mini|Das katalanische Weihnachtslied „El Noi de la Mare“ („Der Mutter Kind“), auf einer Konzertgitarre vorgetragen. Ein Weihnachtslied ist ein Lied, das zu Weihnachten gesungen wird, weil der Liedtext einen Bezug zu den Feiertagen hat. Lieder mit liturgischer Bedeutung werden bei christlichen Gottesdiensten gesungen, weitere Lieder auch zur Bescherung in der Familie sowie bei Weihnachtsfeiern in unterschiedlichsten Rahmen. Sie bilden auch die Basis für viele Konzerte, die vor allem von Chören veranstaltet werden. Kommerzielle Bedeutung erhalten Weihnachtslieder in der Vorweihnachtszeit durch ihre Präsenz in Hörfunk und Fernsehen oder als Hintergrundmusik auf Weihnachtsmärkten und in Kaufhäusern.

Da viele klassische Weihnachtslieder sehr alt sind und die Komponisten als Urheber bereits verstorben sind, werden besonders deutsche Weihnachtslieder in Popmusik, Volksmusik und Schlager neuinterpretiert und als Coverversionen veröffentlicht.

Begriffliche Differenzierungen Der Begriff „Weihnachtslied“ wird in verschieden weiten Bedeutungen verwendet. Dies, wie auch die Vielfalt der Weihnachtslieder, hängt mit der langen und wechselvollen soziokulturellen Geschichte des Weihnachtslieds zusammen, die die Vielfalt der heute existierenden weihnachtlichen Lieder bestimmt.vgl.: Ingeborg Weber-Kellermann: Das Buch der Weihnachtslieder. 151 Deutsche Advents- und Weihnachtslieder. Kulturgeschichte, Noten, Texte, Bilder. Mit Klavier- und Orgel-Begleitung. Mainz, u. a.: Schott 1982Für diesen Abschnitt vgl. auch: G. Hartmann: Weihnachtsmusik. In: Marc Honegger, Günther Massenkeil (Hg.): Das große Lexikon der Musik. Freiburg, Basel und Wien: Herder 1978, Bd. 8, S. 344–345

In der englischen Sprache existiert der Begriff Christmas Carol, der nicht sämtliche Weihnachtslieder umfasst, sondern nur solche, bei denen die Musik eine traditionellere, im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Liedform CaroleKonrad Ragossnig: Handbuch der Gitarre und Laute. Schott, Mainz 1978, ISBN 3-7957-2329-9, S. 104 (Carola). stehende Form annimmt. So wäre White Christmas z. B. nach dieser Definition kein Christmas Carol, sondern „nur“ ein Lied, weil der musikalische Stil nicht der Tradition der weihnachtlichen Carols entspricht. Bezüglich des Textes wird jedoch nicht zwischen solchen Carols und anderen Weihnachtsliedern unterschieden.

Dennoch gibt es auch unterschiedliche sprachübergreifende Definitionen, was als Weihnachtslied zu bezeichnen ist. Manche Lieder haben nur einen winterlichen, nicht aber einen explizit weihnachtlich-religiösen Bezug. Sie werden dennoch nur in der Zeit rund um Weihnachten gesungen; so z. B. Jingle Bells, dessen Text von einer Schlittenfahrt handelt, die genauso gut etwa im Februar stattfinden könnte. Es gibt auch Lieder, die eng mit weihnachtlichen Bräuchen verbunden sind, aber eher als Bettel- oder Trinklied einzustufen sind, beispielsweise das Lied A Bone, God Wot! aus dem 16. Jahrhundert, das der Wassailing-Tradition zugeordnet werden kann, aber vom Cottonian Collection des Britischen Museums als Christmas Carol eingestuft wird.https://www.hymnsandcarolsofchristmas.com/Hymns_and_Carols/a_bone_god_wot.htm

Weihnachtslied – Winterlied Im allgemeinsten Sprachgebrauch bezeichnet Weihnachtslied alle Lieder, die in der Weihnachtszeit gesungen werden, also auch sogenannte Winterlieder ohne expliziten weihnachtlichen Bezug, wie beispielsweise Schneeflöckchen, Weißröckchen oder das bereits erwähnte Jingle Bells. Diese Lieder sind stark mit Weihnachten assoziiert, weil sie oftmals neben Weihnachtsliedern im engeren Sinne in entsprechenden Liedsammlungen oder Weihnachtspotpourris erscheinen. Zudem treten sie im säkularisierten weihnachtlichen Kontext auf – beispielsweise auf Weihnachtsmärkten.

Ein engerer Begriff schließt ebendiese Winterlieder aus den Weihnachtsliedern aus und beschränkt sich auf konfessionell gebundene Werke, deren Text sich ausdrücklich auf das christliche Weihnachtsfest, das heißt auf die Geburt von Jesus Christus, bezieht. Es ist für uns eine Zeit angekommen spielt in diesem Zusammenhang eine Sonderrolle, da es sowohl in säkularer als auch in kirchlicher Intention gefasst ist und gesungen werden kann.

