt die ihnen bekannten Fundplätze von primitivem Steingerät nach Oberflächenfunden ab, das heißt nach Fossilien, die – zum Beispiel nach Regenfällen – aus den Steilhängen der Schlucht freigewittert waren. An einer solchen Ansammlung von Steingerät wurde Mary Leakey am 17. Juli 1959 fündig: Sie entdeckte den als Olduvai Hominid 5 (OH 5) bekannt gewordenen, relativ gut erhaltenen Schädel mit sehr großen Zähnen, der bereits im August 1959 als Holotypus der neuen Art Zinjanthropus boisei (heute: Paranthropus boisei) ausgewiesen wurde. Da dieses Fossil in der gleichen Bodenschicht wie die Steinwerkzeuge und in deren unmittelbarer Nähe entdeckt worden war, wurde Zinji zunächst die Urheberschaft der bearbeiteten Steine zugeschrieben.Ian Tattersall: The Strange Case of the Rickety Cossack – and Other Cautionary Tales from Human Evolution. Palgrave Macmillan, New York 2015, ISBN 978-1-137-27889-0, S. 77–83.

Im Juni 1959 war in der gleichen Schicht zudem ein kleines Unterkiefer-Fragment entdeckt worden, wenig später an einer benachbarten Fundstelle – etwas tiefer liegend – mehrere hominine Fuß- und Handknochen, ein kleines Schädelfragment und ein teilweise bezahntes Unterkiefer-Fragment; dessen relativ kleine Zähne passten jedoch nicht zu denen von Zinji, woraus geschlossen wurde, dass als Urheber der Steinwerkzeuge auch eine zweite fossile Art infrage kommen könnte. Tatsächlich entdeckte Jonathan Leakey im Herbst 1960 einen gut erhaltenen und bezahnten Unterkiefer eines Kindes (OH 7), der zusammen mit den früheren Funden als Holotypus der neuen Art Homo habilis („geschickter Mensch“) zugeschrieben wurde. Schon in der Namensgebung wurde somit darauf abgehoben, dass Homo habilis als Träger der Oldowan-Kultur interpretiert wurde.

Merkmale des Oldowans mini|Oldowan Chopper(1,7 Millionen Jahre alt, Melka Kunture) mini|Oldowan Proto-Biface

Werkzeuge Der britische Archäologe Grahame Clark definierte den technologischen Stand des Oldowans als Mode 1, also als unterste Stufe auf einer fiktiven Technologieliste, auf welcher der Mensch im Lauf seiner weiteren Entwicklung aufgestiegen war.Grahame Clark: World Prehistory in new Perspective. Cambridge University Press, Cambridge 1977. Typisch für das Oldowan ist die Verwendung von Geröllen (engl.: Pebbles), denen mit wenigen, in der Regel einseitigen Abschlägen, eine scharfe Kante beigebracht wurde, sogenannte Geröllgeräte. Diese frühen Formen sind kaum von natürlichen Geröllen zu unterscheiden. Ein Identifizierungskriterium für Oldowan-Fundplätze wäre in diesem Zusammenhang beispielsweise das Nichtvorhandensein von auf natürliche Art und Weise transportierten oder erodierten Steinen sowie die Existenz eindeutiger, im besten Fall mehrfacher Bearbeitungsspuren.

Später, im „Entwickelten Oldowan“ (engl.: Developed Oldowan) kommen einfache Abschlagwerkzeuge hinzu und der zuvor dominierende Anteil an Choppern geht zurück. Außerdem ist ein erstes Auftreten von kleinen Kratzern sowie Proto-Zweiseitern zu beobachten, weswegen das developed Oldowan teilweise auch als Vorstufe oder Teil des nachfolgenden Acheuléens gesehen wird. Das developed Oldowan wurde anhand der Funde aus der Olduvai-Schlucht (engl.: Olduvai Gorge) definiert.Ian Tattersall, Eric Delson et al.: Encyclopedia of human evolution and prehistory. Garland Publishing, New York / London 1988, ISBN 978-0-82409375-4, S. 388.

Als Produzenten der einfachen Steingeräte gelten die frühen Menschen Homo rudolfensis, Homo habilis sowie Homo ergaster / Homo erectus. Insbesondere mit Homo habilis wird das Oldowan deswegen in Verbindung gebracht, da im Jahr 1960 in der Olduvai-Schlucht Überreste dieser frühen Menschenform in Vergesellschaftung mit einfachen Oldowan-Werkzeugen entdeckt wurden.M. D. Leakey: Olduvai Gorge, Band 3: Excavations in beds I and II. 1960–1963. Cambridge University Press, 1971, S. 1–8. Zunehmend werden auch Australopithecinen als Hersteller in Betracht gezogen.

Das am weitesten verbreitete Werkzeug des (frühen und klassischen) Oldowans ist der Chopper. Dabei handelt es sich um einen auf einfache Art und Weise modifizierten Stein, dessen Bearbeitung wohl durch schlichtes Aneinanderschlagen mit einem anderen Stein entstand. Im Oldowan geschieht diese Artefaktherstellung noch in der sogenannten Hartschlagtechnik, also ohne weiteres Material, das zwischen Schlagstein und zu bearbeitenden Stein gelegt wird. Die Chopper des Oldowans werden für gewöhnlich weiter unterteilt; diese Untergliederung basiert auf der Beziehung der bearbeiteten Kante zur Originalgestalt des Steins. Diese lässt sich – aufgrund der Simplizität der Bearbeitung – in vielen Fällen rekonstruieren. Neben dem Chopper existiert noch das weiter entwickelte Chopping Tool, welches auf zwei Seiten bearbeitet ist.

