Ein wichtiger Teil der akademisch-wissenschaftlichen Wirtschaftsgeschichte beschäftigt sich mit den Wirtschaftsformen im (europäischen) Mittelalter. Im Blick ist damit die Zeit nach dem Ende der Antike bis zum Spätmittelalter und weit darüber hinaus in die Frühe Neuzeit. Während in früheren Jahrzehnten hier sicherlich ein Schwerpunkt der Wirtschaftsgeschichte als auch der allgemeinen Geschichtswissenschaften lag, wird das Thema heute von deutlich weniger Lehrstühlen und Forschungseinrichtungen bearbeitet. An den deutschen Universitäten ist die Wirtschaftsgeschichte zum Teil in die allgemeine und fächerübergreifende Mittelalterforschung (Mediävistik) eingebunden. LehrstühleVereinfachend nach: Franz Irsigler: (, PDF) von 2007, archive.org. und Professuren mit der Bezeichnung „Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters“ gibt es an deutschen Universitäten und Gesamthochschulen nur noch in Leipzig (den Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von Markus A. Denzel), in Greifswald (für Mittelalterliche Geschichte/Hansegeschichte von Horst Wernicke) und in Kiel (für Wirtschafts- und Sozialgeschichte von Gerhard Fouquet). Gestrichen wurde er an der FU Berlin, andere wurden abgestuft, wie der in Bamberg, oder sie wurden auf das 19. und 20. Jahrhundert festgelegt, wie in Köln,Universität Köln Bonn oder Nürnberg.
Die meisten wurden in den Fakultäten oder Fachbereichen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angesiedelt. Nur Wolfgang von Stromer († 1999, FU Berlin, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters), in Bamberg für Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte, in Nürnberg-Erlangen für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Gerhard Fouquet sind oder waren Inhaber einer Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Selten sind zudem erfolgreiche Kandidaturen mit entsprechendem Forschungsschwerpunkt, wie Klaus van Eickels in Bamberg.Publikationen van Eickels zur Wirtschaftsgeschichte: Die Deutschordensballei Koblenz und ihre wirtschaftliche Entwicklung im Spätmittelalter, Marburg 1995; Quellen zur Rechts- und Wirtschaftsgeschichte des Archidiakonats und Stifts Xanten. Zweiter Band, hg. v. Friedrich Wilhelm Oediger, überarbeitet und ergänzt von Christine van Eickels und Klaus van Eickels (Die Stiftskirche des heiligen Viktor zu Xanten, Bd. VIII.2), Kevelaer 1994; Die Wachszinspflichtigen des St. Viktor-Stiftes zu Xanten, hg. von Friedrich-Wilhelm Oediger und Klaus van Eickels, Kevelaer 1991.
Arbeitskreise Ähnlich ist die Situation bei den Arbeitskreisen. Dabei war etwa das Themenspektrum des Arbeitskreises für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins weit über die Wirtschaftsgeschichte hinausgewachsen., Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins, archive.org, 29. November 2010. Nur gelegentlich werden mittelalterliche Themen berührt. Ähnliches galt für den Arbeitskreis für Agrargeschichte, der sich mit der Gesellschaft für Agrargeschichte zusammenschloss, oder den Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen. Zur Stadtgeschichte spielen Arbeitskreise eine wichtige Rolle: Zu nennen sind hier vor allem der Südwestdeutsche Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung, der Österreichische Arbeitskreis für Städtegeschichtsforschung, der Arbeitskreis niederrheinischer Kommunalarchivare sowie Institute wie das Institut für vergleichende Städtegeschichte in Münster, das sich allerdings erst relativ spät wirtschaftsgeschichtlichen Themen zuwandte.Europäische Messen und Märktesysteme in Mittelalter und Neuzeit. 1996; Stadt und Handwerk in Mittelalter und früher Neuzeit. 2000 (Schwerpunkt weit nach 1500, Bergbaustädte).
Interdisziplinäre Zusammenarbeit Im Bereich von Handel und Handwerk im früheren Mittelalter hat sich eine intensive Zusammenarbeit mit Archäologie und Sprachwissenschaft entwickelt. Zu nennen sind die Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas der Göttinger Akademie der Wissenschaften, seit 1975. Dabei kann die spätantik-frühmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte Mitteleuropas als gut aufgearbeitet gelten.