Weihnachtslied – Adventslied Eine noch feinere, aus der Liturgie stammende Differenzierung unterscheidet zwischen Weihnachtslied einerseits und Adventslied andererseits.vgl. Der Advent. In: Berliner Bischofskonferenz (Hg.): Gotteslob. Leipzig: St. Benno 1978, S. 184 Im Kirchenjahr symbolisiert der Advent (von lateinisch adventus – „Ankunft“) die Zeit vor der Geburt des Erlösers Jesus Christus, die Zeit des Wartens auf den im Alten Testament angekündigten Messias. Die Adventslieder drücken daher, oftmals mit Bezug zum Alten Testament, die Sehnsucht nach der Ankunft des verheißenen Messias aus. Beispiele sind etwa Nun komm, der Heiden Heiland, Es kommt ein Schiff, geladen, Wie soll ich dich empfangen oder Macht hoch die Tür.

Im Unterschied zu diesen Adventsliedern bezeichnet Weihnachtslied im engsten Sinne Lieder, die die Geburt Jesu Christi feiern. Im Kirchenjahr dauert der Weihnachtsfestkreis bis zum Fest Taufe des Herrn, dem Sonntag nach Epiphanias (6. Januar); regional wird die Weihnachtszeit auch noch bis Mariä Lichtmess am 2. Februar, dem Ende der Weihnachtszeit vor den Liturgiereformen des Zweiten Vatikanischen Konzils, begangen. Daher werden auch liturgische Lieder aus dieser Zeit zu den liturgischen Weihnachtsliedern gerechnet. Zudem gibt es als Krippenlied oder Hirtenlied bezeichnete Weihnachtslieder, z. B. Kommet, ihr Hirten.

Geschichte Die ältesten Weihnachtslieder im westlichen Kulturkreis waren lateinische Hymnen, die in der Messe und im Stundengebet gesungen wurden. Im Mittelalter entwickelte sich der Brauch, diese mit deutschen Liedern, den Leisen, zu verbinden. Ein Beispiel dafür ist Gelobet seist du, Jesu Christ (EG 23), dessen erste Strophe von 1380 stammt und das zur Sequenz der Mitternachtsmesse Grates nunc omnes gesungen wurde. In manchen Weihnachtsliedern hat sich diese deutsch-lateinische Mischform erhalten, so in In dulci jubilo und im Quempas.

miniatur|links|hochkant=0.8|In dulci jubilo im Klug’schen Gesangbuch (1533) mini|Gelobet seystu Jhesu Christ im Geystlich Gesangk Buchleyn (1524) von Johann Walter miniatur|Martin Luthers Vom Himmel hoch, da komm ich her (1567)

Im Mittelalter tauchen Weihnachtslieder zuerst in der kirchlichen Liturgie auf.Ingeborg Weber-Kellermann: Die kirchlichen Gesänge des Mittelalters und der frühen Neuzeit. In: Das Buch der Weihnachtslieder. 151 Deutsche Advents- und Weihnachtslieder. Kulturgeschichte, Noten, Texte, Bilder. Mit Klavier- und Orgel-Begleitung. Mainz, u. a.: Schott 1982, S. 8 Es gibt keine Zeugnisse dafür, dass diese ersten Weihnachtslieder zu Hause gesungen wurden.Vgl. das Vorwort in: Ingeborg Weber-Kellermann: Das Buch der Weihnachtslieder. 151 Deutsche Advents- und Weihnachtslieder. Kulturgeschichte, Noten, Texte, Bilder. Mit Klavier- und Orgel-Begleitung. Mainz, u. a.: Schott 1982, S. 6–7 Sie haben in der Regel lateinische Texte, oder aber lateinisch-deutsche Mischtexte (Ein Beispiel dafür ist: Dies est laetitiae mit den deutschen Strophen Der Tag, der ist so freudenreich). Sie waren Teil der Mitternachtsmesse, enden in der Regel mit dem Ruf Kyrie eleison („Herr, erbarme dich“) und werden daher als Leisen bezeichnet. Eine andere Wurzel des Weihnachtsliedes war das Kindelwiegen, ein in Frauenklöstern entstandener weihnachtlicher Brauch, und die dort gepflegte Mystik. Aus diesem Kreis stammt das deutsche Weihnachtslied Joseph, lieber Joseph mein, ein Wiegenlied, das vom Mönch von Salzburg (14. Jahrhundert) aufgezeichnet wurde.

