mini|Philipp Jacob Spener, Stich von Bartholomäus Kilian (1683) mini|Gedenktafel an der Frankfurter Paulskirche zum 275. Todestag mini|Philipp Jacob Spener mini|Gedenktafel am Nikolaikirchplatz, in Berlin-Mitte

Philipp Jacob Spener (* 13. Januar 1635 in Rappoltsweiler, Elsass; † 5. Februar 1705 in Berlin) war ein deutscher lutherischer Theologe. Er war einer der bekanntesten Vertreter des Pietismus. Daneben war er der bedeutendste Genealoge des 17. Jahrhunderts und der Begründer der wissenschaftlichen Heraldik.

Spener wurde 1663 Prediger am Straßburger Münster, 1666 Senior des lutherischen Predigerministeriums in der freien Reichsstadt Frankfurt am Main und 1686 kursächsischer Oberhofprediger in Dresden. Von 1691 an war er Propst und Konsistorialrat an der Nikolaikirche in Berlin. 1694 wirkte er an der Gründung der Reformuniversität Halle an der Saale mit, wo seinem Schüler August Hermann Francke eine herausragende Rolle zukam.

In seinem Hauptwerk Pia Desideria oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche von 1675 prangerte er Missstände in der Kirche und die mangelnde Bibelkenntnis der Gläubigen an und schlug ein umfassendes Reformprogramm für die lutherische Kirche vor. Er förderte auch die Bildung der sich seit 1670 entwickelnden collegia pietatis (Hauskreise).

Leben Elsässische Zeit 1635–1666 Am 13. Januar 1635 wurde Philipp Jacob Spener in Rappoltsweiler im Elsass als Sohn des aus Straßburg stammenden gräflich-rappoldsteinischen Hofmeisters Johann Philipp Spener († 1657) und der Agata († 8. März 1683 in Frankfurt/Main), der Tochter des gräflich-rappoltsteinischen Rates und Stadtvogtes Johann Jacob Saltzmann und dessen Frau Cecilia Meyer, geboren. Seine Schwester Agatha Dorothea (* 1636) heiratete 1660 den Hofprediger Joachim Stoll und nach dessen Tod 1683 den Pfarrer Johann Heinrich Otho; Sophia Cäcilia (1640–1727) heiratete 1671 den Pastor Johann Heinrich Horb. Er wuchs am Hof der Herren von Rappoltstein auf und genoss Privatunterricht u. a. bei seinem Schwager Stoll. Dabei kam er in Berührung mit puritanischen Erbauungsschriften und mit Johann Arndts Büchern vom wahren Christentum.

1651 bis 1659 studierte er in Straßburg Philosophie, Geschichte und Theologie. Mit einer Schrift über Thomas Hobbes’ De cive erlangte er 1653 den Grad eines Magister artium. Neben der Theologie galt sein Hauptinteresse seit 1655 der Genealogie (später auch der Heraldik), die er bei Johann Heinrich Boeckler studierte. Unter seinen theologischen Lehrern sind Johann Schmidt, Sebastian Schmidt und besonders Johann Conrad Dannhauer zu nennen, auf dessen Hauptwerk Hodosophia Christiana sive Theologia positiva (1649, 2. Auflage. 1666) er sich zeitlebens in dogmatischen Fragen berief. Dannhauers Wertschätzung des Aristotelismus und der theologischen Polemik sowie seiner Skepsis gegenüber Arndt folgte er jedoch nicht.

Studienreisen führten Spener in den Jahren 1659 bis 1663 u. a. nach Basel und Genf, wo er Jean de Labadie begegnete. 1663 wurde Spener als Prediger an das Straßburger Münster berufen. 1664 wurde er mit einer Arbeit über die Auslegung von promoviert. Am Tag der Doktorpromotion heiratete er Susanne Erhard, mit der er elf Kinder haben sollte.

Frankfurter Zeit 1666–1686 Seine Berufung als Senior des Frankfurter Predigerministeriums und Prediger an die Barfüßerkirche beendete seine wissenschaftliche Laufbahn. In Frankfurt bemühte er sich um die Einführung der Konfirmation, die Einhaltung der Sonntagsheiligung sowie um die Kirchenzucht, aber auch um die Gründung von Armen-, Waisen- und Arbeitshäusern. Seine Predigten, die auf einen tätigen Glauben und eine disziplinierte Frömmigkeit drängten, riefen in der Gemeinde ein geteiltes Echo hervor; teils Begeisterung, teils Ablehnung, wo man die lutherische Rechtfertigungslehre in Gefahr sah. 1670 kam es zur Gründung eines privaten Konventikels, des collegium pietatis (Hauskreis), das sich zunächst in seinem Studierzimmer traf, aber 1682, nachdem der Zulauf immer größer geworden war, in die Barfüßerkirche verlegt wurde. Da allerdings wandten sich Gründungsmitglieder wie Johann Jacob Schütz ab und trennten sich von der lutherischen Kirche.

