mini|Historische Darstellung der Verbreitung der Schriftarten in Europa aus Petermanns Mitteilungen (1901). Die Darstellung stellt die Verhältnisse jedoch unrealistisch dar: In Dänemark und Norwegen wurde zu dieser Zeit bereits überwiegend Antiqua verwendet und in Deutschland – wie bereits aus der Beschriftung der Karte erkennbar – nicht ausschließlich in Fraktur gedruckt.
Die Fraktur (von „Bruch“) ist eine Schriftart aus der Gruppe der gebrochenen Schriften. Sie war von Mitte des 16. bis Anfang des 20. Jahrhunderts die meistbenutzte Satzschrift im deutschsprachigen Raum, dazu – in Konkurrenz zur Antiqua – auch in den nordeuropäischen Ländern.
In der Umgangssprache wird der Sammelbegriff Frakturschrift oft synonym für gebrochene Schriften verwendet, also zum Beispiel auch für Textura und Schwabacher, die sich aber durch das Fehlen der für die Fraktur charakteristischen Elefantenrüssel klar abgrenzen lassen. Analog dazu ist die Bezeichnung Bruchschrift sowohl für die Fraktur als auch allgemein für gebrochene Schriften in Gebrauch.
Entstehung Die Frakturtype bildete sich am Anfang des 16. Jahrhunderts als Weiterführung der Textura heraus. Ihre Entstehung ist eng mit Kaiser Maximilian I. verbunden. Wer genau die Fraktur geschaffen hat, ist aber bis heute nicht eindeutig geklärt, da die Formen der Type auch in handschriftlichen Urkunden aus dem Umfeld der Wiener Universität und in Nürnberg nachweisbar sind. In Frage kommt unter anderem Vinzenz Rockner, ein Sekretär von Maximilian I., der den Druck des Gebetbuches (siehe folgenden Absatz) überwachte und die handschriftlichen Vorlagen für die Drucklettern lieferte. Unklar bleibt, ob er diese Vorlage auch selbst entworfen hat. Der zweite mögliche Urheber ist der Mönch und Schreiber Leonhard Wagner, der bereits am Ende des 15. Jahrhunderts eine entsprechende Schriftart entwickelte, die aber in der Bibliothek seines Klosters verblieb, so dass unklar ist, wie bekannt diese Handschrift war.
Die erste Frakturschrift für den Buchdruck wurde bereits 1513 von Hans Schönsperger in Augsburg entworfen und (unter anderen) im von Albrecht Dürer illustrierten Gebetbuch verwendet. Als zweite wichtige Anwendung der Fraktur im Druck gilt der 1517 in Nürnberg gedruckte Theuerdank. Ihre ästhetische Vollendung erfuhr sie durch Schriftschneider im 18. Jahrhundert wie G. I. Breitkopf und J. F. Unger.
Nach Rudolf Kautzsch besteht ein wichtiger Charakter der Frakturschrift in der „geheimen Gegensätzlichkeit zwischen der Gotik ihrer Gemeinen und der Renaissance ihrer Versalien“.
Entwicklung Die Fraktur hat sich, ähnlich wie die Antiqua, im Laufe der Zeit unter dem Einfluss des Zeitgeistes angepasst und verändert. Es lassen sich folgende wichtige Formen der Fraktur unterscheiden:
Renaissance-Fraktur: Theuerdank-Fraktur Barock-Fraktur: Breitkopf-Fraktur Klassizistische Fraktur: Unger-Fraktur, Walbaum-Fraktur Frakturvarianten, hybride Schriften, die mehr oder weniger deutlich Merkmale anderer Schriftgattungen aufweisen und den Übergang zu den Gebrochenen Grotesken einleiten
Schriftbeispiele für die Fraktur
Verwendung der Fraktur in der Neuzeit mini|Im älteren Schrifttum war häufig eine Mischung aus Fraktur und Antiqua gebräuchlich. Namen und Begriffe aus dem Latein oder romanischen Sprachen (Französisch) wurden dabei in Antiqua gesetzt, der deutsche Text dagegen in Fraktur. mini|Rundschreiben zum Schriftenerlass vom 3. Januar 1941 (Textabschrift in der Dateienbeschreibung)
Die Frakturschrift wurde in Deutschland in ausgewählten Publikationsbereichen Ende des 19. Jahrhunderts von der Antiqua abgelöst. So änderten im Zuge der Internationalisierung wissenschaftlich-technische Zeitschriften ihre Typografie, zum Beispiel bereits 1872 die Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure.Helmut Hilz: Technische Zeitschriften und Industrialisierung – Deutschlands technische Zeitschriftenkultur bis zum Ersten Weltkrieg. In: Aus dem Antiquariat. Nr. 2/2009, S. 71–84, hier S. 83. In anderen Bereichen war Frakturschrift bis nach dem Ersten Weltkrieg üblich (beispielsweise die Bernhard-Fraktur bei der Reichsbahndirektion Stettin oder die Leipziger Fraktur bei der Reichsbahndirektion Berlin),Andreas Rasemann: Dienstfahrpläne deutscher Eisenbahnen 1920 bis 1949. vgb-Verlag, 2017, S. 106. danach begann sich im Zuge der Neuen Typografie allmählich die Antiqua durchzusetzen. Die damit zusammenhängende Auseinandersetzung über den Stellenwert gebrochener Schriften für die geschriebene deutsche Sprache wird als Antiqua-Fraktur-Streit bezeichnet. Einige Schriftdesigner entwickelten im frühen 20. Jahrhundert auch hybride Schriften, die sowohl Merkmale der Fraktur als auch von anderen Schriftgattungen aufweisen.
