Die deutschen Gastruppen im Ersten Weltkrieg waren Verbände der Pioniertruppe im deutschen Heer, die während des Ersten Weltkriegs auf den Einsatz von Giftgasen als chemische Waffe spezialisiert waren. Ab Januar 1915 nach dem Plan und unter der Aufsicht des späteren Nobelpreisträgers Fritz Haber aufgestellt, verloren sie ab Sommer 1917 zunehmend an Bedeutung. An die Stelle der auf Blasangriffe spezialisierten Gastruppen traten Einheiten der regulären Artillerie, die mit Gasminenwerfern und Giftgasgranaten ausgerüstet waren. Der Einsatz von chemischen Waffen war damit nicht länger auf eine Spezialtruppe beschränkt. 1918 war etwa ein Drittel aller verwendeten Artilleriegranaten mit chemischen Kampfstoffen gefüllt.Thomas Weißbrich: Giftgas. Deutsches Historisches Museum Berlin, 1. September 2014 (online), Abgerufen am 25. Juli 2025. Es gibt jedoch auch Hinweise darauf, dass der Anteil an Giftgasmunition viel höher gewesen sein könnte.vliz.be

Geschichte Aufstellung mini|hochkant|Fritz Haber, 1918

Die erste deutsche Spezialtruppe für den Gaskampf wurde seit Anfang Januar 1915 aufgestellt, nachdem ein entsprechender Vorschlag zum Einsatz von Chlorgas als chemische Waffe vom Chef des Großen Generalstabs, Erich von Falkenhayn, gebilligt worden war. Die zur Gastruppe abgestellten Soldaten wurden nach dem Plan und unter der Aufsicht des deutschen „Chefkriegschemikers“ Professor Fritz Haber vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in der Technik und Taktik des Gasangriffs ausgebildet, wozu auch die Festlegung des Angriffsdatums aufgrund der Wettervorhersage sowie Experimente zur Bestimmung der notwendigen Gaskonzentration gehörten.Margit Szöllösi-Janze: Fritz Haber: 1868–1934; eine Biographie. Beck-Verlag, München 1998, S. 327–329 (online), Zugriff am 26. Januar 2015.

Einsatzprofil Den taktischen Wert der Gaswaffe sah Haber darin, dass sie in einem Überraschungsschlag Bewegung in den Stellungskrieg bringen und die erstarrten Fronten aufbrechen sollte.

Technik des Blasverfahrens Bei dem von Haber vorgeschlagenen „Blasverfahren“ sollte ein als Kampfstoff geeignetes Giftgas bei entsprechenden Windverhältnissen als zusammenhängende Wolke aus den eigenen Stellungen freigesetzt werden, in die feindlichen Reihen strömen und die verschanzten Soldaten aus ihren Stellungen treiben.

Als Kampfstoff für das Blasverfahren benutzte das deutsche Heer aufgrund der Vorschläge Habers zunächst Chlorgas, das billig herzustellen und als Nebenprodukt der Farbenherstellung in der deutschen Industrie in großen Mengen vorhanden war. Man kann Chlorgas leicht komprimieren und in flüssigem Zustand in Flaschen füllen, wodurch es leicht zu transportieren ist. (deutsch). Da verflüssigtes Chlorgas Eisen nicht angreift, wurde es in zylindrischen Stahlflaschen (anfangs handelsübliche Kohlensäure-Flaschen) gelagert. Zur Sicherheit wurden die Gasflaschen innen mit Blei ausgekleidet. An der Gasflasche befand sich ein Druckventil zum Ableiten des Gases, an dem vor dem Angriff ein flexibles Rohr aus Blei befestigt wurde. War das Ventil einmal geöffnet, so leerte sich eine Gasflasche innerhalb von 2 bis 3 Minuten und setzte den Kampfstoff in die Umgebung frei. Anfangs wurden die Gasflaschen direkt in den chemischen Fabriken gefüllt, später wurden 40 Lastwagen zu diesem Zweck ausgerüstet, die den Pioniereinheiten zugeteilt wurden, die für die Gasangriffe zuständig waren.

