Die angewandte Kinesiologie (von „Bewegung“ und -logie) ist ein alternativmedizinisches und pseudowissenschaftliches Diagnose- und Behandlungskonzept aus dem Bereich der Körpertherapie und der Chiropraktik.Einzelnachweise zum Therapieverfahren aus dem Bereich der Chiropraktiken (englisch): Scott C. Cuthbert, George Joseph Goodheart: In: Chiropractic & Manual Therapy. Band 15, Nr. 4, 2007, doi:10.1186/1746-1340-15-4. Mitchell Haas, Robert Cooperstein, David Peterson: In: Chiropractic & Manual Therapy. Band 15, Nr. 11, 2007, doi:10.1186/1746-1340-15-11. American Chiropractic Association: (PDF; 52 kB) Robert Cooperstein, Brian Gleberzon:
Der Begriff wurde in Deutschland unter anderem von den Begründern des Instituts für Angewandte Kinesiologie (1982) und später der Deutschen Gesellschaft für Angewandte Kinesiologie, gegründet 1987,Website der DGAK, aufgerufen am 27. Januar 2012. eingeführt und steht für Varianten der von George Joseph Goodheart begründeten Applied Kinesiology. Im Gegensatz zu letzterer wird die „Kinesiologie“ vor allem von medizinischen Laien angewandt. Sie nutzt sogenannte manuelle Muskeltests für eine Diagnose und eine nachfolgende Festlegung der Therapie. Die angewandte Kinesiologie geht dabei davon aus, dass die Muskelspannung eine Rückmeldung über den funktionellen Zustand des Körpers liefert. Nicht zu verwechseln ist der Begriff mit dem englischsprachigen Wort für Bewegungs-/Motorikwissenschaften.Arnd Krüger: Geschichte der Bewegungstherapie. In: Präventivmedizin. Heidelberg: Springer Loseblatt Sammlung 1999, 07.06, S. 1–22.
Die Kinesiologie ist nicht durch anerkannte naturwissenschaftliche und medizinische Erkenntnisse begründet; ein Wirksamkeitsnachweis existiert nicht.
Allgemeines Die angewandte Kinesiologie ist ein wissenschaftlich nicht anerkanntes alternativmedizinisches Diagnose- und Therapieverfahren ohne belegte Wirksamkeit. Sie beruht auf der Annahme, dass sich gesundheitliche Störungen als Schwäche bestimmter Muskelgruppen manifestieren.Edzard Ernst: , Deutsches Ärzteblatt, Band 102, Nummer 44, 2005, A-3034/B-2560/C-2410. Zentrales Werkzeug der Kinesiologie zur Diagnose solcher Störungen ist der sogenannte „kinesiologische Muskeltest“.
In der Kinesiologie werden Begriffe und Lehren aus der Meridian- und der Elementenlehre verwendet. So wird beispielsweise der Begriff Energie in Anlehnung an das daoistische Qi im Sinne von „Lebensenergie“ benutzt. Die Kinesiologie sieht sich selbst als eine Methode, die den Menschen in seiner „Ganzheitlichkeit“ wahrnehmen soll, das heißt, dass Befunde nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit emotionalen und mentalen Einflüssen und Abhängigkeiten betrachtet werden sollen. Aus der originären Applied Kinesiology wurde vor allem die Behandlung von Reflexen wie die „Neurolymphatischen Reflexpunkte“ des Osteopathen Chapman und die sogenannten „Neurovaskulären Reflexpunkte“ des Chiropraktors Bennett in das „Touch for Health“ beziehungsweise in die „Angewandte Kinesiologie“ integriert.
Das Konzept der Kinesiologie ist mit anerkannten naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnissen nicht vereinbar. Ein Nachweis der diagnostischen Validität und Wirksamkeit der Kinesiologie gelang bisher nicht; er gilt als unwahrscheinlich.
