mini|Jean Giraud (2008)
Jean Henri Gaston Giraud (* 8. Mai 1938 in Nogent-sur-Marne nahe Paris; † 10. März 2012 in Montrouge auch nahe Paris), Pseudonyme Gir, Mœbius, auch Moebius, war ein bedeutender französischer Comiczeichner und -scenarist, der den frankobelgischen Comic stark beeinflusst hat.
Seinen klassischen Western-Comic Leutnant Blueberry unterzeichnete er mit Gir. Daneben schuf er als Moebius Comics, die der fantastischen Literatur zuzuordnen und von assoziativer Bildsprache und experimentellen Erzähltechniken geprägt sind. Giraud wirkte auch am Ausstattungsdesign einiger Filme mit.
Leben Jean Girauds Eltern trennten sich in seinem dritten Lebensjahr. Er wuchs bei seinen Großeltern auf. 1955 unternahm er seine erste Mexiko-Reise und besuchte seine Mutter, die ein Jahr zuvor mit ihrem mexikanischen Lebensgefährten dorthin gezogen war. Er blieb acht Monate bei ihr und bereiste während der Zeit das Land.Haakon W. Isachsen im Vorwort zu Die Blueberry Chroniken. Band 1. Ehapa, Köln 2006, ISBN 3-7704-2984-2. Die Landschaften Mexikos, die Wüste und die Farben hatten starken Einfluss auf sein Werk. Nach dem Studium der angewandten Kunst an der Académie des Beaux-Arts in Paris veröffentlichte Jean Giraud 1956 seinen ersten Comic im Magazin Far West. Weitere Western-Comics erschienen in verschiedenen anderen Magazinen. Ab 1958 leistete er 27 Monate lang den Wehrdienst in Deutschland und Algerien ab. mini|Details des Grabs von Jean Giraud 1961 wurde er Assistent von Jijé und arbeitete an einer Folge von Jerry Spring für das Magazin Spirou mit. Ab 1963 arbeitet er an der Serie Leutnant Blueberry. 1965 reiste er erneut für ein halbes Jahr nach Mexiko und unterbrach dafür seine 1963 begonnene Arbeit an Blueberry. 1967 heiratete Giraud Claudine Conin, 1970 wurde die Tochter Hélène und 1972 der Sohn Julien geboren. Mit Philippe Druillet, Jean-Pierre Dionnet und Bernard FarkasArmin Schreiber: Kunst:Comics. Corben, Druillet, Moebius. Ortung eines künstlerischen Mediums. Dreibein Verlag Hamburg/Edition Kunst der Comics, Thurn 1989, ISBN 3-923102-26-7, S. 152. gründete Giraud 1975 den Verlag Les Humanoïdes Associés (dt. Die vereinigten Humanoiden), der die Zeitschrift Métal Hurlant – als Ableger 1977 in den U.S.A. als Heavy Metal, später als Schwermetall auch in Deutschland – herausbrachte. Er fertigte als Moebius für die erste Ausgabe allein drei Beiträge. Métal Hurlant legte einen Schwerpunkt auf alle Arten von Science-Fiction, es entstanden Werke, die als wegweisend für die gesamte Comic-Kunst gelten.
Giraud baute ab 1979 Beziehungen zu Jean-Paul Appel-Guéry auf, der angeblich Kontakt zu Außerirdischen hatte, die Teile der Menschheit vor einem drohenden Weltuntergang ins All retten wollten. Er zog mit seiner Familie 1983 nach Tahiti und lebte bis 1985 in der Sektengemeinschaft.Andreas Platthaus, S. 54–55. Nach Aufenthalten in Japan und Los Angeles lebte Giraud seit der Trennung von seiner ersten Frau und der Heirat mit Isabelle Champeralle 1988 wieder in Frankreich. Nach langer Krankheit verstarb er am 10. März 2012 in Paris.Denis Krick: Comic-Genie Moebius ist tot Spiegel Online, 10. März 2012
Gir Giraud zeichnete in Zusammenarbeit mit dem Texter Jean-Michel Charlier ab 1963 die Western-Serie Fort Navajo für das Comic-Magazin Pilote; seit 1966 wurde die Serie als Leutnant Blueberry fortgeführtBD oubliées Index zu Blueberry in Pilote: http://bdoubliees.com/journalpilote/series1/blueberry.htm#a und erzählt in einem sehr realistischen Stil die Abenteuer des Titelhelden. In den ersten Folgen war das Aussehen des Titelhelden noch sehr an den französischen Schauspieler Jean-Paul Belmondo angelehnt, der Zeichenstil unterschied sich anfangs kaum von dem Jijés, und so fiel es nicht auf, dass dieser 1965 in der Folge Das Halbblut aushalf und etwa ein Drittel der Zeichnungen fertigte.Andreas C. Knigge: Alles über Comics. Europa Verlag 2004, ISBN 3-203-79115-3, S. 280. Charlier und Giraud entwickelten sowohl die Erzähltechnik als auch die Zeichnungen weiter. Die Handlungsabläufe und Personen wurden vielschichtiger, die Erzählstränge ließen sich nicht mehr auf den üblichen 48 Albumseiten darstellen, so dass einzelne Folgen bis zu elf Alben in Anspruch nahmen. Giraud löste sich teilweise von dem traditionellen Aufbau der Panels, schuf große Panoramen mit detaillierten Landschaften.
