250px|mini|Codex Ephraemi Rescriptus aus der Bibliothèque nationale de France, Département des manuscrits, Grec 9, fol. 60r Palimpsest (Maskulinum, auch Neutrum, über das lateinische palimpsestus, -i m von altgriechisch palimpsestos „wieder abgekratzt“) bezeichnet eine Manuskriptseite oder , die beschrieben war und von der durch Abschaben oder Waschen das Geschriebene wieder entfernt wurde, um sie erneut zu verwenden. In diesem Sinn war das Wort in der Antike gebräuchlich.Vgl. Plutarch, De garrulitate 5; Catull, Carmina 22.5; Cicero, Epistulae ad familiares 7.18.2. Heute wird das Wort Palimpsest im Sinn von Codex rescriptus (lateinisch für „wiederbeschriebenes Blatt“) auch für das Exemplar mit dem neuen Text verwendet. Im übertragenen Sinn werden vereinzelt auch Oberflächenstrukturen als Palimpsest bezeichnet, die durch jüngere Einflüsse überprägt und fast unsichtbar wurden – etwa die Geisterkrater in der Mondoberfläche.
Den Vorgang des Wiederbeschreibens nennt man – entgegen der etymologischen Bedeutung – Palimpsestieren.
Der Begriff Palimpsest wird auch in übertragener Bedeutung für die Überlagerung historischer Strukturen (z. B. bei Siedlungen und Wandmalereien) oder kultureller Entwicklungen verwendet.
Funktion Der Grund für dieses Vorgehen waren ein herrschender Mangel an neuem Schreibmaterial beziehungsweise dessen hoher Preis. Ab der christlichen Spätantike wurde für Bücher praktisch nur noch Pergament verwendet. Etwa ab dem 5. Jahrhundert war Papyrus im Westen des Römischen Reiches sowie in dessen Nachfolgestaaten kaum noch verfügbar. Besonders in der Mitte des 7. Jahrhunderts war Schreibmaterial unerschwinglich teuer, so dass man besonders in dieser Zeit Pergamentbücher palimpsestierte. Diesem Vorgang fielen in erster Linie antike Texte zum Opfer, die Platz machen mussten für „Antiphonarien oder Heiligengeschichten“.Ferdinand Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Band I, ISBN 3-406-07107-4, S. 690.
Herstellung Da Schreibmaterial wie Pergament im Mittelalter sehr kostbar war, wurden beschriebene Manuskriptseiten häufig wiederverwendet. Dabei wurde das Geschriebene abgeschabt oder abgewaschen. Auch wurden bereits chemische Tintenentferner wie Zitronensäure verwendet, um die Tinte zu beseitigen. Die meisten Palimpseste bestehen aus Pergament oder Papyrus. Spuren des Originaltextes sind oft erhalten und können heutzutage häufig mittels Fluoreszenzverfahren (früher durch Gallapfel- oder Giobertis Tinktur und Röntgenstrahlung) sichtbar gemacht werden, so dass das Lesen des alten Textes wieder möglich wird. Viele antike und mittelalterliche Texte sind nur als eine solche „Schrift unter der Schrift“ überliefert und daher lückenhaft. Einige Methoden der Sichtbarmachung ursprünglicher Texte wurden von Alban Dold entwickelt und angewandt.
Wichtige Exemplare Codex Ephraemi Rescriptus Einer der wichtigsten Palimpseste ist der Codex Ephraemi Rescriptus (Paris, Bibliothèque nationale de France, Département des manuscrits, Grec 9; in den Editionen der Septuaginta Sigle no C oder 04 (Gregory-Aland)), von dem nur etwa 203 Folia (Blätter) der ursprünglichen 238 überdauert haben. Den Originaltext einer in Majuskelschrift geschriebenen Voll-Bibel in griechischer Sprache (Septuaginta + griechisches Neues Testament), die im 5. Jahrhundert in Ägypten hergestellt worden war, schabte man im 12. Jahrhundert ab und überschrieb ihn in griechischen Minuskelbuchstaben mit Predigten von Ephraem dem Syrer. Heute wird der Codex Ephraemi Rescriptus in der Pariser Nationalbibliothek aufbewahrt.
