Ardipithecus ramidus ist der Name einer 4,4 Millionen Jahre alten Art der Menschenaffen aus der Gattung Ardipithecus, deren Fossilien bisher nur in Äthiopien gefunden wurden. Sie zählt zu den ältesten bekannten Arten in der Entwicklungslinie der Hominini. Ardipithecus ramidus gehört möglicherweise zu den direkten Vorfahren der Gattungen Australopithecus und HomoAnn Gibbons: A New Kind of Ancestor: Ardipithecus Unveiled. In: Science. Band 326, 2009, S. 36, doi:10.1126/science.326.5949.36. oder steht ihnen zumindest sehr nahe.
Die besondere Bedeutung der Fossilienfunde von Ardipithecus ramidus besteht darin, dass jahrzehntealte Hypothesen zur Stammesgeschichte des Menschen, denen zufolge der Knöchelgang von Schimpansen und Gorillas ein ursprüngliches Merkmal sei, in Frage gestellt wurden.
Namensgebung Die Bezeichnung der Gattung Ardipithecus wurde 1995 teils aus der Afar-Sprache abgeleitet (von ardi, „Erdboden“), teils aus dem Griechischen (von „πίθηκος“, altgriechisch ausgesprochen píthēkos, „Affe“). Das Epitheton ramid, „Wurzel“ ist ebenfalls der Afar-Sprache entlehnt. Ardipithecus ramidus bedeutet dem Sinne nach folglich „Bodenaffe an der Wurzel des Menschen“. Ardipithecus ramidus ist die Typusart der Gattung Ardipithecus.
Erstbeschreibung Als Holotypus von Ardipithecus ramidus wurden im September 1994 in der Erstbeschreibung durch Forschende des Middle Awash Research Project zehn zusammengehörige Zähne aus einem Oberkiefer und einem Unterkiefer benannt (Archiv-Nummer ARA-VP-6/1; ARA-VP = Aramis Vertebrate Paleontology). Als Paratypen wurden zahlreiche weitere Zähne und einige andere Skelettfragmente von 17 Individuen ausgewiesen. Verwahrort der Fossilien ist das Nationalmuseum von Äthiopien in Addis Abeba.
Die Funde wurden 1994 als Belege für die bis dahin urtümlichste Art der Gattung Australopithecus interpretiert und Australopithecus ramidus genannt. Schon zwischen November 1994 und Januar 1995 wurden jedoch im gleichen Fundhorizont – 50 Meter vom Fundort der Holotypus-Zähne entfernt – weitere aussagekräftige Knochen entdeckt. Darunter waren ein Unterkiefer sowie zahlreiche, einem einzigen Individuum zugehörige Knochen des Oberkörpers und der Gliedmaßen: jenes Individuums, das 15 Jahre später als „Ardi“ bekannt wurde. Insbesondere die zusätzlich geborgenen, in Relation zu den Knochen relativ kleinen Zähne wichen stark von der Bezahnung aller bis dahin bekannten Australopithecus-Funde ab; daher sah sich die Forschergruppe im Mai 1995 veranlasst, die Fossilien der neuen Gattung Ardipithecus zuzuordnen und sie somit neben (aber zeitlich vor) die Gattung Australopithecus zu stellen.Corrigendum. Tim White, Gen Suwa, Berhane Asfaw: Australopithecus ramidus, a new species of early hominid from Aramis, Ethiopia. In: Nature. Band 375, Nr. 6526, 1995, S. 88; doi:10.1038/375088a0, (Volltext (PDF).)
Als kennzeichnend wurden 1995 u. a. die im Vergleich zu den Backenzähnen relativ langen Eckzähne erwähnt; 2009 wurde auf Basis von nunmehr 145 Zähnen von 21 Individuen die Deutung der Eckzähne revidiert und – im Gegenteil – eine bereits früh einsetzende Tendenz zur Reduzierung der Größe von Eckzähnen bei den Hominini beschrieben;Gen Suwa et al.: Paleobiological Implications of the Ardipithecus ramidus Dentition. In: Science. Band 326, Nr. 5949, 2009, S. 69, 94–99, doi:10.1126/science.1175824. hieraus wurden weitreichende Schlussfolgerungen zum Sozialverhalten von Ardipithecus abgeleitet.