Die Serie machte Giraud international bekannt und nach Charliers Tod 1989 übernahm er auch dessen Part und führte sie alleine fort.Andreas C. Knigge: Alles über Comics. S. 280. Es gab zwei Spin-offs, Colin Wilson schuf 1985 mit La Jeunesse de Blueberry (Die Jugend von Blueberry) zeitlich vor den Giraud-Serien liegende Geschichten, 1991 veröffentlichte Giraud mit William Vance die Serie Marshal Blueberry, die einen gealterten Titelhelden einführte.
Neben Leutnant Blueberry schrieb und/oder zeichnete Jean Giraud unter seinem realen Namen auch weitere Abenteuercomics wie Jim Cutlass (1979 f.), Le Cristal Majeur (Der große Kristall) (1986) und andere.
Moebius mini|Möbiusband
Mit der Signatur Mœbius entwickelte Jean Giraud seine Neigungen zum Fantastischen, der Science-Fiction und experimentellen Erzähltechniken. Das Pseudonym entlieh er sich von dem deutschen Mathematiker August Ferdinand Möbius, dessen Möbiusband die Vorder- und Rückseite eines Streifens zu einer einzelnen Fläche verbindet.
Bereits 1963 zeichnete Giraud für das Magazin Hara-Kiri einige satirische Kurzgeschichten (wie z. B. Die Jagd auf Franzosen im Urlaub), die er mit Moebius signierte. Sie spiegelten, wie er 1987 in einem Interview sagte, seine Begeisterung für das MAD-Magazin und deren Zeichner Will Elder und Harvey Kurtzman wider.Andreas C. Knigge: Comic Jahrbuch 1989.Ullstein, Frankfurt/M. und Berlin 1989, ISBN 3-548-36565-5. S. 211 f. Wegen der regelmäßigen Arbeiten für Blueberry folgten für einige Jahre keine weiteren Comic-Veröffentlichungen als Moebius. 1969 illustrierte er einige Science-Fiction-Bücher des Verlags Editions Opta.Didier Moulin u. a.: Couleur directe. Meisterwerke des neuen französischen Comics. Edition Kunst der Comics, Thurn 1993, ISBN 3-923102-86-0, S. 125. Nach den vier- bis fünfseitigen, schwarz-weiß-gehaltenen Geschichten L’Artefact, Barbe-Rouge et le Cerveau Pirate und Il y a un prince charmant sur Phénixon, die mit der Signatur Moebius veröffentlicht wurden, erschien 1973 mit dem siebenseitigen La Déviation (dt. Der Umweg) in Pilote die erste Science-Fiction-Vision, die, obwohl noch mit „Gir“ signiert, das regelmäßige Werk von Moebius als Pendant von Jean Giraud einleitete.Thierry Groensteen (Hrsg.): Asterix, Barbarella & Co. Geschichte des Comic im französischen Sprachraum. Somogy Editions D'Art, Paris 2000. S. 168. Sowohl die fahrig wirkenden Striche als auch der Aufbau der Erzählung, die von einer albtraumartigen Urlaubsreise handelt, unterschieden sich stark von den detaillierten Arbeiten bei Blueberry.Andreas C. Knigge: Alles über Comics. S. 281.
Arzach erschien 1975 in den ersten Ausgaben von Métal Hurlant, 1976 erschien das Album, und brach mit den traditionellen Regeln des Comics, indem bereits ab der zweiten Folge der Name der Serienfigur wechselte. Aus Arzach wird Harzak, Harzack, Arzack und Harzakc. Moebius verzichtete auf Sprechblasen und erklärenden Text, erst auf der letzten Seite der letzten Folge wurden Dialoge eingesetzt. Auch hatte er keinen Coloristen, sondern trug die Farbe in den Originalseiten auf, was einen nachgerade räumlichen Effekt hat. Den Plot der Geschichten improvisierte er unter Cannabiseinfluss, ein Verfahren, das er selbst als dessin automatique bezeichnete.Julia Abel, Christian Klein: Comics und Graphic Novels: Eine Einführung. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-476-05443-2, S. 29.
