mini|George Berkeley als Bischof

George Berkeley [] (* 12. März 1685 in der Grafschaft Kilkenny (Irland); † 14. Januar 1753 in Oxford) war ein anglikanischer Theologe, Sensualist und Philosoph aus der Zeit der Aufklärung. Er entstammte einer royalistisch-protestantischen Familie der anglo-irischen Oberschicht.

Berkeleys Denken kann als das Bindeglied zwischen dem von Locke und Hume angesehen werden.Alfred Klemmt: Einleitung zu Berkeleys Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Hamburg 1979, S. IX. Er leistete seine Beiträge aus der Sicht seines Wahrnehmens. Er folgerte daraus vor allem philosophische Ergebnisse über die Möglichkeiten, die Welt zu erkennen. Sie widersprachen den metaphysischen Theorien seiner Zeit. Seine Ergebnisse können als skeptische Antworten gelten. In der Folge seiner skeptischen bzw. zetetischen Annahmen vertrat er eine nominalistische Philosophie. Viele Philosophen bezeichneten Berkeley als Immaterialist. Dabei legen sie eine Interpretation zugrunde, die unter „bewusstseinsimmanentem Empirismus“ als Kategorie in gängigen Philosophiegeschichten zu finden ist. Es ist fraglich, ob damit Berkeleys philosophische Annahme „Sein heißt wahrgenommen werden“ (to be is to be perceived oder esse est percipi) zutreffend nachzuvollziehen ist.Vgl. dazu Alfred Klemmts Diskussion in der oben zitierten Einleitung.

Biografie mini|George Berkeleys Familie, Ölgemälde von John Smibert

George Berkeley studierte seit 1700 am Trinity College in Dublin, und zwar Alte Sprachen, Philosophie, Mathematik und Theologie. Von 1707 bis 1713 lehrte er als Fellow am Trinity College. 1710 empfing er die zur damaligen Zeit in Irland für einen Fellow verpflichtende Priesterweihe.Wolfgang Röd: Die Philosophie der Neuzeit 2: Von Newton bis Rousseau (= Geschichte der Philosophie, Bd. 8). C.H. Beck, München 1984, S. 111. Die Kombination von Forschen und Religion schien Berkeleys Neigungen zu entsprechen. Sein Glaube an die Wirksamkeit Gottes veranlasste ihn, seine Schriften als gegen Skeptiker, Freidenker und Atheisten gerichtet anzusehen. Zu seinen Hauptwerken gehören der Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge (1710) und die Three Dialogues between Hylas and Philonous (1713). Er war befreundet mit Persönlichkeiten wie Joseph Addison, Alexander Pope, Richard Steele und Jonathan Swift.

1713 ging er für zehn Monate nach London, anschließend reiste er über Frankreich nach Italien. Dort beobachtete er 1717 den Ausbruch des Vesuv. 1720 kehrte er nach Irland zurück und lehrte Hebräisch und Theologie am Trinity College. 1724 wurde er zum Dekan der St.-Columban-Kathedrale in Derry ernannt.Wolfgang Röd: Die Philosophie der Neuzeit 2: Von Newton bis Rousseau. C.H. Beck, München 1984, S. 112.

Bekannt ist Berkeley auch durch seinen Plan, auf den Bermudas eine Missionsschule zu errichten, die auch durch das Beispiel eines einfachen und natürlichen Lebens auf Europa zurückwirken sollte. Von 1728 bis 1731 bemühte er sich um die Verwirklichung dieses Vorhabens: Er reiste – nach seiner Heirat im Jahr 1728 – nach Rhode Island, wartete aber vergeblich auf die versprochene staatliche Unterstützung. Dort schrieb er Alciphron (1732), eine Verteidigung des Christentums gegen die Freidenker. Berkeley besaß ein Gut auf Rhode Island, auf dem von 1730 bis 1731 auch Sklaven arbeiten mussten.Roy Carroll, Trinity College Dublin to ‘dename’ George Berkeley library over slavery links. Guardian, 27. April 2023

