Der Dingo (Canis lupus dingo) ist ein Haushund, der vor mehreren tausend Jahren verwilderte und heute in vielen Teilen seines Verbreitungsgebietes in Südostasien und vor allem Australien vom Menschen völlig unabhängig lebt. Dingos werden zu den Pariahunden gezählt. Ihr basaler Vorfahre wurde vor 7000 Jahren in der neolithischen ostchinesischen Hemudu-Kultur geboren und wanderte in Begleitung der Menschen von Taiwan aus bis nach Neuguinea, Australien und über den Bismarck-Archipel in die pazifische Inselwelt der Polynesier.
Die Bezeichnung Dingo wird synonym mit dem Australischen Dingo assoziiert und ist aus der Sprache der Ureinwohner Australiens entlehnt worden.
Genetische Analysen konnten ihre direkten Vorfahren als Highland wild Dogs of Papua (HWD) im zentralen Hochland des indonesischen Teils Papuas nachweisen. Sie sind auch der genetische Vorfahre der New Guinea Singing Dogs (NGSD), also der Neuguinea-Dingos, die jedoch eine moderne Vermischungen mit Hunden darstellen. Zudem sind sie Vorfahren jener kleineren Insel-Hunde, welche die Polynesier während der Ausbreitung der Lapita-Kultur begleiteten. Wie die Dingos auf dem australischen Festland verschwanden jedoch fast alle pazifischen Wildhunde durch die Ankunft neuer Besiedlungswellen bzw. der Europäer in diesen Gebieten. Nur wenige Populationen überlebten.
Der älteste Dingo stammt aus der Madura Cave in Westaustralien und wurde auf 3250 bis 3050 BP datiert, was exakt zur letzten Besiedlungswelle der heutigen Aborigines passt, die von Taiwan aus bis nach Papua reichte und sich als Lapita-Kultur mit den Polynesiern in die Pazifische Inselwelt ausbreitete. Circa 12 % aller Pariahunde zwischen Korea und Australien gehören zu jenem Zweig, dem auch der Dingo angehört. Auf dem südostasiatischen Festland ist dieser Zweig jedoch weitestgehend von modernen Hunden verdrängt worden und heute selten.
Name
Der Dingo hat sowohl im wissenschaftlichen als auch im umgangssprachlichen Bereich mehrere Bezeichnungen, wovon das Wort „Dingo“ eine der am weitesten verbreiteten ist. Daneben wird auf dem australischen Kontinent inzwischen in beiden Bereichen häufig nur noch der Begriff „Wildhund“ (englisch wild dog) benutzt, der alle Dingos, Dingo-Mischlinge und meistens auch alle anderen verwilderten Haushunde umfasst (in bestimmten Fällen werden alle wildlebenden Hunde als Dingos bezeichnet oder nur Dingos und deren Mischlinge).Da eine Vermischung mit anderen Haushunden als weit verbreitet, mitunter schwer zu erkennen und kein Unterscheidungsmerkmal als völlig zuverlässig gilt, ist es nicht klar, inwieweit es sich bei den beobachteten Hunden um Dingos handelt oder nicht. Zudem wird bei bestimmten Themen kein Unterschied zwischen Dingos und anderen Haushunden gemacht. Aufgrund dieser Probleme werden in diesem Artikel die Begriffe „Dingo“ oder „Dingomischling“ nur dann benutzt, wenn die verwendeten Quellen die entsprechenden Hunde als solche bezeichnet haben. Ansonsten wurden die Begriffe „Hund“ oder „wilder Hund“ übernommen. Dieser Begriff wird aber auch nicht einheitlich verwendet, schließt in einigen Fällen Dingos aus und bezieht sich in anderen nur auf Dingos und Dingomischlinge.
Wissenschaftliche Bezeichnungen
Der wissenschaftliche Name des Dingos veränderte sich oft seit dem Zeitpunkt seiner ersten offiziellen Namensgebung im Jahr 1792 (Canis antarcticus). Einige andere frühe Artennamen für den Dingo waren C. australasiae (1820), C. australiae (1826), C. dingoides (1915), C. macdonnellensis (1915), C. novaehollandiae (1831), C. papuensis (1879) und C. harappensis (1936).
Die in den letzten 50 Jahren am häufigsten benutzte Bezeichnung für den Dingo lautet Canis familiaris dingo, die den Dingo als Unterart des Haushundes und den Haushund als eigene Art ansieht. In der Taxonomie zurzeit am meisten anerkannt ist die Bezeichnung Canis lupus dingo, allerdings wird dieser Name in der Literatur nicht sehr häufig verwendet. Zudem wird in der derzeitigen Version von Mammal Species of the World zwar die Bezeichnung Canis lupus dingo benutzt, der Dingo allerdings nach wie vor als Haushund eingestuft. Daneben sind die Bezeichnungen Canis dingo, die den Dingo als eigene Art bezeichnet, sowie Canis lupus familiaris dingo und Canis lupus forma familiaris in Gebrauch.
