mini|hochkant=1.5|Der Messias (Ausgabe 1749); Titelseite und Anfang des ersten Gesangs Der Messias. Ein Heldengedicht ist ein religiöses Epos in 20 Gesängen von Friedrich Gottlieb Klopstock. Er veröffentlichte das umfangreiche Werk fortlaufend von 1749 bis 1773. Der Autor verwendet als erster in der deutschen Literaturgeschichte durchgehende Hexameter und lehnt sich somit an die Epen Homers (Ilias und Odyssee) an. Inhaltlich eröffnet Der Messias in Deutschland die Epoche der Empfindsamkeit.
Inhalt Überblick Klopstocks Epos gestaltet in 20 Gesängen und nahezu 20.000 Versen die Passionsgeschichte Jesu und dessen Auferstehung nach dem Matthäusevangelium, Kap. 26–28 (bzw. dem Markusevangelium Kap. 14 und dem Lukasevangelium Kap. 22) beginnend mit seinem Gebet auf dem Ölberg. Die Ereignisse des in wenigen Kapiteln auf Jesus konzentrierten Fabel-Kerns erweitert der Autor um Parallelhandlungen (Maria, Portia, Thomas u. a.) und um mit vielen Bildern wortreich ausgemalte transzendentale Szenen nach Motiven aus dem Alten und dem Neuen Testament sowie der Apokalypse: Die Personen werden begleitet von Engeln, die einen kosmischen Krieg gegen die Dämonen des Höllenreichs austragen. Die ersten beiden Gesänge stellen die Lager in ihrer Polarität vor: Im ersten beschreibt der Autor Gabriels Reise durch das Weltall zu dem von Erzengeln gebildeten Hofstaat Jehovas. Der zweite Gesang schildert Satans dunkle Gegenwelt mit ihren Dämonen. Sie kämpfen um die Seelen der Menschen, die oft wie von übernatürlichen Kräften geführte entindividualisierte Wesen erscheinen. Die Verführung zum Bösen wird sowohl an Engeln als auch Menschen demonstriert: z. B. an dem in Sünde gefallenen, reuigen Abbadona, der sich im Lauf der Handlung immer wieder dem leidenden Jesus und göttlichen Bezirk zu nähern sucht (v. a. 2., 5., 9. Gesang), oder an der Judas-Geschichte.
Der Autor setzt beim Auftritt bzw. der Erwähnung vieler Personen und bei Bezügen auf ihre Lebensgeschichten die Kenntnis des Alten und Neuen Testaments voraus. Bei den von ihm erdichteten surrealen Szenen beruft er sich auf Mitteilungen seiner Muse Sionitin, der Seherin Gottes. Oft wird das Geschehen aus beiden Quellen gespiegelt indirekt beschrieben; so erlebt der Leser die Jünger Jesu anfangs mit den Augen ihrer Schutzengel, die mit dem Engelboten über sie sprechen, oder in der Beobachtung einer anderen Person, z. B. Petri Verleugnung aus der Perspektive Portias (6. Gesang). Eingearbeitet in solche Gespräche sind Informationen beispielsweise über Jesu Lebensgeschichte und über die Charaktere seiner Jünger (3. Gesang), aber auch frei erfundene Figuren. Wie in einem großen Mysterienspiel betreten immer wieder die Seelen biblischer Figuren, z. B. der Urväter und Urmütter, der Propheten, der Könige, aber auch der zum Zeitpunkt der Kreuzigung noch ungeborenen zukünftigen Christen die Szenerie.