Geschichte und Institutionalisierung Entwicklung Applied Kinesiology wurde in den 1960er Jahren von dem amerikanischen Chiropraktiker George Joseph Goodheart entwickelt. Ausgangspunkt der Theorieentwicklung war seine Beobachtung, dass bei einem Patienten mit Schulterschmerzen die Schultermuskulatur geschwächt war und in den Sehnenansätzen des Muskels knotige Verhärtungen bestanden. Goodheart gibt an, durch Massage die Verhärtungen des Muskels aufgelöst zu haben und die Schulterschmerzen hätten ebenfalls abgenommen. Gleichzeitig habe die Muskelkraft zugenommen. Dies sei das erste Mal gewesen, dass die Stärke eines Muskels durch eine manuelle reflextherapeutische Maßnahme normalisiert wurde. In der Folge entwickelte Goodheart ein System von diagnostischen und therapeutischen Techniken, die ihre Basis in der Chiropraktik haben und Elemente der Osteopathie, der Meridianlehre der traditionellen chinesischen Medizin und der orthomolekularen Medizin haben. John Thie war enger Weggefährte von George Goodheart, dem Begründer der Applied Kinesiology und Mitbegründer (1974) des International College of Applied Kinesiology (ICAK).icak.com: Er gründete die Touch for Health FoundationWebsite der Touch-for-Health-Foundation, aufgerufen am 28. Januar 2012. mit der Intention, die Vorzüge der von Chiropraktikern und Ärzten angewandten professionellen Applied Kinesiology Laien zugänglich zu machen im Sinne einer „holistischen Gesundheitsfürsorge und Wiederherstellung natürlicher Energie“.Touch-for-Health-Foundation über sich selbst Es gab in der Gründerzeit der Organisationen ausgeprägte personelle Überschneidungen zwischen der Touch For Health Foundation und dem International College of Applied Kinesiology: John Thie war Begründer beziehungsweise Mitbegründer beider Organisationen und somit wurden die Lehrinhalte der Laien- und der professionellen Organisation immer wieder vermischt. Auf Grund von missbräuchlichen Anwendungen professioneller Techniken durch Laien wurde die Verbreitung der professionellen Applied Kinesiology international und in den deutschsprachigen Ländern seit 1992 auf Inhaber einer staatlich anerkannten Diploms in einem Heilberuf (Ärzte, Zahnärzte, Chiropraktoren in der Schweiz, Physiotherapeuten) beschränkt.
Repräsentation der Kinesiologie in Deutschland Alfred Schatz und Kollegen brachten das Ausbildungsmaterial der Touch-for-Health-Foundation nach Deutschland, wo sie das Institut für Angewandte Kinesiologie (1982) und 1987 die Deutsche Gesellschaft für Angewandte Kinesiologie gründeten. Diese Organisationen und viele andere weltweit verbreiten heute nahezu alle Formen von „Kinesiologie“ an medizinische Heilberufe und Laien. Eine einheitliche medizinische Mindestqualifikation ist für Kinesiologen nicht erforderlich. „Kinesiologe“ ist in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung. In der beruflichen Praxis in Deutschland wird zwischen der Begleitenden Kinesiologie (Bereich Coaching und Pädagogik) und der Therapeutischen Kinesiologie unterschieden. Die Therapeutische Kinesiologie ist aufgrund des Heilberufsvorbehalts in Deutschland nur Personen mit staatlicher Heilbefugnis vorbehalten.
Die Fachgesellschaften für medizinische Applied Kinesiology in Deutschland (Deutsche Ärztegesellschaft für Applied Kinesiology, DÄGAK),Website der Deutschen Ärztegesellschaft für Applied Kinesiology (DÄGAK), aufgerufen am 28. Januar 2012. Österreich (ICAK-A) und der Schweiz (ICAK-CH), deren Mitgliederschaft ausschließlich aus Personen mit einem staatlichen medizinischen Diplom (Ärzte, Zahnärzte, Chiropraktiker in der Schweiz, Physiotherapeuten) besteht, grenzen sich bewusst von den Laienorganisationen ab. Die Mitgliedschaft der International Medical Association of Applied Kinesiology (IMAK) mit Sitz in KlagenfurtWebsite der International Medical Association of Applied Kinesiology, aufgerufen am 28. Januar 2012. besteht ausschließlich aus Ärzten und Zahnärzten.
Der kinesiologische Muskeltest Als Diagnoseverfahren wird in der Kinesiologie ein sogenannter Muskeltest eingesetzt, durch den Ungleichgewichte und Dysfunktionen von Substanzen, Informationen, Emotionen und Therapien festgestellt werden sollen. Der Muskeltest diene daher als „Biofeedback-System“.
