mini|Braune Lederschuhe (Deutschland, 1949) Ein Schuh ist eine Fußbekleidung bestehend aus einem Oberteil, das stets mit einer festen Unterlage aus Leder, Holz, Gummi oder Kunststoff, seltener aus Kork oder geflochtenen Naturfasern, verbunden ist. Schuhe dienen primär dem Schutz der Fußsohle beim Gehen sowie als Schutz der Füße bei Nässe und Kälte.
Vorbemerkung Je nach Anwendungszweck, Kulturkreis und Zeitepoche kommen unterschiedliche Schuhformen vor, die sich sowohl hinsichtlich ihrer Optik als auch der Form und der verwendeten Materialien voneinander unterscheiden. Trotz dieser Unterschiede sind sich viele Schuhmodelle vom prinzipiellen Aufbau her sehr ähnlich. Um diesen darzustellen, eignet sich zur Erklärung am besten ein hochwertiger zeitgenössischer lederner Herrenhalbschuh, weil dieser Schuhtyp sowohl funktional als auch hinsichtlich der Konstruktion alle notwendigen schuhrelevanten Merkmale aufweist. Andere Modelle sind dann entweder genauso gebaut oder in einer darauf basierenden vereinfachten Weise. Nur sehr wenige Schuhmodelle (beispielsweise Mokassins) weichen davon grundsätzlich ab.
Wenn im Text allgemein von „Schuh“ die Rede ist, ist das charakteristische Grundmodell eines Schuhs gemeint, das aus kulturgeschichtlichen Gründen heutzutage optisch eher einem Herrenschuh entspricht, aber Damen- und Kinderschuhe natürlich ebenso mit einschließt. Weiterführende Informationen (andere Modelle und Bauweisen) sind unter den weiterführenden Links Schuhmodelle und Machart zu finden.
Bestandteile mini|Von außen erkennbare Schuhteile mini|links|Schuhaufbau Ein Schuh besteht aus zwei Hauptteilen: Der obere Teil wird Schaft, der untere wird Boden genannt.
Der Schaft setzt sich häufig aus mehreren miteinander verklebten oder vernähten Schichten und Einzelteilen zusammen: Innenschaft (Futter), Zwischenschaft (Zwischenfutter) und Außenschaft (Oberleder).
Der Außenschaft kann zudem verschiedene Besatzteile haben, zum Beispiel eine aufgesetzte Hinterkappe rund um den Fersenbereich, um den Fuß weitergehend zu stabilisieren und zu führen. Der Außenschaft gliedert sich in verschiedene Bereiche, vorne das Blatt mit der Lasche (Zunge), im hinteren Teil die seitlichen Quartiere.
Der Boden besteht modellabhängig aus mindestens einer Sohle (Beispiel: Mokassin) oder, wie bei einem typischen Lederhalbschuh, aus einer Innensohle (Brandsohle) plus einer daran befestigten Laufsohle. Je nach Machart können zwischen Innen- und Laufsohle auch noch Zwischensohlen vorhanden sein, wie zum Beispiel beim Sportschuh. Oder die Innensohle ist durch eine zusätzliche Deck(brand)sohle oder herausnehmbare Einlegesohle abgedeckt. Ist die Laufsohle nicht aus Leder, hat sie in der Regel ein mehr oder minder tiefes Profil. Der Fersenbereich zeigt häufig eine Erhöhung des Schuhbodens, den Absatz, sonst spricht man von einem Nullboden.
Funktion Neben seiner Schutzfunktion hat ein Schuh auch eine Funktion als Modeobjekt und spiegelt daher – wie andere Kleidungsstücke auch – den gesellschaftlichen Status oder die Gruppenzugehörigkeit des Trägers wider.
Im Alten Ägypten durften nur Pharaonen Sandalen aus Gold- oder Silberblech tragen und nur hohe Beamte und Priester überhaupt Sandalen. Das Volk ging barfuß. In der griechischen Antike wurde 700 v. Chr. eine Verordnung erlassen, die die Verwendung von Juwelen auf Sandalen regelte. Im Römischen Reich gab es ebenfalls klare Vorschriften, wer welches Schuhwerk und wie verziert tragen durfte. Im Mittelalter sagte die Länge der Schuhspitze bei den damals modernen Schnabelschuhen etwas über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stand aus. Zur Zeit des Sonnenkönigs war es nur dem König und hohen Adligen gestattet, rote Absätze zu tragen.
Neben sozialer Zugehörigkeit und Mode haben Schuhe auch technische und praktische Funktionen. So müssen Sportschuhe für die jeweilige Sportart geeignet sein. Mit Arbeitsschuhen soll die zu verrichtende Arbeit unterstützt werden und die Füße sollen vor Schmutz, Strom, Wind und Wetter geschützt werden. Besondere Anforderungen gelten für Skischuhe, die hohen äußeren Belastungen ausgesetzt sind.
