Jörg Blaurock (Spitzname), eigentlich Jörg (Georg) Cajacob (* um 1492 in Bonaduz, Kanton Graubünden; † 6. September 1529 in Klausen, Tirol), war ein römisch-katholischer Priester und später eine führende Persönlichkeit der Radikalen Reformation. Er gilt als der erste gläubig Getaufte der Reformationszeit und starb als Märtyrer der Täuferbewegung. Sein Wirkungsgebiet als Täufer war vor allem das Umland Zürichs, das Berner Gebiet, die Ostschweiz und Südtirol. Name In den Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz variieren sowohl der Vorname als auch der Zuname des ehemaligen Priesters und späteren Täuferführers. Während die in den Quellen belegten Vornamen (Jerg, Jöre, Jörg, Jöry, Jorg) sich allesamt etymologisch von Georg herleiten und mundartliche Ausbildungen dieses Namens darstellen, sind die vorfindlichen Zunamen unterschiedlicher Natur: Cajacob,Der Zuname Cajacob findet sich noch in Blaurocks Heimat, dem Graubündner Land; siehe: Verwandt.de: Cajacob / Schweiz; eingesehen am 4. November 2013. von Chur, vom hauß (huß) Jacob und von Husen. Bei dem Zunamen Blaurock (andere Schreibweisen: Blauwrock, Blawrack, Blawrock, Blawrok, Plawrok), der hauptsächlich Verwendung findet, handelt es sich um einen Spitznamen. Dessen Herkunft wird im folgenden Kapitel erklärt.
Anfänge mini|Täuferdisputation vom 17. Januar 1525 im Zürcher Rathaus, bei der Jörg Cajakob den Spitznamen Blaurock erhielt Jörg Cajakob entstammte einer bäuerlichen Graubündener Familie.Die Daten und Fakten dieses Abschnitts orientieren sich - wenn nicht anders angemerkt - an John A. Moore: Der starke Jörg. Die Geschichte Jörg Blaurocks, des Täuferführers und Missionars. Kassel 1955, S. 8f; 46 Der Name seines Vaters war Luzi Cajakob. Als junger Mann besuchte er die Lateinschule in Chur und absolvierte im Anschluss die Priesterausbildung am Seminar des Klosters St. Lucius, wo er auch die Priesterweihe empfing. Zum Sommersemester 1513 immatrikulierte er sich an der Universität Leipzig. Drei Jahre später wirkte er bereits als Vikar in Trin (Graubünden), wo er sich spätestens 1524 der reformatorischen Bewegung anschloss, dem Zölibat entsagte und in den Ehestand eintrat. Die häufig vorzufindende Behauptung, Cajakob sei Mönch gewesen, wurde bereits 1939 untersucht und widerlegt.Siehe dazu den Aufsatz Oscar Vasella: Von den Anfänger der bünderischen Täuferbewegung (Jörg Blaurock). In: Zeitschrift für schweizerische Geschichte. 19/1939, S. 165–184.
Ende 1524 (Anfang 1525 ?) reiste Cajakob in Begleitung seiner Ehefrau nach Zürich, um Ulrich Zwingli aufzusuchen. Das Geschichtbuch der Hutterischen BrüderRudolf Wolkan (Hrsg.): Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder, Macmillan Colony Cayley / Alberta (Kanada) 1982 (Nachdruck der Ausgabe von 1923). vermerkt dazu:
Die beiden im Zitat genannten Namen verweisen auf einen Kreis von Prototäufern, zu dem neben Grebel und Manz auch Simon Stumpf, Heinrich Aberli,Leonhard von Muralt, Walter Schmid (Hrsg.): Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz. Bd. I, Zürich 1974 (2. Auflage), S. 405. Lorenz HochrütinerHochrütiner gehörte auch dem St. Galler Lesekreis an; vgl. und Bartlime PurZu Pur siehe Leonhard von Muralt, Walter Schmid (Hrsg.): Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz. Bd. I, Zürich 1952 (1. Auflage), S. 19, 65, 385. gehörte. Bei einem Verhör berichtete Heinrich Aberli, dass der Castelberger Lesekreis aufgrund eines besonderen Wunsches zustande gekommen sei. Er selbst, Hochrütiner, Ininger und Pfister (= Pur) hätten das Anliegen gehabt, sich in der evangelischen Lehre und insbesondere in den Schriften des Apostels Paulus gemeinsam weiterzubilden. Daraufhin habe man nach einem geeigneten Lehrer gesucht und sei bei der Suche auf Andreas Castelberger, einen theologisch gebildeten Buchhändler, gestoßen.Vgl. Andrea Strübind: Eifriger als Zwingli. Die frühe Täuferbewegung in der Schweiz. Berlin 2003, ISBN 3-428-10653-9, S. 130. Insbesondere Grebel und Manz hatten sich ursprünglich im engen Umkreis von Zwingli befunden, sich dann aber wegen dessen zögerlichen Haltung bei der Durchsetzung der Reformation von ihm zunehmend distanziert und waren nach einer öffentlichen Disputation im Oktober 1523 in einen schroffen Gegensatz zu ihm getreten. Zwar war noch in der ersten Dezemberhälfte 1524 ein Versuch unternommen worden, diesen Gegensatz zu überbrücken,Dazu gehören die informellen Dienstaggespräche zwischen Manz und Zwingli jedoch erfolglos, wie die wohl von Felix Manz verfasste Protestation und Schutzschrift zeigt, die Ende Dezember 1524 oder in der ersten Januarhälfte 1525 erschien.Zur Protestation und Schutzschrift siehe Andrea Strübind: Eifriger als Zwingli. Die frühe Täuferbewegung in der Schweiz. S. 296–331.
