mini|6th Lord Byron, Porträt von Thomas Phillips (1813; Newstead Abbey) rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.7|Unterschrift George Gordon Byron
George Gordon Noel, 6. Baron Byron (geborener George Gordon Byron; * 22. Januar 1788 in London, England; † 19. April 1824 in Messolongi, Griechenland), bekannt als Lord Byron, war ein britischer Dichter. Er gilt als einer der wesentlichen Vertreter der englischen Romantik und war bekannt als Dandy. Er war der Vater der Mathematikerin Ada Lovelace, wahrscheinlich auch von Elizabeth Medora Leigh, und ist als Teilnehmer am Freiheitskampf der Griechen bekannt.
Leben
mini|Eigenhändiger Brief Byrons an John Hanson (1808; Fondazione BEIC) mini|George Gordon Byron, 6th Baron Byron, Gemälde von Richard Westall (1813; heute in der National Portrait Gallery, LondonWerkinformation auf der Website der National Portrait Gallery.)
George Gordon Byron war ein Enkel von John Byron, einem Südseeforscher und britischen Admiral. Sein Vater, John „Mad Jack“ Byron, ein Gardehauptmann in der britischen Armee, starb 1791. Byron verlebte seine frühe Kindheit im schottischen Aberdeen, aufgezogen von seiner Mutter Catherine Gordon of Gight, einer schottischen Adligen. Stark beeinflusst wurde er vom calvinistischen Glauben seines Kindermädchens May Grey. Der gutaussehende, dem englischen Hochadel angehörende und vermögende Byron hatte einen Klumpfuß und litt zeitlebens unter seiner oft schmerzhaften Behinderung, die er als entwürdigende Missbildung empfand und die ihn gesellschaftlich einschränkte, da er zum Beispiel nicht tanzen konnte.
Beim Tod seines Großonkels William erbte Byron 1798 im Alter von zehn Jahren dessen englischen Adelstitel Baron Byron, of Rochdale in the County Palatine of Lancaster, sowie das weitgehend heruntergewirtschaftete Anwesen Newstead Abbey.
Ab 1801 besuchte Byron die angesehene Harrow School. Im Jahr 1805 trat er ins Trinity College in Cambridge ein. Dort verliebte Byron sich in den zwei Jahre jüngeren Chorsänger John Edleston. Als dieser Cambridge 1807 verließ und nach London zog, schrieb Byron in einem Brief vom 5. Juli 1807: „[…] er war seit Oktober 1805 mein beinahe ständiger Gefährte, als ich ins Trinity College eintrat. […] Ich liebe ihn bestimmt mehr als irgendein anderes menschliches Wesen.“Peter Cochran: Introduction. The Bisexual Byron. In: Peter Cochran (Hrsg.): Byron and Women [and men]. Cambridge Scholars Publishing, Newcastle upon Tyne 2010, S. XX.
Sein Leben lang hatte Byron sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle Beziehungen. Er musste dabei in England sehr vorsichtig sein, da dort auf homosexuellen Geschlechtsverkehr die Todesstrafe stand. Daher benutzte Byron z. B. in seinen Briefwechseln mit Freunden Code-Wörter.Peter Cochran: Introduction. The Bisexual Byron. In: Peter Cochran (Hrsg.): Byron and Women [and men]. Cambridge Scholars Publishing, Newcastle upon Tyne 2010, S. XV/XVI.
Byron durfte 1808 – nach Erreichen der Volljährigkeit – den mit dem Adelstitel verbundenen Sitz im House of Lords einnehmen. Er unternahm 1809 eine große Reise in den Mittelmeerraum: Über Lissabon fuhr er nach Spanien und besuchte auch Malta, Albanien, Griechenland und die Küste Kleinasiens. Byron hatte zuvor angedeutet, dass ein Grund für die Reise auch in der Tatsache liege, dass der „Osten“, also der Mittelmeerraum, toleranter mit homosexuellen Beziehungen umgehe.Peter Cochran: Introduction. The Bisexual Byron. In: Peter Cochran (Hrsg.): Byron and Women [and men]. Cambridge Scholars Publishing, Newcastle upon Tyne 2010, S. XXIV. Am 4. Oktober 1810 berichtete er in einem Brief aus Patras in Griechenland, dass er eine große Anzahl befriedigender, homosexueller Erlebnisse gehabt habe.Peter Cochran: Introduction. The Bisexual Byron. In: Peter Cochran (Hrsg.): Byron and Women [and men]. Cambridge Scholars Publishing, Newcastle upon Tyne 2010, S. XVI.
