Tröglitz ist Sitz und größte Ortschaft der Gemeinde Elsteraue im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt.
Geografie Tröglitz liegt in einem Seitental der Weißen Elster. Die Stadt Zeitz ist rund vier Kilometer westlich, Altenburg zirka 23 Kilometer südöstlich und Leipzig etwa 43 Kilometer nordöstlich entfernt. Durch den Ort fließt die Schwennigke. Das Gelände ist kupiert. Zu Tröglitz gehören die Ortsteile Burtschütz und Techwitz sowie Gleina mit Kadischen und Stocksdorf. Zudem wird seit Gründung der Gemeinde Elsteraue das ursprüngliche Tröglitz als Ortsteil Alt-Tröglitz bezeichnet.
Geschichte mini|Ortslage von Tröglitz bei Zeitz um 1893 mini|Evangelische Kirche im Ortsteil Burtschütz (2008) mini|Katholische Kirche Heilig Geist in Tröglitz (2023) mini|Evangelische Kirche im Ortsteil Gleina (2022)
Die erste urkundliche Erwähnung von Tröglitz (in alten Schriften auch Droglicz, Drogeliz, Drogelitz, Dröglitz geschrieben) erfolgte am 19. April 1157 in einem Schriftstück von Bischof Berthold von Naumburg, in welchem er dem Kloster Posa den Besitz von zwei Wiesen in Dröglitz bestätigte.Paul Mitzschke: Thüringisch-sächsische Geschichtsbibliothek. Dritter Band. Urkundenbuch von Stadt und Kloster Bürgel. F.A. Perthes, 1895, S. 39, 506, 559. Obwohl Zeitz nicht mehr Sitz des Bistums Naumburg-Zeitz war, scheint Berthold II. oft in Zeitz und Umgebung gewesen zu sein: Die Wiesen in Tröglitz dienten bei den Besuchen als Koppel für die bischöflichen Pferde.Walter Schlesinger: Kirchengeschichte Sachsens im Mittelalter. Band 27. Teil 2. Böhlau Verlag, 1962, S. 62.
In der Frühen Neuzeit vermachte das Hochstift Naumburg zu Zeitz den Ort Tröglitz als Erbgut der Adelsfamilie von Etzdorff.Johannes Schilter: Praxis juris romani in foro germanico. Juxta ordinem edicti perpetui et pandectarum Justiniani. Ed. 3. Emendata, cui accessit praefatio nova Christiani Thomasii. Ad primam partem pandectarum et cohaerentem titulum de iudiciis. Birckner, 1713, S. 296. Durch das Testament des Kurfürsten Johann Georg I. vom 20. Juli 1652 kam Tröglitz zur Sekundogenitur Sachsen-Zeitz, die 1718 an das Kurfürstentum Sachsen zurückfiel. Infolge der Beschlüsse auf dem Wiener Kongress wurde die Gemeinde im Jahr 1818 in den neu gebildeten Landkreis Zeitz im Regierungsbezirk Merseburg der nunmehr preußischen Provinz Sachsen eingegliedert.Rudolf Joppen: Das Erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg. Geschichte und Rechtsstellung von der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik bis zur Ernennung des Apostolischen Administrators. 1949–1973. St. Benno-Verlag, 1990; S. 66, S. 67. Im Jahr 1823 lebten in Tröglitz 127 Menschen. Eingepfarrt war die Gemeinde im Kirchspiel Maßnitz.A. A. Mützell: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Fünfter Band. T–Z. Karl August Kümmel, 1823, S. 38.
Der Zensus vom 1. Dezember 1871 verzeichnete 158 Einwohner und 22 Wohngebäude.Königlich Statistisches Bureau (Hrsg.): Die Gemeinden und Gutsbezirke des Preussischen Staates und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. December 1871. VI Die Provinz Sachsen. Verlag des Königlichen Statistischen Bureaus, 1873, S. 156. Beschäftigt waren die Tröglitzer nahezu ausschließlich auf dem Gutshof, der spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts der Familie Braune gehörte. An Gewerbebetrieben existierten 1895 neben dem Erbguthof lediglich eine Schmiede, eine Stellmacherei und ein Gasthof.C. Leuchs: Adressbuch aller Länder der Erde, der Kaufleute, Fabrikanten, Gewerbtreibenden, Gutsbesitzer etc. Band 10. Peuss. Sachsen und Anhalt. Verlag von C. Leuchs in Nürnberg, 1895, S. 654. Daran änderte sich bis zur Mitte der 1930er Jahre wenig. 1933 verzeichnete die Statistik 134 Einwohner.Michael Rademacher: Stadt und Landkreis Zeitz. Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006. In: eirenicon.com, abgerufen am 10. Juli 2024.
