Die Norman Atlantic war ein italienisches RoPax-Schiff, das am 28. Dezember 2014 auf dem Weg von Igoumenitsa nach Ancona havarierte. Unter den 499 Personen auf dem Schiff (Passagiere und 56 Besatzungsmitglieder) gab es dabei mindestens 14 Todesopfer.

Technik Die Norman Atlantic gehört zu einer relativ großen Gruppe ähnlicher RoPax-Schiffe, die nach einem Grunddesign der NAOS-Projektierungsgesellschaft durch die Visentini-Werft im Baukastensystem gebaut wurden. Der Rumpf dieser Schiffe hat eine speziell entwickelte Form, die hohe Geschwindigkeiten bei geringem Treibstoffverbrauch ermöglicht. Das zwar gedeckte, aber seitlich und hinten offene Lkw-Hauptdeck geht bei diesem Schiffstyp durch den gesamten Aufbau. Der Antrieb erfolgt durch zwei auf Deck 3 angeordnete MAN-Dieselmotoren, die über ein Umlenkgetriebe auf die tiefer liegenden Schraubenwellen wirken. Dies ermöglicht eine günstige Raumaufteilung in den Laderäumen. Bei der P270-Klasse wurden zwei geschlossene Laderäume und ein offenes Deck für Lkw sowie zwei niedrigere Abteilungen für Pkw realisiert. Insgesamt stehen somit 2290 Spurmeter für Lkw und Stellplätze für bis zu 205 Pkw zur Verfügung. Die Be- und Entladung erfolgt bei der Norman Atlantic über zwei Heckrampen mit bis zu 5 Metern Breite, was teilweise eine gleichzeitige Be- und Entladung erlaubt. Die geschlossenen Decks sind mit den üblichen Feuerschutzeinrichtungen ausgerüstet. Die Rettungsmittel bestehen aus zwei geschlossenen Rettungsbooten mit einer Kapazität von je 150 Personen und acht Rettungsinseln, die vom Hauptdeck aus zugänglich sind sowie zwei Fast Rescue Craft (die für Mann-über-Bord-Manöver gedacht sind) auf dem Brückendeck.Cruise & Ferry Info 10/1997 S. 70ff: The Mersey Viking, Online z. B. (Die Mersey Viking war das erste Schiff des NAOS-Ro-Pax-Designs)Cruise & Ferry Info 01/2000, S. 44: Another Visentini for the Mediterranean, Online z. B.

Geschichte Bau und Betrieb Die Norman Atlantic wurde in Porto Viro/Italien als drittes Schiff der Fähren-Baureihe NAOS P270 gebaut (Schwesterschiffe sind Livia und Scottish Viking). Die Kiellegung fand am 19. Dezember 2006 statt, die Fertigstellung des Schiffes erfolgte am 21. September 2009.

Das Schiff sollte am 2. November 2009 an Epic Shipping (London) abgeliefert werden. Dies kam allerdings nicht zustande, stattdessen wurde das Schiff als Akeman Street am 13. November 2009 an Visemar RoRo, eine zur Visentini-Firmengruppe der Bauwerft gehörende Gesellschaft, abgeliefert. Anschließend wurde es zunächst in Triest aufgelegt. Am 24. Februar 2010 wurde das Schiff nach Termini Imerese verholt und zum 26. Februar des Jahres an T-Link verchartert. T-Link setzte das Schiff bis zum 30. April 2011 auf der Route Termini Imerese–Voltri ein. Im Juni 2011 wurde das Schiff an die Saremar verchartert und in Scintu umbenannt. Ab Januar 2013 charterte Grande Navi Veloci das Schiff für den Betrieb zwischen Genua und Palermo. Ab April charterte Moby Lines das Schiff und setzte es zwischen Livorno und Olbia ein. Seit November 2013 fuhr das Schiff für LD Lines zwischen St. Nazaire und Gijón. Im Januar erfolgte die Umbenennung in Norman Atlantic. Bis September 2014 setzte LD Lines das Schiff zwischen Rosslare und Gijón beziehungsweise St. Nazaire ein. Ab September 2014 charterte Caronte & Tourist das Schiff und bediente damit die Route zwischen Messina und Salerno. Danach charterte ANEK Lines das Schiff im Dezember 2014 als Überbrückung bis zum Einsatz der eigenen Hellenic Spirit auf der Route Patras – Igoumenitsa – Ancona.

