Unter dem Begriff Historischer Materialismus werden Theorien zur Erklärung von Gesellschaft und ihrer Geschichte zusammengefasst, die gemäß der „materialistischen Geschichtsauffassung“ von Karl Marx und Friedrich Engels entwickelt wurden:

Der Historische MaterialismusZum Begriff vgl. Engels: Über historischen Materialismus. S. 19. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 8934 (vgl. MEW Bd. 22, S. 298) sieht den Ablauf der Geschichte als eine durch ökonomische Prozesse gesetzmäßig bestimmte Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Als materielle Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung werden die sozio-ökonomischen Widersprüche aufgefasst, die die Gesellschaftsformationen auf unterscheidbaren Entwicklungsstufen und den „Kampf und die Einheit der Gegensätze“ kennzeichnen (Dialektik bei Marx und Engels).Gerhard Hauck: Von der klassenlosen zur Klassen-Gesellschaft. Pahl-Rugenstein-Verlag Köln 1979, ISBN 3-7609-5009-4. Habilitationsschrift Universität Heidelberg. S. 13 Die Lösung der dem jeweiligen Gesellschaftssystem innewohnenden, antagonistischen Widersprüche führt gesetzmäßig zu gesellschaftlichen Veränderungen und zur Herausbildung einer neuen Gesellschaftsformation. Die materialistische Geschichtsauffassung versteht sich als eine dialektische Überwindung des Idealismus Hegels, für den noch der Geist bzw. die Idee(n) und ihr Denken die Geschichte bewirkte bzw. diese überhaupt ausmachte.

Indem der Mensch seine Umwelt durch seine Arbeit verändert, produziert er sich selbst als gegenständliches und gesellschaftliches Wesen. Zur Reproduktion seines Lebens geht er mit anderen Menschen historisch bestimmte Beziehungen ein; diese gesellschaftlichen Verhältnisse wirken auf ihn zurück, machen letztlich sein geschichtliches Wesen oder seine besondere Natur aus.

Der Historische Materialismus versuchte nicht nur den vergangenen geschichtlichen Prozess zu erklären, sondern entwickelte auch Grundrisse für ein humanistisch geprägtes Gesellschaftssystem, welches aus den Prozessen im Klassenkampf resultieren könnte.

Unterschiedliche Gesellschaftsformationen

Die kapitalistische Produktionsweise weise die Tendenz auf, ihre eigene Grundlage aufzuheben: Erste Phase des Kommunismus, Sozialismus. Anfangsstadium der „klassenlosen Gesellschaft“ Höhere Phase des Kommunismus, entwickelte klassenlose Gesellschaft, in welcher der Staat und alle Unterdrückungsgewalt abgestorben ist und in der das Prinzip gilt: „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“Marx: Kritik des Gothaer Programms. S. 19. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 13180 (vgl. MEW Bd. 19, S. 21)

Im Kommunismus ebenso wie in der Urgesellschaft ist die Entfremdung des Menschen vom Produkt seiner Arbeit sowie von sich selbst noch nicht bzw. nicht mehr vorhanden, während sie in den Klassengesellschaften die Verhältnisse entscheidend mitbestimmt.

Stammesgesellschaft

Die Stammesgesellschaft ist die ursprünglichste Form des menschlichen Zusammenlebens. Sie wird charakterisiert durch eine minimale Arbeitsteilung, archaische Techniken und eine geringe Produktivität. Privatbesitz ist selten oder existiert nur in gemeinschaftlicher Form, d. h.: die Produktionsmittel sowie die Produkte befinden sich im kollektiven Besitz der Gemeinschaft (Kollektiveigentum). Eine solche „klassenlose“ Gesellschaft bezeichnet Marx auch als „Urform des Kommunismus“ bzw. Urkommunismus.

