mini|Indisches Maund Das Mann (, in frühen arabischen Texten auch genannt) oder Man () war ein Gewichtsmaß mittlerer Größe, das in verschiedenen islamischen Ländern verwendet wurde. Der Name ist von einer altorientalischen Gewichtseinheit abgeleitet, die auf Akkadisch bzw. Vgl. Chicago Assyrian Dictionary. Bd. X/1, S. 219–221. Digitalisat hieß und als Mine auch im antiken Mittelmeerraum und im vorislamischen PersienVgl. A. D. H. Bivar: Weights and Measures 1. Pre-Islamic. In: Encyclopaedia Iranica (Online-Version). verbreitet war. Während das Mann in Ägypten und Syrien nur eine untergeordnete Rolle neben dem Ratl spielte, war es in Iran, in Arabien, im Irak und im islamischen Indien eine der wichtigsten Gewichtseinheiten. Der syrische Autor Ibn Fadlallāh al-ʿUmarī (gestorben 1349) berichtet, dass zu seiner Zeit in Iran Getreide fast ausschließlich mit dem Mann abgewogen wurde.Ibn Faḍlallāh al-ʿUmarī: Masālik al-abṣār fī mamālik al-amṣār. 2010. Bd. III, S. 162.
Das Gewicht des Mann hat im Laufe der islamischen Geschichte und je nach Region stark differiert. Überregionale Bedeutung kommt lediglich dem kanonischen Mann zu, das in den mittelalterlichen arabischen Quellen „Manā von Bagdad“ genannt wird und einem metrischen Gewicht von knapp über 800 Gramm entspricht. Doch wurde dieses im 13./14. Jahrhundert in den meisten Regionen in der Praxis durch Mann-Einheiten mit erheblich höherem Gewicht verdrängt. Die Mann-Einheiten mit dem höchsten Gewicht sind für Chuzestan belegt. Dort gab es im 19. Jahrhundert einige Orte mit Mann-Gewichten von über 100 Kilogramm.Vgl. Floor: Weights and Measures in Qajar Iran. 2008, S. 100f.
In europäischen Darstellungen finden sich für das Mann auch die Schreibungen Maund, Mand, Maon,Johann Friedrich Krüger: Vollständiges Handbuch der Münzen, Maße und Gewichte aller Länder der Erde. Verlag Gottfried Basse, Quedlinburg und Leipzig 1830, S. 173. Digitalisat Mun, Mönn.R. Klimpert: Lexikon der Münzen, Maße, Gewichte, Zählarten und Zeitgrößen. Verlag C. Regenhardt, Berlin 1896. S. 234. Digitalisat Die anglisierte Form Maund, die vor allem in Britisch-Indien verwendet wurde, ist schon seit 1611 belegt. Sie wird damit erklärt, dass das Wort man den Briten über die portugiesische Form vermittelt wurde und dann möglicherweise eine Vermischung mit dem altenglischen Wort , stattfand.Yule, Burnell: Hobson-Jobson. 1903, S. 563f.
Das kanonische Mann Für das kanonische Mann gilt: 1 Mann = 2 Ratl = 40 Istār = 260 Dirham. Da nach hanafitischer Lehre das Mudd ebenfalls 2 Ratl entsprach, wurde es von den Hanafiten als mit dem Mann identisch angesehen.Vgl. Ibn ʿĀbidīn: Radd al-muḥtār ʿalā Durr al-muḫtār. Ed. ʿĀdil Aḥmad ʿAbd al-Mauǧūd und ʿAlī Muḥammad Muʿauwiḍ. Dār ʿĀlam al-kutub, Riyad, 2003. Bd. III, S. 320. Digitalisat.
