mini|Hohe Karlsschule hinter dem Neuen Schloss Die Hohe Karlsschule in Stuttgart gilt als eine der bedeutendsten deutschen Bildungseinrichtungen im Zeitalter der Aufklärung. Sie bestand vom 5. Februar 1770 bis zum 16. April 1794. Gegründet von Carl Eugen, Herzog von Württemberg als Militärakademie, wurde sie von Kaiser Josef II. im Februar 1782 zur Universität erhoben. Nach Carl Eugens Tod im Jahr 1793 schloss sein Nachfolger Herzog Ludwig Eugen die Schule.
Lage der Schule mini|Schloss Solitude Von 1770 bis 1775 waren die Schlaf- und Lehrräume der Karlsschule in mehreren Nebengebäuden von Schloss Solitude untergebracht. Als repräsentativer Festsaal zur jährlichen Preisverleihung diente der Lorbeersaal des Schlosses, ein prunkvoller Orangeriebau. Für ein eigenständiges Akademiegebäude ist der Entwurf des herzoglichen Baumeisters Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer überliefert. Über die Grundsteinlegung kam der Bau jedoch nie hinaus.
Wegen des großen Erfolgs der Schule war abzusehen, dass der geplante Neubau neben dem Schloss Solitude die vielen Schüler nicht aufnehmen konnte. Auch weil Carl Eugen seinen Hauptsitz vom Residenzschloss Ludwigsburg nach Stuttgart zurückverlegte, wurde die hinter dem Stuttgarter Neuen Schloss liegende, in den 1740er Jahren von Johann Christoph David von Leger erbaute „Untere Kaserne“ als Schulgebäude umgebaut und 1775 bezogen. In diesem Gebäude blieb die Schule bis zu ihrer Schließung 1793.
Entwicklung der Schule
Karlsschule (Militärschule) Der Gründung der Karlsschule durch Herzog Carl Eugen lagen zwei Gedanken zugrunde. Einerseits sollte die Ausbildung von Offizieren, neben herkömmlichen militärischen Fächern, neu hinzukommende staatspolitische Themen enthalten. Andererseits wollte Carl Eugen, dass der Staat die Fürsorge für Söhne des verarmten Adels sowie verdienter, oft gefallener Offiziere übernimmt.
Am 29. Januar 1770 legte Christoph Dionysius Seeger den Entwurf einer Kunsthandwerkerschule für Soldatensöhne vor. Bereits am 5. Februar 1770 begann für vierzehn Schüler die Ausbildung als Gärtner und Stuckateur. Im Laufe des Jahres wurden weitere Jungen, zum großen Teil Soldatenkinder, in die Schule aufgenommen, die als Internat mit strengen Regeln geführt wurde. Am 14. Dezember 1770 erfolgte die Umwandlung der Lehranstalt in ein militärisches Waisenhaus, was als das eigentliche Gründungsdatum der Karlsschule angesehen wird. Im Februar 1771 wurde die Einrichtung zur „militärischen Pflanzschule“ erhoben und Offizierssöhne zur Ausbildung zugelassen. Diese erhielten eine fundierte Ausbildung für den Hof-, Staats- und Kriegsdienst. Ende 1771 zählte die Schule annähernd 100 Schüler. In den folgenden Jahren wurde das Unterrichtsangebot mehrfach erweitert und die Lehranstalt entwickelte sich zu einer militärisch organisierten höheren Schule. Der Schulbetrieb war in fünf Klassen mit einem Fachlehrersystem organisiert: zwei Klassen mit Elementarunterricht, eine Vorbereitungsklasse mit Unterricht in Deutsch, Französisch, Zeichnen und Rechnen, eine Klasse für die Ausbildung zum Gärtner, Maler, Handwerker sowie Bildhauer und Stuckateur (als Fortsetzung der 1761 gegründeten „Académie des beaux arts“ zur Ausbildung einheimischer Künstler) und schließlich eine Klasse mit den beiden Fremdsprachen Latein und Französisch.
