Echtes Süßholz (Glycyrrhiza glabra) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Süßhölzer (Glycyrrhiza) in der Unterfamilie Schmetterlingsblütler (Faboideae) innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Am bekanntesten ist das Echte Süßholz durch die aus der Süßholzwurzel gewonnene Süßigkeit Lakritze. Als Teedroge findet das Echte Süßholz ebenfalls Verwendung. Das Süßholz wurde auch als Gemeines, Kahlfruchtiges, Spanisches oder Deutsches Süßholz bezeichnet.

Beschreibung mini|Zweig mit Blütenständen mini|Blütenstand

Vegetative Merkmale Echtes Süßholz ist eine mehrjährige, krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 50 bis zu 150 Zentimetern erreicht. Die Wurzeln werden im Herbst geerntet. Der Stängel ist verzweigt. Die Stängel und die Blattstiele sind behaart oder verkahlen.

Die wechselständig angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und -spreite gegliedert. Die unpaarig gefiederte Blattspreite besitzt 9 bis 17 Fiederblättchen. Die meist ganzrandigen, kurz gestielten Fiederblättchen sind bei einer Länge von 2 bis 5 Zentimetern sowie einer Breite von 1,5 bis 2,5 Zentimetern eiförmig bis elliptisch mit gerundetem und vorn manchmal kurz stachelspitzigem oberen Ende, fiedernervig und unterseits von sitzenden harzig-klebrigen Drüsen punktiert. Die Nebenblätter sind klein und abfallend.

Generative Merkmale Die Blütezeit liegt im Spätsommer (Juni bis Juli), seltener bis in den Herbst. Die kurz gestielten Blüten befinden sich in kurzen, aufrechten und gestielten traubigen Blütenständen in den Achseln der Blätter.

Die bläulich-violette und weiße Schmetterlingsblüten sind bei einer Länge von 8 bis 12 Millimetern zygomorph. Der Kelch ist kurz glockenförmig. Die Kelchzähne sind länger als die Kelchröhre und lanzettlich spitzig. Die Blütenblätter, die das Schiffchen bilden, sind nicht verwachsen und vorn nicht geschnäbelt. Die einzelnen Blüten sind von einem kurzen und spitzen, abfallenden Deckblatt unterlegt.

Die bei Reife lederige und rot-braune Hülsenfrucht ist bei einer Länge von bis zu 3,5 Zentimetern sowie einer Breite von 4 bis 6 Millimetern abgeflacht, meist kahl oder leicht behaart und relativ gerade, sowie meist mehr oder weniger bespitzt, geschnäbelt. Bei Vollreife springen sie auf. Jede Hülsenfrucht enthält zwei bis acht Samen. Die grünlich-braunen, glatten Samen sind bei einer Größe von 2 bis 3 Millimetern rundlich und leicht abgeflacht.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 16.

Vorkommen Das Süßholz ist im Mittelmeerraum und in Asien beheimatet. Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet reicht von Italien bis zur Arabischen Halbinsel und bis Xinjiang. In Frankreich und in Spanien ist die Ursprünglichkeit zweifelhaft.

Die Pflanze ist frostempfindlich und gedeiht am besten in voller Sonne und in tiefen, humusreichen, durchlässigen Böden.

Name Der deutsche Name Lakritze geht über mittelhochdeutsch lakeritze (auch lakerizeBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 391 (lakerize) und 392 (liquiritia).) und mittellateinisch liquirítiaFriedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 420; Elmar Seebold: Dasselbe. 25. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2011, ISBN 978-3-11-022364-4, S. 556. (auch liquiriciaOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 199 („Liquiricia – sußholtz, glicoriza, Sliß […] – lackericie“).) wie der Gattungsname auf das lateinische glycyrrhiza zurück, das ein Lehnwort aus den altgriechischen Wörtern glykyrrhíza von γλυκύς (glykys für „süß“) und ῥίζα (rhiza für „Wurzel“) zusammen. Mit glycyrrhizium (Süßwurzel) wurde wie mit liquiritia ursprünglich die (trockene) Wurzel, dann die ganze Pflanze bezeichnet.Marielene Putscher: Das Süßholz und seine Geschichte. Medizinische Dissertation, Köln 1968, S. 16. Der lateinische Name hatte bereits im Mittellateinischen unter dem Einfluss von liquor („Flüssigkeit“) eine volksetymologische Wandlung zu liquiritia erfahren, woraus unmittelbar die deutsche Bezeichnung entstand.

