mini|Wilhelm von Humboldt (Lithographie von Friedrich Oldermann nach einem Gemälde von Franz Krüger) rahmenlos|class=notpageimage skin-invert-image|zentriert Friedrich Wilhelm Christian Carl Ferdinand von HumboldtSo Taufname. Humboldt bevorzugte anscheinend die Reihenfolge Friedrich Christian Carl Ferdinand Wilhelm von Humboldt, wie seine Familie den Namen auf den Grabstein setzen ließ; im Sterberegister seiner zuvor verstorbenen Frau Caroline gleiche Folge, jedoch falsch Heinrich statt Christian. Gelegentlich wurde er Carl Wilhelm (bzw. Karl Wilhelm, Charles William) genannt, z. B. im Heiratsregister der Tochter Adelheid, bei Verleihung des roten Adlerordens sowie anderer Orden im Jahr 1815, oder im Titel des von Thomas Lawrence gemalten Porträts von ihm. (* 22. Juni 1767 in Potsdam; † 8. April 1835 in Tegel) war ein preußischer Gelehrter, Schriftsteller und Staatsmann. Als Bildungsreformer initiierte er die Neuorganisation des Bildungswesens im Geiste des Neuhumanismus, formte das nach ihm benannte humboldtsche Bildungsideal und betrieb die Gründung der Universität zu Berlin.

Zusammen mit seinem Bruder Alexander von Humboldt zählt er zu den großen, fortwirkend einflussreichen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturgeschichte. Während Alexander dabei vor allem der erd- und naturwissenschaftlichen Forschung neue Horizonte erschlossen hat, lagen die Schwerpunkte für Wilhelm in der Beschäftigung mit kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen wie der Bildungsproblematik, der Staatstheorie, der analytischen Betrachtung von Sprache, Literatur und Kunst sowie in aktiver politischer Mitgestaltung als Reformmotor im Schul- und Universitätswesen und als preußischer Diplomat.

Entgegen der zur Zeit der Aufklärung nicht unüblichen Ausrichtung von Politik, Kultur, Wissenschaft und Erziehungswesen am Allgemeinwohl definierte Wilhelm von Humboldt als oberste Aufgabe des Menschen die Bildung der eigenen Individualität und Persönlichkeit. Dabei ging es ihm um „die höchste und proportionierlichste Ausbildung aller menschlichen Kräfte zu einem Ganzen“.Zitiert nach Gall 2011, S. 10 f.

Biographie Herkunft und Jugend

mini|Gedenkstein für Gottlob Johann Christian Kunth, Erzieher der Humboldt-Brüder

In der väterlichen Linie waren die Humboldt-Brüder Sprösslinge pommerscher Vorfahren aus dem Bürgertum. Ihr Großvater Hans Paul Humboldt wurde Kapitän im preußischen Militär und wegen seiner Verdienste 1738 auf eigenes Ersuchen in den Adelsstand erhoben.Maximilian Gritzner: Chronologische Matrikel der Brandenburgisch-Preußischen Standeserhöhungen und Gnadenacte von 1600–1873. Mitscher & Roestell, Berlin 1874, S. 23 (Digitalisat). Dessen Sohn Alexander Georg von Humboldt (1720–1779) wurde nach seinem Ausscheiden aus dem Heeresdienst auf Geheiß Friedrichs des Großen Kammerherr bei der Gemahlin des Thronfolgers bis zum Scheitern dieser Ehe 1769. Bereits 1766 hatte Alexander Georg die vermögende Witwe hugenottischer Herkunft Elisabeth von Holwede, geborene Colomb, geheiratet und war durch sie in den Besitz von Schloss Tegel gelangt. An der Ausbildung der Söhne Wilhelm und Alexander auf dem Tegeler Gut – winters in der Berliner Stadtwohnung, da das Schloss nur schwer beheizbar war – wurde nicht gespart.

Als Hauslehrer engagierten die Eltern unter anderem renommierte Persönlichkeiten wie Joachim Heinrich Campe und Johann Jakob Engel, ab 1777 für mehr als zehn Jahre Gottlob Johann Christian Kunth, der den Erziehungsplan koordinierte und den Unterricht der verschiedenen Fachlehrer beaufsichtigte. Kunth, der sich auch hinsichtlich der Gutsverwaltung eine Vertrauensstellung bei den Humboldts erworben hatte, wurde nach dem Tod seines Brotherrn 1779 zum unentbehrlichen Berater der erneut verwitweten Frau von Humboldt und dann auch zum Vermögensverwalter der beiden Halbwaisen. Wilhelm von Humboldt wiederum förderte später Kunths Aufstieg zum Mitarbeiter des Freiherrn vom Stein in der preußischen Reformära und erfüllte ihm nach seinem Tode 1829 den Wunsch, in der Nähe des Familiengrabs der Humboldts in Tegel beigesetzt zu werden.

