mini|hochkant=1.5| Bruno und Liesl Frank mit ihren drei schwarzen Pudeln, 1924–1929. Fotografiert von Alexander Binder. Dieser Artikel beschreibt den Inhalt der Werke von Bruno Frank.

„Ah, le misérable!“ Novelle (1914)

Die Novelle erschien im Mai 1914, einige Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der antinationalistischen und pazifistischen Zeitschrift Das Forum. Umfang: 5 Seiten.

Der Ich-Erzähler steigt nach einer Schiffsfahrt in Barcelona in den Zug, um heim nach Deutschland zu reisen. „Es gibt Stunden, in denen Mißmut die Beschäftigung mit dem eigenen Ich unratsam macht.“ In dieser Stimmung wünscht sich der Erzähler dringend etwas Lesbares herbei. An einem Bahnhof, noch in Spanien, ersteht er verzweifelt das einzige Büchlein, das er auf Französisch kriegen kann.

Der „sehr berühmte Autor“ des illustrierten Schmökers ist Mitglied der Académie Française. Er schildert eine Episode, in der ein hoher französischer Offizier seinen Sohn auf ein elsässisches Schlachtfeld des Deutsch-Französischen Kriegs führt. Sie beobachten deutsche Soldaten beim Manöver, und der Offizier ergeht sich in hasserfüllten Tiraden über die Deutschen (On distingue déjà les faces bestiales, mâchoires de dogue, poils roux sous les yeux verts …).„Man erkennt schon die bestialischen Gesichter, Doggengebisse, rote Bartstoppel unter den grünen Augen …“

Der Reisende legt die Hassschrift verbittert beiseite: „So also schreibt unter entwickelten, unter hocherzogenen Menschen ein Autor, den sie für unvergänglich erklärt haben, und zehntausenderweise wird dergleichen heute in ein europäisches Volk geschleudert.“ Er kommt mit einem zugestiegenen Franzosen in ein anregendes Gespräch, und als die Sprache auf seine Lektüre kommt, sagt dieser „leise, durch die Zähne: Ah, le misérable“.„Oh, der Elende!“

Dem frankophilen Bruno Frank war die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich zeitlebens ein Herzensanliegen. Ausführlich befasste er sich mit diesem Thema 1928 in der Politischen Novelle und 1940 in der Erzählung Sechzehntausend Francs.

„Aus der goldnen Schale“, Gedichte (1905)

„Bibikoff“, Schauspiel (1918)

„Bigram“, Novelle (1921) Die Novelle erschien erstmals 1921 in dem Sammelband Bigram. Neue Erzählungen im Musarion Verlag in München.#Frank 1921.1. Umfang: 38 Seiten, Abschnitte 1–8.

Paul Bigram, jüngster Sohn eines Kaufmanns, wohnt auch nach dem Tod des Vaters mit seiner Mutter zusammen, mit der ihn eine sehr innige Beziehung verbindet. Er „verweigert sich dem tätigen Leben“#Kirchner 2009, S. 112. und seine Mutter hatte schon recht, man redete über ihn: „Nichts ist ja der heutigen Gesellschaft unfaßbarer, als daß ein Mensch, der nicht in einer goldenen und nicht in einer kronengeschmückten Wiege gelegen hat, dennoch darauf verzichtet, sein Leben im Erwerb oder im Ehrgeiz draufgehen zu lassen. Daß einem das Leben selbst, das bloße Dasein, wichtiger sein könnte als der Gewinn seiner Mittel, ist eine monströse Vorstellung.“

Nach dem Tod der Mutter führt er „ein Leben des pflichtenlosen Genusses“. Er bereist vier Jahre lang die halbe Welt. „Zwar besitzt er künstlerische Anlagen, hält sie aber für nicht hervorragend genug, um sie auszubilden und schließlich doch nur ein Künstler des Mittelmaßes zu werden. Von lebensheiterem Naturell, ist er zu uneitel für die Kunst.“#Kirchner 2009, S. 112. Sobald seine ererbten Mittel zur Neige gehen, „zieht er sich auf die Insel Bornholm zurück, um dort eine angesehene Doggenzucht aufzubauen, von deren Erträgen er leben kann. Neben seinen Hunden gibt er sich vollkommen zweckfrei dem Studium der Welt hin und liest – ein vermeintlicher Sonderling, der ein glückliches Leben führt“#Kirchner 2009, S. 113. und verschmitzt einem Welpen aus den Schriften Carl von Linnés das Kapitel über den Hund vorliest. In den drei letzten Abschnitten hält sich der Berliner Arzt Alexander Ruge mit seiner Freundin zu einem kurzen Ferienaufenthalt auf Bornholm auf. Sie lernen zufällig Paul Bigram kennen, dessen Lebensführung sie in Erstaunen versetzt und zur Bewunderung herausfordert.