Taxonomie Die Erstveröffentlichung von 1753 von Glycyrrhiza glabra erfolgte durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus II, Seite 742.

Anbau Das Süßholz gedeiht in Mitteleuropa am besten auf Sand- und Lehmboden an Flussufern in wärmeren Gegenden. Der Anbau geschieht durch reihenweises Auslegen von Ausläufern oder Wurzelstücken. Vom 4. Jahr an werden die Wurzeln und Ausläufer durch Auspflügen im Sommer oder Herbst gewonnen. Die Herbsternte soll stets mehr Glycyrrhizin enthalten als die Sommerernte. Die größten Erträge geben 12- bis 15-jährige Pflanzen. In manchen Gebieten gilt die Art infolge ihrer Bodenausläufer als schwer vertilgbares Unkraut.

Inhaltsstoffe Echtes Süßholz enthält Glycyrrhizin, ein Gemisch aus Kalium- und Calciumsalzen der Glycyrrhizinsäure. Dieses Glykosid, das der Lakritze ihren Geschmack verleiht, besitzt etwa die fünfzigfache Süßkraft von Rohrzucker. Durch Abspaltung des Diglucuronids entsteht aus Glycyrrhizin die 18β-Glycyrrhetinsäure, die selbst keine Süßkraft mehr besitzt. In geringer Konzentration sind zahlreiche Triterpensaponine wie das 24-Hydroxyglycyrrhizin und die Sojasaponine I und II enthalten. Neben weiteren Glykosiden wie Glabrinsäure und Oleanolsäure­derivaten enthält Süßholzwurzel mehr als 40 identifizierte Flavonoide. Hierzu gehören das Chalcon­derivat Isoliquiritigenin und das zugehörige 4-O-Glycosid Isoliquirtin und das Flavanon Liquiritigenin und sein Glycosid Liquiritin. Auch Isoflavone wie Formononetin, oder auch Sterin und höhere Alkohole sind nachgewiesen worden. Weiterhin sind Cumarine wie beispielsweise das auch in Doldenblütlern wie Liebstöckel vorkommende Umbelliferon enthalten. An flüchtigen Aromastoffen wurden neben anderen Anethol und Geraniol identifiziert. Das saure Polysaccharid Glycyrrhizan GA ist der Hauptbestandteil der weiterhin enthaltenen Polysaccharide.

Medizinische Verwendung mini|Geraspelte Süßholzwurzel nach Vorschrift des Europäischen Arzneibuchs

Süßholzwurzel (Radix Liquiritiae) wirkt aufgrund der enthaltenen Saponine, vor allem der Glycyrrhizinsäure, expektorierend (auswurffördernd), sekretolytisch (schleimverflüssigend) und sekretomotorisch (schleimlösend). Bei Süßholzextrakten wurde eine antibakterielle und antimykotische Wirkung nachgewiesen. Typische Anwendungsgebiete sind Husten, Bronchialkatarrh und andere Erkrankungen der oberen Atemwege.

Bei Gastritis und Magengeschwüren findet die Süßholzwurzel ebenfalls Anwendung. Die experimentell und klinisch belegte entzündungshemmende und krampflösende Wirkung ist noch nicht vollständig geklärt. Die nachgewiesene entzündungshemmende Wirkung der Glycyrrhizinsäure soll aber nicht durch eine Hemmung der Prostaglandinbiosynthese, sondern durch Einfluss auf die Wanderung der Leukozyten zum Entzündungsort entstehen.F. Capasso et al. (1983): Glycyrrhetinic acid, leucocytes and prostaglandins. In: J Pharm Pharmacol. 35(5), 332–335, PMID 6134809. Daneben beeinflusst Glycyrrhizinsäure selbst den Steroidstoffwechsel, indem sie das Enzym Steroid-5β-Reduktase (), möglicherweise auch die NAD+-abhängige 11β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase 2 hemmt. Diese Enzyme bauen Cortison und Aldosteron ab, ihre Hemmung führt daher zu einer Verlängerung der biologischen Halbwertszeit der Corticosteroide sowie bei hohem Aldosteronspiegel zu Bluthochdruck und Kaliumverlust.Cosmetic Ingredient Review Expert Panel (2007): Final report on the safety assessment of Glycyrrhetinic Acid, Potassium Glycyrrhetinate, Disodium Succinoyl Glycyrrhetinate, Glyceryl Glycyrrhetinate, Glycyrrhetinyl Stearate, Stearyl Glycyrrhetinate, Glycyrrhizic Acid, Ammonium Glycyrrhizate, Dipotassium Glycyrrhizate, Disodium Glycyrrhizate, Trisodium Glycyrrhizate, Methyl Glycyrrhizate, and Potassium Glycyrrhizinate. In: Int J Toxicol. 26 Suppl 2, 79–112, PMID 17613133.