mini|hochkant|Pastellbildnis von Wilhelm von Humboldt, 1784, Goethe-Haus, Frankfurt am Main Schon als 13-Jähriger soll Wilhelm von Humboldt Griechisch, Latein und Französisch sowohl gelesen als auch gesprochen haben und mit wichtigen Autoren der jeweiligen Literatur vertraut gewesen sein.Scurla 1984, S. 25. Sein enormer Studienfleiß weckte nicht selten Besorgnis bei ihm Nahestehenden. Ab 1785 verkehrten die Humboldt-Brüder in Kreisen der Berliner Aufklärung.Andreas W. Daum: Alexander von Humboldt. C. H. Beck, München 2019, S. 13–14. In Vorbereitung auf die Universitätsstudien nahmen die Brüder auf Vermittlung Kunths an Privatvorlesungen beispielsweise in Nationalökonomie und Statistik, Naturrecht und Philosophie teil. Im Zusammenhang damit gelangten sie auch in das Haus des vielseitig interessierten Arztes Marcus Herz, der als Anhänger Immanuel Kants philosophische und physikalische Vorlesungen hielt, sowie in den Salon seiner Frau Henriette Herz, zu der Wilhelm zeitweise eine schwärmerische Zuneigung fasste. Dort lernten die Brüder unter anderem Moses Mendelssohn kennen, studierten gemeinsam die Schriften Kants und diskutieren über die Frage: Was ist Aufklärung? In den folgenden Jahren erhielten sie Privatunterricht von Christian Konrad Wilhelm von Dohm über den Welthandel. Wilhelm lernte von Ernst Ferdinand Klein die Grundzüge des Naturrechts und bei Johann Jakob Engel Begriffs- und Urteilslogik. Auch in die Schriften von John Locke und David Hume wurde er von Engel eingeführt.Manfred Geyer: Aufklärung. Das europäische Projekt. Reinbek bei Hamburg 2012, S. 338 ff.

Als Mitglied in ihrem „Bund der Freunde“, einem von vielen damals existierenden Tugendbünden, zu dem sowohl eine Satzung als auch eine Geheimschrift gehörte, kam Wilhelm späterhin in Kontakt mit Caroline von Dacheröden, die dem Bund als auswärtiges Mitglied gleichfalls angehörte.

Das Ziel der anspruchsvollen Ausbildung ihrer Söhne lag für die Mutter darin, sie für einflussreiche Staatsämter zu qualifizieren. Wilhelm war für ein Studium der Rechtswissenschaften vorgesehen, Alexander für Staatswirtschaftslehre, die als Kameralia firmierte. Noch unter Kunths Obhut begannen die Brüder ihr jeweiliges Studium an der Brandenburgischen Universität Frankfurt, die Wilhelm aber nach einem Semester verließ, um sich im Frühjahr 1788 an der Georg-August-Universität Göttingen zu immatrikulieren.

Bildungsreisen, Eheschließung und Umgang mit den Weimarer Klassikern (1788–1797) mini|Göttinger Gedenktafel für Wilhelm von Humboldt In Göttingen löste sich Humboldt aus den vorgegebenen Bahnen und folgte fortan eigenen Impulsen, Interessen und Einsichten. Im Studium widmete er sich weniger der Jurisprudenz und mehr der Philosophie, der Geschichte und den alten Sprachen. Dabei besuchte er auch Veranstaltungen von Kapazitäten wie dem Experimentalphysiker Lichtenberg und dem klassischen Philologen Heyne. Zudem befasste er sich unter anderem mit Naturgeschichte und setzte sich intensiv mit Kants Schriften auseinander.Manfred Geyer: Aufklärung. Das europäische Projekt. Reinbek bei Hamburg 2012, S. 338, 342; Gall 2011, S. 29, 31.

1788 war auch das Jahr, in dem er Caroline von Dacheröden kennenlernte, die er 1791 in Erfurt heiratete. Mit ihrem überlieferten Briefwechsel, für den ein von beiden Eheleuten gepflegter Ton wechselseitiger Idealisierung bezeichnend ist, schufen Caroline und Wilhelm von Humboldt ein Orientierungsmuster des Geschlechterverhältnisses für das deutsche Bürgertum im 19. und noch im 20. Jahrhundert. Dabei führten beide eine „offene Ehe“. Humboldts Konzept der optimalen individuellen Entfaltung schloss den Anspruch ein, die eigene Sexualität mit wechselnden Partnerinnen auch aus dem käuflichen Milieu ausleben zu können. Bekannt ist sein Verhältnis mit Johanna Motherby, Gattin des Arztes William Motherby, in Königsberg. Carolines mehrjähriger Hausfreund in Jena und auf Reisen war Wilhelm von Burgsdorff (1772–1822).Berglar 1970, S. 39 f.; Gall 2011, S. 32–37, 51, 87 f.