Umgangssprachliche Bezeichnungen
In der Umgangssprache ist die am weitesten verbreitete Bezeichnung für diesen Hund das Wort „Dingo“. Sie stammt aus den frühen Tagen der europäischen Besiedlung in New South Wales und leitet sich von dem Wort Tingo ab, das die zahmen Hunde der Aborigines im Gebiet von Port Jackson bezeichnete.
Inzwischen hat man entdeckt, das verschiedene Aborigines-Gruppen ein Tradition der Hunde-Haltung hatten, indem sie Welpen aus dem Bau wilder Rudel entnahmen und diese Dingos oder verwilderten Hunde als Spielgefährten ihrer Kinder mit aufzogen. Mit dem Einsetzen der Fruchtbarkeit wurden sie dann verjagt, da dies zu Problemen führte. Studien dieser Aborigines-Tradition wurden jedoch erst zur Domestikationsforschung des Hundes erstellt. Mit der Ausbreitung von Europäern wurde dies unterbunden und starb als Tradition aus.
Je nach Sprache der Ureinwohner haben Dingos in Australien daher unterschiedliche Namen. Dazu zählen unter anderem Joogong, Mirigung, Noggum, Boolomo, Papa-Inura, Wantibirri, Maliki, Kal, Dwer-da, Kurpany, Aringka, Palangamwari und Warrigal. Dabei ist es weit verbreitet, unterschiedliche Bezeichnungen zu verwenden, je nachdem, wo die Hunde leben. Die Yarralin haben zum Beispiel für die Hunde, die bei ihnen leben, das Wort Walaku, für die wilden Dingos aber den Begriff Ngurakin.
Je nach Gebiet werden Dingos mitunter als Bergdingos, Steppendingos, Wüstendingos, Nord-Dingos, Kap-York-Dingos oder tropische Dingos bezeichnet. In jüngerer Zeit begann man, den australischen Dingo auch als „einheimischen australischen Hund“ (englisch Australian native dog) oder als „australischen Wolf“ zu bezeichnen. Weiterhin werden sie als „wilde Hunde“ bezeichnet, wenn sie Probleme bereiten, aber als „Dingos“, wenn die infrage kommenden wilden Hunde oder Dingos nützlich sind (in ökologischer oder wirtschaftlicher Weise) oder einen Kultstatus haben (als Totem und berühmtes australisches Tier).
Äußere Merkmale
mini|Ein typischer, wild lebender Dingo
Der Dingo ähnelt in vielen Merkmalen südostasiatischen Haushunden und indischen Pariahunden. Die Fellfarben variieren von hellbraun bis dreifarbig mit fast schwarzem Deckhaar. Der überwiegende Teil ist jedoch braun. Die Augenfarbe variiert von Gelb über Orange bis zu Braun.
Körperbau
Dingos haben einen relativ breiten keilförmigen Kopf, eine spitz zulaufende Schnauze und Stehohren. Im Vergleich zu anderen Haushunden gleicher Größe haben Dingos eine längere Schnauze, größere und längere Zähne und einen flacheren Schädel.
Der durchschnittliche Dingo hat eine Schulterhöhe von etwa 52 cm und ist von der Nase bis zur Schwanzspitze 117 bis 124 cm lang. Er wiegt 13 bis 20 kg, es wurde aber auch schon Dingo von bis zu 27 kg Gewicht beobachtet. Man vermutet, das es sich dabei um Mischlinge mit modernen Haushunden handelt, die dann auch größer werden können.
Männchen sind in der Regel etwas größer und schwerer als Weibchen gleichen Alters. Dingos aus Nord- und Nordwestaustralien sind größer als die in Zentral- und Südaustralien, und alle australischen Dingos sind größer und schwerer als ihre asiatischen und pazifischen Insel-Verwandten.
Die Beine sind ungefähr halb so lang wie Körper und Kopf zusammen. Die Hinterfüße machen etwa ein Drittel der Hinterbeine aus und haben keine fünfte Kralle. Beim Dingo können sowohl Säbelruten (normalerweise senkrecht hochgestellt und am Ende kopfwärts geneigt) als auch ein über dem Rücken getragener Schwanz auftreten.
mini|Ein seltener weißer Dingo
Fell
Das Fell erwachsener Dingos ist kurz, am Schwanz leicht buschig und in Dichte und Länge je nach Klima unterschiedlich. Die Fellfarbe ist meistens rot bis sandfarben, sie kann aber auch schwarz mit braun-gelblichen Zeichnungen und gelegentlich völlig schwarz, hellbraun oder weiß sein. Völlig schwarze Dingos waren wohl früher in Australien häufig, sie wurden in jüngster Zeit aber nur selten gesichtet und treten in Asien inzwischen häufiger auf als in Australien.