1976 führte Giraud in Garage hermétique (dt. Die hermetische Garage des Jerry Cornelius) die Figur Major Grubert ein, einen Demiurgen, der ein Doppelgänger von Giraud zu sein scheint.Thierry Groensteen (Hrsg.): Asterix, Barbarella & Co. Geschichte des Comic im französischen Sprachraum. S. 250. Die Serie, deren verschachtelte Erzählungen rätselhaft, widersprüchlich und sprunghaft sind, erschien bis 1979 und erhielt 1995 mit L’Homme du Ciguri (dt. Der Mann von der Ciguri) eine Fortsetzung.
Den chilenischen Schriftsteller und Cineasten Alejandro Jodorowsky lernte Moebius kennen, als dieser ihn für eine Verfilmung von Frank Herberts Dune (Der Wüstenplanet) gewinnen wollte. Gemeinsam entwickelten beide 1978 zunächst den Comic Die Augen der Katze und ab 1980 für Métal Hurlant die Science-Fiction-Serie Der Incal, eine sechsbändige Weltraum-Saga um einen kleinen Detektiv, der zum Helden der Galaxie wird.Thierry Groensteen (Hrsg.): Asterix, Barbarella & Co. Geschichte des Comic im französischen Sprachraum. S. 182. Moebius verwendete darin etliche der für das gescheiterte Dune-Projekt bereits konzipierten Figuren.A. Platthaus, S. 56. Für Werbezwecke beauftragte der Autohersteller Citroën Moebius 1983 mit dem Album Sur l’Etoile, une Croisière Citroen, das den Anfang der Serie Die Sternenwanderer bildete.
Von 1984 bis 1989 lebte Moebius in den Vereinigten Staaten, dort zeichnete er 1988 eine Folge des Silver-Surfer-Abenteuers von Stan Lee.Andreas C. Knigge: Alles über Comics. S. 267.
Neben den von vornherein für die Veröffentlichung in Magazinen oder Alben geplanten Arbeiten nutzte Moebius Notizhefte, in denen er einzelne Zeichnungen und Ideen, manchmal auch ganze Geschichten festhielt. Einzelzeichnungen und auch einige vollständige Ausgaben dieser „Carnets“ genannten Hefte wurden veröffentlicht, dazu zählt zum Beispiel 40 jours dans le Désert B, das Moebius in seinem eigenen Verlag Editions Stardom herausbrachte.
Film Seit 1975 arbeitete Giraud wiederholt für die Filmindustrie.Florian Friedman: "Als die Zukunft wieder cool wurde" Er entwarf die Raumanzüge für Alien und schrieb Storyboards für das nicht realisierte Dune-Projekt von Alejandro Jodorowsky, Les Maîtres du Temps (dt. Herrscher der Zeit), Tron und Abyss – Abgrund des Todes. Für Das fünfte Element entwickelten er und Jean-Claude Mézières das Design. Für einen Kinofilm mit Motiven aus Winsor McCays Little Nemo arbeitete er 1984 in einem japanischen Animationsstudio. 2002 entstand die Zeichentrickserie Arzak Rhapsody.
Stil Jean Girauds Stil entwickelte sich während seiner Arbeiten an Leutnant Blueberry von sehr an Jijé angelehnten Zeichnungen zu einer eigenständigen zeichnerischen Ausdrucksweise. In den ersten Folgen ist der Seitenaufbau schematisch mit gleichmäßig angeordneten Panels. Die mit dem Tuschepinsel ausgeführten Zeichnungen bieten wenige Details. Die Farbgebung dient vor allem dem Zweck, die einzelnen Objekte und Personen voneinander unterscheiden zu können,Armin Schreiber: Kunst:Comics. S. 25. sie wird nicht als künstlerisches Mittel eingesetzt. Nach und nach setzte Giraud Schwerpunkte auf detaillierte Hintergründe und Naturdarstellungen. Die Landschaft erhält einen unverrückbaren Stellenwert, indem sie die Protagonisten in bestimmte Richtungen zwingt, ihnen Hindernis und Unterschlupf zugleich ist und damit ihre Handlungen bestimmt. Er räumt großen Panoramen entsprechenden Platz auf einer Seite ein, trennt einzelne Panels durch schmale Nahaufnahmen und durchbricht so den klassischen Aufbau einer Comicseite. Die realistisch gezeichneten Porträts spiegeln mit sorgfältig ausgestalteten Falten und Konturen Gefühle und Gedanken wider. Die Farbgebung orientiert sich an den Strukturen der Objekte und wird mit Schattierungen und unterstützt durch Schraffuren eingesetzt, um die Plastizität und die Strukturen der Dinge zu unterstreichen. Plakative Farbigkeit wird von sanften Farbnuancen abgelöst, manche Seiten sind ausschließlich in Brauntönen gehalten, wodurch die zuweilen nur 1 bis 2 cm großen Akteure in die Landschaft eingebunden werden, mit ihr verschmelzen.Armin Schreiber: Kunst:Comics. S. 30.