Wüstensachsen ist ein Ortsteil der Gemeinde Ehrenberg (Rhön) im Landkreis Fulda in Hessen und Sitz der Gemeindeverwaltung. Der Ort ist ein staatlich anerkannter Luftkurort.Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung: 80. Sitzung des Fachausschusses für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen in Hessen vom 14. Oktober 2014. Staatsanzeiger für das Land Hessen 7/2015 Seite 148.
Geographische Lage Wüstensachsen befindet sich am oberen Ende des Ulstertals. Die hier an den Berghängen entspringende Ulster fließt durch den Ort in Richtung Norden. Wüstensachsen ist in allen anderen Richtungen von den bis zu 900 Meter hohen Bergen der Rhön umgeben, darunter die Wasserkuppe im Westen, der Heidelstein im Süden und der Stirnberg im Osten.
Wüstensachsen grenzt im Norden an Melperts, im Westen an Reulbach und Sandberg, im Süden an Gersfeld (Rhön) und das bayerische Ginolfs sowie im Osten an das ebenfalls bayerische Roth vor der Rhön, einem Ortsteil von Hausen (Rhön).
Politik
Bürgermeister und Ortsvorsteher
Seit der Gebietsreform 1970 steht der Bürgermeister der fusionierten Gemeinde Ehrenberg (Rhön) vor.
Liste der Schultheiße, Ortsvorsteher und Bürgermeister der Gemeinde Wüstensachsen: FunktionNamevonbisBild Amtsvogt und Schultheis Wolf Albrecht von Thüngen Amtsvogt und Schultheis Johann Wilhelm Stöhr 1699 1702 Schultheis Johann Philipp Mötzinger 1702 Schultheis Reith Röder 1708 Schultheis Johann Binder 1708 1723 Schultheis Thomas Fey 1723 1730 Schultheis A.A. Pfister 1730 1740 Schultheis Johann Knüttel 1740 1742 Schultheis Johann Glüber 1742 1752 Schultheis Neidharth Röder 1752 1763 Schultheis Johann Heinrich Röder 1763 1771 Schultheis Christov Klüber 1771 1798 Schultheis Johann Bott 1798 1816 Schultheis Kilian Menz 1826 1836 Ortsvorsteher Johann Happel 1836 1843 Ortsvorsteher Sebastian Schmitt 1843 1857 Ortsvorsteher Johann Romeis 1857 1860 Ortsvorsteher Johann Josef Röder 1860 1866 Ortsvorsteher Johann Bihn 1866 1869 Ortsvorsteher Georg Adam Heger (Gastwirt) 1869 1876Ortsvorsteher Peter Grösch 1876 1895 Bürgermeister Sebastian Romeis 1895 1906 Bürgermeister Valentin Happel 1906 1933 120px Bürgermeister Karl Huppmann 1933 1938 Bürgermeister Vinzens Kümmel 1938 1939 Bürgermeister Josef Schmitt 1939 1945 Bürgermeister Josef Röder 1945 1948 Bürgermeister Hermann Keidel 1948 1952 Bürgermeister Aloys Ebert 1952 1960 Bürgermeister Willi Laidig 1961 1968 Bürgermeister Josef Walburg 1968 1971 Bürgermeister Waldemar Rippstein 1971 1983 Bürgermeister Thomas Schreiner 1983 2019 Bürgermeister Peter Kirchner 2019
Geschichte Namensherkunft Wüstensachsen soll schon im 8. oder 9. Jahrhundert bestanden haben und von Sachsen besiedelt worden sein. Diese hätten später den Ort wieder verlassen. Damit wurde er zur Wüstung. Daher stamme der Name Wüstensachsen. Allerdings merkt Erwin Sturm zur Entstehung des Namens an, dass die Volksmeinung aus dem Ortsnamen (wie auch bei Kleinsassen u. a.) auf Sachsen-Ansiedlungen zur Zeit Karls des Großen schließen möchte, dies aber sehr unwahrscheinlich sei. "Sachsen" sei von "Sassen" abgeleitet und bedeute Ansässige oder Siedlung am Felsen. Um 1500 war der Ort wüst, 1525 aber wieder besiedelt worden und wurde später zur Unterscheidung von Kleinsassen „Wüstensachsen“ genannt.
10. bis 19. Jahrhundert Wüstensachsen wurde im Jahr 1141 erstmals erwähnt. 1141 wird Wüstensachsen urkundlich als Voestensasse erwähnt. Durch die Pest im Jahre 1350 sterben 60 % der Einwohner.
