mini|hochkant=1.35|Kreuzchor auf dem Dresdner Theaterplatz, auf dem Sofa Roderich Kreile
Der Dresdner Kreuzchor ist ein weltbekannter Knabenchor aus Dresden mit einer etwa 650-jährigen Tradition. Er zählt nach dem Aachener Domchor, den Regensburger Domspatzen, dem Stadtsingechor zu Halle, dem Bamberger Domchor und dem Leipziger Thomanerchor zu den sechs ältesten Knabenchören Deutschlands.
Beschreibung Dem Dresdner Kreuzchor gehörten im Jahr 2016 123 aktive KruzianerSpielzeitbuch 2016 des Dresdner Kreuzchores – so werden die Chormitglieder genannt – im Alter von 9 bis 19 Jahren an, die als gemischt-stimmiger Knabenchor (Sopran/Alt/Tenor/Bass) musizieren. Die Größe der Besetzung richtet sich nach den jeweils aufzuführenden Werken. Zu Gastspielen reisen durchschnittlich etwa 80 Kruzianer.
Träger des Kreuzchores ist die Stadt Dresden (er ist also kein kirchlicher Chor), wobei die künstlerische Heimstatt des Chores die Kreuzkirche ist. Die Gestaltung der Kirchenmusik für die Vespern und Gottesdienste entspricht seiner ursprünglichen Verpflichtung und bildet zugleich das Fundament seiner künstlerischen Arbeit.
Ein gleichermaßen vielfältiges wie umfassendes Repertoire zeichnet den Chor aus. Es reicht von den frühbarocken Werken des Dresdner Hofkapellmeisters Heinrich Schütz, den Bachschen Passionen, Motetten und Kantaten sowie der Chormusik des 19. Jahrhunderts bis zur Moderne, wie die Uraufführung des Werkes Pilgerfahrten von Chaya Czernowin. Mit zahlreichen Ur- und Erstaufführungen erfährt der Dresdner Kreuzchor immer wieder auch die Beachtung und Anerkennung der Fachkritik und der Öffentlichkeit.
Die gemeinsamen Konzerte mit der Dresdner Philharmonie, der Sächsischen Staatskapelle Dresden oder Spezialensembles für Alte Musik sind fest verwurzelt im Konzertleben der Stadt Dresden.
Regelmäßig wird der Chor zu Fernseh- und Rundfunkaufnahmen verpflichtet. Seit den späten 1950er Jahren produzieren die Kruzianer Tonaufnahmen für angesehene Schallplattenfirmen. Werke aus nahezu allen Epochen der Musikgeschichte wurden seitdem aufgenommen und liegen heute als CDs bei Berlin Classics, Capriccio, Teldec und der Deutschen Grammophon Gesellschaft vor.
Bis zum Abitur erhalten die Kruzianer ihre schulische Ausbildung am Evangelischen Kreuzgymnasium. Jene des ersten Jahrgangs (vierte Klasse) sowie die älteren mit weiteren Heimfahrtswegen wohnen im Alumnat, dem Internat des Chores.
Erfolg und Berühmtheit resultieren nicht allein aus dem spezifischen Klang der Knabenstimmen (auch Kruzianerstimmen genannt), Grundlage dafür sind die tägliche Probenarbeit und ein intensiver Gesangs- und Instrumentalunterricht. Die Synthese zwischen liturgischer Tradition, kontinuierlicher Ausbildung und einer hohen künstlerischen Qualität verhilft dem Ensemble zu weltweiter Ausstrahlung.
Im Jahr 2014 wurde der Dresdner Kreuzchor gemeinsam mit dem Thomanerchor und den Dresdner Kapellknaben vom Land Sachsen für das Immaterielle Kulturerbe nominiert und im Dezember in die entsprechende Liste auch aufgenommen.
Kreuzschule und Dresdner Kreuzchor Geschichte mini|Der Kreuzchor unter Otto Richter (Mitte), Foto zwischen 1906 und 1930 Am 6. April 1300 wird erstmals urkundlich ein Dresdner Schulmeister erwähnt. Bei dem Anfang der Schule dürfte es sich um eine Pfarrschule gehandelt haben, die im Verlauf des 14. Jahrhunderts bis 1380 in die Verwaltung des Dresdner Rates überging. Der Name Kreuzschule hing mit der Lage in der Nähe der ebenfalls um diese Zeit nach an die vermutlich dem Hl. Nikolaus geweihte Kirche gekommene Reliquie vom Kreuz Christi, für die eigens eine Kapelle, die Kreuzkapelle, angebaut wurde.Karlheinz Blaschke, Uwe John (Hrsg. im Auftrag der Landeshauptstadt Dresden): Geschichte der Stadt Dresden. Band 1: Von den Anfängen bis zum Dreißigjährigen Krieg. Konrad Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1906-0, S. 205, 235. Die Nikolaikirche wurde wiederum erstmals 1319 als Kreuzkirche bezeichnet. Eine wichtige Aufgabe – schriftlich nachweisbar seit 1371 – besteht in der Ausbildung von Chorknaben,Martin Morgenstern: . welche für liturgische Gesänge benötigt wurden. Darüber hinaus kommen sie bei der Feier von Gottesdiensten zum Einsatz.