Wie aus dem geographischen Handbuch von al-Istachrī hervorgeht, war dieses kanonische Mann zu 260 Dirham im 10. Jahrhundert als Manā von Bagdad bekannt. Es wurde in ganz Persien und in den meisten muslimischen Städten, die al-Istachrī betreten hatte, verwendet, auch wenn sie daneben noch andere Gewichtseinheiten hatten.al-Iṣṭaḫrī: Kitāb Masālik al-mamālik. 1870, S. 156. Bis ins hohe Mittelalter ist seine Verwendung auch für Mekka, Ägypten, Syrien,Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 16f. Multan, Sindh und IndienSauvaire: Matériaux pour servir à l'histoire de la numismatique et de la métrologie musulmanes 1884, S. 286. belegt. Wahrscheinlich war es auch im Reich der Rumseldschuken vorherrschend.Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 21. Als Ghazan Chān um 1300 das Maß- und Gewichtswesen des Ilchanreiches reformierte, erhob er das 260-Dirham-Mann zur Reichsnorm.Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 18. Eine Bestätigung für die Anwendung dieses Standards liefert der mamlukische Enzyklopädist Ibn Fadlallāh al-ʿUmarī (gest. 1348), der in seinem Werk Masālik al-abṣār fī mamālik al-amṣār berichtet, dass zu seiner Zeit das Mann in Täbris = 2 Bagdader Ratl = 260 Dirham war.Ibn Faḍlallāh al-ʿUmarī: Masālik al-abṣār fī mamālik al-amṣār. 2010. Bd. III, S. 162. Schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts wurde dieses kanonische Mann in Iran jedoch durch andere Mann-Größen verdrängt.Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 18.
Bei Zugrundelegung des Standard-Dirhams von 3,125 Gramm entspricht das 260-Dirham-Mann einem metrischen Gewicht von 812,5 Gramm. Da in Syrien der Dirham ein geringfügig höheres Gewicht hatte, war dort auch das Gewicht des Mann mit 819 Gramm etwas höher.Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 16f.
Einige Autoren definieren das kanonische Mann über sein Verhältnis zum Mithqāl, indem sie es mit 180 Mithqāl gleichsetzen.Vgl. z. B. Muḥammad at-Tahānawī: Kitāb kaššāf iṣṭilaḥat al-funūn. Ed. A. Sprenger. 2 Bde. Calcutta 1862. Bd. II, S. 1356. Dieses 180-Mithqāl-Gewicht wird als Manā bzw. Mannā schon bei al-ChwārazmīAbū-ʿAbdallāh Muḥammad Ibn-Aḥmad al-Ḫwārizmī: Kitāb Mafātīḥ al-ʿulūm. Ed. Gerlof van Vloten. Brill, Leiden, 1895. S. 14. Digitalisat (10. Jahrhundert) und Elias von NisibisM. H. Sauvaire: On a Treatise on Weights and Measures by Elia, archbishop of Nisibin. In: Journal of the Royal Asiatic Society. Band 9, 1877, S. 291–313. Hier S. 297. Digitalisat (11. Jahrhundert) erwähnt. Al-Chwārizmī nennt dafür die folgende Verhältniskette: 1 Manā = 2 Ratl = 40 Istār = 180 Mithqāl = 257 1/7 Dirham. Bei Zugrundelegung des kanonischen Mithqāl-Gewichts von 4,465 Gramm ergibt sich für dieses 180-Mithqāl-Mann ein metrisches Gewicht von 803,7 Gramm.
