Australopithecus afarensis ist eine Art der ausgestorbenen Gattung Australopithecus aus der Familie der Menschenaffen. Fossilien, die Australopithecus afarensis zugeordnet wurden, stammen aus rund 3,8 bis 2,9 Millionen Jahre alten Fundschichten Ostafrikas, insbesondere aus Hadar (Äthiopien) und Laetoli (Tansania).Gary J. Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen. Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2008, S. 39.
Die verwandtschaftliche Nähe zu den Arten der Gattung Homo ist ungeklärt. Als sehr wahrscheinlich gilt jedoch, dass Australopithecus afarensis infolge Anagenese in direkter Linie aus dem älteren Australopithecus anamensis hervorgegangen ist.William H. Kimbel et al.: Was Australopithecus anamensis ancestral to A. afarensis? A case of anagenesis in the hominin fossil record. In: Journal of Human Evolution. Band 51, Nr. 2, 2006, S. 134–152, doi:10.1016/j.jhevol.2006.02.003.
Namensgebung Die Bezeichnung der Gattung Australopithecus ist abgeleitet von lat. australis („südlich“) und griechisch πίθηκος, altgr. ausgesprochen píthēkos („Affe“). Das Epitheton afarensis verweist auf den Fundort zahlreicher Fossilien in der äthiopischen Afar-Region; Australopithecus afarensis bedeutet folglich sinngemäß „südlicher Affe aus Afar“.
Die Bezeichnung Australopithecus afarensis wurde erstmals im Mai 1978 während eines sechstägigen Nobel-Symposiums der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm öffentlich erwähnt, das im Rahmen der Feierlichkeiten zum 200. Todestag von Carl von Linné veranstaltet wurde. Donald Johanson, der zu einem Vortrag eingeladen worden war, beschrieb detailliert das Fossil Lucy und die bis dahin bekannten Funde und kündigte die baldige schriftliche Erstbeschreibung der neuen Art anhand des Holotypus LH 4 an.Donald Johanson, Maitland Edey: Lucy. Die Anfänge der Menschheit. Piper, München 1982 (hier zitiert nach der Neuausgabe: Piper, 1992, S. 358). Dies führte zu einem lang andauernden Zerwürfnis mit Mary Leakey und Richard Leakey, die nicht damit einverstanden waren, dass Johanson eine solche mündliche Bekanntmachung vor der Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift gemacht hatte. Zudem betrachtete Mary Leakey den Unterkiefer LH 4 aus Laetoli als ihr wissenschaftliches Eigentum und kritisierte daher auch, dass ein Fossil aus Laetoli zum Typusexemplar einer nach der Region Afar benannten Art werden sollte. Aus Verärgerung nahm Leakey schließlich am 22. August 1978 ihr bereits gegebenes Einverständnis zurück, als Co-Autorin der Erstbeschreibung genannt zu werden, was zur Folge hatte, dass die bereits gedruckte Erstbeschreibung vernichtet und eine neue Fassung der Zeitschrift Kirtlandia gedruckt werden musste.Roger Lewin: Bones of Contention. Controversies in the Search for Human Origins. Touchstone, New York 1988, S. 276 und 285, ISBN 0-671-66837-4. Der US-Paläoanthropologe Ian Tattersall erläuterte 2015 die Hintergründe wie folgt: „Weil die Fossilien von zwei Fundorten stammten, die räumlich weit voneinander entfernt waren, wollten Johanson und White sie auf irgendeine Art miteinander verbinden. Um diese symbolische Einheit zustande zu bringen, gaben sie der Zusammenlegung den Namen Australopithecus afarensis, benannt nach dem Ort, an dem die Fossilien am häufigsten gefunden worden waren – aber sie bestimmten als Holotypus einen Unterkiefer aus Laetoli, das Fossil LH 4.“Ian Tattersall: The Strange Case of the Rickety Cossack – and Other Cautionary Tales from Human Evolution. Palgrave Macmillan, New York 2015, S. 129, ISBN 978-1-137-27889-0.