Ein anderes Merkmal des Oldowans ist das Vorhandensein von sogenanntem Utilised Material, worunter man Steine versteht, die zwar nicht modifiziert, aber dennoch als Werkzeuge eingesetzt wurden; dazu gehören abgerundete Steine, die als Hammer Verwendung fanden. Im Zusammenhang mit dem Utilised Material ist der Begriff der sogenannten Manuports von Bedeutung: Damit sind Steine, bei denen es sich in der Regel ebenfalls um Gerölle handelt, gemeint, die vom Menschen importiert, also an einen bestimmten Platz gebracht wurden, um dort als Werkzeuge Verwendung zu finden. Wie beim Utilised Material sind sie nicht oder kaum bearbeitet. Vor allem die scharfkantigen Abfälle, die beim Abschlagprozess entstanden, wurden gleichfalls benützt.Ian Tattersall, Eric Delson et al., 1988, S. 388.

Materialien Dolerit Quarzit Feuerstein Basalt Kalkstein Sandstein

In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2020 haben britische Archäologen und Materialwissenschaftler bestätigt, dass die frühen Menschen bereits die optimalen Gesteine für die jeweiligen Aufgaben kannten und vorwiegend eingesetzt haben.Ars Technica: Archaeologists put stone tools through modern engineering tests, 3. Februar 2020 So wurden Quarzit und Feuerstein wegen ihrer größeren Schärfe für Schneiden herangezogen, während Basalt für Faustkeile genutzt wurde, weil er weniger scharf ist, die Kanten aber länger erhalten bleiben.Alastair Key, Tomos Proffitt and Ignacio de la Torre: Raw material optimization and stone tool engineering in the Early Stone Age of Olduvai Gorge (Tanzania). In: Journal of the Royal Society Interface. Band 17, Nr. 162 (Januar 2020), doi:10.1098/rsif.2019.0377.

Verwendungen Die Werkzeuge wurden verwendet, um Fleisch von Knochen zu trennen sowie zum Öffnen hartschaliger, pflanzlicher Nahrung.Friedemann Schrenk: Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo sapiens. München 1997, S. 77 Schlag- und Schnittspuren auf Tierknochen belegen die Verwertung von Fleisch, wenngleich bislang nicht eindeutig erwiesen ist, ob es sich um Jagdbeute oder so genanntes „Scavenging“ (etwa: „Aasverwertung“) handelt.Grahame Clark: The stone age hunters. Thames and Hudson, London 1967, S. 26 f.Robert J. Blumenshine: A landscape taphonomic model of the scale of prehistoric scavenging opportunities. In: Journal of Human Evolution. Band 18, Nr. 4, 1989, S. 345–371, doi:10.1016/0047-2484(89)90036-5.Robert J. Blumenshine, Marie M. Selvaggio: On the Marks of Marrow Bone Processing by Hammerstones and Hyenas: Their Anatomical Patterning and Archaeological Implications. In: Desmond J. Clark (Hrsg.): Cultural Beginnings – Approaches to Understanding Early Hominid Life-Ways in the African Savanna. Bonn 1991, S. 17–32 Im Fall von „Scavenging“ – einem von Robert Blumenshine in die Debatte gebrachten Begriff – hätten sich Homo habilis bzw. Homo ergaster / Homo erectus das genommen, was von den Mahlzeiten der großen Beutegreifer, der sogenannten „Prädatoren“, übrig blieb.Robert J. Blumenshine: Carcass Consumption Sequences and the Archaeological Distinction of Scavenging and Hunting. In: Journal of Human Evolution. Band 15, Nr. 8, 1986, S. 639–659, doi:10.1016/S0047-2484(86)80002-1.

Lagerplätze Eine weitere Ausprägung der Oldowan-Kultur ist das Vorhandensein erster Wohnstrukturen (Lagerplätze). Sie datieren in die Zeit von 2 bis 1,5 Millionen Jahren vor heute; bei ihnen handelt es sich um Steinkreise, die als steinerne Basis von Hütten bzw. generell als Lager früher Hominiden (z. B. Homo habilis) gedeutet werden. Sie wurden nur eine gewisse Zeit lang bewohnt, dann aber, wahrscheinlich aufgrund der Notwendigkeit, neue Nahrungsquellen zu suchen, aufgegeben. In Olduvai entdeckte man beispielsweise im Jahre 1971 ein annähernd kreisförmiges Areal von rund 16 m² Flächeninhalt; dieses Gebiet war von einer der oben erwähnten niedrigen Steinmauern eingefasst, welche das Fundament einer Hütte darstellten. Innerhalb dieser Einfassung wurden zahlreiche zerlegte bzw. bearbeitete Knochen entdeckt, aus denen das Knochenmark entnommen worden war. Auch Chopper wurden gefunden. Höchstwahrscheinlich wurde die Entnahme des Marks damit bewerkstelligt. Ein ähnlich strukturierter und ausgestatteter Siedlungsrest wurde in Melka Kunturé in Äthiopien lokalisiert; außerdem weitere Anlagen dieser Art an verschiedenen anderen Orten in Ostafrika. Generell ist zu sagen, dass sich die Reste dieser Hütten zumeist in der Nähe von Flüssen und Seen befinden.

Kultur