Die altaischen Sprachen, auch Altaisprachen genannt, sind eine Gruppe aus etwa 60 in Eurasien verbreiteten Sprachen mit rund 200 bis 210 Millionen Sprechern (annähernd 220 bis 230 Mio. inklusive Zweitsprechern). Zuerst 1844 von Matthias Alexander Castrén im Rahmen der ural-altaischen Hypothese als Sprachfamilie beschrieben, wurde sie bis in die 1960er weithin als solche akzeptiert; mittlerweile wird sie aber meist als bloßer Sprachbund betrachtet, der aus mehreren nicht miteinander verwandten kleineren Familien besteht."While 'Altaic' is repeated in encyclopedias and handbooks most specialists in these languages no longer believe that the three traditional supposed Altaic groups, Turkic, Mongolian and Tungusic, are related." Lyle Campbell & Mauricio J. Mixco, A Glossary of Historical Linguistics (2007, University of Utah Press), pg. 7."When cognates proved not to be valid, Altaic was abandoned, and the received view now is that Turkic, Mongolian, and Tungusic are unrelated." Johanna Nichols, Linguistic Diversity in Space and Time (1992, Chicago), pg. 4."Careful examination indicates that the established families, Turkic, Mongolian, and Tungusic, form a linguistic area (called Altaic)...Sufficient criteria have not been given that would justify talking of a genetic relationship here." R.M.W. Dixon, The Rise and Fall of Languages (1997, Cambridge), pg. 32."...[T]his selection of features does not provide good evidence for common descent" and "we can observe convergence rather than divergence between Turkic and Mongolic languages--a pattern than is easily explainable by borrowing and diffusion rather than common descent", Asya Pereltsvaig, Languages of the World, An Introduction (2012, Cambridge) has a good discussion of the Altaic hypothesis (pp. 211–216). Die Bezeichnung geht auf das zentralasiatische Altai-Gebirge zurück, das früher als Urheimat dieser Sprachen angenommen wurde.
Die altaische Sprachfamilie besteht laut ihren Befürwortern aus zumindest drei untergliederten Sprachfamilien, den Turksprachen, den mongolischen und den tungusischen Sprachen.zuweilen als „transeurasischen/makro-altaischen Gruppierung“ zusammengefasst; Martine Robbeets: Hirse und Bohnen, Sprache und Gene: Die Herkunft und Verbreitung der transeurasischen Sprachen. Forschungsbericht 2015 – Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Diese drei Sprachfamilien besitzen lexikalische, morphologische, phonetische und typologische Gemeinsamkeiten, die von einigen Wissenschaftlern als Beweis für ihre genetische Einheit und somit Rückführbarkeit auf eine gemeinsame Vorgängersprache (Protosprache) angesehen werden. Die Mehrheit der Forscher sieht jedoch diese Gemeinsamkeiten lediglich als Folge von lexikalen und strukturellen Entlehnungen an, die durch langzeitige areale Kontakte zwischen diesen Sprachgruppen entstanden sind.
Eine Mehrheit der Befürworter der altaischen Hypothese rechnet auch Koreanisch, die Japanisch-Ryūkyū-Sprachen und die Ainu-Sprache zum Altaischen. Diese erweiterte Version des Altaischen nennt man Makro-Altaisch. Die frühere Vorstellung einer speziellen uralisch-altaischen Sprachverwandtschaft gilt heute als überholt, diskutiert werden jedoch Hypothesen einer Verwandtschaft der altaischen Sprachen mit mehreren anderen nordeurasischen Sprachfamilien – darunter auch die uralischen Sprachen – und einigen isolierten Sprachen (siehe dazu die Artikel Eurasiatisch und Nostratisch). Der Nachweis einer sprachgenetischen Beziehung wird jedoch durch diverse Faktoren erschwert. Nicht nur in der Beziehung des Japanischen zu den anderen altaischen Sprachgruppen, sondern auch hinsichtlich der Zusammengehörigkeit der tungusischen, mongolischen und turkischen Sprachen als Mitglieder der altaischen Sprachfamilie herrscht kein Konsens.U. Meltem Büyükmavi: Rezension. zu: Martine Irma Robbeets: Is Japanese Related to Korean, Tungusic, Mongolic and Turkic? (= Turcologica. Band 64). In: Oriens Extremus. 46. Jg., Harrassowitz Verlag, 2007, S. 306–310.
