mini|St. Maria im Kapitol in Köln, Dreikonchenanlage und Gerhard Marcks Die Trauernde (1949) mini|Ostkonche: unten romanische Würfelkapitelle und spätgotische Chorschranken, oben Reste der frühgotischen Laufgangarkade mit Blattkapitellen und Spitzbögen (2020)

St. Maria im Kapitol ist ein frühromanischer katholischer Kirchenbau in Köln und die größte der zwölf romanischen Basiliken der Stadt. Sie ist die älteste der für die Romanik des nördlichen Rhein-Maas-Gebietes typischen Dreikonchenanlagen. Der Namenszusatz im Kapitol weist auf die zuvor an der Stelle befindliche römische Tempel­anlage hin.

Geschichte St. Maria im Kapitol spielte in Köln eine herausragende Rolle. Sie war nach dem Dom die Hauptkirche. Der Erzbischof feierte die erste Weihnachtsmesse immer in St. Maria im Kapitol, die zweite in St. Cäcilien, die dritte im Dom. Auch der Rat zog in der Prozession zu Ehren der Heiligen Drei Könige, den Kölner Stadtheiligen, am Dreikönigstag von St. Maria zum Dom. Die offiziellen kirchlichen Feiern des Rates und die Exequien für Erzbischöfe, Kaiser und Bürgermeister fanden oft in ihr statt. Die städtische Glocke für Sturm und Feuer, genannt Bramglocke, wurde hier geläutet.

Die Frau Pippin des Mittleren, Plektrudis, setzte nach Pippins Tod Karl Martell, seinen unehelichen Sohn, von 714 bis 716 in Köln gefangen, um ihn von der Nachfolge als Hausmeier fernzuhalten und ihrem etwa sechsjährigen Enkel Theudoald dieses Amt zu geben. Ihre eigenen beiden Söhne waren bereits gestorben. Theudoald konnte sich gegen die Widerstände in Neustrien nicht durchsetzen, so dass 716 Raganfrid mit seinen Truppen vor Köln stand und von Plektrudis die Herausgabe eines Teils des fränkischen Reichsschatzes erzwang. Nachdem Karl Martell um diese Zeit freigekommen war und sich gegen seine Konkurrenten durchgesetzt hatte, verbannte er Plektrudis ins Exil nach Köln, wo sie laut Quellen aus dem 12. Jahrhundert auf den Überresten des Kapitols die Kirche errichten ließ.

Im 10. Jahrhundert versetzte der Kölner Erzbischof Brun im angeschlossenen Kloster lebende Kanoniker nach St. Andreas und gründete für St. Maria ein Kloster.

mini|Modell des Tempels der kapitolinischen Trias mini|hochkant|Erhaltene Fundamentmauer des Tempels unter dem heutigen Hotel Dorint aus römischem Beton

Baugeschichte Antike An der Stelle der heutigen Kirche St. Maria im Kapitol, einer kleinen Erhebung in Rheinnähe am südlichen Rand der damaligen römischen Kolonie, wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. ein Tempel für die Kapitolinische Trias Jupiter, Juno und Minerva, also die drei bedeutendsten römischen Gottheiten, errichtet. Anlass zum Bau war die Erhebung zur Colonia römischen Rechts gewesen. Anders als üblich stand dieser Haupttempel der Colonia Claudia Ara Agrippinensium nicht am Forum der Stadt, sondern oberhalb des Rheins in unmittelbarer Nähe der Stadtmauer.

Der über einen Treppenaufgang im Osten betretbare Tempel hatte eine 4,4 m hohe Podiumsfläche von 33 × 29,5 m, während der ihn umgebende, mit Trachytplatten ausgelegte Temenos 94–97 × 69 m groß war.Hagendorf-Nussbaum 2014, S. 2ff. Von diesem ist hauptsächlich die westliche, 5,5 m hohe Mauer erhalten, die später den Kreuzgang im Osten abschloss.Sven Schütte: Der Kapitolstempel und die vorsalischen Bauphasen von St. Maria im Kapitol. In: Förderverein Romanische Kirchen Köln (Hrsg.): Interdisziplinäre Beiträge zu St. Maria im Kapitol zu Köln. Wissenschaftliches Kolloquium 23.–24. März 2007 (= Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln, Bd. 24), S. 15–30; hier: S. 17–21. Der Kapitolstempel hatte 4 m tiefe Fundamente und war im Inneren in drei Cellae für die Götterbilder unterteilt. Vor allem das noch heute existierende Langhaus steht auf den Fundamenten dieses Tempels, der damit die Grundform der Kirche vorgab, bevor sie nach Westen und Osten erweitert wurde.Kier 2014, S. 121.

mini|hochkant|Plektrudis, romanische Grabplatte (um 1160)