Von seinem Studienort Göttingen aus unternahm Humboldt noch gegen Ende des Jahres 1788 eine Reise über Kassel, Marburg und Gießen in die Rhein-Main-Gegend, bei der er unter anderem einige Tage in Mainz mit dem Weltumsegler Georg Forster und seiner Frau Therese verbrachte. Mit dem sensualistischen Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi trat er nach Besuch auf dessen Gut Pempelfort, damals vor den Toren Düsseldorfs, in eine anhaltende Verbindung. Im Sommer 1789 brach er zu einer weiteren Reise auf, die ihn gemeinsam mit seinem vormaligen Lehrer Campe am 3. August in das revolutionäre Paris führte. Tags darauf wurde per Dekret der Verfassunggebenden Nationalversammlung das Feudalsystem abgeschafft. Humboldt besuchte sowohl eine Sitzung der neuen Volksvertretung als auch die kürzlich vom Volk gestürmte Bastille, wobei er sich anders als der von der Revolutionsbegeisterung mitgerissene Campe eher als nüchterner Beobachter gab. Jenseits des Revolutionsgeschehens interessierte er sich einerseits für Kunst und Architektur, andererseits auch für Spitäler, Gefängnisse und für die Lage der Pariser Waisenkinder, die er in einem Findelhaus aufsuchte. In seinen Notizen heißt es:

Nach der Abreise von Paris Ende August setzte Humboldt die Reise noch bis zum November des Jahres mit einem längeren Aufenthalt in der Schweiz fort. Als Folge seiner Reiseerfahrungen kann ein Bedürfnis nach regelmäßigem Wechsel seiner äußeren Umwelt angenommen werden, nach Wohnortwechseln über Ländergrenzen hinweg.Gall 2011, S. 52. Humboldt selbst äußerte später: „Der Grundsatz, daß man in vielen Lagen aller Art gewesen sein müsse, ist so fest in mir, daß mir jede, in der ich noch nicht war, schon darum angenehm ist.“Zitiert nach Scurla 1984, S. 63.

Über die Weihnachtstage 1789 hielt sich Wilhelm von Humboldt mit seiner Verlobten in Weimar auf und hatte dort erste Begegnungen mit Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe. Anfang 1790 trat er nach Beendigung des viersemestrigen Studiums in den Staatsdienst und erhielt eine Anstellung im Justizdepartement, wo er für die Richterlaufbahn ausgebildet wurde, zugleich aber die Zusatzqualifikation für den diplomatischen Dienst erwarb. Schon im Mai 1791 suchte er mit Hinweis auf Familienumstände um seine Entlassung nach, sei es, dass ihm die Ausübung des Richteramts unter dem Eindruck gegenaufklärerischer Tendenzen im preußischen Staatswesen zuwider war,Gall 2011, S. 31. sei es, dass seine anderweitig entwickelten Neigungen den Ausschlag gaben oder dass er die Anstellung nur betrieben hatte, um vor seiner Mutter und vor seinem Schwiegervater in spe, dem Kammerpräsidenten von Dacheröden, zu bestehen.Ausführliche Erwägungen bei Scurla 1984, S. 73–85.

Nach der Hochzeit in Erfurt am 29. Juni 1791 lebte das junge Paar während der darauffolgenden zweieinhalb Jahre auf den Dacheröden’schen Gütern in Thüringen, wo Humboldt nun mit Caroline seine Studien der altgriechischen Sprache, Kultur, Kunst und Philosophie fortsetzte und in regem Gedankenaustausch mit dem Hallenser Altphilologen Friedrich August Wolf vertiefte. Die Beschäftigung mit der Antike diente ihm zu dem Zweck . Den griechischen Geist begriff er . 1793 entstand die Schrift Über das Studium des Altertums und des Griechischen insbesondere, die seinen betonten Philhellenismus zeigt, gegen dessen Alleingültigkeitsanspruch selbst Schiller Vorbehalte hatte.Berglar 1970, S. 44–48.

mini|Wilhelm (2. v. l.) mit Schiller, seinem Bruder Alexander und Goethe in Jena