In dieses geistliche Umfeld begab sich Jörg Cajakob nach den für ihn ergebnislosen Gesprächen mit Zwingli. Mit Manz und Grebel verband ihn «in reiner Forcht Gottes» die Erkenntnis, dass «man aus göttlichem Wort und Predig ein rechten, in der Lieb tätigen Glauben müsst erlernen und auf dem erkannten und bekannten Glauben den recht christlichen Tauf» empfangen müsse.Rudolf Wolkan (Hrsg.): Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder. S. 34f.
Jörg Cajakob nahm auch als Zuhörer an der vom Zürcher Rat für Dienstag, den 17. Januar 1525, einberufenen öffentlichen Disputation teil. Sie wird in der Täuferforschung als 1. Zürcher Täuferdisputation bezeichnet und fand im Rathaussaal der Stadt Zürich statt. Auf der Tagesordnung stand die Tauffrage. Als Gegner der Säuglingstaufe trat neben Grebel und Manz auch Wilhelm Reublin auf. Die Befürworter waren durch Zwingli und weitere Theologen repräsentiert. Während des Streitgesprächs meldete sich auch Cajakob aus dem Publikum heraus zu Wort und legte in einem kurzen Votum seine Ansichten dar. Bei dieser Gelegenheit erhielt Jörg Cajakob auch seinen Spitznamen, unter dem er in der Folgezeit bekannt wurde. Irgendjemand erkundigte sich nach dem Redner und erhielt die Antwort: «Der da im blauen Rock!» Andere hörten es und nannten ihn seitdem Blaurock.John A. Moore: Der starke Jörg. S. 12.
Die Gründung der ersten Täufergemeinde miniatur|hochkant|Diese Tafel erinnert an einen von Blaurock und Manz gehaltenen Gottesdienst in Zollikon. Vier Tage nach der Täuferdisputation erließ der Zürcher Stadtrat eine Verordnung, dass alle Kinder spätestens acht Tage nach ihrer Geburt zu taufen seien. Wer dieser Anordnung nicht Folge leiste, sollte außer Landes verwiesen werden. Noch am Abend dieses Tages – es war Samstag, der 21. Januar 1525 – versammelte sich der Grebelsche Kreis im Haus der Mutter von Felix Manz. Unter ihnen war auch Jörg Blaurock. Nach einer längeren Gesprächs- und Gebetszeit kam es zur Gründung der ersten Täufergemeinde. In der bereits erwähnten Chronik der hutterischen Brüder ist ein Bericht über den Verlauf dieser Zusammenkunft erhalten.Rudolf Wolkan: Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder. S. 35. Die Chronik berichtet, dass „die Angst begann und auf sie kam und dass ihre Herzen bedrängt wurden“. Nach einem Gebet trat Jörg Blaurock vor Konrad Grebel hin und bat diesen, ihn zu taufen. Grebel kam dieser Bitte sofort nach. Danach taufte Blaurock seinerseits die anderen Versammlungsteilnehmer. Nach John A. Moore waren diese Ereignisse „die Geburtsstunde der Täuferbewegung“ und der „ganzen Freikirchenbewegung wie wir sie heute kennen“.John A. Moore: Der starke Jörg. Die Geschichte Jörg Blaurocks, des Täuferführers und Missionars. Kassel 1955, S. 13f.