Entdeckung Am 17. Dezember 1992 hatte der japanische Paläoanthropologe Gen Suwa (Universität Tokio) ein erstes Fragment entdeckt: die Wurzel eines oberen hinteren Backenzahns M3 (ARA-VP-1/1). Kurz darauf, Ende 1992 / Anfang 1993, wurde dann die Gruppe von zehn zusammengehörigen Zähnen entdeckt, ferner wurden die später als Paratypen ausgewiesenen Funde weiterer Individuen geborgen.Tim White, Gen Suwa, Berhane Asfaw: Australopithecus ramidus, a new species of early hominid from Aramis, Ethiopia. In: Nature. Band 371, Nr. 6495, 1994, S. 306–312; doi:10.1038/371306a0,
Bisher einzige Fundstellen sind Aramis, ca. 100 km südlich von Hadar, westlich des Flusses Awash im Afar-Dreieck, sowie Gona, 60 km nördlich von Aramis. Die überwiegende Mehrzahl der Funde stammt aus Aramis; sie traten infolge von Regenerosion an den Abhängen hervor, die den Awash in diesem Gebiet heute beidseits flankieren.Giday WoldeGabriel et al.: The Geological, Isotopic, Botanical, Invertebrate, and Lower Vertebrate Surroundings of Ardipithecus ramidus. In: Science. Band 326, 2009, S. 65, 65e1–65e5, doi:10.1126/science.1175817. Die Datierung der Funde gilt als äußerst zuverlässig, da sowohl unmittelbar über als auch unmittelbar unter der Fossilien führenden Schicht von Aramis vulkanisches Material abgelagert wurde. Dessen Altersbestimmung mit Hilfe der Kalium-Argon-Datierung (39Ar-40Ar-Methode) ergab jeweils 4,42 Millionen Jahre.4.419 ± 0.068 Mio. und 4.416 ± 0.031 Mio. Jahre. 2005 wurden vom „Gona Paleoanthropological Research Project“ für Gona 4,51 bis 4,32 Millionen Jahre ausgewiesen;Sileshi Semaw et al.: Early Pliocene hominids from Gona, Ethiopia. In: Nature. Band 433, Nr. 7023, 2005, S. 301, doi:10.1038/nature03177. diese Funde waren zwischen 1999 und 2003 geborgen worden und stammten von mindestens neun Individuen. 2009 wurden in der Fachzeitschrift Science schließlich unter Beteiligung von 47 Wissenschaftlern elf StudienIn: Science. Band 326, Nr. 5949, vom 2. Oktober 2009, Coverfoto. veröffentlicht. In ihnen wurden 110 Fundstücke aus Aramis, die von mindestens 36 Individuen stammen,Tim D. White et al.: Macrovertebrate Paleontology and the Pliocene Habitat of Ardipithecus ramidus. In: Science. Band 326, 2009, S. 67, doi:10.1126/science.1175822. analysiert. Ihnen wurde erneut ein Alter von 4,4 Mio. Jahren zugeschrieben.
Alle Funde von Ardipithecus ramidus aus Aramis stammen aus einem drei bis sechs Meter mächtigen, feinkörnigen fossilen Alluvialboden, der in einer relativ kurzen Zeitspanne von nur 100 bis maximal 10.000 Jahren entstand. Sowohl die Feinkörnigkeit der Sedimentschicht als auch der Zustand der fossilen Knochen (das Fehlen von Abriebspuren) deuten darauf hin, dass sie nicht oder nur unwesentlich durch Wasser verdriftet wurden. Auch die Analyse der geologischen Gegebenheiten wurde dahingehend interpretiert, dass die Fossilien in einer flachen Flussaue – weit abseits des seinerzeitigen Hauptflussbetts – abgelagert wurden. mini|Das Fossil Ardi: Zeichnung nach einer Abbildung in Science
Das Fossil „Ardi“
Mit dem Spitznamen Ardi bezeichneten seine Entdecker den im Oktober 2009 publizierten Fund eines besonders vollständigen weiblichen Skeletts. Seine ersten Überreste waren bereits 1994 entdeckt worden; für Ardi, „das älteste hominine Skelett“, das bisher bekannt ist (Tim White),Ardi displaces Lucy as oldest hominid skeleton. Ethiopian desert yields fossils that paint new picture of human evolution. Auf: eurekalert.org vom 1. Oktober 2009. wurde ein Gewicht von 51 kg und eine Körpergröße von ungefähr 120 cm berechnet. Wichtige Erkenntnisse zur Anatomie von Ardipithecus ramidus und – daraus abgeleitet – zur Lebensweise dieser Art und zur Evolution der frühen Hominini wurden aus der Analyse dieses Skeletts gewonnen. Die Redaktion des Fachmagazins Science erkor dessen umfassende und interdisziplinäre Bearbeitung im Dezember zur wichtigsten wissenschaftlichen Veröffentlichung des Jahres 2009.Ann Gibbons: Breakthrough of the Year: Ardipithecus ramidus. In: Science. Band 326, 18. Dezember 2009, S. 1598–1599, doi:10.1126/science.326.5960.1598-a.