Frühes Mittelalter Nachdem Mitte des 5. Jahrhunderts die Franken Köln erobert hatten, ging der öffentliche Besitz aus römischer Zeit in die Hände der fränkischen Könige und ihres Umfelds über. Im Bereich des Kapitolshügels haben vermutlich die fränkischen Hausmeier von Austrasien ihren Kölner Sitz gehabt. So auch Pippin der Mittlere, der als eigentlicher Machthaber im Reich galt, nachdem er 687 die Hausmeierämter der unterschiedlichen Reichsteile auf sich vereinigt hatte. Väterlicherseits entstammte er den Arnulfingern, mütterlicherseits den Pippiniden, die ihren jeweiligen Stammbesitz (nach heutigen Begriffen) in Nordfrankreich bzw. Belgien hatten. Seine Frau Plektrudis entstammte einer mächtigen Adelsfamilie Austrasiens, vermutlich aus der Sippe der Hugobertiner, ihr vermuteter Vater Hugobert war Pfalzgraf, ihr Großvater Hugus wahrscheinlich um 617 Hausmeier in Austrasien. Ihren Klosterstiftungen nach (Pfalzel, Prüm, Echternach, St. Maria im Kapitol) erstreckte sich der Einflussbereich der Hugobertiner über das Trierer Gebiet bis in die Gegenden nördlich von Köln.Siehe auch: Die Vorfahren Karls des Großen: Hugobert

Plektrudis, die nach dem Jahr 717 (der Legende nach 725) in Köln starb, stiftete vor ihrem Tod laut Quellen aus dem 12. Jahrhundert auf den Überresten des antiken Kapitolstempels eine Eigenkirche, was dafür spricht, dass sie dort und in der Umgebung umfangreiches Eigengut besaß; als älteste von fünf Töchtern Hugoberts dürfte sie dessen Familienbesitz in und um Köln geerbt haben, die Pfalz der Hugobertiner befand sich vermutlich in oder neben den Überresten des Kölner Kapitols. Ihr Ehemann Pippin der Mittlere lebte über längere Zeit ebenfalls in Köln. Bei der von Plektrudis gestifteten Kirche handelte es sich wahrscheinlich um eine langgestreckte Saalkirche mit rechteckigem Grundriss von ungefähr 10 × 32 m, bei deren Bau Reste des Tempels integriert wurden. Die Breite des Langhauses entspricht der des Tempels, die schmalere Cella wurde beseitigt, während der Sockel als Unterbau für das Kirchenschiff genutzt wurde. Ob die antiken Säulen beim Bau noch erhalten waren, ist unbekannt. Plektrudis wurde hier bestattet und bald verehrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ihr Kalksandsteinsarkophag inmitten der größtenteils zerstörten Kirche gefunden.

Hoch- und Spätmittelalter

Im Winter 881/882 drangen die Normannen bei einem ihrer Raubzüge auf dem Rhein bis nach Bonn vor. Bei der Plünderung der Stadt brannte laut historischen Berichten auch St. Maria im Kapitol nieder. Archäologische Befunde für die berichteten großen Zerstörungen in Köln gibt es bislang nicht.

Mitte des 11. Jahrhunderts initiierten der Kölner Erzbischof Hermann II. und seine Schwester, die Äbtissin Ida des Frauenstifts St. Maria im Kapitol, den Bau einer neuen Kirche. Die Kreuzbasilika, um deren turmlose Vierung sich drei annähernd gleichgewichtige Rundabschlüsse mit Umgängen gruppieren (die sogenannten Konchen), folgt dem Grundriss der Geburtskirche in Bethlehem. Die Seitenschiffe hatten von Anfang an rundbogige Kreuzgratgewölbe, das Mittelschiff und die Seitenkonchen waren flach gedeckt. Kreuzaltar und Längsschiff des Neubaus wurden 1049 von Papst Leo IX. im Beisein Kaiser Heinrichs III. geweiht, die Schlussweihe spendete Erzbischof Anno II. 1065.

Im 12. Jahrhundert mussten die Konchen erneuert werden. Nord- und Südkonche wurden erst bei dieser Gelegenheit eingewölbt, und die Südkonche erhielt eine Vorhalle. Die untere Außenwand der Ostkonche wurde mit einer Blendarkade verstärkt. 1170 wurde das Westwerk zu einer repräsentativen Dreiturmgruppe ausgebaut, ähnlich der schon 1141 vollendeten der Benediktinerabtei Brauweiler. Anfang des 13. Jahrhunderts erhielt die Ostkonche einen zweischaligen Wandaufbau mit einem Laufgang innen und darüber einer Zwerggalerie außen. Der Ostgiebel des Chors wurde bis an den Beginn der Apsisrundung vorgezogen. Um 1240 wurde das Mittelschiff des Langhauses erhöht und mit einem sechsteiligen gotischen Kreuzrippengewölbe gedeckt. Die Maßwerkschranken zwischen Binnenchor und Umgang der Ostkonche wurden 1464 von Johannes Hardenrath gestiftet. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden in die Winkel zwischen den Konchen von Bürgern gestiftete Kapellen mit quadratischem Grundriss angefügt: die Salvator-Kapelle des Ehepaars Hardenrath in den 1460er Jahren und die 1493 Johannes dem Täufer und Maria geweihte Hirtz-Kapelle. Um 1500 wurden die Fenster spitzbogig vergrößert und mit Maßwerk versehen.