De re publica (Cicero) mini|De re publica, Fragment (Palimpsest). Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Lat. 5757, fol. 277r (4./5. Jahrhundert) Auch Ciceros De re publica aus seiner ersten philosophischen Phase galt lange Zeit als verloren. Man kannte die Inhalte lediglich aus Fragmenten und Zitaten bei anderen Autoren, während eine Originalüberlieferung unauffindbar war. Nachdem Angelo Mai, der eigentliche Begründer der Palimpsestforschung, mehrere Palimpseste mit bisher unbekannten Texten wie den Briefen des Fronto (ed. Mailand 1815),M. Cornelii Frontonis Opera inedita cum epistulis item ineditis Antonini Pii, M. Aurelii L. Veri et Appiani, nec non aliorum veterum fragmentis; M. Cornelii Frontonis et aliorum aliquot veterum opera et fragmenta inedita, Mailand 1815. und verschiedenen Reden Ciceros mit deren Kommentar von Asconius Pedianus (ed. Mailand 1814–1817)Trium orationum pro Scauro, pro Tullio, pro Flacco partes ineditae cum antiquo scholiaste item inedito, Mailand 1814; Trium orationum in Clodium et Curionem, de aere alieno Milonis, de rege Alexandrino fragmenta inedita, Mailand 1814; M. Tullii Ciceronis sex orationum partes ante nostram aetatem ineditae cum antiquo interprete ante nostram item aetatem inedito qui videtur Asconius Pedianus ad Tullianas septem orationes, Mailand 1817. entdeckt und ediert hatte, fand er in der Vatikanischen Bibliothek einen weiteren Pergament-Palimpsest (BAV Vat. lat. 5757). Dieser enthielt weite Teile des ersten und zweiten Buches, ferner Ausschnitte des dritten, vierten und fünften Buches, aber keinerlei Spuren des sechsten. Von diesem war allerdings der Großteil ohnehin durch die gesonderte Überlieferung des Somnium Scipionis im Kommentar des im 5. Jahrhundert wirkenden Grammatikers Macrobius bekannt.Jacobus Willis (Ed.), Ambrosii Theodosii Macrobii commentarii in somnium Scipionis (Bibliotheca Scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana). BSB B. G. Teubner Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1970. Die Schrift ist eine Unziale des 4./5. Jahrhunderts, die von zwei verschiedenen Schreibern ausgeführt und einem weiteren Schreiber korrigiert wurde. Von Schreiber A stammen Buch I 1,1–III 2,3 und IV 2,3–V 3,5, von Schreiber B III 3,4–35,48 und V 4,6–5,7. Überschrieben war Ciceros De re publica mit Psalmkommentaren von Augustinus. Auch dieser Text wurde in einer Unziale von allerdings sehr viel kleinerem Schriftgrad geschrieben, die ins 7. Jahrhundert datiert wird.Vgl. Konrat Ziegler (Hrsg.): M. Tulli Ciceronis scripta quae manserunt omnia, fasc. 39 De re publica. Teubner, 7. Auflage Leipzig 1969, S. 5–34; Tab. (mit S. 222, S. 250 des Palimpsests); Codices Latini Antiquiores. A palaeographical guide to Latin ms. prior to the 9th century, hg. von Elias Avery Lowe, Band 1, Oxford 1934, Nr. 35.
Bereits Mai und seine Mitarbeiter erkannten, dass der ursprüngliche Kodex mit dem Cicero-Text aus Lagen von jeweils 4 aufeinandergelegten, einmal gefalteten und dann gehefteten Blättern bestanden hatte. Jeder solcher QuaternioQuaternio (der, Plural Quaterniones) ist die Fachbezeichnung für vierlagige Codices. hatte also 16 beschriebene Seiten. Zur Palimpsestierung wurden diese Quaterniones auseinandergenommen, die Blätter abgewaschen – zum Abschaben waren sie zu dünn – und die brauchbaren dann neu, d. h. in anderer Ordnung, wieder zusammengesetzt und mit dem Psalmenkommentar des Augustinus beschrieben. Der Forschung gelang es, aus diesen Blättern die ursprünglichen Quaterniones mit dem Cicerotext wieder herzustellen. Dabei war es möglich, die Lücken festzustellen, die dadurch zustande kamen, dass jeweils ganze Blätter nicht mehr vorhanden waren, so dass also die entsprechenden 4 Seiten fehlen; z. B. beim Fehlen des untersten Blattes die Seiten 1 und 2, sowie 15 und 16, beim 2. Blatt die Seiten 3 und 4, sowie 13 und 14 usw.Eine Darstellung der ganz oder teilweise erhaltenen Quaterniones findet man z. B. im (lateinischen) Vorwort der von Konrat Ziegler besorgten Ausgabe des Werks im Teubnerverlag. Auch ganze Quaterniones sind nicht enthalten. Insgesamt gewann man aus dem Palimpsest etwa ein Viertel des als verloren Geglaubten. Bei anderen Autoren überlieferte Fragmente, Zitate und Inhaltsangaben versuchte man dem Kontext entsprechend einzuordnen.