Um 1500 wurde das Dorf vorübergehend verlassen und eine Wüstung. Ca. 1500 wurde die Pfarrei Wüstensachsen von Hilders abgetrennt und erscheint erstmals 1520 urkundlich. Das Adelsgeschlecht Steinau genannt Steinrück erbaut um 1500 eine Wasserburg und 1517 eine Kirche.1520 präsentierte Balthasar von Steinau genannt Steinrück dem Bischof von Würzburg einen neuen Pfarrer für die Pfarrei Wüstensachsen. Am 28. November 1527 erhält Balthasar von Steinau genannt Steinrück vom Fürstabt des Hochstifts Fulda Hartmann II. von Kirchberg und dem Koadjutor des Hochstifts Fulda Johann III. von Henneberg-Schleusinge die Burg Poppenhausen als Lehen einschließlich dem Dorf, Güter und Männer in Wüstensachsen. Im Zuge der Reformation schloss sich Balthasar von Steinau-Steinrück dem protestantischen Glauben an und berief den protestantischen Pfarrer Markus Sebander, der die neue Lehre in Wüstensachsen einführen sollte. Nach der Ausgliederung aus dem Verband der Pfarrei Hilders wurde Wüstensachsen eine protestantische Pfarrei, zu der Reulbach und Brand hinzukamen.
Elisabetha von Steinau genannt Steinrück, die Tochter von Balthasar von Steinau genannt Steinrück und Apollonia von Ebersberg, genannt Weyers brachte das Fuldische Lehen Poppenhausen mit dem Dorf Wüstensachsen um 1544 als Besitz mit in die Ehe mit Karl IV. von Thüngen ein. Wüstensachsen wurde damit Besitz der Lutzische Linie des fränkischen Adelsgeschlechts von Thüngen. Elisabetha lebte nach 1577 als Witwe bis zu ihrem Tod im Wasserschloss Wüstensachsen. Im Jahre 1590 brannte die Kirche bis auf den Chorraum und die Grundmauern vollständig ab. Es wurde eine neue Kirche erbaut. Der Wiederaufbau war 1597 abgeschlossen. 1602 Wüstensachsen wird wegen Verschuldung von Karl V. von Thüngen zu Wüstensachsen und Zellingen unter Fuldische Verwaltung gestellt (Sequestration). Um 1630 gelingt Wolf Albrecht von Thüngen die Rückgewinnung von Wüstensachsen (Aufhebung der Sequestration). Wolf Albrecht von Thüngen wird auch als erster Amtsvogt und Schultheis von Wüstensachsen aufgelistet. Das Adelsgeschlecht von Thüngen verkaufte Wüstensachsen 1669 an die Universität Würzburg. Die Universität Würzburg versprach hierbei die Regelungen des Westfälischen Friedens zu befolgen und die Untertanen in Wüstensachsen nicht an der Ausübung der evangelischen Religion zu behindern. 1673 wird eine Posthalterei im Amtshaus der Würzburger Julius-Universität errichtet.
In den Jahren 1718–1787 wanderten viele Bewohner von Wüstensachsen nach Ungarn und Russland aus. Eine Volksschule wird 1732 erbaut. Durch einen Großbrand 1780 werden 14 Wohnhäuser vernichtet. Um 1800 war der Haupterwerbszweig die Tuchmacherei und Landwirtschaft. Die Bundesstraße 278 von Bischofsheim in der Rhön nach Tann wurde in den Jahren 1835–1838 gebaut. 1851/52 wurde eine neue Kirche erbaut.
In den Jahren 1844 bis 1853 wanderten viele Wüstensachsener nach Amerika aus. Nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg 1866 gehörte Wüstensachsen von 1867 bis 1932 zum Landkreis Gersfeld im Regierungsbezirk Kassel der preußischen Provinz Hessen-Nassau.
20. bis 21. Jahrhundert 1910 erzeugt Fabian Diegelmann mit seiner Schlossmühle elektrische Energie und beliefert das Dorf mit Strom. Der Postomnibus löst 1913 die Postkutsche ab. Am 1. Februar 1916 wurde der Betrieb der Eisenbahnstrecke Hilders–Wüstensachsen aufgenommen.
1936/37 wurde ein Arbeitslager für weibliche Jugendliche durch die Nazis errichtet.
Durch mehrere Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg auf Wüstensachsen werden zahlreiche Häuser zerstört und Menschen getötet.
Im Jahre 1965 erhält Wüstensachsen das Prädikat „Staatlich anerkannter Erholungsort“.
Im Zuge der Gebietsreform in Hessen fusionierten am 31. Dezember 1970 die bis dahin selbständigen Gemeinden Wüstensachsen, Melperts, Reulbach, Seiferts und Thaiden auf freiwilliger Basis zur neuen Gemeinde Ehrenberg (Rhön). Sitz der Gemeindeverwaltung wurde Wüstensachsen. Für Wüstensachsen wie für die anderen ehemals eigenständigen Gemeinden wurden Ortsbezirke mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung gebildet.
1983 erhielt Wüstensachsen das Prädikat „Luftkurort“.