Am 11. März 1773 benannte Herzog Carl Eugen die Schule in „Militärakademie“ um. Eine Verwissenschaftlichung der Institution wurde dadurch eingeleitet, dass Latein und Französisch zu wichtigen Unterrichtsfächer avancierten. Neben der militärspezifischen Ausbildung zu Offizieren, Festungsbautechnikern und Ingenieuren bildete die Akademie auch Verwaltungs- und Forstbeamte, Jäger, Juristen und Ärzte (ab 1775) sowie bildende Künstler aus. Mit zunehmendem Interesse der aufgeklärten Bildungsschichten an der herzoglichen Schule wuchs auch die Anzahl der Schüler aus Adligen- und Offiziershaushalten. Nach dem Umzug nach Stuttgart 1775 umfasste die „Carls Hohe Schule“ genannte Einrichtung Gymnasium, Ritterakademie, Universität, Kriegsakademie, Kunst-, Musik-, Theaterakademie und Handelsschule. Sie war in dieser Form eine einzigartige Einrichtung in der Bildungslandschaft des deutschen Reiches.Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. [Gewidmet der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie]. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876; Neudruck mit dem Untertitel Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876 und mit einem Vorwort von Rolf Winau: Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1978, ISBN 3-540-08751-6, S. 335.
Hohe Karlsschule (Universität) Die Blütezeit der Karlsschule reichte von 1776 bis 1782. In dieser Zeit wurde sie als eine Art „Privatanstalt“ des Herzogs geführt. Am 22. Dezember 1782 erhob Kaiser Joseph II. die Schule zur Universität. Sie gehörte damit zu den wenigen im Zeitalter der Aufklärung im deutschen Reich gegründeten Universitäten. Sie besaß eine juristische, medizinische und philosophische Fakultät. Die Hochschule verfolgte ein anwendungsbezogenes Wissenschaftskonzept mit einem häufig praktisch ausgerichteten Anschauungsunterricht. Die „Hohe Karlsschule“ gilt als Vorläufer der polytechnischen Hochschulen, an denen sowohl akademisch geschulte Lehrkräfte als auch berufliche Praktiker unterrichteten.
Die Hohe Karlsschule besaß nun alle Vorrechte der alten Universitäten und musste akademische Formen und Gremien einrichten. Ab 1784 waren externe Studenten (Oppidani) zugelassen, die nicht den strengen Regeln des Internats unterworfen waren. Dies veränderte nachhaltig den Charakter der Schule. Die Vorlesungsgebühren waren geringer als in anderen Universitäten, was Studenten aus dem In- und Ausland anzog. Ein Teil der Studenten stammte aus niederen sozialen Schichten, für die der Herzog die Kosten der Ausbildung übernahm. Es gab keine konfessionellen Beschränkungen, so dass neben evangelisch-lutherischen und reformierten Studenten auch Katholiken, Russisch-Orthodoxe und Juden die Hohe Karlsschule besuchten.
Die bürgerliche Ständevertretung im Herzogtum Württemberg widersetzte sich zwar erfolglos der neuen Universität, erreichte jedoch, dass die herzogliche Hochschule nicht durch eine offizielle Stiftungsurkunde in der Landesverfassung verankert wurde. Nach Carl Eugens Tod im Jahr 1793 schloss sein Nachfolger Herzog Ludwig Eugen die Hohe Karlsschule zum 16. April 1794.
École des Demoiselles Von 1773 bis 1790 war auf der Solitude die Mädchenschule „École des Demoiselles“ untergebracht. Diese war der Hohen Karlsschule angeschlossen. Johanna von Seeger betreute die Schule als Intendantin, deren Protektorat Franziska von Hohenheim, die Mätresse und spätere zweite Ehefrau des Herzogs, übernommen hatte. Die Schule nahm Mädchen aus bürgerlichen und adeligen Familien auf, um ihnen eine standesgemäße Ausbildung zukommen zu lassen. Zum Unterricht gehörten auch musische Fächer wie Musik und Zeichnen.
Schulalltag
Herzog Carl Eugen zeigte großes Interesse an der Schule. Er und Franziska von Hohenheim besuchten sie fast täglich. Diese Besuche sind in zwei Gemälden des württembergischen Hofmalers und Karlsschülers Jakob Friedrich Weckherlin (1761–1814) festgehalten. Eines zeigt Carl Eugen im Speisesaal der Schule am Tisch der Kavaliere, das sind entweder adelige Schüler oder solche, die sich durch besondere Leistungen hervortaten. Das andere zeigt Franziska von Hohenheim als emanzipierte Landesmutter, der ein Schüler zum Dank eine Rose überreicht. Friedrich Schiller kommentierte letztere: „Die Tore dieses Instituts öffnen sich Frauenzimmern nur, ehe sie anfangen interessant zu werden, und wenn sie aufgehört haben es zu sein.“ Für die Schüler war das Leben im Internat weit weniger angenehm. Die Zöglinge des Institutes waren nach ihren Ständen getrennt. Den obersten Rang hatten die Söhne der Adligen, die auch besondere Zuwendungen und Privilegien genossen. Die Bürgerlichen im mittleren Rang waren in Offiziers- und Beamtensöhne unterteilt während die Künstler im dritten Rang aus Handwerker- oder Soldatenfamilien stammten.