Mit fortschreitender Entwicklung der Produktivkräfte schaffen es die Menschen ab einem bestimmten Zeitpunkt, mehr zu produzieren, als sie zum unmittelbaren Überleben benötigen. Das zum eigenen Überleben nicht Benötigte ermöglicht die Herstellung eines Mehrprodukts. Dies führt jedoch auch zur Herausbildung von Herrschafts- und Ausbeutungsstrukturen, da das Mehrprodukt dazu dienen konnte, eine herrschende Klasse, die selbst am unmittelbaren Produktionsprozess nicht beteiligt war, zu ernähren. So wurde das Mehrprodukt für Notzeiten in besonderen Speichern aufbewahrt, die dann aber auch bewacht werden mussten, und gerade wenn eine Notzeit ausbrach, waren Leute notwendig, die gegen die unmittelbaren Ängste der Bevölkerung diese Vorräte verteidigten, damit nicht in der ersten Not gleich alles verzehrt wurde. Diese Leute mussten also notfalls auch entscheiden, ob Andere nicht ernährt werden konnten. Sie mussten mächtig sein, mächtiger als die Masse der Bevölkerung. Die herrschende Klasse und die Klassengesellschaft war geboren.

Asiatische Produktionsweise

Die asiatische Produktionsweise ist nach Marx eine auf Landwirtschaft basierende Gesellschaftsform, in der eine übergeordnete Autorität über die Ländereien verfügt (Despotismus) und sie den Familien zur Bearbeitung überlässt. Das erwirtschaftete Mehrprodukt wird von der übergeordneten Autorität an die Mitglieder der Gemeinschaft verteilt. Diese Gesellschaft kennt schon Klassen in ersten Ansätzen.

Die asiatische Produktionsweise führte Karl A. Wittfogel zur Kritik am verbreiteten unilinearen Entwicklungsschema. Letzteres war von Engels so auf den Punkt gebracht worden:

Mit Verweis auf die Marx eigentümliche Methode der geschichtlichen Erklärung, wobei er vor einer alle Nationen umfassenden Geschichtsphilosophie warne, ging Wittfogel zu einer mehrlinigen Geschichtsauffassung über.Karl A. Wittfogel: Eine neue Einleitung zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. (New York, November 1976). In: Karl A. Wittfogel: Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Von ihren Anfängen bis zur Schwelle der großen Revolution. SOAK-Verlag Hannover 1977, ISBN 3-88209-003-0. (Nachdruck der 1924 im Malik-Verlag Wien erschienenen Ausgabe). S. VIII-IX

Germanische Gesellschaft

Die germanische Gesellschaft ist eine ländliche Kultur, mit kleinen, weit verstreuten Besitztümern in der Hand bestimmter Familien. Gemeinschaftsbesitz existiert zum Teil noch (Allmenden). Soziale Hierarchien bilden sich zwischen den Familien.

Sklavenhaltergesellschaft

Sklavenhaltergesellschaft bezeichnet die antiken Gesellschaften auf der Basis ihrer Produktionsweise, die den Reichtum durch die Schaffung und Akkumulation von Mehrwert durch Sklavenarbeit produzierten.

Antike Städtegesellschaft

In antiken Städtegesellschaften (z. B. römischen und griechischen Städten) konzentrieren sich die Macht und der Reichtum in den Städten und es entstehen militärische Organisationen, um diese zu sichern (z. B. griech. Polis). Die Ländereien befinden sich meist noch in gemeinschaftlichem Besitz, parallel dazu entwickelt sich jedoch langsam, aber sicher der Privatbesitz. Jene Mitglieder der antiken Stadt, die am aktiven Leben der Stadt teilnehmen (Polisbürger), profitieren vom gemeinschaftlichen Besitz. Es entstehen auch die ersten sozialen Klassen: Sklaven und Sklavenbesitzer.

Diese Gesellschaftsform zeichnet sich durch zahlreiche Sklavenaufstände aus (z. B. Spartacus-Aufstand). Diese Phase der sozioökonomischen Entwicklung geht in einem langwierigen und komplizierten Prozess in das frühe Mittelalter (marxistische Terminologie: Früh-Feudalismus) über. Spätrömische Kolonen (kleine Landpächter) bilden ein Übergangsglied in einer Entwicklungskette hin zu den hörigen Bauern des Feudalismus.

