mini|hochkant=1.2|Dieses Bildelement der Ein-Dollar-Note zeigt eine unvollständige Pyramide, über der das Auge der Vorsehung und der lateinische Schriftzug Annuit coeptis prangt. Unterhalb befindet sich der Schriftzug Novus ordo seclorum – für viele Verschwörungstheoretiker ein wichtiges Indiz einer globalen Verschwörung des Illuminatenordens oder der Freimaurer. Als Verschwörungstheorie wird im weitesten Sinne der Versuch bezeichnet, einen Zustand, ein Ereignis oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken einer meist kleinen Gruppe von Akteuren zu einem oftmals illegalen oder illegitimen Zweck.

In der Forschungsliteratur werden häufig unterschieden Verschwörungshypothesen (auch Zentralsteuerungshypothesen) und Verschwörungserzählungen, Verschwörungsideologien und Verschwörungsmythen Verschwörungshypothesen machen rationale, überprüfbare und dadurch falsifizierbare oder verifizierbare Aussagen über angenommene Verschwörungen. Beispiele hierfür sind Vermutungen über die Watergate- oder die Iran-Contra-Affäre, die vor deren Aufklärung aufgestellt und schließlich bestätigt wurden. Verschwörungsideologien (im Englischen: conspiracismFlorian Hessel, Pradeep Chakkarath, Mischa Luy: Verschwörungsdenken: Zwischen Populärkultur und politischer Mobilisierung. Zu Semantik, Strukturen und Funktionen einer Wahrnehmungs- und Deutungskultur: Eine Einleitung. In: dieselben (Hrsg.): Verschwörungsdenken. Zwischen Populärkultur und politischer Mobilisierung. Psychosozial-Verlag, Gießen 2022, ISBN 978-3-8379-3173-0, S. 9–30, hier S. 15.) hingegen immunisieren ihre stereotypen und monokausalen Vorstellungen über Verschwörungen gegen kritische Revision. Ein Beispiel hierfür ist die Annahme, die Mondlandung 1969 hätte nicht wirklich stattgefunden, die Aufnahmen vom Mond wären auf der Erde gemacht worden. Verschwörungsmythen schließlich sind Verschwörungsideologien, deren angebliche Verschwörer zudem keine real existierenden, sondern erfundene Personen sind. Der in der breiten Öffentlichkeit verwendete Begriff Verschwörungstheorie wird zumeist im Sinne von Verschwörungsideologie oder Verschwörungsmythos benutzt und somit kritisch oder abwertend gebraucht.

Verschwörungstheorien kamen nach Vorläufern in Antike und Mittelalter gehäuft in der Zeit der Französischen Revolution auf. Seit dem Jahr 1798 ist die Verschwörungstheorie verbreitet, die politischen Umwälzungen und zahlreiche andere als Übelstand eingeschätzte Phänomene seien das Werk des 1785 verbotenen bayrischen Illuminatenordens. Ähnliche Vorwürfe werden seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Juden gemacht. Diese antisemitischen Verschwörungstheorien trugen zum Holocaust bei. Antisemitische und andere Verschwörungstheorien sind seit längerer Zeit in Teilen der islamischen Welt weit verbreitet. Verschwörungstheorien waren ein wichtiger Bestandteil der Herrschaftslegitimation des Stalinismus. Diese Beispiele zeigen, wie Verschwörungstheorien zur Konstruktion von Feindbildern und damit zur Legitimation von Gewalt benutzt werden können. Seit dem Zweiten Weltkrieg werden sie insbesondere in den Vereinigten Staaten gegen die Regierung gerichtet. Beispiele hierfür sind das Attentat auf John F. Kennedy oder Verschwörungstheorien zum 11. September 2001. Das Auftreten des Internets und des Rechtspopulismus haben die Verbreitung von Verschwörungstheorien sehr begünstigt. In diesem Kontext verbreiten sich Fehlinformationen und Verschwörungstheorien in Bezug auf aktuelle naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse, etwa zum Klimawandel oder zu Impfungen, schnell und unkontrolliert und können somit auch Politikpräferenzen beeinflussen.