Bei seiner Rückkehr nach England im Juli 1811 wurde Byron von seinen Freunden vor der zunehmenden Homosexuellenfeindlichkeit in der Gesellschaft gewarnt.Fiona MacCarthy: Byron. Life and Legend. John Murray Publishers, London 2002, 2014, S. 140–141. Im Oktober erfuhr er vom frühen Tod John Edlestons, seiner großen Liebe aus der Zeit im Trinity College. Das war ein „Schock“ für ihn, und er durchlebte eine längere Phase eines apathieähnlichen Zustands. In den folgenden sechs Monaten schrieb er eine Reihe von Elegien. Darin verbarg er die Identität Edlestons hinter dem Namen „Thyrza“. Sechs dieser Elegien erschienen als Anhang in der ersten und zweiten Auflage des Versepos Childe Harold’s Pilgrimage.Fiona MacCarthy: Byron. Life and Legend. John Murray Publishers, London 2002, 2014, S. 144 ff.
Im Jahr 1812 wurde Byron durch die Publikation der ersten beiden Canti von Childe Harold’s Pilgrimage schlagartig bekannt. Er wurde in den folgenden Jahren zum Liebling der Londoner Gesellschaft sowie zum Salonlöwen mit zahlreichen Affären.Vgl. Evelyne Keitel: Lyrik, Inzest und die Liebe zur Mathematik: Ein schwieriges Erbe für Lord Byrons Töchter. 1988, S. 157. Oft zitiert wurden seine Worte „I woke up one morning and found myself famous“ („Ich erwachte eines Morgens und fand mich berühmt wieder“).Vgl. „I awoke one morning and found myself famous.“. Abgerufen am 19. Januar 2023. Siehe auch Ich erwachte eines Morgens und fand mich berühmt . Abgerufen am 19. Januar 2023. Vgl. ebenso Zitate berühmter Personen: George Gordon Byron. Abgerufen am 19. Januar 2023.In der computergenerierten multilingualen Übersetzung auf Tatoeba wird dieses Zitat freier und konnotativ nicht völlig bedeutungsgleich ins Deutsche übersetzt als „Ich wachte eines Morgens auf und war plötzlich berühmt.“ www.manythings.org/bilingual. Abgerufen am 19. Januar 2023.
Im selben Jahr löste er durch sein offenes Verhältnis mit der verheirateten Lady Caroline Lamb einen gesellschaftlichen Skandal aus, der fortan seinen Ruf als „Mann von zweifelhafter Moral“ prägte. Lady Caroline beschrieb den Dichter zu dieser Zeit als „mad, bad and dangerous to know“ („verrückt, schlecht und gefährlich, ihn zu kennen“). Nach drei Monaten trennte sich Byron von ihr. Vermutlich fürchtete er sich davor, zu sehr dominiert zu werden. Lady Caroline verfolgte ihn öffentlich wie privat. Sie blieb besessen von der Idee, sich an Byron zu rächen.Susanne Schmid: Byron – Shelley – Keats. Ein biographisches Lesebuch. DTV, München 1999, S. 28, 30. Sie schlich sich in Byrons Haus ein und hinterließ in einem Buch die Worte „Remember me!“ („Gedenke meiner!“) als Zitat aus Shakespeares Hamlet, das dort vom rachesuchenden Geist gesprochen wird. Als Antwort schrieb Byron ein wütendes, verfluchendes Gedicht mit dem Titel „Remember Thee!“ („Ich gedenke Deiner!“), das aber erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde.Susanne Schmid: Byron – Shelley – Keats. Ein biographisches Lesebuch. dtv, München 1999, S. 29.
mini|hochkant|Byrons Halbschwester Augusta, Kohlezeichnung von Georg Hayter mini|hochkant|Anne Isabella Milbanke, anonyme Zeichnung (um 1813)
Im Jahr 1813 traf Byron in London seine Halbschwester Augusta Leigh wieder, die Tochter seines Vaters aus dessen erster Ehe. Die Briefe, die Byron zu dieser Zeit an seine Vertraute Lady Melbourne schrieb, lassen auf ein inzestuöses Verhältnis zwischen Leigh und ihrem Halbbruder schließen. Weil Augusta Leigh seit 1811 von ihrem Ehemann George Leigh getrennt lebte, war Byron mutmaßlich der Vater ihrer im April 1814 geborenen Tochter Elizabeth Medora. „Diese perverse Leidenschaft war meine tiefste“, schrieb Byron aus seinem späteren Exil an Lady Melbourne. Er verfasste mehrere Liebesgedichte für seine Halbschwester: Stanzas for Augusta und Epistle for Augusta. In seinen Werken findet sich wiederholt das Motiv der Geschwisterliebe: In Kain und Manfred lieben die Protagonisten ihre Schwestern. Lady Melbourne warnte Byron vor den gesellschaftlichen Konsequenzen, sollte seine Neigung publik werden, und riet ihm zu einer baldigen Heirat, um seinen Ruf zu rehabilitieren. Byron verlobte sich daraufhin mit Melbournes Nichte Anne Isabella „Annabella“ Milbanke.