Das Singen von Weihnachtsliedern im Gemeindegottesdienst erhielt deutliche Impulse durch Martin LutherIngeborg Weber-Kellermann: Martin Luther und das protestantische Weihnachtslied. In: Das Buch der Weihnachtslieder. 151 Deutsche Advents- und Weihnachtslieder. Kulturgeschichte, Noten, Texte, Bilder. Mit Klavier- und Orgel-Begleitung. Mainz, u. a.: Schott 1982, S. 97–98, der – gemäß seinem reformatorischen Gedanken, die Messe in deutscher Sprache abzuhalten – eine Reihe von Weihnachtsliedern in deutscher Sprache schuf. Luther übertrug dafür bereits etablierte lateinische Texte ins Deutsche, um seine Texte an die liturgische Tradition anzuschließen und bekannte Melodien mit verständlichen Texten zu füllen. Er stieß damit eine protestantische Liedwelle an, die sich als kämpferische Gegenbewegung zum katholischen Kirchengesang verstand. Bei aller reformatorischen Kritik an Formen des volkstümlichen Weihnachtsbrauchs scheute sich jedoch auch Martin Luther nicht, volkstümliche Weisen aufzunehmen, und schuf mit Vom Himmel hoch, da komm ich her ein Weihnachtslied, das die Bearbeitung eines Kranzlieds war.

Doch seit dem 17. Jahrhundert entstanden auch Lieder, die zunächst für die private oder häusliche Andacht gedacht waren und von dort aus mitunter ihren Weg in kirchenmusikalische Werke und dann in die Gesangbücher fanden. Dazu gehört Ich steh an deiner Krippen hier von Paul Gerhardt. Erst im 18. Jahrhundert hielten die Weihnachtslieder jedoch auch Einzug in eine weitgehend profane Familienstube und hatten dort eine Blüte im 19. Jahrhundert, wie sich an zahlreichen Neudichtungen zeigt. Das Weihnachtslied als Kirchenchoral wanderte als Sololied mit Klavierbegleitung in die ,gute Stube‘ des Bürgertums.Ingeborg Weber-Kellermann: Die weihnachtliche Hazusmusik des 19. Jahrhunderts. In: Das Buch der Weihnachtslieder. 151 Deutsche Advents- und Weihnachtslieder. Kulturgeschichte, Noten, Texte, Bilder. Mit Klavier- und Orgel-Begleitung. Mainz, u. a.: Schott 1982, S. 150–153 1870/71 entstanden einige Weihnachtslieder im deutschnationalen Stil.

Im 19. Jahrhundert fanden auch Lieder aus anderen Ländern ihren Weg in den deutschen Sprachraum. Friedrich Heinrich Ranke schrieb 1823 das Weihnachtslied Herbei, o ihr Gläubigen (nach dem lateinischen Adeste fideles, Musik vermutlich von John Francis Wade, 1711–1786, EG 45), und Johannes Daniel Falk (1768–1826) und Heinrich Holzschuher (1798–1847) schrieben O du fröhliche auf die Melodie des italienischen Marienliedes O sanctissima, o purissima, dulcis virgo Maria. Karl Riedel (1827–1888) machte das böhmische Lied Kommet, ihr Hirten in Deutschland heimisch und leitete eine Renaissance der älteren Weihnachtslieder wie Den die Hirten lobeten sehre und Es ist ein Ros entsprungen ein.

miniatur|Autograph von Stille Nacht, heilige Nacht in der Handschrift Franz Xaver Grubers (um 1860)

Das bekannteste und vermutlich weltweit am weitesten verbreitete Weihnachtslied Stille Nacht, heilige Nacht stammt ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert. Ebenso zahlreiche weitere Weihnachtslieder aus dem englischen Sprachraum, wie z. B. die ersten Druckfassungen von God Rest Ye Merry, Gentlemen, The First Noel, I Saw Three Ships und Hark! The Herald Angels Sing, die allesamt in Christmas Carols Ancient and Modern (1833) von William B. Sandys erschienen. Komponisten wie Arthur Sullivan halfen mit, dem Weihnachtslied zu neuer Beliebtheit zu verhelfen, und aus dieser Periode stammen Lieder wie Good King Wenceslas und It Came Upon the Midnight Clear, ein Weihnachtslied aus Neuengland von Edmund H. Sears und Richard S. Willis.

miniatur|Frohe Weihnachten, Gemälde von Viggo Johansen

Gleichzeitig ließen jedoch die Veränderungen in der Frömmigkeit und das Aufkommen der bürgerlichen Weihnachtsfeier im deutschen Sprachraum im 19. Jahrhundert erstmals Lieder entstehen, in denen nicht mehr von der Geburt Jesu die Rede ist. Das bis heute bekannteste dieser Lieder ist O Tannenbaum, das ursprünglich kein Weihnachtslied, vielmehr ein trauriges Liebeslied von August Zarnack war. Später wurde es von Ernst Anschütz umgeschrieben. Der Weihnachtsmann (Morgen kommt der Weihnachtsmann) und naturromantische Elemente (Leise rieselt der Schnee) sind weitere Motive, die im 19. Jahrhundert hinzukamen.