Zur Zeit des Nationalsozialismus erlebte die Fraktur insbesondere als Auszeichnungsschrift, aber auch als Textschrift zunächst eine Renaissance, da sie als deutsche Schrift betrachtet wurde. Man berief sich unter anderem auf Cäsar Flaischlen, der „Vom Herrenrecht unserer deutschen Schrift“ gedichtet hatte. Ab Juni 1933 forcierte das Reichsinnenministerium das Vorhaben, Schreibmaschinen mit Frakturschrift verbindlich in Behörden einzuführen. Der Fachnormenausschuss für Schreibmaschinen scheiterte jedoch an der Aufgabe, sich auf verbindliche Schriftzeichen zu einigen. In diesem Ausschuss war auch die Schreibmaschinenindustrie vertreten, die eigentlich ein Interesse an verstärktem Absatz hätte haben müssen. Hitler erklärte auf einer Kulturtagung der NSDAP 1934: So wurde das Vorhaben der Umstellung der Schreibmaschinen nicht weiter forciert.Christel Baumgart: . 1937 wurde jüdischen Verlagen verboten, Fraktur zu verwenden.
Seit 1940 sollten alle für das Ausland gedruckten Texte in Antiqua gesetzt werden, worüber die Bevölkerung jedoch nicht informiert wurde. Die Schriftpolitik blieb über längere Zeit völlig unklar. Ein Erlass des NSDAP-Regimes von 3. Januar 1941, in welchem Martin Bormann in Hitlers Auftrag die der Fraktur ähnliche Schwabacher als „Judenlettern“ bezeichnete, erklärte dann in einer totalen Kehrtwendung (und in Verkehrung der tatsächlichen Entwicklung der Schrift) die Antiqua zur „Normalschrift“. Schwabacher und Fraktur galten fortan als unerwünscht, so dass NSDAP-treue Zeitungen und Verlage vor allem in der für das Ausland bestimmten Produktion zum durchgehenden Gebrauch der lateinischen Schrift, insbesondere der Antiqua, übergingen.Helmut Heiber: Die Rückseite des Hakenkreuzes. München 1993, ISBN 3-423-02967-6, S. 224 f. Der Duden erschien 1941 letztmals in Fraktur.
Allerdings glaubten wohl selbst die NS-Funktionsträger nicht an diese Argumentation. Hintergrund des (extrem teuren) Wechsels mitten in Kriegszeiten war vermutlich die Auffassung, dass die deutsche Hegemonie in einem eroberten Europa mit einer besonderen, optisch engen und komplizierten, schwer zu erlernenden Schrift nicht zu sichern sei. Auch waren die zahlreichen Zwangsarbeiter oft nicht in der Lage, einfache Beschriftungen in Fraktur zu verstehen, was die Kriegsproduktion behinderte. So schrieb Goebbels am 2. Februar 1941 in sein Tagebuch: Unter den „acht Alphabeten“ verstand man damals jeweils die Klein- und Großbuchstaben von Fraktur, deutscher Schreibschrift, Antiqua und lateinischer Schreibschrift.
Goebbels betonte fünf Vorteile der Antiqua: Wirksamere Verbreitung deutscher (Propaganda-)Schriften im Ausland; verbesserte Möglichkeiten, eroberte Gebiete zu verwalten; Absicherung der militärisch-politischen Herrschaft durch eine schriftlich-kulturelle Dominanz; Abgrenzung gegenüber der Sowjetunion und Anpassung an Westeuropa mit einer einheitlichen europäischen (deutschen) Schrift; wirtschaftliche Vorteile durch Verbesserung des Absatzes deutscher Bücher im Ausland.