Johansons Vortrag in Stockholm provozierte zudem eine fachliche Kontroverse um die korrekte taxonomische Benennung der neuen Art. Dem Nobel-Symposium beigewohnt hatte nämlich auch ein Mitarbeiter der Zeitschrift New Scientist namens Hinrichsen, dessen Bericht über die neue Art noch vor der Publikation in Kirtlandia veröffentlicht wurde. Da Hinrichsens Text die erste schriftliche Erwähnung von Australopithecus afarensis war, folgerten mehrere Taxonomen, die im Sinne der wissenschaftlichen Nomenklatur korrekte Bezeichnung der Art sei: „Australopithecus afarensis Johanson (in Hinrichsen), 1978“ und nicht „Australopithecus afarensis Johanson, White und Coppens, 1978“.W. Eric Meikle, Sue Taylor Parker: Naming our Ancestors. An Anthology of Hominid Taxonomy. Waveland Press, Prospect Heights (Illinois) 1994, S. 126, ISBN 0-88133-799-4.
Erstbeschreibung
Die Erstbeschreibung von Australopithecus afarensis wurde 1978 von Donald Johanson, Tim White und Yves Coppens veröffentlicht.Donald Johanson, Tim White und Yves Coppens: A New Species of the Genus Australopithecus (Primates: Hominidae) from the Pliocene of Eastern Africa. In: Kirtlandia. Band 28, 1978, S. 1–14, Volltext (PDF). Als Holotypus von Australopithecus afarensis wurde ein 3,6 bis 3,8 Millionen Jahre alter Unterkiefer (Sammlungsnummer LH 4 = Laetoli Hominid 4) ausgewählt; dieses Fossil war 1974 von Maundu Muluila, einem Mitarbeiter von Mary Leakey, in Laetoli (Tansania) gefunden, aber zunächst keiner bestimmten Art zugeordnet worden. Ergänzt wurde die Erstbeschreibung durch den Verweis auf zwei Dutzend Zähne und Kieferfragmente aus Fundstellen in Tansania sowie auf mehrere hundert ebenfalls zur Art gehörige Fossilien aus Äthiopien.
Die Funde und ihr Alter Alle Fossilien von Australopithecus afarensis aus Laetoli wurden aus einer Bodenschicht geborgen, die auf ein Alter von 3,76 bis 3,46 Millionen Jahren datiert wurde. Die Fossilien aus Hadar sind jünger, für sie alle wurde ein Alter von 3,4 bis 2,92 Millionen Jahren berechnet. Fossilien von der Fundstätte Maka (sie liegt wie Hadar im Afar-Dreieck) sind 3,75 bis 3,4 Millionen Jahre alt. Ob die Fossilien von beiden Fundorten tatsächlich zur gleichen Art gehören, wird von einigen Forschern angezweifelt.Gary J. Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen, S. 44. Warum die Art ausgestorben ist, ist ungeklärt.
Von wann bis wann eine fossile Art existierte, kann in aller Regel aber nur näherungsweise bestimmt werden. Zum einen ist der Fossilbericht lückenhaft: Es gibt meist nur sehr wenige Belegexemplare für eine fossile Art. Zum anderen weisen die Datierungsmethoden zwar ein bestimmtes Alter aus, dies jedoch mit einer erheblichen Ungenauigkeit; diese Ungenauigkeit bildet dann die äußeren Grenzen bei den „von … bis“-Angaben für Lebenszeiten. Alle publizierten Altersangaben sind daher vorläufige Datierungen, die zudem nach dem Fund weiterer Belegexemplare möglicherweise revidiert werden müssen.
Etwa 90 Prozent der Funde von Australopithecus afarensis stammen aus Hadar. Weitere Fundstellen sind White Sands, Belohdelie und Fejej in Äthiopien, Koobi Fora und Allia Bay in Kenia sowie Koro Tor im Tschad.Donald Johanson: Lucy und ihre Kinder. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Elsevier Verlag, München 2000, S. 133, ISBN 978-3-8274-1670-4. Australopithecus afarensis ist die älteste Art der Hominini, von der hinreichend viele Fossilien unterschiedlicher Individuen überliefert sind, so dass Körperbau und Körpergewicht relativ zuverlässig abgeschätzt werden können.Bernard Wood, Nicholas Lonergan: The hominin fossil record: taxa, grades and clades. In: Journal of Anatomy. Band 212, Nr. 4, 2008, S. 357 f., doi:10.1111/j.1469-7580.2008.00871.x,
Stammesgeschichtlich wurde Australopithecus afarensis wiederholt in die Nähe der Entwicklungslinie zur Gattung Homo gestellt. Eine 2007 publizierte Studie von Yoel Rak zu einem afarensis-Unterkiefer wies jedoch aufgrund der speziellen Form des aufsteigenden Unterkieferasts (Ramus mandibulae) eine größere Ähnlichkeiten mit Paranthropus robustus nach als mit den frühen Homo-Arten.Yoel Rak, Avishag Ginzburg und Eli Geffen: Gorilla-like anatomy on Australopithecus afarensis mandibles suggests Au. afarensis link to robust australopiths. In: PNAS. Band 104, Nr. 16, 2007, S. 6568–6572, doi:10.1073/pnas.0606454104. . Im Original publiziert auf diepresse.com vom 10. April 2007.