Einwohnerentwicklung
Jüdische Gemeinde mini|Die Häuser und Geschäfte jüdischer Familien in Wüstensachsen vor 1938 In Wüstensachsen bestand eine relativ große jüdische Landgemeinde und die jüdischen Bewohner stellten um 1809 17 % und 1924 10,3 % der Einwohner. Wüstensachsen war damit die Gemeinde mit dem höchsten Anteil an jüdischen Bewohnern in der hessischen Rhön.
Seit 1630 werden erstmals Juden am Ort genannt. In einer Verordnung von 1640 des Fürstbischofs von Würzburg wird den Bewohnern dieser Gegend ausdrücklich verboten, sich gegen Juden oder deren Eigentum zu vergehen. 1660 sind drei Juden urkundlich erwähnt. Ende des 18. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde 26 Familien, 1892 36 Familien. 1905 war die Mitgliederzahl der Gemeinde 118, um 1920 126 Personen. Die jüdische Gemeinde Wüstensachsen unterstand bis 1892 dem Distriktsrabbinat Gersfeld und wurde danach dem Provinzialrabbinat Fulda zugeteilt.
Die jüdischen Gewerbe in Wüstensachsen betrieben hauptsächlich Handel mit Vieh und landwirtschaftlichen Produkten und seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten eher kleinere Ladengeschäfte am Ort jüdischen Inhabern. Das Warenangebot war auf den täglichen Bedarf auch der zahlreichen jüdischen Familien ausgerichtet, wie Lebensmittel, Kolonial- oder Backwaren, Stoffe, Lederprodukte, Kleidung und Schuhe. Später wurden Läden zu kleinen Kaufhäusern erweitert und Produkte wie Nähmaschinen und Fahrräder kamen hinzu. Die jüdischen Familien lebten fast alle an der heutigen Rhönstraße (frühere Hauptstraße), die im Volksmund auch „Judenberg“ hieß. Als Friedhof benutzte die jüdische Gemeinde den Jüdischen Friedhof (Weyhers).
Die Abwanderung der Juden aus Wüstensachsen begann auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien bereits 1935. Die letzten jüdischen Einwohner wurden im November 1938 per Lastwagen nach Fulda abgeschoben und in sogenannten Judenhäusern untergebracht. (abgerufen am 13. Februar 2016) Einzelne Familien oder Personen konnten nach Nord- und Südamerika, nach Südafrika und Palästina auswandern. Von den 82 Gemeindemitgliedern, die 1933 noch in Wüstensachsen lebten, wurden 51 in die Vernichtungslager deportiert und ermordet. mini|Israelitische Elementar- bzw. Volksschule Wüstensachsen Die Synagoge von Wüstensachsen wird 1865 in einer Gemeindebeschreibung erwähnt, aus der deutlich wird, dass sie in einem schlechten Zustand war. Ein Synagogen-Neubau entstand dann um 1870. Nach 1933 kam es zu mehrfachen Schändungen und Beschädigungen der Synagoge. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch eine SA-Truppe geschändet, zerstört und abgerissen. Die Mauerreste der Synagoge wurden später abgetragen. Das Grundstück der früheren Synagoge ist heute unbebaut. Ein Gedenk- oder Hinweisstein ist nicht vorhanden. Die Synagoge stand zwischen dem Gebäude Rhönstraße 8 und dem Gebäude Rhönstraße 14. Eine Mikwe befand sich nicht weit von der Synagoge entfernt, an dem heute verrohrten Grumbach. Seit 1894 bestand eine Israelitische Elementar- und Volksschule, für die von 1899 bis 1903 ein neues Schulhaus erbaut wurde. 1938 musste die jüdische Schule geschlossen werden. Das Schulhaus kam 1941 in den Besitz der Gemeinde von Wüstensachsen, die darin das Bürgermeisteramt und die Gemeindebücherei einrichtete. Nach 1985 wurde das Gebäude zu einem Wohnhaus umgebaut.
Im Jahr 2014 wurde ein von dem aus Wüstensachsen stammenden Bildhauer Johannes Kirsch geschaffener Gedenkort für die von den Nazis vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger in der Ortsmitte eingerichtet. Im November 2021 wurde mit der Verlegung von „Stolpersteinen“ durch den Bildhauer Gunter Demnig begonnen. Am 4. Oktober 2022 wurden zusätzliche 14 Stolpersteine in Wüstensachsen durch die Initiative „Stolpersteine in Wüstensachsen – Das Projekt“ verlegt. Die Liste der Stolpersteine in Ehrenberg (Rhön) dokumentiert die bisher im Ortsteil Wüstensachsen verlegten Stolpersteine.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Katholische Pfarrkirche St. Michael
Römisch-katholische Pfarrkirche St. Michael