mini|400x400px|Die altaische Sprachfamilie. Blau: Turksprachen, grün: Mongolisch, rot: Tungusisch, Gelb: Koreanisch, Violett: Japanisch, Dunkelrot: Ainu.|alternativtext= mini|400px|Karte der altaischen und uralischen Sprachen
Die altaischen Sprachen und ihre Verbreitung
Die Gruppe der altaischen Sprachen (im engeren Sinne) – insgesamt etwa 60 Sprachen mit 275 Millionen Sprechern – besteht aus drei klar definierten Sprachfamilien sehr unterschiedlicher Größe: Mongolische Sprachen: 14 Sprachen, 7,5 Mio. Sprecher Tungusische Sprachen: 12 Sprachen, 75.000 Sprecher Turksprachen: 41 Sprachen, 180 bis 200 Mio. Sprecher
Die Turksprachen werden in einem breiten – teilweise von anderen Sprachgruppen unterbrochenen – Streifen gesprochen, der von Südosteuropa über die Türkei, Aserbaidschan, Iran, die zentralasiatischen Staaten Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Westchina nach Sibirien reicht. Die mongolischen Sprachen sind hauptsächlich im östlich angrenzenden Gebiet – im russischen Burjatien, der Mongolei und der chinesischen Inneren Mongolei – verbreitet, das Tungusische schließt sich in versprengten kleinen Gruppen weiter nordöstlich in Nordchina und Ostsibirien an.
Die Turksprachen und mongolischen Sprachen sind jeweils Familien eng verwandter Sprachen, so dass eine Binnengliederung schwierig ist. Das Tungusische weist eine größere Variationsbreite auf, ohne dass die genetische Zusammengehörigkeit zweifelhaft wäre. Wesentlich problematischer ist – wie nachfolgend ausführlich dargestellt wird – die Frage der genetischen Einheit der drei Gruppen als altaische Sprachfamilie. Shiro Hattori (1964)Shiro Hattori: Dictionary of Ainu Dialects () (1964). ordnete das Ainu einem Makro-Altaisch oder Altaischen im weiteren Sinne zu, das außer dem Turkischen, Mongolischen und Tungusischen auch das Japanische, Koreanische und eben das Ainu enthielte. Roy Andrew Miller (1971) ordnet die japanische Sprache und die koreanische Sprache auch zum altaischen. Hieraus ergäbe sich die Struktur einer hypothetischen makro-altaischen Sprachfamilie.
Älteste Überlieferungen Das älteste erhaltene Sprachdenkmal der Gruppe ist eine mongolische Inschrift vom Ende des 6. oder Anfang des 7. Jahrhunderts, die Inschrift von Chüis Tolgoi (Хүйс толгойн хөшөөний бичээс). Der älteste zusammenhängende altkoreanische Text stammt aus dem Jahr 594 oder 596, der älteste altjapanische aus dem Jahr 697, der älteste alttürkische (Orchon-Runen) aus dem Jahr 713, tungusische Texte erst ab dem 12. Jahrhundert.Alexander Vovin: An Interpretation of the Khüis Tolgoi Inscription. In: Journal Asiatique 306.2 (2018) S. 303–313, , hier S. 312.
Die größten altaischen Sprachen
Die wichtigsten Turksprachen sind Türkisch, mit 70 bis 80 Mio. Sprechern die mit Abstand sprecherreichste altaische Sprache Usbekisch, 43 Mio. Aserbaidschanisch, 30 Mio. Kasachisch, 12 Mio. Uigurisch, 10 Mio. Turkmenisch, 6,6 Mio. Tatarisch, 5,1 Mio. Kirgisisch, 4,3 Mio. Kaschkai, 1,0 Mio.
Außer dem Tatarischen, Uigurischen und Kaschkai sind die genannten Sprachen die Nationalsprachen ihrer jeweiligen Staaten, die bis auf die Türkei erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstanden sind.
Die einzige mongolische Sprache, die mehr als eine Million Sprecher hat, ist Mongolisch (Chalcha) mit 5 Mio. Sprechern, das gleichzeitig die Nationalsprache der Mongolei ist und – nach Sprecherzahl – bereits 80 % aller Sprecher mongolischer Sprachen ausmacht. Größere mongolische Sprachen sind noch das Burjatische (400.000), Oiratische (350.000) und das Santa (250.000). (Siehe Artikel Mongolische Sprachen.)
Die tungusische Familie weist nur noch „kleine“ Sprachen auf, die fast alle stark gefährdet sind. Früher hatte das heute nahezu ausgestorbene Mandschu eine weite Verbreitung in Nordostchina – der Mandschurei. Im 17. Jahrhundert wurde China von den Mandschu, die aus den schon einmal eine Dynastie bildenden Dschurdschen (Jin-Dynastie) hervorgingen, erobert. Das Mandschu wurde neben dem Chinesischen offizielle Staatssprache des kaiserlichen China, verlor aber trotz ihrer hohen Stellung am Hof bereits vor der Revolution von 1911 immer mehr an Prestige, Sprecherzahl und geographischer Verbreitung. (Siehe auch: Tungusische Sprachen.)
