Der Begriff Kubanische Revolution bezeichnet dreierlei: Erstens versteht man darunter das historische Ereignis des Sturzes des kubanischen Diktators Fulgencio Batista durch die von Fidel Castros Organisation „Bewegung des 26. Juli“ angeführte Widerstandsbewegung. Das erklärte Ziel des Widerstands war die Wiederherstellung der von Batista seit 1952 teilweise außer Kraft gesetzten Verfassung von 1940, einschließlich aller demokratischen Grundrechte sowie der in ihr enthaltenen Landreform. Der bewaffnete Kampf wurde seit 1956 sowohl von den städtischen Untergrundaktivisten als auch durch die vom Bergland aus operierende Guerillaarmee geführt. Im Laufe des Jahres 1958 wurde er intensiviert und weitete sich räumlich beständig aus. Er endete mit der Flucht Batistas am 1. Januar 1959.Julia E. Sweig: Inside the Cuban Revolution: Fidel Castro and the urban underground. Harvard University Press, Cambridge 2002.
Zweitens wird darunter die Summe der radikalen Maßnahmen verstanden, die Castro als politischer Führer zwischen 1959 und 1961 schrittweise ergriff, um den Umbau von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft des Landes im Sinne des Marxismus-Leninismus voranzutreiben.Samuel Farber: The origins of the Cuban Revolution reconsidered. University of North Carolina Press, Chapel Hill 2006.
Drittens wird der Begriff – insbesondere von der kubanischen Führung selbst – bis heute gebraucht im Sinne von „Beibehaltung des revolutionären Kurses in Kuba“. Er steht damit für eine Festschreibung der marxistisch-leninistischen Politik und den Führungsanspruch der Kommunistischen Partei Kubas.Diesen Sprachgebrauch veranschaulicht zum Beispiel die Aussage Castros im Januar 2012, „die Revolution“ sei stolz darauf, „seit mehr als 50 Jahren“ ihre ursprünglichen Prinzipien geachtet zu haben. Zitiert nach: Die ihnen nicht in den Schoß gefallene Frucht. In: Granma. 26. Januar 2012, abgerufen am 9. Juli 2014. In diesem Sinne wird der Begriff auch von der kubanischen Bevölkerung selbst zumeist verwendet.Nicholas John Williams: Das Gedächtnis Kubas. Tectum, Marburg 2011, S. 75.
Vorgeschichte Im März 1952 stürzte der frühere gewählte Präsident (1940–1944), Oberst, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und damalige Senator Fulgencio Batista den insbesondere wegen Korruptionsvorwürfen unpopulär gewordenen Präsidenten Carlos Prío durch einen unblutigen Militärputsch. Er setzte wichtige Rechtsgarantien der Verfassung von 1940 – darunter das Streikrecht – außer Kraft, sagte die ursprünglich für Juni 1952 geplanten Wahlen ab, löste den aus Senat und Abgeordnetenhaus bestehenden Kongress auf und ließ sich zum Präsidenten ausrufen. Neuwahlen sollte es nicht vor Ende 1953 geben und die politischen Parteien solange suspendiert bleiben.Hugh Thomas: Castros Cuba. 1984, S. 17–18. Batista versprach, durch umfangreiche Maßnahmen die unverwirklicht gebliebenen sozialen Ziele der Revolution von 1933 umzusetzen (des Sturzes des Diktators Gerardo Machado, an dem er sich beteiligt hatte).
Bald machte sich Enttäuschung über Batistas Amtsführung breit, auch unter seinen anfänglichen Unterstützern. Die großen Parteien (Ortodoxos und Auténticos) konnten sich aufgrund innerer Streitigkeiten nicht auf eine gemeinsame Linie einigen, die über die Ablehnung von Batistas Bedingungen für die geplanten Wahlen im November 1954 hinausgegangen wäre. Gleichzeitig nahm der repressive Charakter des Regimes zu und die Unzufriedenheit wuchs.Hugh Thomas: Castros Cuba. 1984, S. 19–28.