Am 1. Mai 1937 begann die Braunkohle-Benzin AG (Brabag) mit der Errichtung des Hydrierwerks Zeitz. Das Baugelände lag am rechten Ufer der Weißen Elster zwischen den Gemeinden Rehmsdorf, Tröglitz und Techwitz. Den größten Teil des notwendigen Areals erwarb die Brabag von dem Tröglitzer Erbhofbauern Braune. Zu den aufgekauften Ländereien zählte ferner das dazugehörige große Bauerngehöft direkt im Dorf Tröglitz. Diesen Gebäudekomplex nutzte während der Aufbauphase die Bau- und Montageleitung als Zentrale und Unterkunft. Im Anschluss wurde es als Feierabendhaus sowie vielseitige Sport- und Erholungsstätte umgebaut. Nach 1945 diente es bis 1990 als Gutshof des Hydrierwerks zur Versorgung der Kantine mit Fleisch, Gemüse und Kartoffeln.Veronika Arndt, Heidrun Schwarz: Hydrierwerk Zeitz. Die Geschichte eines Chemieunternehmens (1937–1993). Zeitzer Innovative Arbeitsfördergesellschaft mbH, 1999, S. 26 ff, S. 115.
Den offiziellen Betrieb nahmen die Hydrieranlagen am 2. Januar 1939 auf. Zeitgleich mit der Errichtung des Werks entstanden mehrere Belegschaftssiedlungen. Im Wesentlichen orientierte sich die Gestaltung der Wohnbebauung an der Gartenstadtkonzeption der 1930er Jahre und kann als großzügig bezeichnet werden. Das gilt sowohl für die Zuschnitte der Wohnungen selbst als auch für die Grundstücksgrößen und die Infrastruktur insgesamt.Willy Schilling: Sachsen-Anhalt 1933–1945. Der historische Reiseführer. Ch. Links Verlag, 2013, S. 98. Architekt der Siedlungen war Gustav Allinger, der auch die Verwaltungsgebäude für das Werk sowie weiträumige Park- und Sportanlagen entwarf.Gustav Allinger, Projekte Technische Universität Berlin, Architekturmuseum, abgerufen am 9. Juli 2024.
Zwischen 1937 und 1940 entstanden vier Neubausiedlungen komplett am Reißbrett: zwei in Rehmsdorf mit 71 Einfamilienhäusern, eine in Burtschütz mit 140 Siedlungshäusern und 112 Volkswohnungen sowie eine in Techwitz mit 458 Wohnungen in überwiegend zweigeschossigen Mehrfamilienhäusern. Fast alle Wohnungen hatten vier bis fünf Zimmer und verfügten größtenteils bereits über Bäder und Warmwasserheizung. Die Neubauten in Burtschütz und Techwitz schlossen die vormalige rund 1400 m große Lücke zwischen diesen beiden Orten.Rudolf Joppen: Das Erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg. Geschichte und Rechtsstellung von der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik bis zur Ernennung des Apostolischen Administrators. 1949–1973. St. Benno-Verlag, 1990, S. 66. Hier entstand unter anderem als neuer weiträumiger Mittelpunkt der heutige Friedensplatz mit Ladenstraße, Ärztehäusern, Mütterberatungsstelle, Schule, Sparkasse, Schule etc., der sich im Laufe der Jahre zum Tröglitzer Marktplatz entwickelte.Tröglitz Homepage der Gemeinde Elsteraue, abgerufen am 10. Juli 2024.
Ein Novum in der Region war der 1939/40 fertiggestellte 3,60 m breite und vollständig geteerte Zweirichtungsradweg zwischen Tröglitz und Zeitz, heute ein Teil des Elster-Radwegs.Anlage Radfahrweg Landesachchiv Sachsen-Anhalt, abgerufen am 18. Juli 2024. Am 29. März 1943 folgte die Eingliederung von Burtschütz und Techwitz in die Gemeinde Tröglitz.Bundesanstalt für Landeskunde (Hrsg.): Verzeichnis der Namens- und Grenzänderungen deutscher Gemeinden 1939–1950. S. Hirzel Verlag Stuttgart, 1952, S. 115. Es handelte sich dabei um keine Neubildung einer Gemeinde, sondern um die Auflösung der ehemaligen Gemeinden Burtschütz und Techwitz bei gleichzeitiger Eingliederung in die bestehende (aufnehmende) Gemeinde Tröglitz.Bundesanstalt für Landeskunde (Hrsg.): Verzeichnis der Namens- und Grenzänderungen deutscher Gemeinden 1939–1950. S. Hirzel Verlag Stuttgart, 1952, S. III (Vorbemerkung, Zeichenerklärung, Unterschied A, E, F etc.) und S. 115. Der vormalige Bahnhof Techwitz, erweitert um einen zusätzlichen Werksbahnhof für die Brabag mit mehreren Gleisanlagen, wurde zum 1. Juli 1943 in Bahnhof Tröglitz umbenannt. Im ursprünglichen Tröglitz entstanden ebenfalls zahlreiche Neubauten. Dazu zählten neben Siedlungshäusern insbesondere eine Kindertagesstätte, sämtliche Verwaltungsgebäude der Brabag, das Haupttor des Hydrierwerks und ein Busbahnhof.