Durch Erlass des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 1. September 1941 wurde in deutschen Schulen nur noch die lateinische Schrift gelehrt, die bis dahin nur als zweite Schrift ab Klasse 2 unterrichtet worden war, wodurch Unterrichtszeit für andere Fächer frei wurde. Kaum jemand war über die Gründe informiert. Für Bevölkerungsgruppen, die sich in Nationalitätenkonflikten wähnten, z. B. die Sudetendeutschen, stellte die Umstellung ein Ärgernis dar, da die eigene Schrift als Abgrenzungsmerkmal wegfiel.
Die Frakturschrift erlebte nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches keine Renaissance. 1951 kam es zwar zur Neugründung des Bundes für deutsche Schrift in Hannover (seit 1989: Bund für deutsche Schrift und Sprache), der sich für die Verwendung deutscher Druck- und Schreibschriften einsetzt. Das Thema fand jedoch in der Öffentlichkeit keinen größeren Raum. Allerdings wurden auch nach 1945 noch Bücher in Fraktur gedruckt. Der Autor Hermann Hesse bestand noch lange nach dem Krieg darauf, dass seine Werke in Fraktur gedruckt würden. Auch viele Klassiker fanden in den 1950er Jahren als Frakturausgaben noch sehr guten Absatz, so eine Theodor-Storm-Gesamtausgabe von 1953. Die evangelischen Kirchen hielten noch längere Zeit an der „deutschen Schrift“ fest. So erschienen viele deutschsprachige Bibelübersetzungen bis in die 1960er Jahre in Fraktur. Die katholische Kirche hatte für lateinische Texte traditionell die lateinische Schrift verwendet und vollzog die Umstellung auch für deutschsprachige Texte früher. Bis in die 1980er Jahre wurden in Westdeutschland einzelne Gesetzestexte, zum Beispiel das Wechselgesetz in der seinerzeit als „Schönfelder“ bekannten Gesetzessammlung (heute „Habersack“), in Fraktur gedruckt.
Die Neue Zürcher Zeitung wurde seit ihrer Gründung 1780 bis zum Jahr 1946 komplett in Fraktur gesetzt. Seit der Umstellung 1946 verwendet sie, wie auch einige andere deutschsprachige Zeitungen (unter anderem die Frankfurter Allgemeine, die Südtiroler Tageszeitung Dolomiten und die luxemburgische Tageszeitung Luxemburger Wort), Fraktur noch im Zeitungstitel. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung setzte bis zum 4. Oktober 2007 auch Überschriften von Meinungsartikeln in Fraktur, in den letzten zweieinhalb Jahren davor allerdings ohne das lange s.
Auf den DM-Banknoten zu 5, 10, 100, 500 und 1000 DM der ab 1961 ausgegebenen dritten Serie sowie auf allen Banknoten der ab 1990 ausgegebenen vierten Serie war das Wort Banknote in Fraktur gesetzt.
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden Frakturschrift oder andere gebrochene Schriften in der Werbung, zur Beschriftung verschiedener Artikel und für Straßenschilder verwendet. Auf Warenverpackungen, insbesondere bei Lebensmitteln, signalisiert die Frakturschrift ein Produkt von althergebrachter Art und Qualität. Bei Winzern und Brauereien symbolisiert sie Alter und Tradition, bei Gaststätten signalisiert die Hausinschrift in Fraktur einen mit Liebe geführten Traditionsbetrieb, zumindest aber Gemütlichkeit. Schließlich ist die Frakturschrift, meistens die im englischsprachigen Raum verbreitetere gotische Schrift, in Musik- und Jugendkulturen wie Hard Rock (z. B. Possessed, Skrewdriver oder Röck Döts), Metal, Punk oder Gothic beliebt; sehr verbreitet findet sie sich auch bei Rockergruppen (z. B. Outlaws MC, Gremium MC). Gebrochene Schriften sind einerseits in der Modebranche als Markenname oder als Schriftzug auf Kleidung verbreitet, zum Teil sogar erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts (z. B. Brioni oder „Palm Angels“); andererseits werden sie ungeachtet der schließlichen nationalsozialistischen Frakturablehnung auch von Neonazis verwendet. Allerdings werden die Schreibregeln bezüglich des langen s bei Massenprodukten und beispielsweise Kneipenschildern inzwischen seltener oder überhaupt nicht mehr angewandt, zum Teil sogar derart, dass ausschließlich das lange s benutzt wird. Gleiches gilt für die Ligaturen ch, ck, tz und st (eigentlich ſt), die sogenannten Zwangsligaturen.