Ähnlich dem Philanthropinum Dessau und dem Philanthropinum Schloss Marschlins oder der École militaire von Colmar war das Leben in der Akademie streng militärisch geregelt. Für die Schüler herrschte Uniformzwang und die Erziehung war von ständiger Überwachung geprägt. Jeder Schüler stand konstant unter Aufsicht und der Kontakt mit der Außenwelt, auch zum Elternhaus, war sehr stark reduziert. Briefe wurden zensiert. Ferien und sonntägliche Ausflüge wurden erst ab 1783 möglich. Die Zöglinge schliefen unter Aufsicht in „Rangiersälen“ und bewegten sich auf Kommando und nur unter Aufsicht in die Lehr-, Speise- und Schlafsäle. Die aufgezwungene Unfreiheit wurde für einzelne Schüler so unerträglich, dass sie sich ihr durch Flucht entzogen.
Die Arbeitszeit war in Unterrichtsstunden und Zeiten für eigenes Nacharbeiten aufgeteilt, wobei die freien Stunden immer mehr reduziert wurden. Nach den überlieferten Dokumenten (und auch Schillers Erinnerungen) lässt sich für die Schüler des Internats auf der Solitude folgender Tagesablauf rekonstruieren: „Aufstehen sommers 5 Uhr, winters 6 Uhr, danach Musterung, Rapport, Frühstück, danach Unterricht 7–11 Uhr, 11–12 Uhr Montursäubern und Musterung durch den Herzog. 13 Uhr Mittagessen, anschließend abteilungsweiser Spaziergang in Gegenwart von Aufsehern und erneut Unterricht von 14–18 Uhr. An eine Erholungsstunde von 18–19 Uhr schlossen sich Musterung, Rapport und Abendessen um 19:30 Uhr an. Schlafengehen war für 21 Uhr anberaumt. An Sonntagen waren größere Spaziergänge unter Aufsicht von Offizieren möglich. Besuche der Angehörigen wurden ebenso selten gestattet wie Urlaub. Ferien gab es keine.“Heinz Stade: Unterwegs zu Schiller. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2005, S. 34.
Aus dem altwürttembergischen Erziehungssystem wurden die Schüler einem ständigen Leistungsvergleich unterworfen und in eine Rangordnung eingegliedert. Als Motivation diente eher Belobigung und Auszeichnung als Tadel und Kritik. Aber auch Drill, Schläge und Essensentzug waren an der Tagesordnung. In langen öffentlichen Prüfungen und Wortgefechten mussten die Schüler Wissen und Sprachgewandtheit nachweisen, was den, im Vergleich zu den alten Universitäten, hohen Leistungsdruck zeigt. Besonders hervorzuheben sind die Preismedaillen für die besten Leistungen, die vom Herzog für die einzelnen Fächer gestiftet und im Rahmen eines Festaktes überreicht wurden. Indem Leistungen über „geburtsständische“ Privilegien gesetzt wurden, leitete die Karlsschule zum bürgerlichen Zeitalter über.
Schüler Insgesamt besuchten 715 externe Studenten die Universität, davon 220 aus Stuttgart. Von den 1495 Internatsschülern stammte etwa die Hälfte aus Württemberg, die andere aus dem deutschen Reich und den europäischen Nachbarländern. Adelige machten etwa ein Drittel der Studenten aus. Karl von Steeger fasste zusammen: „Von den 1496 Zöglingen, die die Akademie besuchten, haben 140 die militärische Laufbahn eingeschlagen. Verhältnismäßig sehr viele, man zählt allein 33 Generale, haben höhere und höchste Offiziersstellen in verschiedenen europäischen Staaten erlangt.“Karl von Seeger: Zweitausend Jahre schwäbisches Soldatentum. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1937, S. 109.