Zur Behandlung der chronischen Hepatitis und der Leberzirrhose wird im ostasiatischen Raum Glycyrrhizinsäure in Kombination mit Glycin und Cystein als Infusion eingesetzt. Für Glycyrrhizin wurde eine antivirale Wirkung bei Hepatitis A und C belegt.S. Bürschi: In: Deutsche Apothekerzeitung. 136, 89–98, (1996). Auch soll der Süßholzzucker die Produktion eines Virusproteins der Herpesviren blockieren, das normalerweise die Entdeckung des Erregers durch die Zelle verhindert.Cohen, JI. (2005): Licking latency with licorice. In: J. Clin. Invest. 115(3), 591–593, PMID 15765143. Ohne dieses Protein bemerken die Zellen den Eindringling und leiten ihren eigenen Tod ein. Die dafür nötige Dosis ist allerdings viel zu hoch, um durch normalen (gesundheitlich unbedenklichen) Lakritzkonsum erreicht zu werden, und wurde nicht am lebenden Menschen, sondern nur an Zellkulturen nachgewiesen.innovations-report.de: Lakritze verhindert bei Herpes Krebserkrankung, 2. März 2005. Weitere Forschungen untersuchen auch die antivirale Wirkung auf das das Kaposi-Sarkom-auslösende Herpesvirus.F. Curreli, A. E. Friedman-Kien, O. Flore: Glycyrrhizic acid alters Kaposi sarcoma-associated herpesvirus latency, triggering p53-mediated apoptosis in transformed B lymphocytes. In: The Journal of clinical investigation. Band 115, Nummer 3, März 2005, S. 642–652, , PMID 15765147, .

In der Kombination mit Ammoniumchlorid und Anisöl wird Süßholzwurzelextrakt zu Salmiakpastillen verarbeitet. Als „traditionell angewendetes Arzneimittel zur Schleimlösung im Bereich der Atemwege“ bezeichnet, wurden sie bereits in Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis von 1925 beschrieben.

Getrocknete Süßholzstangen werden auch zur Zahnpflege gekaut, wobei neben den enthaltenen Inhaltsstoffen auch die Eigenschaft des Holzes zum Tragen kommt, beim Kauen am Ende stark auszufasern und so eine natürliche Zahnbürste zu formen.

mini|Süße Lakritze

Verwendung als Genussmittel

Der Wurzelextrakt bzw. der eingedickte Saft der Wurzel des Echten Süßholzes wird zur Herstellung von Lakritze oder Lakritz genutzt. Es handelt sich dabei vor allem um Süßwaren, die in Form von Süßlakritz oder Salzlakritz konsumiert werden. Lakritz kann jedoch auch in zahlreichen anderen Produkten enthalten sein, beispielsweise in alkoholischen oder nichtalkoholischen Getränken (etwa Lakritzlikör) und sogar in Fertigsoßen; in geringen Mengen ist Süßholzextrakt auch Bestandteil von Spirituosen wie Pastis. Bei der Herstellung von Lakritz werden die Inhaltsstoffe aus den Wurzeln als Rohlakritz extrahiert und eingedickt, danach werden sie mit anderen Zutaten vermischt.

Anbaugebiete Das klassische Anbaugebiet ist der Vordere Orient.

In Deutschland wurde Süßholz früher in unterschiedlichen Regionen angebaut, vor allem im Süden, jedoch ging der Anbau stark zurück. Heute wird der Anbau nur noch von einzelnen Privatpersonen sowie in Bamberg von der Bamberger Süßholz-Gesellschaft betrieben.Gerhard Handschuh: Die Geschichte des Bamberger Süßholzanbaus. In: „Denn wos ä rechtä Gärtnä is, ...“. Festschrift zum 125-jährigen Vereinsjubiläum des Oberen Gärtnervereins Bamberg 1864–1988. Römerdruck, Bamberg 1988, S. 107–127.

Trivia Napoléon Bonaparte soll stets Süßholzpulver bei sich getragen haben.Michael Witt: Naschkatzen, Süßholzraspler. In: Die Rheinpfalz am Sonntag, 12. August 2007, S. 19.