Nach seiner Rückkehr wurde Berkeley 1734 Bischof von Cloyne (bei Cork in Irland). Im selben Jahr veröffentlichte er The Analyst, eine kritische Betrachtung der Grundlagen der Wissenschaft, die im Folgenden die Entwicklung der Mathematik wesentlich beeinflussen sollte. In seinen gut achtzehn Jahren als Bischof von Cloyne widmete er sich vor allem den Aufgaben in seiner Diözese; die Zeit langer Reisen war vorbei.Wolfgang Röd: Die Philosophie der Neuzeit 2: Von Newton bis Rousseau. C.H. Beck, München 1984, S. 113. Er prangerte die gesellschaftlichen Missstände an, die den Großteil der Einwohner seines Sprengels und in Irland insgesamt in elenden Lebensumständen hielten.Maureen Wall: The Age of the Penal Laws (1691–1778). In: Theodore W. Moody, Francis Xavier Martin (Hg.): The course of Irish history. Mercier Press, Cork, 17. Aufl. 1987, ISBN 0-85342-715-1, S. 217–231, hier S. 221.

George Berkeley starb am 14. Januar 1753 in Oxford.

Die Stadt Berkeley in Kalifornien und die dortige University of California, Berkeley sind nach ihm benannt.

Werk George Berkeley veröffentlichte 1710 – im Anschluss an den „Versuch über eine neue Theorie des Sehens“ (1709) – mit 25 Jahren seine zweite philosophische Schrift „Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis“.George Berkeley: Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Hamburg 2004. In dieser Schrift erläuterte er die beiden Grundprinzipien seines sensualistischen Ansatzes: „Sein ist Wahrgenommenwerden.“ (esse est percipi) und „Sein ist Wahrnehmen.“ (esse est percipere)Berkeley: Philosophisches Tagebuch. Hamburg 1979, 429. Vgl. a. Arend Kulenkampff: George Berkeley. München 1987, S. 101. Ferner beschrieb er im Hinblick auf die noch gesellschaftsweit vorherrschende aristotelisch-scholastische Philosophie seine Schlussfolgerungen aus diesen Prinzipien und kritisierte Locke, dessen Philosophie am Trinity College den Lehrkanon dominierte. Menschliche Vorstellungen ('ideas') entstehen ausschließlich durch sinnliches Wahrnehmen (ein Grundprinzip). Das, was wahrnimmt – das andere Grundprinzip –, nannte er der zeitgemäßen philosophischen Sprechweise folgend „Subjekt“, „Verstand“, „Geist“, „Seele“ und mit einem moderneren Ausdruck „ich selber“.Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis § 2. Berkeley leistete damit einen in der Öffentlichkeit kaum gewürdigten Beitrag zum Diskurs der Gelehrtenrepublik seiner Zeit. Es ging damals u. a. darum grundlegend neue Konzepte zu entwickeln, die aus der Sackgasse des Leib-Seele-Dualismus hinausführten, wie ihn die alte scholastische Philosophie, aber auch noch Descartes und cartesianisch orientierte Philosophen vertraten. Vor allem neue Forschungsergebnisse in der Medizin zeigten, dass die dualistische Denkweise ungeeignet war, diese nachvollziehbar zu erläutern.Vgl. John Sutton, Peter Anstey (ed): Soul and Body in Seventeenth-Century British Philosophy. In: The Oxford Handbook of British Philosophy in the Seventeenth Century Oxford Press 2013, S. 1f. – Seit 1543 war das erste gründlich recherchierte Anatomiebuch „De Fabrica“ von Andreas Vesalius europaweit im Umlauf, das neue Sichten über den menschlichen Körper förderte. Vesalius enthielt sich aus Angst vor Entstellungen seiner Forschungsergebnisse und der kirchlichen Zensur jeglicher Äußerung zum Leib-Seele-Problem. Vgl. Robert Hanbury Brown: The Wisdom of Science: Its Relevance to Culture and Religion. New York (Cambridge Press) 1986, S. 3.