Das in der Füllstation abgefüllte flüssige Chlorgas wurde entweder mit der Eisenbahn (Vollbahn, Klein- und Förderbahnen) oder mit Karren an die Front transportiert. Um verräterische metallische Geräusche zu verhindern, wurden die Gasflaschen in Stroh gewickelt. Aufgabe der Gastruppen war es dann, die Gasflaschen in unmittelbarer Frontnähe in die Brüstungen der Schützengräben einzubauen, mit Sandsäcken zu umpacken und an den Ventilen die 3 m langen Bleischläuche anzubringen, die – gegen den Feind gerichtet – bis über den Grabenrand gelegt wurden. Diese Tätigkeiten wurden von den „Frontbeobachtern“ überwacht, jenen von Haber für die Gastruppen herangezogenen Spezialisten. Sie hatten zunächst die örtlichen Bedingungen für die Möglichkeiten des Einsatzes von Chlorgas mit dem Blasverfahren zu untersuchen und den Einbau der Gasflaschen zu leiten. Beim Angriff selbst mussten sie Gaskonzentrationen messen und dafür sorgen, dass bei unerwarteten Winddrehungen die eigenen Truppen nicht gefährdet wurden. Die Befehlsgewalt über die Gastruppen verblieb bei den Truppenoffizieren.

Bevor über einen Gasangriff entschieden wurde, musste der Führungsstab der Gastruppen zwei wichtige Parameter berücksichtigen: das Wetter und die Geländebedingungen.

Wetterbedingungen Für einen Gasangriff mit dem Blasverfahren durfte die Geschwindigkeit des Windes nicht mehr als 3 m/s betragen, da sich die durch das Abblasen der Gasflaschen erzeugte Gaswolke sonst zu schnell auflöste; andererseits durfte sie nicht weniger als 1,5 m/s betragen, weil sonst das Risiko bestand, dass das Gas stagnierte und zur Gefahr für die angreifenden deutschen Truppen wurde.

Zudem musste man warten, bis der Wind direkt oder schräg in Richtung auf den Feind wehte, was nicht immer der Fall war, da während des Stellungskriegs an der Westfront die Frontlinie von Nordwesten nach Südosten ausgerichtet war und der Wind in dieser Gegend in der Hauptsache aus westlicher Richtung weht. Aus diesem Grund waren bei den Kämpfen in Flandern die alliierten Truppen von den Wetterbedingungen her häufig im Vorteil. Vor allem zu Beginn des Frühlings wehte der Wind jedoch aus nordöstlicher Richtung, was ein Vorteil für die deutschen Truppen war.

Man musste auch große Hitze wegen der starken Sonnenstrahlung vermeiden, ebenso starken Regen, da sich das Gas dann sehr schnell auflösen würde. Der beste Moment für einen Gasangriff mit dem Blasverfahren war der frühe Morgen, vor allem wenn Nebel herrschte, oder der Abend bei Sonnenuntergang.

Geländebedingungen Dass die deutschen Gastruppen die meisten Angriffe mit dem Blasverfahren in Flandern oder in der Champagne durchführten, hat seinen Grund darin, dass dort das Gelände flach und wenig bewachsen ist. In Geländeformationen, die von Tälern oder tiefen Mulden durchschnitten werden, kann das durch den Wind fortgetriebene Gas wieder zurückwehen, nachdem es an einem Hang abgeprallt ist. In Geländeformationen mit niedriger Vegetation (Felder, Weinberge usw.) teilt sich die Gaswolke, wobei der untere Teil in der Vegetation hängen bleibt, während der obere Teil zwar weiterzieht, aber an Konzentration verliert. Im bewaldeten Gelände dringt die Gaswolke in den Wald ein und löst sich dort sehr schnell auf, oder treibt darüber hinweg, um mehrere Kilometer weiter wieder niederzugehen. Wasserläufe wiederum können die Gaswolke aufhalten, und große Wasserflächen können sie im Fall von Chlor sogar absorbieren.

Angriffsvorgang mini|Luftaufnahme eines deutschen Gasangriffs mittels Blasverfahren (1916) mini|Gaswolken über Schlachtfeld mini|Gasangriff (1917) Für einen Gasangriff per Blasverfahren war bei den deutschen Truppen folgender Ablauf festgelegt: „Sobald der Befehl zum Angriff ergangen ist, zieht sich die eigene Infanterie zurück, bis auf einige Maschinengewehre, die die Pioniere schützen, während sie das Abblasen des Giftgases vorbereiten. Dann öffnen die Pioniere die Ventile der Gasflaschen, und das Chlorgas entweicht und bildet eine Wolke. Unter idealen Wetterbedingungen kann die entstehende Gaswolke ungefähr 30 km zurücklegen. Im Umkreis von 15 km ist sie tödlich. Einige Minuten nach dem Abblasen des Gases besetzen die mit Gasmasken ausgerüsteten Infanteristen nach und nach die von dem Feind verlassenen Schützengräben.“ Diese Art von Taktik konnten die deutschen Truppen besonders in den Jahren 1915 und 1916 mit Erfolg anwenden.