Trotz des überraschenden Fundes hatte es zunächst keine intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Inhalt dieses Werks gegeben. Erst ab der Zeit um den Ersten Weltkrieg herum begann die deutsche Forschung, unter dem Eindruck der vor allem von Autoren aus dem George-Kreis sowie Vertretern des sogenannten Dritten Humanismus propagierten Neubewertung von Platons Politeia,Vgl. Theresa Orozco: Platonische Gewalt. Gadamers politische Hermeneutik der NS-Zeit, Hamburg Berlin 1995, S. 36–45. sich mit dem Text inhaltlich genauer auseinanderzusetzen und Ciceros im Anschluss an Platon streng hierarchisch konzipiertes Staatsmodell als wegweisend für Gesellschaft und Staat der Gegenwart zu diskutieren. Unter veränderter Perspektive (Betonung des Rechtsstaatsgedankens) hält die Forschung bis heute an.
Das Palimpsest des Archimedes mini|Seite aus dem Palimpsest des Archimedes, unter Röntgenfluoreszenz wird die ursprüngliche Schrift sichtbar
Ein weiteres Beispiel ist das Archimedes-Palimpsest, ein kürzlich wiederentdecktes Buch des Archimedes, in dem dieser möglicherweise die Grundzüge der modernen Integralrechnung beschreibt. So konnte Archimedes den Schwerpunkt einer massiven Halbkugel und eines Paraboloidenstumpfs berechnen. Vor allem aber war er in der Lage, die Fläche zu ermitteln, die entsteht, wenn eine Parabel von einer ihrer Sekanten geschnitten wird. Flächenberechnungen werden seit der Antike untersucht. Im 5. Jahrhundert vor Christus entwickelte Eudoxos von Knidos nach einer Idee von Antiphon die Exhaustionsmethode, die darin bestand, einen Körper durch regelmäßige Polygone auszufüllen. Er konnte so Flächen als auch Volumina einiger einfacher Körper bestimmen. Archimedes verbesserte diesen Ansatz, und so gelang ihm die exakte Integration einer Parabel – ohne Benutzung eines Grenzwertbegriffs. Er bewies, dass die Kreiszahl π zwischen und liegt:William Noel, Reviel Netz: Der Kodex des Archimedes. Verlag C. H. Beck, München, 1. Auflage, 2007, S. 60.
Konstantin von Tischendorf entdeckte 1846 diesen Text. Obwohl er ihn damals nicht verstand, stufte er ihn dennoch als bedeutend ein. 1907 wurde er dann vom dänischen Philologen J. L. Heiberg teilweise übersetzt.J. L. Heiberg: Eine neue Archimedeshandschrift. In: Hermes 42, 1907, S. 235–303. Infolge des Ersten Weltkriegs geriet das Buch in Vergessenheit, bis es 1998 auf einer Auktion bei Christie’s von einem unbekannten Sammler für 2,2 Millionen Dollar ersteigert und dem Walters Art Museum in Baltimore übergeben wurde.N. G. Wilson: Archimedes: the palimpsest and the tradition. In: Byzantinische Zeitschrift 92/1, 1999, S. 89–101. Mehr als zehn Jahre lang arbeitete ein Expertenteam daran, die im 13. Jahrhundert in Palästina mit einem byzantinischen Euchologion überschriebenen Zeichnungen und Schriftzeichen erkennbar zu machen und zu übersetzen. Anfang August 2006 gelang es dabei einer Gruppe von Wissenschaftlern um den Physiker Uwe Bergmann, den ursprünglichen Text mit Röntgenstrahlung sichtbar zu machen.Reviel Netz, William Noel: Der Kodex des Archimedes. Das berühmteste Palimpsest der Welt wird entschlüsselt. C. H. Beck, München 2007.FAZ.net – Schrift von Archimedes : “Heureka” in San Francisco
Dieser sogenannte Kodex C ist die derzeit einzig bekannte Quelle für die Methodenlehre, das Stomachion und die griechische Version von Über schwimmende Körper. Er wurde wahrscheinlich im ausgehenden 10. Jahrhundert niedergeschrieben, erkennbar an der für diese Zeit charakteristischen Minuskelschrift. Palimpseste Sankt Katharinenkloster, Sinai