mini|1. Bauserie: Heuss-Klasse (23,2 Meter)
Seenotrettungskreuzer (SRK) ist die Bezeichnung der hochseetauglichen Rettungsboote zur Seenotrettung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). DGzRS-intern werden die Boote als Seenotkreuzer (SK) bezeichnet.
Bei einer Länge zwischen 20 und 46 Meter bieten alle Kreuzer der DGzRS die deutsche Besonderheit eines Tochterbootes (TB), das permanent in einer Heckwanne mitgeführt wird. Das kleine Boot kann jederzeit zum Einsatz gebracht werden und ist in der Lage, unabhängig vom Kreuzer zu operieren. Damit können Personen aus dem Wasser leicht aufgenommen werden und die ausgedehnten Flachwassergebiete vor den deutschen Küsten sicher befahren werden. Auf 18 Stationen an Nord- und Ostsee stehen die SRK rund um die Uhr (24/7) in permanenter Bereitschaft und sind jederzeit zum Auslaufen bereit. Dafür sorgen jeweils zwei hauptamtliche Besatzungen, die sich alle 14 Tage ablösen und in dieser Zeit entweder an Bord oder (bei den kleineren Kreuzern) in einem in unmittelbarer Nähe zum Schiff befindlichen Stationsgebäude wohnen.
Begriff Seenotkreuzer mini|2. Bauserie: Breusing-Klasse (26 Meter)
Anfang der 1950er Jahre hatte die DGzRS in Anlehnung an die ursprüngliche Aufgabenstellung, der längeren Suche nach Schiffbrüchigen durch Kreuzen auf See, diesen Begriff geprägt, um eine neue Generation hochseegängiger Rettungsboote einzuführen, die sich grundlegend von den vorhandenen Motorrettungsbooten unterschied. Folglich wurden alle neuen Baureihen (Klassen) von Fahrzeugen zur Seenotrettung als Seenotkreuzer bezeichnet. Aktuell verfügt die Gesellschaft – wie sie respektvoll an der deutschen Küste genannt wird – über 20 dieser Spezialschiffe zur Rettung von Personen und für Hilfeleistungen von Schiffen in Seenot auch außerhalb der deutschen Küstengewässer.
International ist der Begriff Rettungskreuzer eher nicht gebräuchlich. Bisweilen wird ein SRK auf englisch als Rescue Cruiser bezeichnet. Allgemein übliche Bezeichnung für ein Rettungsboot in der englischsprachigen Welt ist Lifeboat. Die dem SRK vergleichbaren Rettungsboote der englischen Rettungsgesellschaft RNLI werden dort als Allwetter-Rettungsboot () bezeichnet. In den USA und in Kanada ist dafür der Begriff Motorrettungsboot () üblich.
Neben den Seenotrettungskreuzern betreibt die DGzRS noch kleinere Rettungseinheiten bis rund 10 Meter Länge für die Küstenrettung, die sie als Seenotrettungsboote (SRB) bezeichnet. Diese sind selbständige Einheiten mit freiwilligen Besatzungen, die die Lücken zwischen den großen Stationen an der Küste füllen.
Konstruktionsmerkmale Das Besondere an der Konstruktion von Seenotrettungsschiffen ist, dass sie einen guten Mittelweg zwischen extremer Seetüchtigkeit und optimaler Schnelligkeit finden müssen, also Vorgaben, die sich eigentlich widersprechen.
Rumpf mini|Rumpf der 44-Meter-Klasse mini|Kreuzerheck der 27,5-Meter-Klasse mini|Spiegelheck der 28-Meter-Klasse mit TB
Allen SRK gemeinsam ist die geschweißte Grundkonstruktion auf Basis eines Netzspantensystems aus seewasserbeständigem Leichtmetall. Zur Gewichtseinsparung werden die Spanten an unkritischen Stellen durchlöchert, ohne die Gesamtfestigkeit zu verringern. Alle Längs- und Querspanten im Maximalabstand von 50 Zentimeter bilden ein enges, festes Netz, auf das beidseitig die Beplankung aufgebracht wird und dadurch einen Doppelrumpf ergeben.Netzspantenbausweise bei der DGzRS auf Seenotretter.de, abgerufen am 13. November 2020 Zur Verhinderung von gefährlichen Schwingungen aus der Antriebsanlage verlaufen alle Tragglieder in Längsrichtung durchlaufend von vorn bis hinten.
Die Doppelwandigkeit sorgt für eine hohe Festigkeit des gesamten Bootskörpers und schützt vor Leckagen und Beschädigungen der Schiffsaußenwand. Daher können auch heftige Grundberührungen schadlos überstanden werden. Zusätzlich entsteht dadurch Platz für Tanks und einen eventuellen Ballast und ermöglicht die Außenhautkühlung der Motoren. Neben dem Vorteil der Widerstandsreduktion durch die glatte Außenhaut ohne Öffnungen wird verhindert, dass gegenüber einem Durchlaufkühlsystem das angesaugte Seewasser wegen Verschmutzungen oder anderer Inhaltsstoffen die Motorkühlung verstopft, was zum Motorausfall führen kann.