Berkeley behauptete – radikaler als Locke –, dass er weder die Substanz „Materie“ noch die Substanz „Geist“ für philosophisch begründbar hielte. „Die Existenz der äußeren Dinge besteht in ihrem Wahrgenommenwerden: esse est percipi. … Der Geist als solcher ist unerkennbar. Sein Wesen besteht … im Erfassen: esse est percipere. … er [Berkeley] ist … kein Idealist. Naturgesetze sind nur Zeichen. Kategorien wie Materie, Kausalität, Bewegung und Substanz sind entbehrlich.“ Ernst R. Sandvoss: Geschichte der Philosophie. Band II. Wiesbaden 2004, S. 250. Zur Substanzfrage von Materie und Geist, vgl. a. Lisa Downing: George Berkeley. Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2004, 2. Abschnitt. Dieser sensualistische Ansatz wurde im Zuge der britischen Aufklärung von David Hume konsequent zu Ende gedacht.

Berkeley war über seine philosophischen Grundgedanken hinaus ein gläubiger Mann. Francis Bacon hatte Jahrzehnte vor Berkeley vorgeschlagen, dem Glauben einerseits und wissenschaftlichen Annahmen andererseits ihre jeweils eigene Welt zu belassen. Sie sollten sich daran messen lassen, inwiefern sie der Wohlfahrt der Gemeinschaft nützten. Die Wissenschaft sollte – im Unterschied zur scholastischen Gewohnheit – ohne Berufung auf althergebrachte Autoritäten arbeiten. Berkeleys religiöse Überzeugung, dass – wenn auch völlig unbeweisbar und nicht wahrnehmbar – hinter allen menschlichen Vorstellungen und wissenschaftlichen Kenntnissen Gott als Garant für deren Verlässlichkeit stehe, beruhte auf Schlussfolgerungen, die er im Hinblick auf seinen Glauben für nützlich und vernünftig hielt. Für Berkeley sei Glauben eine Lebensweise, vergleichbar einer Art von Lebensklugheit anstatt Theologie gewesen, wird in der Forschung festgestellt.Silvia Parigi (Università di Cassino, Ed.): George Berkeley: Religion and Science in the Age of Enlightenment. Heidelberg/London/New York 2010, S. XVII f. Mit der Entscheidung seines vom Glauben zu unterscheidenden skeptischen Denkens blieb Berkeley wie andere, die an ihrem Glauben festhielten, im Mainstream der Aufklärung. Vgl. Robert Hanbury Brown: The Wisdom of Science: Its Relevance to Culture and Religion. New York (Cambridge Press) 1986, S. 6. Die Mehrheit der europäischen Philosophen der Aufklärung – wie auch Locke und Malebranche – verband philosophisch begründbare Sichten mit ihren religiösen Auffassungen.Vgl. John Sutton, Peter Anstey (ed): Soul and Body in Seventeenth-Century British Philosophy. In: The Oxford Handbook of British Philosophy in the Seventeenth Century Oxford Press 2013, S. 18f.

Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis Es handelt sich dabei um den Titel der Veröffentlichung von A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge (1710), auf den sich dieser Abschnitt bezieht. Im Vorwort schrieb Berkeley: „Ich bitte den Leser, so lange Urteilsenthaltung zu üben, bis er das Ganze wenigstens einmal so aufmerksam und mit jedem Maß an gründlicher Überlegung gelesen hat, das der Gegenstand zu erfordern scheint.“Zitiert wird hier nach der deutschsprachigen Ausgabe des Meiner-Verlages: George Berkeley: Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Hamburg 2004. mini|links|Titelblatt der Erstauflage der Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Dublin 1710

Anknüpfungen an Locke Berkeley stellte immer wieder kritische Bezüge zu dem von ihm geschätzten Locke und dessen Veröffentlichung An Essay Concerning Humane Understanding her.Vgl. Berkeley: Einleitung zu Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis, §11. Hamburg 1979, S. 10.