Die Frage nach den Konjunkturen der Verschwörungstheorien, das heißt, wieso es zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern mal mehr, mal weniger davon gab, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet. So gelten sie etwa als ein Symptom von Krisen, als ein Überbleibsel mythischen, unaufgeklärten Denkens oder im Gegenteil als Begleitphänomen der Aufklärung. Psychologisch lassen sich Verschwörungstheorien als Paranoia deuten, wenngleich die Mehrzahl der Forscher den Anhängern von Verschwörungstheorien keine psychische Störung unterstellt. Häufiger sind Deutungen als Projektionen. Verschwörungstheorien dienen dem überlasteten Menschen in überfordernden Situationen zur Komplexitätsreduktion und zur Aufrechterhaltung des Glaubens an die Durchschaubarkeit der Realität und die Selbstwirksamkeit des Subjekts. Die Neigung, an Verschwörungstheorien zu glauben, scheint nach mehreren Untersuchungen ein Persönlichkeitsmerkmal zu sein: Für Menschen, die an eine Verschwörungstheorie glauben, besteht eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit, auch an weitere zu glauben.

Aus wissenssoziologischer Perspektive werden Verschwörungstheorien als Form heterodoxen Wissens dargestellt; das heißt, sie werden vom gesellschaftlichen Mainstream als nicht-orthodox bzw. regelrecht falsch zurückgewiesen. Das Wort Verschwörungstheorie wird zum Teil sachlich-analytisch verwendet, oft aber abwertend oder als Kampfbegriff. In der postmodernen Literatur und in Unterhaltungsromanen sind Verschwörungstheorien ein beliebtes Sujet.

Merkmale und Haupttypen Wortbestandteile Dem Wortsinn nach ist eine Verschwörungstheorie eine Theorie über eine Verschwörung. Dieses Verständnis ist aber in mehrfacher Hinsicht problematisch: Zum einen sind Verschwörungstheorien nach dem gängigen Begriffsverständnis keine Theorien im wissenschaftstheoretischen Sinn des Wortes,Helmut Reinalter: Die Weltverschwörer: Was Sie eigentlich alles nie erfahren sollten. Ecowin Verlag, Salzburg 2010, ISBN 978-3-902404-85-5, S. 35; ausführlicher dazu unten. Laut dem amerikanischen Philosophen Brian L. Keeley handelt es sich bei so verstandenen Verschwörungstheorien aber durchaus um die Erklärungen von Ursachen von Phänomenen der Vergangenheit, weshalb die Bezeichnung Theorie in einem weiteren Sinn zutreffend sei.Brian L. Keeley: Of Conspiracy Theories. In: The Journal of Philosophy 96, Nr. 3 (1999), S. 116, ähnlich Karl Hepfer: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. transcript, Bielefeld 2015, S. 23. Der norwegische Religionswissenschaftler Asbjørn Dyrendal macht darauf aufmerksam, dass Verschwörungs-„theorie“ im alltäglichen Sprachgebrauch für eine Ansammlung locker aufeinander bezogener Vorstellungen oder Erzählungen über Agenten gebraucht wird, die in böses Tun verwickelt sind und von oft nebulösen, aber intrinsischen Motiven geleitet werden.Asbjørn Dyrendal: Conspiracy Theories and New Religious Movements. In: James R. Lewis, Inga Tøllefsen (Hrsg.): The Oxford Handbook of New Religious Movements, Bd. 2, Oxford University Press, Oxford 2016, ISBN 978-0-19-061152-1, S. 201. Die meisten Autoren verwenden die Bezeichnung Verschwörungstheorie weiterhin,Werner Bührer: Neue Literatur zu Verschwörungstheorien. In: Neue Politische Literatur 67 (2022), S. 287–318, hier S. 289; Florian Hessel, Pradeep Chakkarath, Mischa Luy: Verschwörungsdenken: Zwischen Populärkultur und politischer Mobilisierung. Zu Semantik, Strukturen und Funktionen einer Wahrnehmungs- und Deutungskultur: Eine Einleitung. In: dieselben (Hrsg.): Verschwörungsdenken. Zwischen Populärkultur und politischer Mobilisierung. Psychosozial-Verlag, Gießen 2022, S. 9–30, hier S. 13 f. sie gilt als in der Forschung etabliert.Carolin Mischer: Verschwörungstheorien. Die Theorie hinter der Theorie. In: Stiftung Kloster Dalheim (Hrsg.): Verschwörungstheorien – früher und heute. Begleitbuch zur Sonderausstellung der Stiftung Kloster Dalheim. LWL-Landesmuseum für Klosterkultur vom 18. Mai 2019 bis 22. März 2020. Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2020, ISBN 978-3-7425-0495-1, S. 10–18, hier S. 11.