Das tatsächliche Alter des Chores ist nicht exakt belegbar. So wurde die 700-Jahr-Feier des Chores im 20. Jahrhundert gleich fünfmal (davon – mindestens – dreimal festlich) begangen: 1916, 1926, 1931, 1937 und 1947. Nach der so bezeichneten 775-Jahr-Feier im Jahr 1991 führte bereits 1992 der Historiker Karlheinz Blaschke aus: „Es ist nur zu hoffen, dass das Kreuzchorjubiläum von 1991 das letzte ist, das sich auf das Jahr 1216 bezieht, da ein solcher Bezug haltlos ist.“Karlheinz Blaschke: Kreuzkirche, Kreuzschule und Kreuzchor zu Dresden im Mittelalter. In: Schola crucis, schola lucis? (= Dresdner Hefte – Beiträge zur Kulturgeschichte. Heft 30). 1992, ISBN 3-910055-14-1, S. 5–8, hier S. 6. Im gleichen Heft weitere Nachweise, dass der Kreuzchor nicht 1216 gegründet wurde oder zu diesem Zeitpunkt als bereits existierend anzusehen ist.
Auf Grund der erstmaligen schriftlichen Erwähnung von 1371, der Tatsache, dass um diese Zeit die Schule in städtische Trägerschaft überging und der erst ab 1390 nachweisbaren endgültigen Umbenennung der Nikolai- in Kreuzkirche, liegt es nahe, das tatsächliche Alter des Chores für 2016 mit etwa 645 Jahren anzunehmen. Die Annahme, dass die erste Erwähnung Dresdens als Stadt (1216) mit einer Gründung oder Ersterwähnung des Kreuzchores identisch sei, ist durch nichts belegt bzw. belegbar;Karlheinz Blaschke, wie bereits für 1991 benannt. die 775-Jahr-Feier 1991 des Kreuzchores, wie auch dessen 800-Jahr-Feier 2016 basieren insoweit auf einer unbelegten Behauptung.
Kreuzkantor Der jeweilige Leiter des Kreuzchores trägt den Titel Kreuzkantor. Kreuzkantoren sind Angestellte der Stadt Dresden in einem besonderen vertraglichen Verhältnis. Die Dauer dieses Amtes ist prinzipiell nicht beschränkt, so dass ein Kreuzkantor über Jahrzehnte im Amt bleiben kann. Beispiele hierfür sind Ernst Julius Otto (1828 bis 1875) und Rudolf Mauersberger (1930 bis 1971). Der ehemalige Kruzianer Martin Lehmann wurde im September 2022 in das Amt als Kreuzkantor eingeführt. alternativtext=Denkmal für die Kruzianer|mini|Denkmal für die Kruzianer und den Kreuzchor neben der Kreuzkirche alternativtext=Informationen zum Denkmal für die Kruzianer|mini|Erklärungstafel zum Denkmal für die Kruzianer
Kreuzchorvespern Die jährlich über 20 Kreuzchorvespern – an Sonnabenden um 17 Uhr bzw. am Karsamstag und am Altjahresabend um 16 Uhr sowie an Heiligabend 14 und 16 Uhr – verstehen sich als musikalische Andachten und werden regelmäßig von über eintausend Zuhörern besucht. Die aus dem Altarraum erklingende Chormusik wird durch Orgelspiel, das Wort zum Sonntag, Gemeindechoral sowie Gebet und Segen ergänzt.
Im Advent, zu Weihnachten, bei der Christvesper der Kruzianer, Ostern oder Pfingsten warten die Besucher bereits mehrere Stunden in langer Schlange auf dem Altmarkt, um Einlass in die Kirche zu finden. Und für die Kruzianer sind es jährlich neu erlebte Höhepunkte, vor über dreitausend Menschen musizierend die christliche Botschaft zu verkünden.
Gottesdienste Bis zu 25 Mal im Jahr singen die Kruzianer im Gottesdienst am Sonntagmorgen die Motetten von der Chorempore und stimmen die Wechselgesänge mit einer kleinen Chorgruppe in liturgischer Kurrendetracht im Altarraum an. Als Besonderheit gilt ebenso das Psalmodieren der Epistel und des Evangeliums durch einen Kruzianer.
Konzerte Die jährlich über zehn Konzerte werden durch das Kirchenjahr bestimmt. Beginnend mit zwei Weihnachtsliederabenden, schließen sich drei Aufführungen der Kantaten 1 bis 3 des Bachschen Weihnachtsoratoriums an, am Jahresbeginn folgen die Kantaten 4 bis 6. Den Gedenktag an die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg begeht der Chor mit Werken, die dem mahnenden Anlass dieses Tages entsprechen. In der Karwoche steht die zweimalige Aufführung der Bachschen Matthäus- oder Johannespassion auf dem Programm. In den ersten Sommerwochen erklingt meist ein groß besetztes chorsinfonisches Werk im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele. Im Herbst wird das Deutsche Requiem von Johannes Brahms aufgeführt.