Lucy
Lucy ist das bekannteste Fossil von Australopithecus afarensis. Es wurde am 24. November 1974 von Donald Johanson in Hadar entdeckt und benannt nach dem Beatles-Song „Lucy in the sky with diamonds“, der am Tage der Entdeckung im Forschercamp mehrfach vom Tonband abgespielt wurde. Das Skelett wurde aufgrund von Überlegungen zum Größenverhältnis der Geschlechter (Geschlechtsdimorphismus) bei Australopithecinen einem weiblichen Individuum zugeschrieben; diese Interpretation ist aber umstritten.
Lucy wurde auf ein Alter von 3,2 Mio. Jahren datiertDonald Johanson, Lucy und ihre Kinder, S. 21. und unter der Sammlungsnummer AL 288-1 (AL = „Afar Locality“) registriert. Sie war zu Lebzeiten ungefähr 105 cm groß,Steve Jones et al. (Hrsg.): The Cambridge Encyclopedia of Human Evolution. Cambridge University Press, 1992, S. 237. wog ca. 27 kgDonald Johanson, Lucy und ihre Kinder, S. 57. und starb (ablesbar am Zustand ihrer Zähne) als junge Erwachsene.
Lucy galt jahrelang als das am besten erhaltene Skelett eines frühen Vertreters der Hominini: 47 der 207 Knochen wurden gefunden, darunter Oberschenkelknochen und Schienbein, Teile des Beckens, der Wirbelsäule, mehrerer Rippen, des Schädels und beider Oberarmknochen; die Knochen der Hände und der Füße fehlen nahezu vollständig. Der Skelettbau zeigt Anpassungen an den aufrechten Gang.
„First Family“
Als „erste Familie“ bezeichnete Donald Johanson einen ungewöhnlich umfangreichen Fund von Fossilien, der im November 1975 in Hadar entdeckt wurde:Maurice Taieb, Donald Johanson, Yves Coppens, Jean-Jacques Tiercelin: Expedition internationale de l'Afar, Ethiopie (4eme et 5eme Campagne 1975–1977): Chronostratigraphie des gisements a hominides Pliocene de l'Hadar et correlations avec les sites prehistoriques de Kana Gona. In: Comptes Rendus de l'Académie des Sciences de Paris. Band 287, 1978, S. 459–461. die Überreste von neun Erwachsenen, drei Heranwachsenden und fünf Kindern. Ihr Alter wurde – wie das von Lucy – auf 3,2 Millionen Jahre datiert.
DIK 1-1
Das Fossil mit der Sammlungsnummer DIK 1-1 wurde im Jahr 2000 in der äthiopischen Region Dikika entdeckt und stammt von einem ungefähr dreijährigen, weiblichen Individuum, dessen Alter aufgrund der Bodenbeschaffenheit mit 3,3 Millionen Jahren angegeben wird.Zeresenay Alemseged et al.: A juvenile early hominin skeleton from Dikika, Ethiopia. In: Nature. Band 443, 2006, S. 296–301, doi:10.1038/nature05047. Es wird von seinem Entdecker auch Selam („Friede“) genannt.
DIK 1-1 gilt als das derzeit vollständigste Fossil von Australopithecus afarensis. Die noch erhaltenen Fuß- und Beinknochen sowie das rechte Schulterblatt belegen, dass auch ein junger Australopithecus sowohl zweibeinig, also aufrecht gehen als auch noch – vergleichbar den modernen Schimpansen – gut im Geäst der Bäume hangeln konnte.
Körperbau Australopithecus afarensis war „etwas größer als ein Schimpanse, der schon – wenn auch noch sehr ungelenk – auf den Hinterbeinen ging“.Fiorenzo Facchini: Die Ursprünge der Menschheit. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2006, S. 76, ISBN 978-3806219913. Becken und Beine wiesen menschenähnliche Merkmale auf, während Kopf und Oberkörper als „affenähnlich“ beschrieben wurden.Susan Larson: Did Australopiths Climb Trees? In: Science. Band 338, Nr. 6106, 2012, S. 478–479, doi:10.1126/science.1230128.