Kinesiologen nehmen an, dass ein Muskel auf Stress (in Form einer Substanz, Information, Emotion und so weiter) mit einem Nachgeben reagiere, dass diese kurze Erstreaktion des Muskels vom autonomen Nervensystem gesteuert werde und nicht willentlich kontrolliert oder manipuliert werden könne. Diese Annahme ist nicht korrekt, da es möglich ist, die Muskelspannung willkürlich oder unwillkürlich zu verändern. Je nach Kinesiologie-Richtung dienen ein oder mehrere Muskeln als „Indikator-Muskeln“ (= Anzeige-Muskeln). Der Klient wird mit der zu testenden Substanz, Information oder Emotion konfrontiert, und der Muskeltest wird unmittelbar durchgeführt. Ist zum Beispiel der Armmuskel Deltamuskel der Indikator-Muskel, übt der Kinesiologe für einen Moment einen bestimmten Druck auf den ausgestreckten Arm des Klienten aus. Entweder bleibe der Arm im kinesiologischen Sinne stark und „eingerastet“ oder er wird für einen Moment weich und nachgiebig. Die jeweilige Muskelreaktion ergibt so eine „Antwort“ auf die vorher festgelegte Fragestellung. In der Regel wird dem Klienten vorher erklärt, was eine starke oder schwache Muskelreaktion bedeuten soll. Für den kinesiologischen Muskeltest können nur binäre Fragestellungen genutzt werden, also „ja/nein“ oder „stark/schwach“ oder „schädlich/unschädlich“ und so weiter.
In der Regel bleibt die Interpretation der vom Kinesiologen gefühlten Muskelanspannung des Probanden dem Untersucher und seiner Erfahrung überlassen. Die unterschiedliche Muskelanspannung auf Seiten des Klienten kann so deutlich ausfallen, dass diese von ihm selbst bemerkt wird.
Varianten Seit der Entstehung der Kinesiologie wurden verschiedene erweiterte Ansätze entwickelt. Sie soll nicht nur das „richtige“ Medikament für den Patienten bestimmen oder Unverträglichkeiten und Allergien diagnostizieren können, sondern zusätzlich psychische Blockaden und Probleme. Der Muskeltest wird in verschiedenen Bereichen angewandt, wie zum Beispiel zur Identifizierung von Stressfaktoren bei NAET (Nambudripad’s Allergy Elimination Technique).Devi S. Nambudripad: NAET: Say Good-bye to Your Allergies: A Revolutionary Treatment for Allergies & Allergy-Related Conditions. Delta Pub Co, 2003. ISBN 978-0-9704344-3-2.
Verbreitete Varianten sind heute:
Applied Kinesiology Das International College of Applied Kinesiology (ICAK) ließ Professional Applied Kinesiology (PAK) als Marke registrieren, um eine klare Abgrenzung gegenüber Abwandlungen anzuzeigen, die von medizinischen Laien benutzt werden, wie Touch for Health, Brain-Gym oder Three in One Concept. PAK darf nur von geprüften Mitgliedern des ICAK benutzt werden. Die Fachgesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz, deren Mitgliederschaft ausschließlich aus Personen mit einem staatlichen medizinischen Diplom (Ärzte, Zahnärzte, Chiropraktiker in der Schweiz, Physiotherapeuten) besteht, erklären ausdrücklich, dass Applied Kinesiology nicht gleichzusetzen sei mit Kinesiologie, angewandter Kinesiologie, Psychokinesiologie oder Edu-Kinestetik.
Die Anwender der Professional Applied Kinesiology (PAK) beschreiben diese als ein Diagnose- und Therapiesystem, das mit funktionell neurologischen Tests, insbesondere dem manuellen Muskeltest und diagnostischen Provokationen (Challenges) arbeitet.
Touch for Health Touch for Health nimmt weitere Elemente der traditionellen chinesischen Medizin, in dem Muskelgruppen Meridianen zugeordnet und somit angebliche Blockaden, Unter- und Überenergien erfasst werden. Diese sollen durch das Berühren von Reflexpunkten, das Ausstreichen von Meridianen, durch Akupressur, der Massage einer bestimmten Muskelgruppe oder durch eine spezielle Ernährungsempfehlung ausgeglichen werden. Viele kinesiologische Methoden, die später entwickelt wurden, haben ihren Ursprung im Touch for Health.
Edu-Kinestetik/Brain Gym Die Edu-Kinestetik ist eine Weiterentwicklung der angewandten Kinesiologie in Richtung einer Bewegungspädagogik.S. 118/Pschyrembel, Naturheilkunde, 4. Auflage 2011. Sie beschäftigt sich mit Lernschwierigkeiten und verwandten Problemen wie Hyperaktivität. Sie wurde in den frühen 1980er Jahren von dem amerikanischen Pädagogen Paul Dennison entwickelt. (englisch) Dennison behauptete, dass Schüler mit Lernschwierigkeiten durch einfache körperliche Übungen motiviert werden könnten und die Fähigkeit zu lernen sich verbessere.