Typologische Merkmale der altaischen Sprachen
Typologisch weisen die drei Hauptgruppen der altaischen Sprachen (Koreanisch, Japanisch und Ainu sollen hier nicht betrachtet werden) große Gemeinsamkeiten auf. Einige wichtige Charakteristika sind:
Einfache Phoneminventare, einfache Silbenstruktur (meist KV), kaum Konsonantencluster. Vokalharmonie, die auf verschiedenen Vokaloppositionen beruhen kann: vorne-hinten, gerundet-ungerundet, hoch-tief. Beispiele aus dem Türkischen: (1) elma.lar „Äpfel“, aber ders.ler „Lektionen“ (2) ev.de „im Haus“, aber orman.da „im Wald“ (3) işçi.lik „Kunstfertigkeit“ (4) pazar.lık „Geschäftstüchtigkeit“ (5) çoğun.luk „Mehrheit“ (6) ölümsüz.lük „Unsterblichkeit“ In (1) und (2) gleicht sich der Vokal des Pluralsuffixes /-ler/ oder /-lar/ und des Lokativsuffixes /-de/ oder /-da/ dem Stammvokal in der Artikulationsstelle (hinten-vorn) an. Zu (3–6): Das Suffix /-lik/ „-keit“ besitzt vier Varianten, die sich sowohl der Artikulationsstelle des Stammvokals (hinten-vorn) als auch seiner Rundung anpassen. Die Vokalharmonie ist in nahezu allen altaischen Sprachen erhalten, teilweise allerdings nur in den gesprochenen Varianten, während sie nicht mehr im Schriftbild deutlich wird (z. B. im Usbekischen). Eine durchgehend agglutinative Wortbildung und Flexion, und zwar nahezu ausschließlich durch Suffixe. Dies kann – wie das folgende selbsterklärende Beispiel aus dem Kasachischen zeigt – zu sehr langen und komplexen Bildungen führen (allerdings werden im Normalfall selten mehr als drei bis vier Suffixe verwendet). Jedes Morphem hat eine spezifische Bedeutung und grammatische Funktion und ist – abgesehen von den Erfordernissen der Vokalharmonie – unveränderlich. Ein Beispiel aus dem Kasachischen (einer Turksprache): jaz schreiben jaz.u das Schreiben jaz.u.šı der Schreiber jaz.u.šı.lar die Schreiber jaz.u.šı.lar.ım meine Schreiber jaz.u.šı.lar.ım.ız unsere Schreiber jaz.u.šı.lar.ım.ız.da zu unseren Schreibern gehörig jaz.u.šı.lar.ım.ız.da.γı das zu unseren Schreibern gehörende jaz.u.šı.lar.ım.ız.da.γı.lar die zu unseren Schreibern gehörenden (Dinge) jaz.u.šı.lar.ım.ız.da.γı.lar.dan von den zu unseren Schreibern gehörenden (Dingen) Die agglutinative Flexion der Nomina und vor allem der Verben ist sehr komplex, aber auch äußerst regelmäßig. Adjektive werden dagegen kaum gebeugt, sie zeigen auch keine Kongruenz mit ihrem Bestimmungswort, dem sie vorausgehen. (Quantifizierer werden meist nachgestellt.) Es gibt keine Artikel. Ersatz für den unbestimmten Artikel ist oft das Zahlwort „eins“. Es gibt kein grammatisches Geschlecht, sogar für ‚er‘ und ‚sie‘ (fem.sg.) gibt es keine unterschiedlichen Pronomina. Postpositionen werden gegenüber Präpositionen bevorzugt. Relativsätze werden durch Partizipial- und Gerundivkonstruktionen ersetzt (vgl. im obigen Beispiel die Anwendung des Suffixes -γı). Das Verbum steht am Satzende, die normale Satzfolge ist SOV (Subjekt-Objekt-Verb). Bei den Wortarten werden im Wesentlichen nur zwei Gruppen, nämlich Nomina und Verben, unterschieden. Innerhalb dieser Gruppen herrscht Variabilität (z. B. kann das mongolische Wort dundaa sowohl als Substantiv („Mitte“) als auch als Adjektiv („zentral“), Adverb oder Postposition („in der Mitte von …“) fungieren.) Die altaischen Sprachen – im engeren Sinne – unterscheiden sich von anderen ostasiatischen Sprachen durch zwei wesentliche Eigenschaften: es gibt keine besonderen honorifizierenden Formen und keine nennenswerte Ausprägung einer spezifischen Frauensprache (wie z. B. im Japanischen, siehe dazu die Artikel Japanische Höflichkeitssprache und Geschlechtsunterschiede im gesprochenen Japanisch).