Die meisten Dingos sind mindestens zweifarbig, wobei am häufigsten kleine weiße Markierungen auf der Brust, am Maul, an der Schwanzspitze und den Pfoten oder Beinen sind. Bei rötlichen Individuen kommen feine markante dunkle Schulterstreifen vor. Alle anderen Färbungen und Färbungsmuster bei ausgewachsenen Dingos gelten heute als Hinweis auf eine Vermischung mit anderen Haushunden. Je nachdem wie historische Berichte ausgelegt werden, werden „reine“ Dingos auch als zobel, gestromt oder schwarz-weiß gefärbt beschrieben.
Kommunikation
Wie alle Haushunde neigen auch Dingos stark zur lautlichen Verständigung, nur sind es in ihrem Fall meistens Heul- und Fieptöne und nicht wie bei anderen Haushunden das Bellen. Es konnten für australische Dingos acht Lautklassen mit 19 verschiedenen Lauttypen konkretisiert werden.
Bellen
Im Vergleich zu den meisten anderen Haushunden bellen australische Dingos kurz und einsilbig. Das Bellen erwies sich bei Untersuchungen als relativ wenig variabel, und Untergruppen des Bellens, wie bei anderen Haushunden, wurden nicht gefunden. Zudem machte das Bellen nur fünf Prozent aller ermittelten Lautäußerungen aus. Australische Dingos bellen nur geräuschhaft oder in der Mischung atonal/tonal, und das Bellen wurde fast nur als Warnlaut ausgestoßen. Warnbellen in homotyper Sequenz und eine Art „Warnheulen“ in heterotyper Lauffolge wurden ebenfalls gezeigt. Das Bellgeheul beginnt mit mehreren Belltönen und geht in an- und abschwellendes Geheul über und dient ebenso wie das Husten vermutlich dazu, Junge oder Rudelmitglieder zu warnen. Zudem besitzen Dingos noch einen „klagenden“ Ruf, der meist beim Annähern an Wasserlöcher ausgestoßen wird, vermutlich, um schon anwesende Dingos zu warnen.
Dingos lassen sich nach bisherigem Wissensstand auch bei Kontakt mit anderen Haushunden nicht zu häufigerem Bellen animieren. Alfred Brehm berichtete allerdings von einem Dingo, der vollständig die haushundtypische Form des Bellens erlernt hatte und diese auch anwendete, während sein Bruder dies nicht tat. Ob Dingos generell seltener bellen beziehungsweise bellheulen, ist nicht geklärt.
Heulen
mini|Heulende Dingos auf der Trumlerstation
Australische Dingos haben drei Grundformen des Heulens (Stöhnen, Bellheulen und Schniefen) mit mindestens 10 Variationen. Beim Heulen wurden drei grundsätzliche Arten festgestellt:
lang und anhaltend, auf- und abschwellend, kurz und abrupt.
Bei jeder Art zeigten Untersuchungen eine Reihe von Abwandlungen, die Bedeutung der einzelnen Lautäußerungen ist jedoch nicht bekannt. Die Häufigkeit des Heulens variiert je nach Tages- und Jahreszeit und wird von Paarung, Abwanderung, Säugen, sozialer Stabilität und Zerstreuung beeinflusst. Ebenso kann das Heulen in Zeiten von Nahrungsknappheit häufiger sein, weil sich Dingos dann im Revier weiter verstreuen. Das Heulen scheint zudem eine Gruppenfunktion zu haben und wird bisweilen als Ausdruck freudiger Erregung (beispielsweise als Begrüßungsheulen) geäußert und kam bei Untersuchungen seltener vor als unter Wölfen. Es kann vorkommen, dass ein Hund mit dem Heulen beginnt und einige oder alle allmählich in ein Chorheulen einfallen und vereinzelt Belllaute ausgestoßen werden. In der Wildnis heulen Dingos über weite Entfernungen, um andere Rudelmitglieder anzuziehen, andere Hunde zu finden und Eindringlinge fernzuhalten. Dingos heulen mit erkennbaren Tonhöhen im Chor und mit zunehmender Zahl der Mitglieder steigt auch die Variabilität der Tonhöhen. Daher wird angenommen, dass Dingos die Größe eines anderen Rudels auch ohne Sichtkontakt abschätzen können.
Weitere Kommunikationsformen