Regionale Mann-Gewichtseinheiten Iran Schon im 10. Jahrhundert existierte in Iran neben dem kanonischen Mann eine Vielzahl örtlicher Mann-Gewichte, wie aus den Berichten der arabischen Geographen Ibn Hauqal, al-Muqaddasī und al-Istachrī hervorgeht. Sie erwähnen die folgenden Mann-GrößenVgl. Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 17 und Sauvaire: Matériaux pour servir à l'histoire de la numismatique et de la métrologie musulmanes. 1884, S. 283–285. (bei der Umrechnung wird ein Dirham-Wert von 3,2 Gramm zugrunde gelegt): das Mann zu 300 Dirham (= 960 Gramm), verwendet in Fasā und in den Militärlagern (aǧnād) von Isfahan, das Mann zu 400 Dirham (= 1280 Gramm), verwendet in Kerman, Istachr und Hamadan, das Mann zu 600 Dirham (= 1920 Gramm), verwendet in Tabaristan, Dailam, Rey und Urmia, das Mann zu 1040 Dirham (= 3328 Gramm), verwendet in Ardabil (hier auch Ratl genannt) und Schiras (dort großes Mann genannt), das Mann zu 1200 Dirham (= 3840 Gramm), verwendet nach al-Muqaddasī in Ardabil. Diese Gewichtsgröße wird als Ardabiler Mann (mann ardabīlī) zu 9 Ratl auch von Abū l-Qāsim az-Zahrāwī erwähnt.az-Zahrāwī: At-Taṣrīf li-man ʿaǧiza ʿan at-taʾlīf. 1986, Bd. II, S. 459. Nach Yāqūt ar-Rūmī (gest. 1229) wurde das Mann zu 600 Dirham zu seiner Zeit auch in Dschurdschān verwendet.Charles Barbier de Meynard: Dictionnaire géographique, historique et littéraire de la Perse et des contrées adjacentes. Impr. Impériale, Paris, 1861. S. 155. Digitalisat Wie Ibn Fadlallāh al-ʿUmarī berichtet, war es im 14. Jahrhundert darüber hinaus in der ilchanidischen Reichshauptstadt Soltaniye in Gebrauch.Ibn Faḍlallāh al-ʿUmarī: Masālik al-abṣār fī mamālik al-amṣār. 2010. Bd. III, S. 162. Dieses mittlere Mann zu 600 Dirham ist in Nordiran heimisch geblieben und hat sich von dort auch auf das Gebiet der Goldenen Horde in Südrussland verbreitet.Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 18f, 22.
Um die Mitte des 14. Jahrhunderts wurde außerdem ein neues großes Mann zu rund 3 Kilogramm eingeführt. Dieses Mann erhielt ab dem 16. Jahrhundert die Bezeichnung Man-i Tabrīz (‚Täbriser Man‘).Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 18. Es war in 40 Sīr zu 16 Mithqāl unterteilt.Lambton: Landlord and Peasant in Persia. 1953, S. 407, 409.
Unter den Safawiden kam des Weiteren ein Man-i Schāh (‚Königs-Man‘) mit einem Gewicht von rund 6 Kilogramm in Gebrauch. Walther Hinz vermutet, dass diese Gewichtseinheit auf den Hasan-Pādischāh-Batman zu 1920 Dirham zurückgeht, der im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts von dem Akkoyunlu-Herrscher Uzun Hasan eingeführt wurde.Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 20f. Zur Safawidenzeit gab es außerdem noch ein besonderes Man zum Abwiegen von Flüssigkeiten mit einem Gewichtswert von ungefähr 4,3 Kilogramm.Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 21. In Herat wurde dagegen ein Man zu 280 Mithqāl (= 1250,2 Gramm) verwendet.Muḥammad at-Tahānawī: Kitāb kaššāf iṣṭilaḥat al-funūn. Ed. A. Sprenger. 2 Bde. Calcutta 1862. Bd. II, S. 1356.
Im 19. Jahrhundert war in Iran vor allem das Man-i Tabrīz und das Man-i Schāh in Gebrauch, doch gab es daneben noch eine große Anzahl lokaler Man-Einheiten,Lambton: Landlord and Peasant in Persia. 1953, S. 408. unter denen die folgenden besonders bekannt waren: das Man von Birdschand mit 40 Sīr zu 9 Mithqāl = 1,6704 Kilogramm.Lambton: Landlord and Peasant in Persia. 1953, S. 409. das Man von Schiras zu 720 Mithqāl = 3,3 Kilogramm.Floor: Weights and Measures in Qajar Iran. 2008, S. 99. das kleine Man-i Rey = 2560 Dirham = 11,8 Kilogramm. das Man von Hoveizeh = 36 Oqqeh = 46,4 Kilogramm.Floor: Weights and Measures in Qajar Iran. 2008, S. 99. 1926 wurde das Man-i Tabrīz in Iran zum Standard erhoben, indem per Gesetz festgelegt wurde, dass 1 Man = 3 Kilogramm entspricht.Floor: Weights and Measures in Qajar Iran. 2008, S. 62f.