Nur wenige Tage nach dieser denkwürdigen Taufhandlung waren Grebel, Manz und Blaurock (etwas später auch Wilhelm Reublin und Johannes Brötli) im nahe bei Zürich gelegenen Zollikon unterwegs. Konrad Grebel und Felix Manz – so ist in einer protokollierten Zeugenaussage zu lesen – seien hier „alle morgen unnd abent in etliche hüser glouffen“.Leonhardt von Muralt, Walter Schmid: Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz. Band I, Zürich 1974², S. 38 (Nr. 29). Am 25. Januar 1525, einem Mittwoch,paulis bekerung tag; siehe dazu Leonhardt von Muralt, Walter Schmid: Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz. Band I, Zürich 1974², S. 38, Anmerkung 5 fand im Haus des Rudi Thoman ein Abendessen statt, aus dem sich eine von Blaurock dominierte gottesdienstliche Veranstaltung entwickelte. Ihr Ablauf wird relativ ausführlich im bereits zitierten Ratsprotokoll beschrieben. Danach begann die Versammlung mit einer Schriftlesung, an die sich in schlichter Form eine Abendmahlsfeier anschloss. Blaurock brach dabei das Brot „ze stuken“ und stellt auch ein „gschir mit win“ auf den Tisch. Vor der Austeilung erfolgten eine Reihe von Mahnungen, die sich auf die Voraussetzungen zur Teilnahme an der Mahlfeier bezogen. Unter anderem sagte Blaurock: „Wer da gloubt, das inn gott mit sinem sterben und roßenfarbenn bluott erlöst habe [...], der kome und eße mit mir ab dem brott und drincke mit mir von disem win.“Zitiert nach Urs B. Leu, Christian Scheidegger (Hrsg.): Die Zürcher Täufer 1525 bis 1700. Zürich 2007, S. 37. In diesem Zusammenhang erhob sich ein AnwesenderHans Bruggbach; siehe dazu und zum Folgenden Andrea Strübind: Eifriger als Zwingli. Die frühe Täuferbewegung in der Schweiz, Berlin 2003, S. 365. und bekannte unter Tränen seine Sünden. Er wurde daraufhin von Blaurock gefragt, ob er die Gnade Gottes begehre. Nachdem er diese Frage bejaht hatte, taufte ihn der ebenfalls anwesende Felix Manz, in dem er mittels einer Schöpfkelle Wasser über sein Haupt goss und dabei die trinitarische Taufformel aussprach. Nachdem noch ein weiterer Anwesender sich hatte taufen lassen, wurde die unterbrochene Abendmahlsfeier zu Ende geführt. Während im „reformierten“ Zürich auf einen Ratsbeschluss hin die evangelische Abendmahlsfeier erst zu Ostern 1525 genehmigt wurde,Seit 1523 war nur die evangelische Predigt erlaubt. Das Abendmahl wurde bis Ostern 1525 in den Zürcher Kirchen nach römisch-katholischem Ritus gefeiert – allerdings ohne die in der Liturgie vorgesehenen Wandlungsworte; s. Fritz Blanke: Täufertum und Reformation. In: Guy F. Hershberger (Hrsg.): Das Täufertum. Erbe und Verpflichtung. S. 59f. hatten Blaurock und die anderen Täufer mit ihrem Abendmahlsgottesdienst vom 25. Januar 1525 schon Monate zuvor die radikale Trennung von der römisch-katholischen Tradition vollzogen. Nachdem sie sich bereits durch ihre Taufen gegen obrigkeitliche Beschlüsse gestellt hatten, sprachen sie nun mit ihrer „evangelischen“ Abendmahlsfeier dem Staat ein zweites Mal das Recht ab, in geistlichen Dingen zu entscheiden. Damit – so Fritz Blanke – trat 1525 in Zollikon die erste protestantische Freikirche in Erscheinung.Fritz Blanke: Täufertum und Reformation. In: Guy F. Hershberger (Hrsg.): Das Täufertum. Erbe und Verpflichtung. Stuttgart 1963, S. 60.
Weitere Entwicklungen miniatur|hochkant|Zollikon auf einer Landkarte von 1667 – In der dort eingezeichneten Kirche forderte Blaurock am 29. Januar 1525 für sich die Kanzel.