Entstehung revolutionärer Organisationen Movimiento Nacional Revolucionario (MNR) Einer der prominentesten Angehörigen der Studentenbewegung der 1933 gegen Machado gerichteten Revolution war der Philosoph Rafael García Bárcena, ein inzwischen ausgetretenes Gründungsmitglied der Ortodoxos. Er leitete die von ihm gegründete „Revolutionäre Nationale Bewegung“ (MNR), unterrichtete an der Militärhochschule und hatte bereits unter Prío erfolglos versucht, eine Verschwörung liberaler Offiziere zu organisieren. Er fand vor allem unter jungen Intellektuellen in Havanna Anhänger, die ab 1952 gemeinsam mit ihm dafür sorgen wollten, Batista durch einen Zusammenschluss von Studenten und Offizieren gewaltsam zu stürzen. Zu den Aktivisten der MNR, die später zu Protagonisten der Kubanischen Revolution wurden, gehörten u. a. Frank País, Armando Hart, Vilma Espín und Enrique Oltuski. Der von der MNR für den Ostersonntag 1953 vorbereitete, bewaffnete Marsch zum Campamento Columbia, dem kubanischen Militärhauptquartier in Havanna, wurde von der Regierung vereitelt, die zuvor von den Plänen erfahren hatte. Bárcena wurde verhaftet und gefoltert und erhielt eine zweijährige Haftstrafe. Nach einem Jahr wurde er amnestiert und ging ins Exil. 69 seiner Mitstreiter wurden ebenfalls vor Gericht gestellt, davon jedoch nur zwölf zu Bewährungsstrafen von einem Jahr verurteilt. Die Gruppe erholte sich von dem Schlag nicht mehr. Viele Mitglieder schlossen sich später der Bewegung des 26. Juli oder anderen revolutionären Gruppen an.Hugh Thomas: Castros Cuba. 1984, S. 26–28.
Bewegung des 26. Juli
mini|Flagge der Bewegung des 26. JuliDie Organisation, deren Beitrag zum Sturz Batistas am größten war, gründete Fidel Castro, der 1952 noch ein vergleichsweise unbekannter Rechtsanwalt und 25-jähriger Parlamentskandidat der Orthodoxen Partei war. Nachdem seine Anklage gegen Batista wegen Machtusurpation vom Obersten Gerichtshof zurückgewiesen wurde, erklärte Castro in einer kleinen Studentenzeitschrift, dass damit das verfassungsmäßige Widerstandsrecht in Kraft getreten sei, und erarbeitete anschließend zusammen mit einigen Parteifreunden und anderen Batista-Gegnern einen Plan zum gewaltsamen Sturz des maßgeblich vom Militär gestützten Regimes. Die Gruppe gab sich den Namen Generación del Centenario (dt. „Generation des 100. Jubiläums“), als Hinweis auf die Ideen des kubanischen Freiheitshelden José Martí, dessen 100 Jahre zurückliegender Geburt die Nation 1953 gedachte.
Der Plan umfasste einen Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba sowie die Kaserne Carlos Manuel de Céspedes in Bayamo, um damit dem kubanischen Volk ein Signal zum Aufstand zu geben. (siehe Sturm auf die Moncada-Kaserne) Der schlecht vorbereitete Angriff scheiterte zwar und endete mit einem Blutbad, machte den überlebenden Castro jedoch landesweit als todesmutigen Idealisten bekannt. Im Gefängnis arbeitete er sein in eigener Verteidigung gehaltenes Schlussplädoyer zu seinem später unter dem Namen „Die Geschichte wird mich freisprechen“ verbreiteten politischen Manifest aus. Hierin forderte er eine Wiedereinsetzung der Verfassung von 1940 und der in ihr enthaltenen bürgerlichen Freiheiten sowie zahlreiche Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut und Unterentwicklung insbesondere der ländlichen Bevölkerung Kubas. Nach seiner Amnestierung nach Verbüßung von nur 18 Monaten seiner 15-jährigen Haftstrafe gründete er im Mai 1955 die „Bewegung des 26. Juli“ mit dem Ziel eines revolutionären Sturzes der Regierung Batista durch bewaffneten Kampf. Wenige Wochen später verließ Fidel Castro Kuba, um seine Gruppe im mexikanischen Exil militärisch vorzubereiten.
In Mexiko sammelte Fidel Castro kubanische Exilanten um sich, die bereit waren, für einen Umsturz in ihrer Heimat zu kämpfen. Während dieser Zeit traf Castro unter anderem auch den argentinischen Arzt Che Guevara, der sich seiner Bewegung anschloss. Die Ausbildung der Rebellen im Guerillakampf übernahm der gebürtige Kubaner und ehemalige spanische Offizier Alberto Bayo. Parallel zur militärischen Vorbereitung sammelte die Bewegung sowohl in Kuba als auch im Exil Geldspenden zum Kauf von Waffen und anderer Ausrüstung. Zu den größten Einzelspendern gehörte der seit seinem Sturz in Miami lebende Ex-Präsident Prío, mit dem sich Castro im September 1956 in Texas traf.Heberto Norman Acosta: In: Granma. 13. September 2011, abgerufen am 31. Dezember 2012 (spanisch) In der Nacht des 25. November 1956 verließen 82 Kämpfer der kubanischen Bewegung des 26. Juli unter Führung von Fidel Castro an Bord der Yacht Granma den Hafen von Tuxpan (Mexiko) mit Ziel Kuba, um das Batista-Regime zu stürzen. Am 2. Dezember 1956 erreichten sie Kuba bei Playa Las Coloradas (südlich der Stadt Niquero in der heutigen, nach der Yacht benannten Provinz Granma).