Erster Gesang: Das Himmelreich Zweiter Gesang: Die Hölle Dritter Gesang: Die Jünger und ihre Schutzengel Vierter Gesang: Abendmahl und Judas' Verrat Fünfter Gesang: Gebet in Gethsemane Sechster und siebenter Gesang: Gefangennahme und Gericht Achter bis zehnter Gesang: Kreuzigung Elfter Gesang: Auferstehung der Toten Zwölfter Gesang: Grablegung Dreizehnter Gesang: Auferstehung Jesu Vierzehnter Gesang: Das leere Grab und Erscheinungen Jesu Fünfzehnter Gesang: Die Verkündigung der Botschaft von der Auferstehung Sechzehnter Gesang: Das Gericht über Satan und seine Dämonen der Unterwelt Siebzehnter Gesang: Verkündigung der Botschaft durch die Zeugen Achtzehnter Gesang: Adams Vision vom letzten Gericht Neunzehnter Gesang: Jesu letzte Erscheinung vor seiner Himmelfahrt Zwanzigster Gesang: Lobgesänge der mit Jesus in den Himmel ziehenden Scharen
Erster Gesang Jesus bittet in seinem nächtlichen Gebet auf dem Ölberg den zürnenden Vater um Vergebung für die sündigen Menschen, erinnert an den gemeinsamen Plan und seine Rolle als „Mittler“ zwischen Gott und den Menschen. Er bietet sein „Blut der Versöhnung“ (V. 99) an, um „das Bild der Gottheit im Menschen neu zu erschaffen“ (V. 98). Der Hauptteil handelt von der Sphärenreise des Götterboten Gabriel, der Begleiter des Gottessohnes auf Erden ist, durch den ätherischen Strom zum Lichtzentrum, um das Gebet Jehovas zu übermitteln und seine Entscheidung zu hören. Eingeschaltet in den Hymnus über die göttliche Welt ist die Beschreibung der Erschaffung des Himmels und ihrer Lichtgestalten. Auf die Bitten von Eloa („der nächste dem Unerschaffenen“, V. 288) und Urim, die Welt nicht zu richten und mit ewigem Tode zu bestrafen, kehrt Gabriel mit der göttlichen Botschaft „Gott ist die Liebe und Erlöser der Menschen“ zum Ölberg zurück.
Zweiter Gesang Der Messias erhebt sich in der Morgensonne, begleitet von Seelengesängen Adams und Evas, in denen sie die Gottesmutter preisen. Zusammen mit dem Engel Raphael, dem Beschützer seines Jüngers Johannes, steigt er den Ölberg hinunter zu den Gräbern der Toten und begegnet dem vom Satan besessenen Samma, der aus Verzweiflung über den Tod eines Sohnes seinen kleinen Sohn Benoni getötet hat und sich eine Klippe hinunterstürzen will. Jesus vertreibt den Satan, der sich ihm als „König der Welt“ und als „die oberste Gottheit unsklavischer Geister“ (V. 173), der Jesu „Geliebten, die Menschen“ (V. 184) plagt, entgegenstellen will und ihn als von einer Frau geborenen „sterbliche[n[ …] götterträumende[n] Seher“ (V. 175, 180) verspottet, und befreit Samma aus seiner Gewalt. Satan flieht, da er das Licht des Himmels nicht ertragen kann, in die ewige Dunkelheit. Dieser Ort der Verdammnis wird auf „Gottes Befehl“ von zwei Engeln bewacht, „damit nicht Satan\ Kühn mit seiner verfinsterten Last die Schöpfung bestürme,\ Und das Antlitz der schönen Natur durch Verwüstung entstellte.“ (V. 266–268) Dort trifft Satan auf andere aufrührerische und zerstörerische Dämonen, die Jehova in die Tiefe verstoßen hat: Adramelech, der als Negation der Schöpfung alles zerstören will, Moloch, Belielel, Magog und „Tausendmal tausend [verurteilte] Geister“ (V. 408). Wenn sie auch nicht den Himmel erobern konnten, so wollen sie doch ihre Herrschaft über die sterblichen Menschen nicht abgeben. Satan erzählt nun in kritischer Bewertung die jüdische Messias-Vision und die Geschichte des irdischen Gottes, der den toten Seelen ihre Sünden vergeben und sie so dem Höllenreich entreißen will. Um dies zu verhindern, hetzt Satan die Menschen, mit Herodes hat er begonnen, gegen Jesus auf. Sie sollen ihn töten, dann werde sein Leib zerfallen. Mit der Zustimmung aller Dämonen reisen Satan und Adramelech zum Ölberg.