Die Klassifikationsgesellschaft Registro Italiano Navale hatte zuletzt am 1. September 2014 eine Sicherheitszertifizierung erteilt. Am 19. Dezember wurde durch die Hafenbehörde von Patras eine Inspektion durchgeführt und dabei Mängel festgestellt, für deren Behebung eine zweimonatige Frist gesetzt wurde.Zahl der Geretteten nach wie vor unklar, ORF.at, 28. Dezember 2014. Die Liste umfasste unvollständige Notfalldokumentation, Notfallbeleuchtung sowie Fehlfunktionen an Feuerschutztüren und Schotten.Auszug Equasis-Datenbank, nach repubblica.it. Laut Angaben des Eigners wurden die Mängel umgehend behoben.La Norman Atlantic non aveva problemi particolari, secondo l’armatore, Internazionale, 28. Dezember 2014.

Havarie 2014 mini|AIS-Position am 28. Dezember 2014 mini|Route der Norman Atlantic mini|Wettersituation am 28. Dezember 2014

Am 28. Dezember 2014 havarierte das Schiff. Die Fähre war von Patras über Igoumenitsa nach Ancona mit 443 Passagieren (inklusive blinder Passagiere) und 56 Besatzungsmitgliedern unterwegs. Die meisten Passagiere waren Lkw-Fahrer. Es waren ferner auch Familien mit Kindern an Bord. An Bord befanden sich 222 Fahrzeuge, darunter auch mehrere mit Olivenöl beladene Tanklaster. Auf den Autodecks befanden sich offenbar auch Flüchtlinge, die als blinde Passagiere reisten. Gegen 3 Uhr früh brach auf einem der Decks ein Feuer aus. 33 Seemeilen vor dem griechischen Othoni sendete die Norman Atlantic ein GMDSS-Notsignal.

Die vom Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) Rom der italienischen Küstenwache koordinierte Evakuierung des Schiffs gestaltete sich wegen des Wellenganges bei Windstärke 10, Wellenhöhe 7 bis 8 und Rauch schwierig.Gerettete Teenager: „Es war wie auf der Titanic“, News-Ticker zum Adria-Unglück, Focus Online. Fünf Hubschrauber und ein Transportflugzeug vom Typ Lockheed C-130 wurden zur Rettung der Passagiere geschickt, gab der griechische Minister für öffentliche Ordnung und Bürgerschutz Nikos Dendias an. Die Fähre Cruise Europa, das Containerschiff Spirit of Piraeus und weitere Schiffe, die sich in der Nähe befanden, beteiligten sich an der Rettungsaktion. Zusätzlich lief ein griechisches Feuerlöschboot aus. An der Rettungsaktion waren die griechische, italienische und albanische Küstenwache sowie griechisches und italienisches Militär beteiligt; unter anderem war das amphibische Landungsschiff San Giorgio (L9892) der italienischen Marine als Operationsplattform für Hubschrauber im Einsatz, der von AW-101 Marinehubschraubern des 1º Gruppo Elicotteri aus Sarzana-Luni durchgeführt wurde.Donatella Francesconi: „Ne abbiamo salvati tanti, mamma…“, è di Viareggio uno degli elicotteristi del Norman, il Tirreno, 30. Dezember 2014. Weiterhin waren mehrere Super-Puma-Hubschrauber der griechischen Luftstreitkräfte sowie der Guardia Costiera beteiligt.

Gegen 8 Uhr morgens des Unglückstags waren etwa 55 Menschen vor allem auf die Spirit of Piraeus gebracht worden. Weitere 150 saßen in Rettungsbooten, berichteten griechische Medien. An Deck waren die Menschen von Unterkühlung durch Regen und Hagel betroffen. Sie litten unter dem Rauch. Berichtet wurde auch von überhitzten Decks, die die Schuhsohlen zum Schmelzen brachten. Ein Mann, der vier Stunden im Wasser verbracht hatte, wurde zusammen mit einem verletzten Helfer nach Italien gebracht. Er verstarb.