Arabien Im späten Mittelalter gab es in Mekka neben dem Bagdader Mann die folgenden Mann-Einheiten: Jemen-Mann (Mann al-Yaman): 1 Mann = 320 Dirham. Es entsprach also ca. 1 Kilogramm.Mortel: Weights and Measures in Mecca. 1990, S. 180. Fleisch-Mann (Mann al-laḥm), wurde zum Wiegen von Fleisch, Fett, Fettschwänzen und Harīsa verwendet. Im frühen 13. Jahrhundert galt: 1 Fleisch-Mann = 400 Dirham. Es entsprach also ca. 1,25 Kilogramm. Um 1320 wurde dagegen bei Fleisch ein Mann von erheblich größerem Gewicht verwendet. Es galt: 1 Mann = 6 2/3 ägyptische Ratl. Das Mann entsprach also 3 Kilogramm. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts galt ein noch höherer Wert: nach Schams ad-Dīn as-Sachāwī war um diese Zeit 1 Fleisch-Mann = 7 ägyptische Ratl, entsprach also 3,15 Kilogramm.Mortel: Weights and Measures in Mecca. 1990, S. 180f. Butterschmalz-Mann (Mann as-samn), wurde zum Wiegen von Olivenöl, Sesamöl, Essig und Butterschmalz verwendet. Im frühen 13. Jahrhundert galt 1 Butterschmalz-Mann = 800 Dirham. Es entsprach also 2,5 Kilogramm.Mortel: Weights and Measures in Mecca. 1990, S. 181. Käse- und Honig-Mann (mann al-ǧubn wa-l-ʿasl). Es galt: 1 Mann = 3 ägyptische Ratl, was 1,35 Kilogramm entspricht.Mortel: Weights and Measures in Mecca. 1990, S. 181. Diese Einheit wurde im frühen 14. Jahrhundert auch für Weizen und Datteln verwendet.Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 16.
In Mokka schwankte 1612 das Mann zwischen 2,3 und 2,4 pound Avoirdupois = 1,0425 bis 1,08064 kg. Im Mittel betrug es also 1,06 Kilogramm.Hinz: Islamische Masse und Gewichte. 1970, S. 21.
Für Dschidda wird im frühen 19. Jahrhundert angegeben: 1 Mann = 1/10 Frasil = 5 Ratl = 750 Ūqīya = 830 Gramm.Horace Doursther: Dictionnaire universel des poids et mesures anciens et modernes, contenant des tables des monnaies de tous les pays. Brussel 1840. S. 261. Digitalisat
In Oman wurden bis in die 1970er Jahre verschiedene Mann-Einheiten nebeneinander benutzt, darunter insbesondere das Mann von Maskat mit einem Gewicht von 144 Maria-Theresien-Talern = 4,046 kg. Es wurde in Maskat, Matrah und der Bātina-Ebene verwendet und war von behördlicher Seite durch Mann-Gewichte aus Gusseisen standardisiert; das Mann von Oman mit einem Gewicht von 36 Maria-Theresien-Talern = 1,012 kg. Dieses wurde in den übrigen Landesteilen verwendet. Beide Mann-Einheiten wurden in Kiyās-Einheiten von 169 Gramm eingeteilt. Das Mann von Maskat entsprach 24 Kiyās, das Mann von Oman 6 Kiyās.W.J. Donaldson: The pre-metric Weights and Measures of Oman in New Arabian Studies 1 (1993) 83-107. Hier S. 84–86.
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