Landwirtschaft im Mittelalter Traditionell bedeutend war die Agrargeschichte des Mittelalters, also die Erforschung des in der mittelalterlichen Gesellschaft bedeutendsten Wirtschaftszweig – der Landwirtschaft. In der deutschen Nachkriegszeit war sie vor allem von den Personen Wilhelm Abel, Friedrich Lütge und Günther Franz geprägt. Abels Arbeitsschwerpunkt war die deutsche Landwirtschaft, Lütge publizierte zur Geschichte der Agrarverfassung und Franz bearbeitete die Geschichte der Bauern und des Bauernstands. Sie waren als Herausgeber und Autoren der mehrbändigen Deutschen Agrargeschichte tätig. Wichtige Impulse seit den 1970er Jahren setzte Friedrich-Wilhelm Henning, u. a. als Herausgeber der wichtigen Fachzeitschrift Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Autor bedeutender Überblicksartikel und Bücher zur Agrargeschichte in der vorindustriellen Zeit.Vgl. Werner Rösener: Landwirtschaft im Mittelalter, in: Günther Schulz et al. (Hg.): Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Arbeitsgebiete - Probleme - Perspektiven, Stuttgart 2005, S. 19–39. Weiterführende Forschungsthemen waren u. a. Arbeiten zum Dorf und zur Dorfgemeinde, deren Aufschwung im ländlichen Raum seit dem Hochmittelalter beobachtet wurde. In den letzten Jahrzehnten kamen neue Konzepte aus dem Bereich der sozial- und kulturanthropologischen Forschung hinzu, in deren Mittelpunkt die Erforschung der „bäuerlichen Gesellschaft“ (Modell der „peasant society“) steht.Vgl. Friedrich-Wilhelm Henning: Landwirtschaft in der Neuzeit, in: Günther Schulz et al. (Hg.): Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Arbeitsgebiete – Probleme – Perspektiven, Stuttgart 2005, S. 41–67. Beispielsweise wurde erforscht, wie sich die landwirtschaftliche Spezialisierung auf Milchviehwirtschaft auf die menschliche Körpergröße auswirkt und festgestellt, dass die proteinreiche Ernährungsweise Menschen größer werden ließ.
Stadtwirtschaft: Handel und Handwerk Zunächst lagen die Schwerpunkte der stadtwirtschaftlichen Forschung eher auf der Verfassungs- und Rechtsgeschichte, dann der Sozial- sowie der Kultur- und Alltagsgeschichte.
Edith Ennens Standardwerken Die europäische Stadt des Mittelalters und Deutsche Stadtwirtschaft vom frühen Mittelalter bis 1350Im Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. gesellte sich Eberhard Isenmanns Die deutsche Stadt im Spätmittelalter 1250–1500 hinzu.Vor allem S. 341–402. Am besten aufgearbeitet sind die Städte KölnQuelleneditionen durch Bruno Kuske ab 1908: Die Handelsbeziehungen zwischen Köln und Italien im späten Mittelalter. In: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst 27, 1908, S. 393–441; umfassende Handelsgeschichte: Gunther Hirschfelder: Die Kölner Handelsbeziehungen im Spätmittelalter, Köln 1994; ders.: Kölner Fernhandel im Spätmittelalter, Köln 1996; ebenso die Rolle der Frauen (Margret Wensky: Die Stellung der Frau in der stadtkölnischen Wirtschaft im Spätmittelalter, Böhlau, Köln 1980). und Nürnberg, wo als erste Zusammenfassung Hektor Ammanns Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Nürnbergs von 1967 gilt, vor allem aber Die wirtschaftliche Stellung der Reichsstadt Nürnberg im Spätmittelalter. Grundlegende Arbeiten lieferten hier Götz Freiherr von Pölnitz und Wolfgang von Stromer (Oberdeutsche Hochfinanz 1350–1450), der zeigen konnte, wie früh und umfassend Kaufleute und Bankiers die Kreditvergabe – meist zur Finanzierung militärischer und territorialpolitischer Unternehmungen – einsetzten, um Politik und Gesellschaft im eigenen wirtschaftlichen Interesse zu beeinflussen.
Ähnlich gut bearbeitet ist die Wirtschaftsgeschichte Augsburgs, wobei die Fugger und Welser um 1500 vorrangig im Handel, nicht im Gewerbe oder bei der Innovationskraft maßgeblich waren. Eine Stadtgeschichte lieferte Wolfgang Zorn mit Augsburg. Geschichte einer deutschen Stadt. Für Straßburg ist erneut Philippe Dollinger zu nennen, für Trier Michael Matheus.Trier am Ende des Mittelalters. Studien zur Sozial-, Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte der Stadt Trier vom 14. bis 16. Jahrhundert. 1984.