Guerillakampf mini|Fidel Castros Hauptquartier in der Sierra Maestra während der ersten Monate des Guerillakampfes
In den ersten Gefechten nach der Landung wurde rund die Hälfte der Rebellen getötet oder festgenommen. Unter den Überlebenden befanden sich sowohl Fidel und Raúl Castro als auch Che Guevara. Rund einem Viertel der Truppe gelang der Rückzug in die damals unwegsame Gegend der Sierra Maestra. Celia Sánchez und Frank País, der Befehlshaber des in den Städten des Landes aktiven Arms der Untergrundbewegung, sorgten für den Nachschub an Waffen, Medikamenten und schickten auch neue Kämpfer zu den Rebellen in die Berge.
Am 12. Juli 1957 veröffentlichten Fidel Castro, Felipe Pazos und Raúl Chibás in den frühen Revolutionstagen aus der Sierra Maestra heraus ein gleichnamiges Manifest, Manifest aus der Sierra Maestra, wo die Ziele der Revolution dokumentiert wurden. Darunter waren unter anderen die Wiederherstellung der als fortschrittlich für die damalige Zeit Verfassung von 1940, Meinungs- und Pressefreiheit und freie Gewerkschaften vorsah. Nichts davon wurde allerdings nach dem Sieg der Revolution realisiert.
Es folgte ein über zweijähriger Guerillakampf in den Bergen der Sierra Maestra, in dessen Verlauf die Rebellenarmee der Bewegung des 26. Juli unter Führung Fidel Castros immer mehr Kämpfer rekrutieren und immer größere Erfolge gegen die Batista-Armee verbuchen konnte. Das Generalkommando der Rebellenarmee lag am Fuße des höchsten kubanischen Berges, des Pico Turquino (). Trotz unaufhörlicher Suche und anhaltenden Bombardements gelang es der Batista-Armee während des gesamten Guerillakampfes nicht, das Generalkommando zu lokalisieren und zu zerstören.
Erfolgreiche Revolution mini|Che Guevaras Auto im Revolutionsmuseum in Havanna Entscheidend für den landesweiten Sieg der kubanischen Revolution war die Unterstützung aus den Städten. Zahlreiche kleine Gruppen von Aufständischen führten den Kampf gegen Batista und seine Geheimpolizei in allen kubanischen Städten. Wichtig war auch die große soziale und politische Breite der Bewegung, die alle Bevölkerungsschichten umfasste, während die Kommunistische Partei Kubas (Partido Socialista Popular) der Bewegung skeptisch gegenüberstand, die aus der antikommunistischen Orthodoxen Partei entstanden war, und auch viele ebenso gesinnte Bürger unter ihrer schwarz-roten Fahne vereinigte. Erst als deutlich wurde, dass die Bewegung des 26. Juli nicht nur einen politischen Machtwechsel, sondern tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Reformen plante, kam es zu einer Zusammenarbeit mit der Partido Socialista Popular und den Gewerkschaften. Zwischen den Gruppen des 26. Juli in den Städten und der Guerilla in der Sierra Maestra gab es eine ständige Kommunikation.
Während Batista besonders der ausländischen Presse gegenüber immer wieder versicherte, es gebe gar keine Guerilla-Armee, gelang es den Aufständischen durch teils fantasievolle Propaganda-Aktionen, ihre Existenz unter Beweis zu stellen. Dazu gehörte die Entführung des weltberühmten argentinischen Rennfahrers Juan Manuel Fangio am 26. Februar 1958, der, statt an einem von Batista veranstalteten Rennen in Havanna teilzunehmen, die Zeit bei den Revolutionären verbringen musste und nach seiner Freilassung am nächsten Tag vor der Weltpresse von seiner guten Behandlung berichtete.
Im Jahr 1958 gingen die Rebellen in die Offensive. Inzwischen hatte sich ihre Armee so weit vergrößert, dass neben Comandante en Jefe Fidel Castro (Chef der I. Front im Osten) weitere Comandantes ernannt worden waren. Die heute bekanntesten sind: Ernesto „Che“ Guevara (ab 21. Juli 1957, Chef der Front Süden und Zentrum von Las Villas),