Grundsätzlich lassen sich die folgenden Funktionen beschreiben: Gehen ermöglichen, Stabilisierung bieten, Kraft übertragen, Wärme speichern, Wasser abweisen und Bewegung ermöglichen.
Bedeutung für Kinder Die sozio-kulturelle Funktion von Schuhen insbesondere für Kinder ist seit Beginn des Industriezeitalters belegbar.
Der Besitz von Schuhen war historisch ein grundsätzliches Zeichen von Reich und Arm. Diese Erfahrung machten Heranwachsende von klein auf. Der Besitz von Schuhen vermittelte ihnen ein Wertgefühl, es drückte kindliches Bewusstsein aus und spielte eine wichtige Rolle für ihr Selbst- und Fremdansehen. Es sagte etwas aus über Entbehrung oder Freude, entschied über Stolz oder Sich-Minderwertig-Fühlen.
Der Besitz von Schuhen unterschied bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch die kindliche Lebenswelt in Stadt und Land voneinander. Das Barfußgehen war bis dahin das ärgste Zeichen dörflicher Armut. Von April bis November lief man auf dem Land barfuß. In der übrigen Zeit waren bestenfalls Holzschuhe, in denen man sich häufig die Knöchel wundschlug, gängig auch für Schüler und Schülerinnen.
Marie von Ebner-Eschenbach schildert dies in ihrem Roman „Das Gemeindekind“ von 1887:
„…und wenn du acht Tage nacheinander kommst, kriegst du von mir ein Paar ordentliche Stiefel. Stiefel? – Wie die Kinder der Bauern haben? Ordentliche Stiefel mit hohen Schäften? Unaufhörlich während des Heimwegs sprach Pavel die Worte ‚ordentliche Stiefel‘ vor sich hin, sie klangen märchenhaft…“
In der gleichen Novelle erzählt das Tagelöhner-Kind Franz Rehbein:
„Wie oft hatte ich mir schon mal ein Paar neue Stiefel gewünscht, wenn ich sah, wie die Kinder wohlhabender Eltern vergnügt in solchen einherstolzierten. Leider aber blieb das für mich ein frommer Wunsch, der, solange ich zu Hause war, nie in Erfüllung ging….Nur des Sonntags durfte ich Stiefel anziehen, und die waren bei irgendeinem jüdischen Alt-Trödler für höchstens 12 bis 15 Groschen als „abgelegt“ gekauft worden, geflickt und verriestert auf allen Ecken und Enden.“
Auch die Unterschiede der Lebenswelten eines Bürgerkindes und Kinder armer Leute, war anhand der Schuhtracht ablesbar. Besaßen Arbeiterkinder Schuhe, die sie zu besonderen Anlässen tragen konnten, durften sie sich den besseren Kreisen der Arbeiterschaft zugehörig fühlen. Vom Schuhmacher gefertigte Schuhe wurden, soweit es ging, auf Zuwachs angeschafft. Dass es unter orthopädischen Aspekten fragwürdig sein kann, Schuhe im Voraus mehrere Nummern zu groß anzuschaffen, besonders für Kinderfüße, die noch keine festgeprägte Form haben, wurde in Kauf genommen. Wenn Kinder Schuhe besaßen, wurden diese geschont und gepflegt und oft von Generation zu Generation „vererbt“. Kinder trugen also die Schuhe ihrer älteren Geschwister, wenn diese herausgewachsen waren.
Nicht der Besitz an bestimmten Kleidungsstücken kennzeichnete das Arbeiterkind, sondern eher der Mangel. Im Obrigkeitsstaat des deutschen Kaiserreichs führte dies nicht selten zu einem erstarrten und devoten Standesbewusstsein dahingehend, dass sich gute Kleidung, so auch feine Schuhe, nicht für Arme gehöre. Umgekehrt erschien manch bürgerlichem Wohlstandskind es als schön und erstrebenswert, sich auf nicht standesgemäße Art, ungezwungen und frei wie die Dorfkinder, im Sommer barfuß fortzubewegen.
Der Umbruch von 1918, das Entstehen einer demokratischen Kultur in der Weimarer Republik, beförderte diesen Wandel entscheidend. Allmählich vollzog sich durch industrielle Fertigungen ein auch im Alltag von Kindern ablesbarer Wandel; die Schuhtracht wurde für weite Bevölkerungskreise bezahlbar.
Schuhe von Kindern wurden ein Zeichen, um sozialen Aufstieg sichtbar zu machen. Setzten Arbeiterfrauen zunächst alles daran, ihren Kindern wenigstens Holzschuhe anziehen zu können, so ließ sich z. B. beim Kirchgang über die Sonntagstracht ein beginnender Wohlstand und die weitere Annäherung an kleinbürgerliche Ideale abbilden.