mini|hochkant|Tafel an der Genfer Villa Diodati zur Erinnerung an Byrons Aufenthalt 1816
Im Januar 1815 fand die Heirat in Seaham statt. Das Verhältnis zwischen Byron und seiner Frau war nach kurzer Zeit sehr angespannt: Der leidenschaftliche, fantasiereiche und zu Scherzen neigende Künstler und die ernsthafte, rational veranlagte Amateur-Mathematikerin litten in der Ehe unter ihren Charakterdifferenzen. Zudem berichtete Anne Isabella „Annabella“ Wentworth ihren Eltern, dass Byron zu brutalen Wutanfällen neige. Ende April 1815 ergänzte das Paar seinen Familiennamen von „Byron“ zu „Noel-Byron“, nachdem Lord Byrons Gattin nach dem Tod ihres Onkels Thomas Noel, 2. Viscount Wentworth (1745–1815), wesentliche Teile von dessen Vermögen geerbt hatte. Am 10. Dezember 1815 wurde die gemeinsame Tochter Augusta Ada geboren. Anfang 1816 bat Byron Annabella, mit der Tochter zu ihren Eltern zu ziehen. Sie hielt ihn mittlerweile für geisteskrank. Nach ihrem Auszug sorgte sie dafür, dass der Arzt Francis Le Mann Byron behandelte, wobei er dessen Geisteszustand einschätzen sollte, ohne dass Byron von diesem Anliegen etwas mitbekam. Der Arzt befand Byron für geistig gesund.
Die skandalumwobene Trennung des Ehepaars führte zu einem öffentlichen Eklat. Lady Caroline mischte sich mit Andeutungen und Anschuldigungen zu Byrons Homosexualität ein. Die sich verhärtende öffentliche Meinung wurde für Byron bedrohlich.Fiona MacCarthy: Byron. Life and Legend. John Murray Publishers, London 2002, 2014, S. 267ff. Er war gesellschaftlich isoliert und verließ London am 23. April und England am 25. April 1816John Becket: Byron and Newstead. S. 211. auf Dauer.
Ab Mai mietete Byron die Villa Diodati in Cologny am Genfersee. Dort wohnte er zusammen mit seinem Leibarzt John Polidori. In Cologny besuchten Percy Bysshe Shelley und dessen Partnerin Mary Godwin, die Tochter von Mary Wollstonecraft und William Godwin, und Marys Stiefschwester Claire Clairmont, mit der Byron bereits im März in England eine Affäre begonnen hatte, Byron. Diese Affäre war durch Claire Clairmonts eifrige Bemühungen zustande gekommen. Nach einer ersten Begegnung der beiden, auf Initiative Claires hin, sahen sie sich häufiger. Claire machte Byron mit Shelleys Dichtungen Queen Mab und Alastor bekannt.Richard Holmes: Shelley. The Pursuit. London 1974, 2/1994, Neuauflage 2005 (Harper Perennial), S. 316/317. Shelley und Byron begegneten sich am Genfersee erstmals persönlich. Dies war der Anfang einer wachsenden Freundschaft zwischen den beiden Dichtern. Im Juni stellte sich heraus, dass Claire von Byron schwanger war. Seine zweite oder dritte Tochter, die den Namen Allegra (1817–1822)Evelyne Keitel: Lyrik, Inzest und die Liebe zur Mathematik: Ein schwieriges Erbe für Lord Byrons Töchter. In: Luise F. Pusch (Hrsg.): Töchter berühmter Männer: Neun biographische Portraits (= Insel TB. 979). Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-458-32679-0, S. 155–208, hier: S. 156–157, 159–165 und 187. erhielt, wurde im folgenden Januar geborenRichard Holmes: Shelley. The Pursuit. London 1974; 2. Auflage 1994; Neuauflage 2005 (Harper Perennial), S. 327 und 356. und wuchs (im Gegensatz zu dessen anderen Töchtern) zumindest zeitweise bei Lord Byron auf, der sie aber auch Pflegefamilien und zuletzt einem katholischen Konvent übergab.Fiona MacCarthy: Byron. Life and Legend. John Murray Publishers, London 2002, 2014, S. 360/61, 390, 418.
Angeregt durch die düstere nächtliche Atmosphäre der Seelandschaft im „Jahr ohne Sommer“ vereinbarte die Runde, Schauergeschichten zu schreiben. So entstand Mary Shelleys Roman Frankenstein or: The New Prometheus. Polidori verfasste die Erzählung The Vampyre, die als der literarische Beginn des Genres der Vampirgeschichten gilt.
mini|Lord Byron in Albanian dress, Gemälde von Thomas Phillips (um 1835; National Portrait Gallery)