Körperbau Die Untersuchung des Körperbaus von Ardipithecus ramidus lieferte zahlreiche Hinweise darauf, dass sich die Schimpansen weit weniger als Modell für den Körperbau der frühen Hominini eignen, als zuvor von vielen Forschern angenommen worden war.Our ancestors walked tall. In: New Scientist vom 10. Oktober 2009, S. 17. Insbesondere aus der Gestalt der Schädelfragmente wurde auf eine verwandtschaftliche Nähe zu Australopithecus und Homo geschlossen.Gen Suwa et al.: The Ardipithecus ramidus Skull and Its Implications for Hominid Origins. In: Science. Band 326, 2009, Nr. 5949, S. 68, 68e1–68e7, doi:10.1126/science.1175825. wörtlich heißt es: „Anatomical comparisons and micro–computed tomography–based analysis of this and other remains reveal pre-Australopithecus hominid craniofacial morphology and structure.“William H. Kimbel et al.: Ardipithecus ramidus and the evolution of the human cranial base. In: PNAS. Band 111, Nr. 3, 2014, S. 948–953, doi:10.1073/pnas.1322639111.‚Ardi‘ skull reveals links to human lineage. Auf: eurekalert.org vom 6. Januar 2014.
Hand und Fuß Ardipithecus ramidus besaß der 1994 publizierten Erstbeschreibung zufolge relativ lange, leicht gebogene, affenähnliche Fingerglieder, die ihn als Baumbewohner ausweisen. Unklar blieb zunächst aber, ob Ardipithecus ramidus bereits aufrecht gehen konnte. In den 2005 und 2019 veröffentlichten Beschreibungen der Funde aus Gona wurde aus der Form aufgefundener Knochen von Zehen und des teilweise erhaltenen Skeletts GWM67/P2 dann aber die Fähigkeit zum aufrechten Gang abgeleitet.Sileshi Semaw et al.: Early Pliocene hominids from Gona, Ethiopia. In: Nature. Band 433, Nr. 7023, 2005, S. 301–305, doi:10.1038/nature03177.Scott W. Simpson, Naomi E. Levin, Jay Quade et al.: Ardipithecus ramidus postcrania from the Gona Project area, Afar Regional State, Ethiopia. In: Journal of Human Evolution. Band 129, 2019, S. 1–45, doi:10.1016/j.jhevol.2018.12.005 New findings shed light on origin of upright walking in human ancestors. Auf: eurekalert.org vom 28. Februar 2019. Da von „Ardi“ große Teile des Kopfes, der Hände und Füße sowie des Beckens erhalten sind, gilt es dem Autorenteam der 2009 veröffentlichten Studien zufolge nunmehr als gesichert, dass Ardipithecus ramidus zwar noch überwiegend ein Baumbewohner war, sich jedoch auch am Boden aufrecht fortbewegen konnte, wenngleich in einer stammesgeschichtlich ursprünglicheren Weise als Australopithecus afarensis.Tim D. White, Berhane Asfaw, Yonas Beyene, Yohannes Haile-Selassie, C. Owen Lovejoy, Gen Suwa, Giday WoldeGabrie: Ardipithecus ramidus and the Paleobiology of Early Hominids. In: Science. Band 326, Nr. 5949, 2009, S. 75–86; doi:10.1126/science.1175802.Elaine E. Kozma et al.: Hip extensor mechanics and the evolution of walking and climbing capabilities in humans, apes, and fossil hominins. In: PNAS. Band 115, Nr. 16, 2018, S. 4134–4139, doi:10.1073/pnas.1715120115.
Einer 2021 publizierten Studie zufolge soll Ardipithecus ramidus sich im Geäst der Bäume möglicherweise überwiegend „hängend“ fortbewegt haben.Thomas C. Prang et al.: Ardipithecus hand provides evidence that humans and chimpanzees evolved from an ancestor with suspensory adaptations. In: Science Advances. Band 7, Nr. 9, 2021, eabf2474, doi:10.1126/sciadv.abf2474.
Gebiss