Feudale Gesellschaft

Die feudale Gesellschaft ist gleichzeitig städtisch und ländlich und in hohem Maße hierarchisch bzw. ständisch aufgebaut. Auf dem Land herrschen die großen Grundbesitzer und Lehnsherren, ihre Ländereien werden von Leibeigenen bearbeitet. In den Städten wiederum basiert die Hierarchie auf den Gilden und Zünften.

Die feudale Gesellschaft ebnet über den Schutz von handwerklichem Besitz und Kapital den Weg für die Entstehung des Kapitalismus.

Kapitalistische Gesellschaft

Die kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft zeichnet sich einerseits durch einen hohen technischen Entwicklungsstand und andererseits durch eine ausgeprägte Arbeitsteilung aus. Die sozialen Klassen sind scharf voneinander abgegrenzt, und mit der Entwicklung des Handels und der Industrialisierung entsteht eine neue Klasse: das aus dem städtischen Handwerk heraus entstandene Bürgertum bzw. „Bourgeoisie“.

Neue Märkte, die Entstehung von Manufakturen, die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals und vor allem die Industrialisierung führen zu einer massiven Produktivitätssteigerung. Der Aufschwung des Bürgertums geschieht Marx zufolge auf Kosten der Arbeiterklasse, die selbst über keinerlei Produktionsmittel verfügt. Landflucht, Armut, Krankheit und ein Gefühl der Entfremdung zeichnen die Angehörigen des Proletariats aus.

Der Kapitalismus ist vorerst kommerzieller Natur: Das Bürgertum bereichert sich, entwickelt neue Produkte, erschließt neue Märkte und multipliziert seine Ressourcen. Diese Art des Kapitalismus wird mehr und mehr vom industriellen Kapitalismus ersetzt – Produktivitätssteigerung und Verstädterung sind die Folgen.

Basis und Überbau

Die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft bildet die reale Grundlage, aus welcher der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter Instanz zu erklären sind.Vgl. Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, S. 39. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 7670 (vgl. MEW Bd. 20, S. 25)

Gerade eine Epoche sozialer Umwälzung kann man nicht beurteilen nach dem Bewusstsein bzw. der Ideologie, das sie selbst von sich hat, vielmehr muss die Gesellschaftstheorie dies Bewusstsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären.Vgl. Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. S. 6. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2898 (vgl. MEW Bd. 13, S. 9)

Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Demnach ist das Modell von Basis und Überbau maßgeblich für die Strukturbeschreibung und zur Bestimmung der Bandbreiten historisch möglicher Entwicklungen („Tendenzen“) von Gesellschaft. Das schließt nicht unbedingt aus, dass Ideen nicht auch auf die Basis zurückwirken, wie etwa Max Weber für in der Gesellschaft verbreitete wirtschaftsethische Auffassungen dies nachzuweisen versucht hat (vgl. Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus), oder dass zu Einzelfragen oder für andere Problemstellungen andere Erklärungen herangezogen werden können.Weber unterscheidet zudem in seiner „sozial-ökonomischen Betrachtungsweise“ zweierlei Blickrichtungen: „ökonomisch relevante“ und „ökonomisch bedingte“ Erscheinungen. Vgl. Max Weber: Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen, 7. Aufl., 1988 UTB, S. 162.

Die Basis-Überbau-Theorie ist dabei nicht als vollständige und eindimensionale Determination der Kultur durch die Ökonomie gemeint, als welche diese Theorie insbesondere im Marxismus-Leninismus (oft als „Vulgärmarxismus“ und „Ökonomismus“ kritisiert) rezipiert wurde. Bei allen dialektischen Wechselwirkungen zwischen „Ideen“ und „materiellen Interessen“ seien es aber, so Marx, in der Regel die Ideen, welche sich „blamierten“.„Die 'Idee' blamierte sich immer, soweit sie von dem „Interesse“ unterschieden war.“ (Marx/Engels: Die heilige Familie. MEW 2: 85)

Ökonomisches Bewegungsgesetz, Klassenkampf und Revolution