Bis zum Morgen des folgenden Tags, also über 24 Stunden später, konnten 221 von ursprünglich 499 Menschen an Bord des Schiffes gerettet werden. Unklar war, was mit einigen Rettungsbooten und den Menschen darin geschehen war. Das Feuer auf der Fähre wurde bis auf einige kleinere Brandherde, die auch mehrere Tage nach dem Unglück noch aktiv waren, durch die Besatzung gelöscht. Auf das Schiff waren Ärzte gebracht worden, um die verbliebenen Passagiere zu betreuen.Hans-Jürgen Schlamp: Brennende Fähre vor Griechenland: Albtraum in der Adria, Spiegel Online, 29. Dezember 2014. Das Schiff wurde von Schleppern in Schlepp genommen; allerdings brach die Schlepptrosse mehrmals. Bei den Schleppversuchen kamen durch einen Unfall zwei albanische Seeleute auf einem der Schlepper ums Leben. Um 13:27 Uhr MEZ war das Schiff evakuiert, es waren 407 Passagiere in Sicherheit gebracht worden.Italienische Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen ein, News-Ticker zum Adria-Unglück, Focus Online.

Insgesamt wurden 427 Personen gerettet.Jan-Christoph Kitzler: , tagesschau.de. Der Kapitän Argilio Giacomazzi verließ als letzter die Fähre, nachdem er sie an die italienische Marine übergeben hatte. Die Anzahl regulärer Passagiere und Besatzungsmitglieder war zunächst unklar; ANEK Lines teilte am Abend des 29. Dezember 2014 mit, drei Personen auf der Passagierliste seien letztendlich nicht an Bord gegangen, während die Ehefrau eines Besatzungsmitgliedes an Bord war, ohne auf der ursprünglichen Passagierliste zu stehen; ferner sei ein Besatzungsmitglied vor dem Auslaufen nicht vom Landgang zurückgekehrt. Dies reduziere die Anzahl der Personen an Bord laut Passagierlisten von 478 auf 475. Unter den Geretteten waren jedoch auch mehrere Flüchtlinge als blinde Passagiere, so dass die Gesamtzahl der Passagiere mindestens 499 betrug. Es wird vermutet, dass weitere blinde Passagiere im Laderaum ums Leben gekommen sind. (PDF-Datei; 50 kB).

Passagiere berichteten, dass die Besatzung kaum bei der Rettung geholfen habe, und warfen ihr vor, mit als erste in das einzige Rettungsboot gestiegen zu sein. Die Reederei und der Kapitän widersprachen dieser Darstellung.Opfer verbrannten im Schlaf – Fahrgäste erheben schwere Vorwürfe gegen Crew, Nordwest-Zeitung, 31. Dezember 2014, S. 7.Un passeggero inglese accusa: „L'equipaggio non era sulla nave con noi“, la Repubblica, 31. Dezember 2014.

Opfer Bei der Havarie kamen mindestens elf Personen ums Leben, darunter zwei aus Deutschland.Peiner Allgemeine vom 4. Januar 2015: Peinerin (15) starb auf brennender Adria-Fähre Hinzu kommen zwei albanische Seeleute, die bei einem Unfall während der Schleppversuche getötet wurden.Rogo Norman, 11 vittime: almeno due sono italiani. Morti due soccorritori durante le operazioni di traino, Repubblica. Es wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bari noch 19 Personen vermisst, zuzüglich etwaiger blinder Passagiere., Gazzeta del Mezzogiorno, 15. Januar 2015.Traghetto: famiglia, migrante disperso, Ansa.it, 23. Januar 2015.

Untersuchung der Unglücksursache Am 29. Dezember beschlagnahmte die zuständige Staatsanwaltschaft Bari das (unter italienischer Flagge fahrende) Schiff und eröffnete Strafverfahren gegen den Schiffseigner Visemar RoRo und den Kapitän wegen fahrlässiger Körperverletzung, fahrlässiger Tötung sowie Schiffbruchs (letzteres ist in Italien ein eigener Straftatbestand).Norman Atlantic sotto sequestro – Indagati il comandante e l’armatore, Corriere della Sera, 29. Dezember 2014. Auch in Griechenland wurde ein Strafverfahren eingeleitet: die Voruntersuchung der Staatsanwaltschaft Piräus bezieht sich auf den Verdacht der Störung der Schifffahrt, die zu einer Gefährdung von Menschen führen könnte, und auf Brandstiftung.Athener/Makedonische Presseagentur, 30. Dezember 2014 (griech.) Nachdem bekannt wurde, dass auch Deutsche unter den Opfern sind, nahm die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung Untersuchungen auf.