Der Rumpf ist unterteilt in eine Vielzahl wasserdichter Abteilungen mit dicht schließenden Türen. Diese Schotten erhöhen zusätzlich die Festigkeit. Der ganze Rumpf ist durchzogen von einer zentralen Lenzleitung, an die alle Abteilungen angeschlossen sind. Aus dem turmartigen Decksaufbau der zuletzt gebauten Motorrettungsboote, der die Sichtweite vergrößert und vor Gischt und Seeschlag schützt, wurde für die Kreuzer ein vollkommen geschlossener Decksaufbau entwickelt. Dieser wirkt als große Luftkammer, die den Seenotkreuzern die besondere Eigenschaft als Selbstaufrichter verleiht. Unterstützt durch die schweren Motoren und die Tanks im Boden liegt im Kenterfall der Schwerpunkt über Wasser, wodurch das Boot von selbst wieder in die normale Schwimmlage mit Kiel unten zurückgeht.
Mit Einführung der 23-Meter-Klasse Mitte der 1990er Jahre erfolgte bei der DGzRS eine Abkehr von der für die deutschen Seenotrettungskreuzer so markanten und bewährten Rumpfform. Anstelle des Kreuzerhecks, das die achterliche Schiffsumströmung begünstigt und den Wasserwiderstand verringertHans Karr: Typenkompass Seenotkreuzer Pietsch Verlag (2013) ISBN 978-3-613-50743-2 haben die Neubauten nun einen Deltarumpf mit einem Spiegelheck. Bei der Deltaform ist das Heck die breiteste Stelle des Rumpfs, was das Seegangsverhalten und das Geschwindigkeitsprofil verbessert. Sie bringt mehr Kursstabilität bei Fahrt vor der See, also bei achterlichen Wellen, die von hinten anlaufen. Außerdem ist das Spiegelheck für die Rumpfform der Halbgleiter vorteilhafter und erzielt bei gleicher Motorenleistung eine höhere Endgeschwindigkeit. Erste Anwendung war bei der Fritz Behrens, deren Heck nach einer Kollision umgestaltet worden war.
Mit der 23-Meter-Klasse wurde 1996 auch das lange gebaute und typische Walfischdeck aufgegeben. Diese bei der KNRM in den 1920er Jahren eingeführte Deckserhöhung diente der schnelleren Ableitung von übergenommenem Wasser. Dafür wurde die Bugschürze höher gezogen und deutlicher ausgebildet.
Antrieb mini|Einbau eines 16-Zylinder Schiffsdieselmotor bei der 28-Meter-Klasse
Als Motoren kommen hauptsächlich die Großdieselaggregate von MTU Friedrichshafen zum Einbau. Zur permanenten Einsatzbereitschaft und zur Schonung der Motoren werden diese während der Liegezeit im Hafen auf 40 bis 45 Grad Celsius vorgewärmt, damit sie schnell auf Hochleistung gefahren werden können.Im Maschinenraum des Seenotrettungskreuzers THEO FISCHER Film auf youtube.com, abgerufen am 17. November 2020 Die beiden großen Kreuzer für die Nord- bzw. Ostsee haben die bewährte 3-Maschinen-Anordnung, während die neuen Boote der 28-Meter-Klasse und der 23-Meter-Klasse nur noch zwei Hauptmaschinen aufweisen. Dagegen befindet sich in der 20-Meter-Klasse nur ein Hauptmotor, bei dessen Ausfall ein Hilfs-/Notantriebssystem hydraulisch auf den Hauptmotor geschaltet wird. Als einziger SRK besitzt die Hermann Marwede zwei voneinander getrennte, wasserdichte Maschinenräume.
In Gegensatz zu den Seenotrettungsgesellschaften der europäischen Nachbarn, die bei ihren modernen Konstruktionen Waterjets einbauen, setzt die DGzRS weiterhin auf konventionellen Antrieb über Schrauben. In der Anfangszeit besaßen die Seenotkreuzer Verstellpropeller für die Feinnavigation und den raschen Wechsel der Vortriebsrichtung. Seit den 1980er Jahren wirkt die Maschinenleistung auf Festpropeller mit schnell zu schaltenden Schiffswendegetrieben für den Fahrtrichtungswechsel. Zusammen mit den Rudern, die hinter jeder Schraube angeordnet sind, ergeben sich hervorragende Manövriereigenschaften, die durch hydraulisch betriebene Bugstrahlanlagen unterstützt werden.