Auch der erste Bestandteil des Begriffs ist problematisch: Eine Verschwörung wird nämlich definiert als das geheime Zusammenwirken einer zumeist kleinen Gruppe zum Schaden anderer. Der Begriff ist also negativ konnotiert: Von „Verschwörungen zum Guten“ liest man nur selten.Karl Hepfer: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. transcript, Bielefeld 2015, ISBN 978-3-8376-3102-9, S. 24. Seine englische Entsprechung conspiracy bezeichnet den Straftatbestand der kriminellen VereinigungAnnette Weinke: Gewalt, Geschichte, Gerechtigkeit. Transnationale Debatten über deutsche Staatsverbrechen im 20. Jahrhundert. Wallstein, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-2876-1, S. 124. bzw. Beteiligung an einer StraftatCarsten Momsen, Sarah Lisa Washington: Conspiracy als Beteiligungsmodell – Teil 1. In: Zeitschrift für Internationale Strafrechtswissenschaft ZIS 3/2019, S. 182–203, abgerufen am 19. Januar 2022.. Verschwörungstheorien gehen oft mit einer dualistischen Weltsicht einher, sie laden dazu ein, die Welt in Gut und Böse, in „wir“ und „sie“ einzuteilen. Auch wenn sie vorgeben, rein deskriptiv vorzugehen, liefern sie keine positiven Aussagen, sondern agieren vor allem auf dem Feld normativer Aussagen.Karl Hepfer: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. transcript, Bielefeld 2015, S. 147.

Definitionen Das Wort conspiracy theory lässt sich seit den 1860er Jahren nachweisen. Es trat zunächst nur im Singular auf, um eine Aussage über ein gemeinschaftlich geplantes Verbrechen zu beschreiben. Seit dem Mordanschlag auf den amerikanischen Präsidenten James A. Garfield findet es sich häufiger in der Presse.Andrew McKenzie-McHarg: Conspiracy Theory. The Nineteenth-Century Prehistory of a Twentieth-Century Concept. In: Joseph E. Uscinski (Hrsg.): Conspiracy Theories and the People Who Believe Them. Oxford University Press, New York 2019, S. 62–86, hier S. 63–68. Heute (Stand 2022) bezieht sich das Wort dagegen auf Aussagen über groß angelegte, nachhaltige Einflussnahmen auf ganze Staaten und Gesellschaften bis hin zur Weltverschwörung. In diesem Sinne werden Verschwörungstheorien unterschiedlich definiert.

Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper trug wesentlich zur Popularität und negativen Konnotation des Begriffs Verschwörungstheorie bei.Vgl. David Coady: Gerüchte, Verschwörungstheorien und Propaganda. In: Andreas Anton, Michael Schetsche, Michael Walter (Hrsg.): Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens. Springer VS, Wiesbaden 2014, S. 286. In seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde spricht er 1945 von einer „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“. Damit meint er Versuche, soziale Phänomene und historische Ereignisse durch den Nachweis zu erklären, „daß gewisse Menschen oder Gruppen an dem Eintreten dieses [Ereignisses] interessiert waren und daß sie konspiriert haben, um es herbeizuführen. (Ihre Interessen sind manchmal verborgen und müssen erst enthüllt werden).“Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen. 7. Auflage. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1992, S. 119.

Für die systematischen und formal oft in weitgehender Übereinstimmung mit Kriterien der Wissenschaftlichkeit dargestellten Theorien meist der politischen Rechten der USA, die hinter politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen von 1820 bis zu den 1960er Jahren Gruppen von Verschwörern vermuteten, schlug der Historiker Richard Hofstadter 1964 die Bezeichnungen conspiratorial fantasy („Verschwörungsfantasie“) vor und charakterisierte sie durch einen „paranoiden Stil“ der Welterklärung. Dieser Stil sei gekennzeichnet durch eine apokalyptische Vorstellungswelt, ein manichäisches Freund-Feind-Denken, das nur das absolut Gute und das absolut Böse sehe, das ohne Kompromisse vernichtet werden müsse. Dass dies nicht gelinge, werde als weiteres Indiz für die Gefährlichkeit der imaginierten Verschwörer gedeutet.Richard Hofstadter: The Paranoid Style in American Politics and Other Essays. London 1966, Chicago 1990 (Nachdr.), S. 77–86.