Als über Jahrzehnte produktiv erwies sich das Ammann-Konzept der Erforschung von „Wirtschaftseinheiten“ und der Zentralitätsansatz von Walter Christaller.So etwa Rolf Kießling: Die Stadt und ihr Land. Umlandpolitik, Bürgerbesitz und Wirtschaftsgefüge in Ostschwaben vom 14. bis ins 16. Jahrhundert. 1989.
Vielen Lokalstudien stehen wenige übergreifende Fragestellungen gegenüber, wie Rolf Sprandels Das Eisengewerbe im Mittelalter (1968), von Stromers Die Gründung der Baumwollindustrie in Mitteleuropa (1978), Ammanns Die Anfänge der Leinenindustrie des Bodenseegebietes (1953) und Deutschland und die Tuchindustrie Nordwesteuropas im Mittelalter.In: Hansische Geschichtsblätter 72, 1954, S. 1–63. Hingegen ist das Verlagswesen seit langem gut beforscht und die Arbeiten reichen von Fridolin Furger: Zum Verlagssystem als Organisationsform des Frühkapitalismus im Textilgewerbe (1927) bis Rudolf Holbachs Frühformen von Verlag und Großbetrieb in der gewerblichen Produktion (13.–16. Jahrhundert) (1996). Gesellen, Lehrlinge und Lohnarbeiter bearbeiteten vor allem Wilfried Reininghaus und Knut Schulz, das Bauhandwerk Ulf Dirlmeier, gefolgt von Gerhard Fouquet, technische Innovationen eher von Stromer (Mühlentechnik, Papierherstellung, Buchdruck).
Märkte, Messen, Fernhandel Während die Beforschung des städtischen Marktes von Anfang an eine Rolle spielte, galten die periodischen Märkte lange als Domäne Hektor Ammanns. Die Messejubiläen, wie das von Frankfurt (1990/91) und Leipzig gaben Anlass zu Überblickswerken.Michael Rothmann: Die Frankfurter Messen des Mittelalters, 1998, und Leipzig (1997). Hinzu kamen Tagungen, wie von 1990–1995 die Commission Internationale pour l’Histoire des Villes. Auch das Institut für vergleichende Städtegeschichte wählte 1991 Europäische Messen und Märktesysteme in Mittelalter und Neuzeit als Tagungsthema, 2000 folgte das italienische Istituto di storia economica „Francesco Datini“ in Prato (vgl. Francesco Datini) und der Hansische Geschichtsverein 2001.
„Zwischen der frühen Messe von St. Denis und den ersten sicheren Jahrmärkten des 10. Jahrhunderts wurde die Kontinuitätslücke geschlossen durch die Deutung der frühmittelalterlichen Kaufmannsniederlassungen an Nordsee und Ostsee als Jahrmarktorte, die sich nur zu festen Terminen mit Händlern füllten“ (Irsigler). Zudem ließ sich der Systemcharakter von regionalen Messeplätzen in Flandern, Südostengland, am Niederrhein, im Mittelrheingebiet und in Süditalien nach dem Vorbild der Champagnemessen aufweisen, eine Systematik, die zu einer Messetypologie und -hierarchie führte, wenn auch im Hanseraum nur die Schonische Messe existierte, Die großen Messeplätze waren von Anfang an die wichtigsten Geld- und Kreditmärkte, und auch Messen als Kunstmärkte wurden beforscht.
Biographische Forschung miniatur|Gerhard Unmaze, rechts, am Kölner Ratsturm, Rainer Walk Biographien bilden für die Überlieferung und die Darstellung eine wichtige Grundlage. Herausragend sind die Arbeiten und Bestände zu Hildebrand Veckinchusen aus Lübeck, den Regensburger Runtingern,Siehe: Runtingerhaus. den Fuggern und Welsern, dem Dortmunder Tidemann Lemberg, dem Lübecker Hinrich Castorp oder den in Stettin, Danzig und Lüneburg aktiven Loitz. Überraschend früh errangen Kaufleute großen Einfluss, wie schon aus dem 12. Jahrhundert der reiche Kölner Kaufmann Gerhard Unmaze. Stark von Italien beeinflusst war die Forschung am Berufsbewusstsein der Fernkaufleute. Dabei kristallisierte sich der Typus des großen oberdeutschen Kaufmann-Unternehmers klar heraus, der sich von der Masse der Hansekaufleute absetzte, die wiederum in ein durchaus tragfähiges Netz von Familiengesellschaften eingebunden waren. Zudem bevorzugten sie andere Formen der Kreditsicherung als die Oberdeutschen.