Als Höchstgeschwindigkeit werden von den SRK bis zu 25 Knoten erreicht. Besonders für die Kreuzer, die im Tiefwasserbereich operieren, ist die hohe Geschwindigkeit wichtig, um jederzeit vor den Wellen fahren zu können. Ansonsten könnte das Boot bei achterlichen Wind von den Wellen überholt werden und würde wie beim Surfen auf der Welle reiten. Dies führt zu einem instabilen Zustand mit Einschränkungen der Steuerbarkeit.
Zusätzliche Dieselmotoren dienen als Hilfsaggregate und treiben im Regelfall die Generatoren für die Stromversorgung des gesamten Kreuzers. Alternativ können die Motoren auf eine Hydraulikpumpe geschaltet werden, um die Bugstrahlruder und/oder die Feuerlöschpumpe anzutreiben. Bei den Kreuzern mit nur einem Motor dienen sie im Notfall als Hilfsantrieb. Bei den drei großen Kreuzern der 44-Meter-Klasse konnten die Hilfsmotoren für Schleichfahrten auf die beiden Seitenantriebsstränge eingekuppelt werden.
Decksaufbau mini|Hubschrauber-Arbeitsdeck im Heck der 46-Meter-Klasse
Die lange Jahre über dem Steuerdeck befindlichen offenen Steuerstände werden seit den 2000er Jahren nicht mehr gebaut. Zusammen mit dem unteren Fahrstand sind sie einer übersichtlichen Kommandobrücke gewichen. Grundlage ist eine Richtlinie des Schiffssicherheitsausschusses (MSC) der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) zur ergonomischen Gestaltung von Kommandobrücken. Danach sollen alle Fenster der Brücke in der vertikalen Ebene um nicht weniger als 10° und nicht mehr als 25° nach außen geneigt sein, um Reflexionen zu vermeiden. Dadurch haben die neuen Kreuzer ihr charakteristisches Aussehen mit Ecken und Kanten erhalten.Richtlinie zur ergonomischen Gestaltung von Schiffsbrücken und deren Ausrüstung auf umwelt-online.de, abgerufen am 24. März 2020 Gleichzeitig wird mit der vollkommen geschlossenen Brücke die Besatzung und die installierte Technik vor Wind und Wellen auch bei extremen Wetterlagen geschützt.
mini|SAR-Deck der 44-Meter-Klasse
Das Hauptdeck oder auch SAR-Deck genannt liegt meist direkt unter dem Brückendeck und dient der Aufnahme von geretteten Personen. Ein zentral gelegener Mehrzweckraum wird im Einsatzfall mit Verletzten zum Bordhospital. Hier ist auch Platz zur gesicherten Unterbringung von Korbtragen. Im Eingangsbereich des Hauptdecks wird die persönliche Schutzausrüstung (PSA) für die Besatzung (z. B. Überlebensanzug) und deren weitere Ausrüstung bereitgehalten. Ansonsten befinden sich auf der Ebene die Aufenthaltsräume der Besatzung mit den Sanitäreinrichtungen, der Messe und der Kombüse, da sich die Besatzung für zwei Wochen auf dem Kreuzer selbst versorgen muss. Im hinteren Teil des Schiffs lagert einsatzbereit das Tochterboot in der Heckwanne. Nur bei den beiden großen SRK befindet sich über der Heckwanne ein Hubschrauberarbeitsdeck, wodurch das Aufwinschen bzw. Absetzen von Personen vereinfacht wird.
Das Unterdeck nimmt im Wesentlichen die Maschinenanlage mit allen Hilfsaggregaten für Antrieb und Steuerung auf. Auch die Klimaanlage und ein Atemluftkompressor sind dort untergebracht. Eine Hauptschalttafel oder ein Maschinenkontrollraum gestattet die direkte Überwachung und Schaltung aller Aggregate vor Ort. Unter der Wanne des TB ist im Heckbereich die Steuerung der Rudermaschine für die Ruderblätter eingebaut. Im Mittelteil unter dem Aufbau befinden sich die einzelnen Ruheräume für jedes der Besatzungsmitglieder. Das Vorschiff bzw. die Back ist ein großer Stauraum für alle notwendigen Einsatzmittel, die nicht dauernd gebraucht werden.Unter Deck des Seenotrettungskreuzers ANNELIESE KRAMER auf youtube.com, abgerufen am 14. Juli 2021
Bei der 20-Meter-Klasse ist anstelle der Einzelkammern im Unterdeck eine kleine Kombüse und ein Aufenthaltsraum untergebracht. Dort kann sich die Besatzung bei Bedarf ausruhen und verpflegen, da während der Liegezeit der Aufenthalt im Stationsgebäude an Land erfolgt. Die Hermann Marwede hat als einziges Schiff ein Zwischendeck über dem Hauptdeck.
Personelle und technische Ausstattung Brücke und Besatzung