1675 erscheint sein Hauptwerk Pia desideria oder herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren Evangelischen Kirche samt einigen dahin einfältig abzweckenden christlichen Vorschlägen, zunächst als Vorrede zu einer Evangelienpostille von Johann Arndt, doch aufgrund der hohen Nachfrage schon bald als Separatdruck. Neben verschiedenen Predigtsammlungen veröffentlichte Spener als wichtige theologische Schriften Die allgemeine Gottesgelehrtheit aller Gläubigen und rechtschaffenen Theologen (1680) und Die evangelische Glaubensgerechtigkeit (1684).

Dresdner Zeit 1686–1691 1686 wurde Spener Oberhofprediger in Dresden und bekleidete damit eines der angesehensten Ämter im damaligen deutschen Luthertum. Dort richtete er keine Collegia pietatis mehr ein, sondern setzte mehr auf katechetische Übungen. In dieser Zeit kam es zur Freundschaft mit August Hermann Francke, mit dessen Wirken in Leipzig der Pietismus ab 1687 zu einer erkennbar eigenständigen, sich von der lutherischen Orthodoxie abgrenzenden theologischen und kirchenpolitischen Strömung innerhalb der lutherischen Kirche wuchs. Spener wurde schon in Dresden und mehr noch in Berlin ihr einflussreichster Schutzherr, Sprecher und Förderer.

Berliner Zeit 1691–1705 Aufgrund von unüberbrückbaren Differenzen mit Kurfürst Johann Georg III. nahm Spener 1691 gerne eine Berufung zum Propst und Konsistorialrat an die Berliner Nikolaikirche an. Auch wenn er selbst keine Erbauungsversammlungen mehr abhielt, blieb er ein starker Fürsprecher des Pietismus. Mit etlichen umfangreichen Streitschriften verteidigte er die Anliegen des Pietismus gegen theologische Angriffe der lutherischen Orthodoxie. Bei der Gründung der Reformuniversität Halle an der Saale setzte er sich für die Berufung pietistischer bzw. orthodoxiekritischer Professoren, u. a. seines Freundes und Schülers August Hermann Francke, ein. Auch bei der Besetzung von Pfarrstellen in Brandenburg machte er seinen Einfluss für den Pietismus geltend (So hielt er 1699 auch die Leichenrede für Astmann, einen schon zuvor ab 1688 in Diespeck und Bayreuth für den Pietismus eingetretenen Pfarrer der Berliner NikolaikircheMax Döllner: Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt an der Aisch bis 1933. Ph. C. W. Schmidt, Neustadt a. d. Aisch 1950, ; Neuauflage anlässlich des Jubiläums 150 Jahre Verlag Ph. C. W. Schmidt Neustadt an der Aisch 1828–1978. Ebenda 1978, ISBN 3-87707-013-2, S. 123.).

In seinen letzten Lebensjahren veröffentlichte er Teile seines umfangreichen Briefwechsels als Theologische Bedenken (1700 ff.). Weitere Teile seines Briefwechsels wurden posthum als Consilia et iudicia theologica (1709; lateinische Briefe) und als Letzte Theologische Bedenken (1711) durch seinen Anhänger Carl Hildebrand von Canstein herausgegeben.

Am 5. Februar 1705 starb Spener in Berlin. Seine Beisetzung fand in der Nikolaikirche statt.Horst Ulrich, Uwe Prell, Ernst Luuk: Nikolaikirche. In: Berlin Handbuch. Das Lexikon der Bundeshauptstadt. FAB-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-927551-27-9, S. 887. Die Leichenpredigt hielt Conrad Gottfried Blanckenberg, der seit 1700 als sein Adjunkt fungierte und ihm als Propst und Pfarrer der Nikolaikirche nachfolgte.

Familie Mit Susanne Erhard (auch Ehrhardt; 1644–1705), einer Tochter des Straßburger Patriziers Johann Jacob Erhard (1609–1670), hatte er elf Kinder, darunter: Susanna Catharina (1665–1726), seit 1686 Ehefrau Adam Rechenbergs, Johann Jacob (1669–1692), Philipp Reinhard (1673–1732), Christian Maximilian (1678–1714), Jakob Carl (1684–1730). Zu seinen Nachfahren gehörte der 1929 in Wunsiedel geborene Jurist und Sportfunktionär Walther Tröger.