Ostermette Die traditionelle Ostermette des Dresdner Kreuzchores findet seit den 1950er Jahren am Morgen des Ostersonntags statt. Hierin werden nach der Tradition mittelalterlicher Mysterienspiele die biblischen Geschehnisse szenisch dargestellt, begleitet von Musik des früheren Kreuzkantors Rudolf Mauersberger. Seit 2017 wird eine von Peter Kopp bearbeitete Form vorgeführt.
Handschriftenarchiv In Depots des Kreuzchors fanden sich historische Handschriften und Drucke und Kopien von Handschriften wieder. Um diese schematisch zu erfassen, zu digitalisieren und der Öffentlichkeit bereitzustellen, gründete sich 2013 das privat betriebene Handschriftenarchiv Dresdner Kreuzchor.
Tourneen, Konzerte und andere Auftritte mini|links|Kreuzchor bei einem Auftritt in der Dresdner Kreuzkirche in den 1960er Jahren
Die Kruzianer sind Gäste in Kirchen und Konzertsälen des In- und Auslandes. Gastspiele führten den Chor in den letzten Jahren in die USA, nach Japan, Südkorea, Taiwan, Volksrepublik China sowie Kanada. Ferner in viele weitere europäische Länder und in zahllose deutsche Städte. Drei feste Tourneen finden in jedem Jahr statt: im Sommer, Herbst und Winter. Dazu kommen mehrere Kurzreisen. Opernhäuser wie die Semperoper Dresden, in früheren Jahren auch die Deutsche Oper Berlin oder die Komische Oper Berlin, engagieren Sänger des Chores regelmäßig als Solisten, beispielsweise als Knabenterzett in der Zauberflöte oder als Hirtenknabe in Tosca. An manchen Sonnabenden singt der Chor in der „Vesper“ der Kreuzkirche, einer musikalisch-liturgischen Abendandacht von etwa 60 Minuten Dauer. Der Dresdner Kreuzchor gestaltet regelmäßig die Gottesdienste in der Kreuzkirche an Sonntagen, die auf Sonnabende mit Kreuzchorvesper folgen, mit Liturgiegesängen sowie Motetten und Kantaten. Insgesamt singen die Kruzianer mehr als 100 Mal im Jahr: etwa 50 Gottesdienste und Vespern, 10 Konzerte in der Kreuzkirche sowie 40 Konzerte auf Tourneen und Gastspielen. Jährlich erleben 150.000 Besucher die Aufführungen des Chores.. Archivierte Seite, abgerufen am 6. Dezember 2015. Anlässlich der „800-Jahr“-Feier des Chors wurde 2015 ein Adventskonzert im Dresdner Stadion vor über 15.000 Zuschauern veranstaltet.Juliane Weigt: In: Dresdner Neueste Nachrichten, 21. Dezember 2015. Daraus wurde eine jährliche Tradition. 2020 musste das Konzert aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden, es wurde jedoch als Ersatz ein Studioalbum veröffentlicht.“Das große Adventskonzert” – Album zum Event mit dem Dresdener Kreuzchor, Musicheadquarter, 30. November 2020 Damit konnte sich der Kreuzchor in den deutschen Charts platzieren.
Bekannte ehemalige Kruzianer Theo Adam (1926–2019), Sänger (Bass), Opernregisseur Hansjörg Albrecht (* 1972), Chordirigent, Leiter des Münchener Bach-Chores Olaf Bär (* 1957), Sänger (Bariton) Jens Bauditz (* 1981), Dirigent, Leiter des Neuen Knabenchores Hamburg Ludwig Blochberger (* 1982), Schauspieler Henryk Böhm (* 1969), Sänger (Bariton) Wolfram Böhme (1937–2011), Lyriker, Mundartdichter Matthias Brauer (* 1950), Chorleiter Volker Bräutigam (1939–2022), Komponist, Kirchenmusiker Dankwart Brinksmeier (* 1956), Pfarrer Michael von Brück (* 1949), Religionswissenschaftler, Theologe, Pfarrer, Autor, Zen-Lehrer, Yoga-Lehrer. Christian Collum (* 1943), Kirchenmusiker Atlas Crusius (1606–1679), ehemaliger Bürgermeister der Stadt Chemnitz Matthias Eisenberg (* 1956), Organist, Cembalist, Kirchenmusiker Helmar Federowski (* 1946), Musiker, Tontechniker Wolfgang Fischer (1932–2011), Kirchenmusiker Clemens Flämig (* 1976), Sänger (Tenor), Dirigent und Leiter des Stadtsingechores zu Halle Matthias Geissler (* 1946), Chordirigent der Dresdner Philharmonie Johannes Gelbke (1846–1903), Komponist, Musiker