„Paul Bigrams Lebensentwurf trägt Züge von Franks eigener Existenz.“#Kirchner 2009, S. 112. Auch er kam aus gesicherten Verhältnissen, ohne sich darauf auszuruhen. „Man stelle sich Bruno Frank vor, der, ebenso heiter und uneitel, in Gesellschaft einer Dogge und eines Pudels lebend, in den Jahren seiner Feldafinger Eremitage nur kleine Arbeiten veröffentlichte, aber Pläne für die größeren Werke der folgenden Jahre sponn: eine Prosa, in der das autobiographische Element bald in den Hintergrund trat.“#Kirchner 2009, Seite 112. Die beiden letzten Abschnitte der Novelle widmet Bruno Frank zum großen Teil Paul Bigrams Doggen und seiner Zucht. Man merkt, dass hier ein Hundefreund spricht.

Die Erzählung Gespräch auf der Altane vereint Alexander Ruge und Paul Bigram wieder in Berlin zu einem Gespräch über die Probleme künstlerischen Schaffens. Auch der Maler Stefan Mulzer, mit dem sich Bigram auf seinen Reisen schon kurz über diese Problematik unterhalten hatte, kommt zu dem „Gespräch auf der Altane“ hinzu.

„Blutsprüfung“, Erzählung (1934) Die Erzählung erschien erstmals 1934 in Cervantes. Ein Roman im Querido Verlag, einem Exilverlag in Amsterdam,#Frank 1934.1. und wurde 1935 in der Tarnschrift Deutsch für Deutsche abgedruckt, die in der Miniatur-Bibliothek des Verlages für Kunst und Wissenschaft, Albert Otto Paul, in Leipzig erschien.#Frank 1935.1. „Unter dem Umschlag dieses Lehrbüchleins für besseren Ausdruck in der eigenen Muttersprache verbarg sich das Deutsch – die deutsche Literatur –, das von den Nazis verbrannt und verboten worden war.“ (Theo Pinkus im Nachwort zu dem Nachdruck von 1978). Umfang: 5 Seiten.

Bereits 1930, wenige Jahre vor der Machtübernahme hatte Frank in seiner Komödie Sturm im Wasserglas den Rassenwahn der Nationalsozialisten in einer Rassehundparabel der Lächerlichkeit preisgegeben. In der Erzählung Blutsprüfung, einer kurzen Einlage in seinem Roman Cervantes, präsentiert er das Märchen Des Kaisers neue Kleider „in neuem Gewand“.

Cervantes wohnt der Theatervorstellung eines durch und durch unfähigen Autors bei, der das Publikum mit tödlicher Langeweile quält. Eines der beliebten, weil üblicherweise unterhaltsamen Zwischenspiele hat sich Cervantes ausgedacht. Ein Schmierendirektor „ohne Truppe, ohne Kostüme, ohne Kulissen“ verspricht den Zuschauern eine „Vorstellung voll der rarsten Wunder“. Aber nur der werde seine Freude daran haben, „der wirklich ganz rassenrein ist. Maurenabkömmlinge, Judenstämmlinge, die sehen nichts.“ Die Angst unter den Honoratioren ist naturgemäß groß, denn wer schon könnte sich in dem spanischen Schmelztiegel eines „reinen“ Stammbaums erfreuen? Der Direktor führt den biblischen Simson vor, wie er die Säulen des Tempels einreißt, zaubert einen wütigen Ochsen herbei, der alle in Angst und Schrecken versetzt usw. usf. Und alle geben vor, zu sehen, was nicht zu sehen ist. Zuletzt tritt ein tatsächlicher Offizier auf, der Quartier für seine Soldaten sucht. Die Zuschauer sind „ganz ausgelassen vor Rassenglück“ und treiben ihren Spaß mit ihm, bis „die ganze reinblütige Gesellschaft ihre Prügel bezieht“.

Das Publikum im Theater bricht in „Jubelgeschrei und Bravogelächter“ aus. „Auf den vornehmen Plätzen verhielt man sich zurückhaltend und verstimmt.“ Vor dem Theater trifft Cervantes den Darsteller des Schmierendirektors. Sie singen zusammen ein „schlichtes Liedchen, soeben erfunden“: „Rassenrein, rassenrein, will heut jeder Esel sein.“

„Chamfort erzählt seinen Tod“, Romanfragment (1945) mini|hochkant=1|Nicolas Chamfort

Das Romanfragment erschien erstmals in der Zeitschrift Die neue Rundschau (Sonderausgabe zu Thomas Manns 70. Geburtstag) am 6. Juni 1945, vierzehn Tage vor Bruno Franks Tod. Danach wurde es 1957 in dem Auswahlband Ausgewählte Werke. Prosa, Gedichte, Schauspiele im Rowohlt Verlag in Hamburg veröffentlicht.#Frank 1957.1. Umfang: 6 Seiten.