Pia desideria

Speners einflussreichste Schrift Pia desideria oder herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren Evangelischen Kirche samt einigen dahin einfältig abzweckenden christlichen Vorschlägen erschien 1675, zuerst als Vorrede einer Neuauflage der Evangelien-Postille von Johann Arndt, im 8. September auch als Separatdruck. Hier entwickelte er sein Reformprogramm, das leitend für den Pietismus wurde. Ausgangspunkt war eine schonungslose Klage über Missstände in der lutherischen Kirche. Im zweiten Teil erklärt er, dass ein „besserer zustand“ der Kirche hier auf der Erde binnem kurzem zu erwarten sei; als Begründung dienen ihm die noch ausstehende Bekehrung der Juden und der verheißene Untergang der römischen Kirche . Im dritten Teil führt er sechs einzelne Vorschläge, darunter die Förderung der Bibellektüre, auch in eigenen Versammlungen der Gemeinde (nach ), die Stärkung des geistlichen Priestertums aller Gläubigen, eine neue Schwerpunktsetzung auf das christliche Leben und eine Abkehr von der interkonfessionellen Polemik. Die Schrift fand ein großes Echo und bewirkte, dass Speners Anregungen an vielen Orten aufgenommen wurden.

Collegia pietatis und ecclesiola in ecclesia Im Zentrum der Spener-Forschung stehen die unter seinem Einfluss etablierten Konventikel – außergottesdienstliche Versammlungen zur persönlichen Erbauung der Gläubigen. Im Laufe der Zeit verändern sich hier Gestalt, Bedeutung und Bezeichnung: anfänglich spricht Spener von einem exercitium pietatis, im Juli 1675 erwähnt er in einem Brief den Begriff ecclesiola in ecclesia (Kirchlein in der Kirche) und erst seit 1677 spricht er von den Collegia pietatis (fromme Versammlungen).

Aufkommen der Konventikel bis 1675 Seit Sommer 1670 traf sich eine kleine Gruppen Männer in Speners Studierzimmer zur persönlichen Erbauung (exercitium pietatis, Frömmigkeitsübung). Sie taten dies aus persönlichem Antrieb und nicht auf Speners Initiative hin. Im Oktober 1669 hatte Spener über Sonntagsheiligung gepredigt und in diesem Zusammenhang ähnliche Frömmigkeitsübungen genannt, doch dies kann wohl kaum zum Antrieb dieser Männer geworden sein. Speners zunächst zurückhaltende Reaktion auf den Wunsch zur Gründung solcher Zirkel wäre unverständlich, würde dieser Vorschlag einzig und allein auf seine eigene Predigt rekurrieren.

Der Impuls kam vielmehr von außen. Schon an anderen Orten hatte es ähnliche Konventikel gegeben, so z. B. um den reformierten Jean de Labadie. In dessen Umfeld kam es zur Separation, und das wollte Spener in jedem Fall vermeiden. Einzig aus diesem Grund nahm er den Faden auf und lud diese Männer um Johann Jakob Schütz zu sich ins Pfarrhaus und machte seine eigene Anwesenheit zur Bedingung. Diese Entwicklung ist wohl dem Einfluss von Schütz zu verdanken, der dieses Gedankengut aus den Schriften Labadies einbrachte.

Die Treffen fanden zweimal pro Woche statt, jeweils nach der Betstunde. Es war ein geschlossener Kreis zur Erbauung und zur „heiligen Freundschaft“. Spener sprach ein Gebet und las aus Erbauungsbüchern vor. Anschließend gab es einen freien Austausch mit klaren Regeln: keine Dispute ohne Bezug zur Frömmigkeit, nur zur Erbauung, nicht über Abwesende sprechen und Missstände nur allgemein nennen.

Der Kreis wuchs von anfänglich fünf Männern auf zunächst ca. 20 Männer Ende 1670. Bis 1675 gab es bereits mehr als 50 Teilnehmer. Die Idee der „heiligen Freundschaft“ ließ sich damit nicht mehr verwirklichen. Dies war die erste von vier Veränderungen bis zum Erscheinen der Pia desideria. Sie war nötig geworden, um dem Separatismusverdacht entgegenzuwirken. Nur so konnte das Verbot der Collegia abgewendet werden. Nun konnte jeder teilnehmen. Schütz hingegen hatte sich abgewandt und fand bei den Saalhofpietisten eine neue Heimat.

Die zweite Veränderung war die Öffnung des Kreises auch für Nicht-Akademiker und für Frauen, später auch für Katholiken und Reformierte.