Sozio-kulturelle Funktion als „Lifestyle“-Medium mini|Eleganz von Schuhen ist für viele Menschen wichtig Schuhe drücken ein Zugehörigkeitsgefühl aus. An ihnen ist ablesbar, wie hoch der Stellenwert gruppenkonformer Kleidung im Bewusstsein lifestyle-orientierter junger Leute ist. Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert trugen die Anhänger der „Zurück-zur-Natur-“ und der Friedensbewegung gerne Sandalen. In späteren Jugendkulturen wurden bestimmte Schuhe äußeres Erkennungszeichen der Gruppenzugehörigkeit (zum Beispiel Doc Martens, Springerstiefel, Birkenstock-Schuhe oder Marken-Sneaker).
Heutzutage symbolisieren z. B. die mit gehobener Businesskleidung – stets in glänzendem Pflegezustand – kombinierten hochwertigen Herrenschuhe aus feinem Kalbsoberleder, dass ihr Träger keine körperliche Arbeit verrichtet, dem Establishment angehört, das sich solche Schuhe zu leisten vermag und darin eine kluge Investition sieht, um den feinsinnigen Dingen des Lebens Aufmerksamkeit beizumessen.
Was das Tragen bestimmter Schuhe ausdrückt, kann als das „Sprechen einer Sprache“ verstanden werden, die mit Codes und Regeln durchsetzt ist. Abhängig von der jeweiligen Kultur werden diese verschieden genutzt und interpretiert.
Geschichte Einen „Urschuh“, auf den die Grundform des Schuhs zurückgeht, gibt es nicht. In kälteren Regionen wurden zunächst wahrscheinlich Tierfelle als Schutz um die Füße und Waden gewickelt. Andere Völker legten die Felle nur um die Füße zum sogenannten Fußsack, aus dem später der Mokassin entstand. In klimatisch wärmeren Regionen dienten unter die Füße gebundene Sohlen aus Palmblättern als Schutz gegen den heißen Boden (Vorläufer der Sandale).
Steinzeit mini|Lederschuh aus der Höhle Areni I, Armenien, etwa 3500 v. Chr. mini|Rechter Schuh von „Ötzi“ (Rekonstruktionszeichnung) Während der letzten Eiszeit lebten Neandertaler in Europa und Westasien, die vermutlich zunächst Tierfelle um die Füße und Waden wickelten. Der bedeutendste Fundplatz für solche Nachweise ist Le Rozel in der Normandie. Wann das Zuschneiden und Verschnüren von Schuhen und Lederbekleidung begann, kann nur über entsprechende Werkzeuge erschlossen werden. Der Fund eines Knochenpfriems aus Untertürkheim (ca. 120.000 Jahre alt, Eem-Warmzeit) stellt die älteste potenzielle Ahle eines Schuhmachers aus der Neandertalerzeit dar.S. Wenzel: Neanderthal presence and behaviour in Central and Northwestern Europe during MIS 5e. In: Developments in Quaternary Sciences. Vol. 7, 2007, Elsevier, S. 173–193. In der Spätphase der Neandertaler (vor 40.000–30.000 Jahren, Châtelperronien) treten diese Knochenpfrieme häufig in Fundstellen auf.
Anhand vergleichender anatomischer Untersuchungen von altsteinzeitlichen Fuß- und Beinskeletten gibt es Hinweise, dass der moderne Mensch (Homo sapiens) möglicherweise bereits bei seinem ersten Auftreten im nördlichen Eurasien Schuhe kannte. Die ältesten Hinweise stammen vom Beginn des Jungpaläolithikums vor etwa 40.000 Jahren (Fossil Tianyuan 1 aus der Tianyuan-Höhle bei Peking). Da der Fuß im Schuh einer anderen Belastung als barfuß ausgesetzt ist, wird ein Unterschied vornehmlich in der Knochenentwicklung der Zehen erkennbar. Die Tendenz lässt sich neben dem Individuum Tianyuan 1 an weiteren Skeletten nachweisen – zum Beispiel am Grab Sungir 1 (Russland), das auf etwa 27.000 BP (entspricht kalibriert etwa 30.500 v. Chr.) datiert wurde. Zusätzlich sind in allen drei Gräbern von Sungir im Bereich der Füße aufgereihte Elfenbeinperlen gefunden worden, die einen klaren Hinweis auf ehemalige Dekoration an Schuhen aus Leder oder Bast geben.N.O. Bader: Upper Palaeolithic Site Sungir (Graves and Environment). Scientific World, Moscow 1998. Da die weichen organischen Materialien vollständig im Boden vergangen sind, kann dies nur über die erhaltenen Perlen aus Elfenbein vom Wollhaarmammut erschlossen werden.