Neuzeit mini|Grundriss mit den drei Konchen

Der Glockenturm stürzte 1637 ein und wurde nur in den unteren Geschossen wiederhergestellt. Die Treppentürme, nicht aber die bis heute erhaltenen romanischen Flankentürme, wurden 1780 wegen Baufälligkeit bis auf die Sockelgeschosse abgerissen. Wohl noch im selben Jahrhundert wurden die Dächer von Langhaus und Chor auf gleiche Höhe gebracht und die Dächer der Querhausarme (Nord- und Südkonche) erniedrigt.

Nach 1804 diente der erhaltene gotische Turm der nahen Pfarrkirche Klein St. Martin als Glockenturm. Dieser Turm brannte bei Luftangriffen in der Nacht vom 30. zum 31. Mai 1942Konrad Bund: Das Geläute der Basilika St. Marien in Köln. In: Konrad Bund u. a.: Jahrbuch für Glockenkunde. Bd. 13/14, MRV, Brühl 2002, S. 75–81. aus und auch das tontiefe, rund 5 t schwere Dreiergeläut von 1836 (Schlagtöne: a0, cis1 und e1) wurde zerstört. Der Turm wurde wieder aufgebaut, das Geläut aber nicht ersetzt.Gerhard Hoffs (Hg.): Glockenmusik katholischer Kirchen Kölns. S. 122–124.

Der aus dem Mittelalter stammende Kreuzgang, westlich der Kirche, wurde 1849 abgebrochen. Gegenüber der Kirche an der Kasinostraße liegt das schmucklose Äbtissinnenhaus des Klosters aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.

St. Maria im Kapitol wurde im Zweiten Weltkrieg sehr stark beschädigt: Nordkonche, Teile der Vierung, die gotischen Langhausgewölbe und große Teile des Westbaus waren zerstört; im Juni 1948 stürzte die ungesicherte Ostkonche ein. Beim Wiederaufbau orientierte man sich weitgehend am Zustand von 1150, die verschiedenen Hervorhebungen der Ostwestachse wurden nicht wiederhergestellt. Gotische Kapellen und Südvorhalle blieben freilich erhalten. Bis 1956 konnte die Kirche zunächst im abgetrennten, mit flach geneigter Holzdecke geschlossenen Westteil, ab Weihnachten 1984 auch im weitgehend rekonstruierten Ostteil wieder für den Gottesdienst genutzt werden.Ulrich Krings, Otmar Schwab: Köln: Die Romanischen Kirchen. Zerstörung und Wiederherstellung (Reihe Stadtspuren – Denkmäler in Köln, Bd. 2). J.P. Bachem, Köln 2007, ISBN 978-3-7616-1964-3. Die spätgotischen Maßwerkschranken der Ostkonche wurden 1981/1982 rekonstruiert.

Krypta Die Krypta schließt östlich an die Grundmauern des römischen Tempels an. Sie besteht aus einem dreischiffigen, fünfjochigen Mittelraum mit 3/6-Schluss,? an den zwei Querflügel anschließen, Einstützenhallen, die sich bis an die Winkel zwischen den Konchen erstrecken. Von den drei Seiten des Polygonalabschlusses ragt jeweils eine Kapelle unter den Umgang der Ostkonche, mit einem Fenster im Sockelbereich der Knochenwand. Wegen des zum Rhein hin abfallenden Baugrundes liegen diese Fenster oberirdisch und es gibt sogar einen Zugang von außen. Mit dem Kirchenraum ist sie durch Treppen aus den Querhausarmen verbunden. Sie ist eine etwas verkleinerte Nachbildung der kurz vorher entstanden Krypta des Speyerer Doms und wurde wenig später nachgeahmt in der Stiftskirche von Brauweiler. Diese wurde von Erzbischof Hermann II. und Äbtissin Idas Schwester Richeza errichtet.Bernhard Irmler: Grundrisse des römischen Tempels im Kapitol (*) und der salischen Kirche (* von CCAA) Richard W. Gassen: Mittelalterliche Kirchen in Köln. S. 119.

Baukörper