Das Fragment ist das erste Kapitel eines geplanten Romans über den französischen Schriftsteller und Direktor der Nationalbibliothek Nicolas Chamfort, „ein Mann zweier Zeitalter“, der die Aufklärung und die französische Revolution erlebte. In einer Vorbemerkung bezeichnet Bruno Frank das geplante Werk als eine Autobiographie von Chamfort, „die er nie geschrieben hat“.

Nach einem missglückten Suizidversuch, mit dem er sich der Verhaftung durch das Revolutionsregime entziehen wollte, wird Chamfort unter Hausarrest gestellt. Ein Ärztekollegium ist bemüht, seine schweren Verletzungen zu kurieren. Er jedoch ist sich am Vorabend des Jahrs 1794 sicher, dass das kommende Jahr sein letztes sein wird. Er steht unter Aufsicht eines Gendarmen, der sich liebend um ihn bemüht. Eine Nichte seines „Lebens- oder Ablebensgefährten“ soll ihm bei der Niederschrift seiner Erinnerungen zur Hand gehen.

Eigentlich hatte der uneitle Autor nicht die Absicht, „den Versuchen meines fünfzigjährigen Daseins während meiner kurzen Zusatzfrist noch neue hinzuzufügen. Und am wenigsten kam es mir in den Sinn, über dies Dasein selbst, das ich als wertlos und fruchtlos ansah, als verschwendet, verzettelt, verwirkt und vertan, Aufzeichnungen zu hinterlassen.“ Ein sehr guter Freund versichert ihm aber, „nicht völlig werde meine Spur vergehen“. Wenn dies zutrifft, überlegt er, könnte es einen Nachgeborenen vielleicht interessieren, „etwas über die brüchige Existenz [des Autors] zu erfahren“. Drei oder vier Monate, so glaubt er, müssten „zur Abrundung eines gedrängten Lebensberichts“ genügen. „Reißt aber der Faden vorzeitig ab, bricht ein Blutgefäß ein oder rührt sich die Bleikugel, die irgendwo in meinem Kopfe steckt, so bleibt eben von einer durchaus fragmentarischen Existenz ein Fragment mehr zurück und mag sich verlieren.“

Das erste Kapitel der geplanten „Autobiographie“, das zugleich das letzte blieb und das Leben Bruno Franks als Schriftsteller beendete, schließt mit den Worten: „Und so, zwischen Sterben und Tod, im offenen Grab sitzend gewissermaßen, erstatte ich meinen Bericht.“

Am 23. November 1943 schrieb Bruno Frank seinem Verleger Fritz H. Landshoff, dem Leiter des Querido Verlags, über sein geplantes neues Werk:

„Ich bereite was Neues vor und will Dir sagen, was es ist. Ein sehr ehrgeiziger Plan. Eine große, ausgreifende Erzählung aus der Zeit der Restauration (etwa die Zeit des jungen Balzac). Das ist eine höchst merkwürdige Periode, die zu der unsern viele Parallelen aufweist. Alle Elemente, aus denen sich die Geschichte der neueren Welt zusammensetzt, stoßen da auf engem Raum zusammen: der Feudalismus, sterbend in den letzten Bourbonen; das Großbürgertum, die »Bank«, die durch ihre Exponenten Laffitte und Casimir-Périer die Revolution von 1830 zum Scheitern bringt und sich in Louis-Philippe ihr Instrument schafft; und das europäische Proletariat dieser frühindustriellen Epoche, das in den furchtbaren Aufständen in Lyon zum ersten Mal bewußt demonstriert.“#Landshoff 2001, S. 352.

Das Fragment liegt auch als Hörbuch-CD vor: Hans Joachim Schädlich liest Bruno Frank: Chamfort erzählt seinen Tod. Fragment eines Romans.#Frank 2010.1.

„Das Böse“, Novelle (1911)

Umfang: 12 Seiten.

Der junge Herr Antonio schlendert fröhlich durch die Gassen von Florenz. Er begegnet einem heruntergekommenen Menschen, der im Laufen einen kleinen Hund fortwährend brutal gegen die Mauer schlägt. Nach einigem Zögern verfolgt er den Tierquäler, der unter einem Torbogen dem Hund ein glühendes Eisen ins Auge stößt. Antonio erlöst die gequälte Kreatur durch einen Schuss aus seinem Revolver. Ergriffen von Hass und Rachegelüst sinnt er nach einer Bestrafung des Unmenschen. Der Tod wäre eine zu milde Strafe, man müsste ihn quälen, wie er den Hund gequält hat. Aber das hieße, ein Verbrechen durch ein Verbrechen zu sühnen! In vermeintlicher Ausweglosigkeit und nach hartem innerem Kampf erschießt er sich selbst.

„Das Goldbergwerk“, Novelle (1914)