Auf die Arbeiten Habers aufbauend, sorgte die Nernst-Duisberg-Kommission dafür, dass dem von den deutschen Gastruppen abgeblasenen Chlorgas in zunehmender Konzentration Phosgen hinzugefügt wurde. Nachdem die deutschen Soldaten aufgrund der Arbeiten von Richard Willstätter mit Schutzmasken versorgt werden konnten, die vor Chlorgas und Phosgen schützten, war der routinemäßige Einsatz von Phosgen als Beimischung zu Chlorgas ohne Risiko möglich. Erstmals geschah dies Ende Mai 1915 sowohl an der Westfront gegen französische SoldatenGeorg Feulner: Naturwissenschaften: Daten, Fakten, Ereignisse und Personen. Compact Verlag, 2008, ISBN 978-3-8174-6605-4. als auch an der Ostfront bei Bolimów an der Bzura, wo bereits 240 Tonnen Chlorgas, dem bis zu ca. 5 % Phosgen beigemischt war, abgeblasen wurden.Hans Günter Brauch: Der chemische Alptraum, oder, gibt es einen C-Waffen-Krieg in Europa? Dietz Verlag, 1982.Carl Duisberg, Kordula Kühlem (Hrsg.): Carl Duisberg (1861–1935): Briefe eines Industriellen. Oldenbourg Verlag, 2012, ISBN 978-3-486-71283-4. Weitere Angriffe dieser Art an der Ostfront fanden am 12. Juni und 6. Juli 1915 statt. Ein weiterer großer Blasangriff mit einer Chlor-Phosgen-Mischung erfolgte am 19. Dezember 1915 an der Westfront bei Wieltje in Flandern gegen die Briten mit 180 Tonnen Giftgas. Außerdem wurden Chlor-Chlorpikrin-Gemische abgeblasen, wobei der erste Angriff mit Chlorpikrin von der russischen Armee geführt wurde. Den mengenmäßigen Höhepunkt der deutschen Blasangriffe stellen der 19. und der 20. Januar 1916 dar. Bei diesem Angriff wurden von den Gastruppen 500 Tonnen einer Chlorgas-Mischung an der Marne bei Reims abgeblasen.

Personal Der Personalbestand der deutschen Gastruppen setzte sich hauptsächlich aus chemisch und medizinisch vorgebildeten Soldaten und Offizieren zusammen. Kommandeur der Gastruppen war Oberst Max Peterson, dessen Stab sich anfangs aus seinem Adjutanten Otto Lummitzsch, dem Oberleutnant d.R. Ludwig Hermann und Fritz Haber selbst zusammensetzte. Als technischer Adjutant Habers fungierte sein Privatassistent am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, Friedrich Kerschbaum. Peterson (nach dem das spätere Pionier-Regiment Nr. 35 auch „Gasregiment Peterson“ genannt wurde) wurde später zum Generalmajor befördert.

Fritz Haber, der später zum Hauptmann d.R. befördert wurde, bemühte sich, die Offiziersstellen der Gastruppen so weit wie möglich mit qualifizierten Wissenschaftlern zu besetzen, vor allem mit Physikern und Chemikern, aber auch Medizinern, Pharmazeuten und Meteorologen. James Franck etwa, der sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte und zunächst damit beschäftigt war, in Königsberg Schützengräben auszuheben, wurde brieflich vom Haber’schen Institut angefordert und in das Pionier-Regiment Nr. 35/36 abkommandiert. Andere Kriegsdienstpflichtige umgingen den Dienst in der Gastruppe, indem sie sich von anderen Truppenteilen anwerben ließen. Max Born schloss sich einer Einheit von Physikern und Technikern unter Max Wien an, die Funkgeräte für Flugzeuge entwickelten. Diese seien zwar, laut Borns Erinnerungen, „weniger brillant als die Gasleute“ gewesen, hätten dafür aber „doch eine viel harmlosere Aufgabe“ gehabt.

Zu den von Haber für den Dienst in den Gastruppen herangezogenen Soldaten gehörten zum Teil Wissenschaftler, die später zu Weltruhm gelangten. Zu erwähnen sind die späteren Nobelpreisträger James Franck, Otto Hahn und Gustav Hertz, aber auch Wilhelm Westphal, Hans Geiger oder Erwin Madelung. Hugo Stoltzenberg, ein weiterer Assistent Habers, öffnete am 22. April 1915 die Chlorgashähne bei Ypern, womit zum ersten Mal Giftgas an der Westfront eingesetzt wurde.The Monitor (englisch)

Gliederung Die als Desinfektionseinheiten getarnten Spezialtruppen für den Gaskampf bestanden anfangs aus drei Pionierkompanien, die überwiegend aus kriegsfreiwilligen Studenten gebildet wurden. Trainiert wurden sie auf dem Schießplatz Wahn nahe Köln.