Im Zuge der Alliierten Luftoffensive auf die deutsche Treibstoffindustrie begann am 12. Mai 1944 die strategische Bombardierung des Hydrierwerks Zeitz. Zum Schutz der Beschäftigten im Werk sowie der Bewohner in den Siedlungen entstanden bis Ende 1944 neben mehreren Einmannbunkern acht Salzgitter-Bunker, davon sieben in der Nachkriegszeit abgerissene in Tröglitz und ein heute noch vorhandener in Rehmsdorf.René Geyer: Der Salzgitter-Bunker im Zentrum von Luckenwalde. In: Arbeitskreis Bunkerforschung: Newsletter Ausgabe 6. Arbeitskreis Bunkerforschung des Geschichtsvereins Bietigheim-Bissingen e. V., Februar 2020, S. 8.Bunkertypen / Luftschutzanlagen Arbeitskreis Bunker in Wilhelmshaven und Umkreis, abgerufen am 4. August 2024. Darüber hinaus befanden sich in einer Techwitzer Sandgrube tiefe Stollenbunker, deren Eingänge nach 1945 verschüttet worden sind.Bergakademie Freiberg (Hrsg.): Freiberger Forschungshefte: C, Ausgaben 51–58. Akademie-Verlag, 1958, S. 13. Ab Ende Mai 1944 verstärkte ein massiv erweiterter Flakgürtel das Brabag-Werk. 14 Flak-Batterien mit 100 leichten, mittleren und schweren Flugabwehrgeschützen sowie zwei Eisenbahngeschütze lagen in einem Umkreis von 15 Kilometern um Tröglitz. Dazu gehörten auch Scheinwerfer-Batterien, Horchgeräte und ein dichtes Nebelwerfernetz.Rolf Zabel: Die Kriegsjahre 1939–1945 in Zeitz und Umgebung. Im Auftrag des Geschichts- und Altertumsvereins für Zeitz und Umgebung e. V., Zeitz 2005, S. 8 f.
Trotz dieser Schutzmaßnahmen verursachten die Luftangriffe auf das Hydrierwerk auch in den Tröglitzer Wohngebieten und in den umliegenden Dörfern große Schäden mit vielen Toten. Wie alle Betreiber zerstörter Benzinwerke erhielt die Brabag für Aufräumarbeiten und die U-Verlagerung KZ-Häftlinge zugewiesen. Für die Unterbringung betrieb die SS ab dem 5. Juni 1944 zunächst in einem Gasthof und Kuhstall in Gleina, ab September 1944 in einem Zeltlager direkt am Hydrierwerk vor dem Nebeneingangstor in Tröglitz an der Rehmsdorfer Straße und ab Januar 1945 in einem Barackenlager in Rehmsdorf bis zum 9. April 1945 das Außenkommando Wille. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nutzten Vertriebene die Baracken. Heute zeugen Gedenksteine in Gleina, Tröglitz und Rehmsdorf sowie ein Ausstellungs- und Dokumentationszentrum von dem damaligen Geschehen.Josefine Janert: Die Häuser waren ja immer da. Taz vom 7. April 2007, abgerufen am 19. Juli 2024.
Ab Juni 1945 erhielt Tröglitz rund 4000 Flüchtlinge, Vertriebene und Umsiedler zugewiesen. Unter ihnen stellten sudetendeutsche Katholiken, aber auch Kommunisten und Sozialdemokraten eine deutliche Mehrheit dar. So stieg die Zahl der Katholiken in Tröglitz und den umliegenden Orten von 350 im Jahr 1941 auf 4500 im Jahr 1947.Kleiner Abriß der Kirchengeschichte Pfarrgemeinde Tröglitz Katholische Pfarrgemeinde St. Peter und Paul Zeitz, abgerufen am 11. Juli 2024. Viele von ihnen waren zuvor im sudetenländischen Bergbau oder bei den Hydrierwerken in Maltheuern beschäftigt. Auch die Ansiedlung der sudetendeutschen Kommunisten und Sozialdemokraten geschah nicht zufällig. Sie sollten bei der Machtübernahme in wichtigen Industrieregionen der SBZ helfen.Torsten Mehlhase: Erste Bestrebungen zur Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen in Sachsen-Anhalt 1945 bis 1949 unter besonderer Berücksichtigung der Sudetendeutschen. In: Karl Bosl (Hrsg.): Bohemia. Band 33. Heft 2. R. Oldenbourg Verlag, 1992, S. 340.Jan Foitzik: Kadertransfer. Der organisierte Einsatz sudetendeutscher Kommunisten in der SBZ 1945/46. In: Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 31. Jahrgang, 2. Heft. Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, 1983, S. 308–334. Bis März 1946 stieg im Tröglitzer Brabag-Werk die Mitgliederanzahl allein der KPD auf 1200.Andreas Schmidt: „mitfahren oder abgeworfen werden“ – die Zwangsvereinigung von KPD und SPD in der Provinz Sachsen/im Land Sachsen-Anhalt 1945–1949. LIT Verlag Münster, 2004, S. 140, 142.