Dritter Gesang Die Ölberg-Handlung setzt sich mit der Suche der Jünger nach ihrem schlafenden Meister fort, der aus höheren Regionen beschirmt wird: „Die heilige Ruhe\ Eilte, gesandt von Gott, vom Allerheiligsten Gotte\ Nieder in stillen Düften auf ihn, und kühlendem Säuseln.\ Jesus schlief“ (V. 100–103). Als Beobachter des Himmels wurde der Seraph Selia entsandt. Er erblickt die Anhänger Jesu und lässt sie sich durch deren Engel, die ihnen Jesus zugewiesen hat, vorstellen: Simon (durch Orion), Andreas (durch Sipha), Philippus (durch Libaniel), Jakobus (durch Adona), Simon (durch Megiddon), Jakobus der Alphäide (durch Adoram), Thomas (durch Umbriel), Matthäus (durch Bildaï), Bartholomäus (durch Siona), Lebbäus (durch Elim), Judas (durch Ithuriel). Ithuriel erzählt von den Veränderungen im Verhalten Judas’ und dass er seinen Verrat, wie ihn Jesus beim Abendmahl vorausgesagt hat, befürchte, denn Judas sei eifersüchtig auf Johannes, der von Salem, einem seiner beiden Begleiter, im Gegensatz zu Judas als Beispiel unschuldiger Liebe gepriesen wird. Im letzten Teil des Gesangs schickt Satan dem schlafenden Judas einen Traum, in dem dessen verstorbener Vater auftritt, ihm seine Benachteiligung gegenüber den anderen Jüngern verdeutlicht und ihm rät, Jesus an die Priester auszuliefern, einmal um zu Geld zu kommen und zweitens um den Messias zu zwingen, seine Friedfertigkeit aufzugeben und um die Macht zu kämpfen. Ithuriel bemerkt die List Satans, der „die Unschuld der Seele\ Schon entheiliget hatte“ (V. 671–672), und weckt Judas auf. Dieser ist sich über die Herkunft des Traums und die Botschaft unsicher. Er verflucht den Ort, wo er schlief, und den Tag, da der Messias ihn in seinen Kreis berief, und er weiß, dass er jetzt eine unwiderrufbare Entscheidung zwischen Gut und Böse treffen muss: „Deine Gesichte trügen dich nicht. Und wenn sie es täten;\ Kannst du es anders, als so, wonach du seufzest, erlangen?\ Also rief er, wütet’ er, war, seit seinem Gesichte,\ Zwo erschreckliche Stunden der Ewigkeit näher gekommen“ (V. 742–745).
Vierter Gesang Ähnlich wie bei Judas geht Satan beim Hohepriester Kaiphas vor, dem er im Schlaf ein „dunkle[s] Gesichte“ (V. 1) sendet. Dieser beruft eine Versammlung der Priester und Ältesten des Volkes ein und appelliert an sie, den falschen Messias, der mit vorgetäuschten Wundern die Bevölkerung gegen die Priester aufwiegle, gefangen zu nehmen und zu richten. Als Beleg nennt er seinen Traum: „Gott gebeut uns, ihn schnell vom Antlitz der Erde zu tilgen. […] Er muß sterben“ (V. 58, V. 94). Darauf entsteht ein theologischer Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern, „Wie tief in der Feldschlacht\ Kriegerische Rosse vor eisernen Wagen sich zügellos heben,\ Wenn die klingende Lanze daherbebt“ (V. 179–181). Der pharisäische Philo stellt die Wahrheit von Kaiphas’ Traumprophezeiungen in Frage, schließt sich aber seiner Situationsanalyse an, Jesus sei ein Aufrührer und nicht der Sohn Gottes. Er fordert, von Satan erfreut beobachtet, die Verteidigung der göttlichen Offenbarungen und Gesetze des Alten Testaments und die Tötung Jesu, obwohl „sein Herz ihn Heuchler [nannte]“ (V. 173–174). Dagegen warnen besonnene Stimmen (v. a. Gamaliel), nur Gott allein richte und die Menschen dürften kein heiliges Blut vergießen. Nikodemus hält eine große Verteidigungs- und glühende Bekenntnisrede für die Botschaft des unschuldigen Jesus, verweist mit vielen Beispielen seiner Lebensgeschichte auf seine wundertätigen Handlungen und friedfertigen Predigten vom neuen Bund Gottes und dem ewigen Leben, wofür Gott-Vater das Leben seines Sohnes opfern werde. Seraph Ithuriel sieht in Nikodemus den Prototyp des neuen Menschen und stimmt nach dem Vorbild von Eloa eine Hymne auf die Schöpfung an. Die Stimmung der durch Nikodemus’ Rede nachdenklich gewordenen Versammlung wendet sich durch die Ankunft Judas Ischariots, der eine Belohnung empfängt und bereit ist, sie zu Jesus zu führen.