Der Begriff der Hochmittelalterlichen Ostsiedlung beziehungsweise des mittelalterlichen Landesausbaus (auch Deutsche Ostsiedlung oder einfach Ostsiedlung) bezeichnet die Einwanderung überwiegend deutschsprachiger Siedler in die östlichen Randgebiete des Heiligen Römischen Reiches während des Hochmittelalters und die damit einhergehenden Veränderungen der Siedlungs- und Rechtsstrukturen in den Einwanderungsgebieten. Bei diesen handelt es sich um die seit etwa dem Jahr 1000 überwiegend slawisch und teilweise baltisch bewohnten Gebiete östlich von Saale und Elbe sowie in Niederösterreich, der Steiermark und in Kärnten bis hin ins Baltikum, nach Böhmen, Polen (Oberschlesien, Pommern, Pommerellen, Ermland, Masuren und Weichseldelta), Ungarn mit heutigem Rumänien (Siebenbürgen) und der Slowakei (besonders die Zips und Hauerland), vorübergehend auch bis ins Fürstentum Moldau (Westmoldau und Bukowina) bzw. in die Walachei (Große Walachei und Kleine Walachei). Die wissenschaftliche Fachliteratur verwendet für den Vorgang seit den 1970er Jahren zunehmend den Begriff Hochmittelalterlicher Landesausbau und bezeichnet das Siedlungsgebiet als Germania Slavica („Hochmittelalterlicher Landesausbau in der Germania Slavica“). In der Mediävistik wird der früher oft benutzte Begriff Deutsche Ostkolonisation seit Mitte des 20. Jahrhunderts aufgrund der sprachlichen Nähe zum Kolonialismus der Neuzeit kaum noch verwendet.Zur Begriffsgeschichte Christian Lübke: Ostkolonisation, Ostsiedlung, Landesausbau im Mittelalter. Der ethnische und strukturelle Wandel östlich von Saale und Elbe im Blick der Neuzeit. In: Enno Bünz (Hrsg.): Ostsiedlung und Landesausbau in Sachsen. Die Kührener Urkunde von 1154 und ihr historisches Umfeld. Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2008, S. 467–484, insbesondere S. 479–484. mini|662x662px|Deutsche Ostsiedlung, Historischer Schul-Atlas, 1893. Ungefähre (grob schematische) sprachliche Verhältnisse vor Beginn der Ostsiedlung 895 (links) und am Ende des Prozesses um 1400 (rechts). In dem räumlich nicht klar einzugrenzenden Einwanderungsgebiet wurden Städte und Kolonistendörfer meistens nach Magdeburger Recht und seinen Varianten Neumarkter Recht und Kulmer Recht, nahe der Ostsee auch nach Lübecker Recht und im heutigen West- und Süd-Tschechien, Ost-Österreich, Slowenien und einigen Regionen des damaligen Ungarn auch nach Nürnberger Recht und anderen süddeutschen Rechtsvorbildern, angelegt sowie bestehende Dörfer und frühstädtische Siedlungen erweitert und umstrukturiert. In den reichsnahen ehemaligen Marken, dem südlichen Ostseeraum und Schlesien wurde die westslawische Vorbevölkerung bis auf wenige Enklaven assimiliert. In Polen, teilweise aber auch in der Oberlausitz, gingen die deutschsprachigen Neusiedler in der slawischen Mehrheitsbevölkerung auf und die nicht-deutsche Bevölkerung übernahm die „deutschrechtliche“ Umstrukturierung. In den Regionen zwischen Elbe und Oder sowie im Baltikum trug der Prozess gerade zu Anfang bis etwa 1150 Züge einer Eroberung und gewaltsamen Missionierung; andernorts zeichnete sich durch die Initiative einheimischer Grundherren eine eher friedliche Besiedlung ab.
Neue Siedler- und Bauernstellen aufgrund des Bevölkerungswachstums im Altsiedelland entstanden nach einer Frühphase seit dem 7. Jahrhundert, verstärkt ab der Mitte des 10. Jahrhunderts, zunächst in Katalonien und wurden bis nach Osteuropa vorgeschoben. Die Siedlungsbewegung hat Ursprünge im Frühmittelalter, doch erst seit Mitte des 12. Jahrhunderts (im Hochmittelalter) kam es zu größeren, wenn auch nicht quantifizierbaren Siedlungsbewegungen von West nach Ost. Die rein politische Expansion zuvor, ohne nennenswerte Ansiedlungen östlich von Elbe und Saale, ist daher nur bedingt der Ostsiedlung zuzurechnen. Gegen Anfang des 14. Jahrhunderts (im frühen Spätmittelalter) kann der Prozess als beendet betrachtet werden. Die Ostsiedlung fand somit hauptsächlich im Hochmittelalter statt. Sie wird, beginnend ab den 1980er Jahren, als Teil eines gesamteuropäischen Intensivierungsvorgangs aus den karolingisch-angelsächsischen Kernländern bis in die Peripherie des Kontinents verstanden.Robert Bartlett (siehe Literatur), S. 14 f, 213. Die ethnischen, kulturellen, sprachlichen und religiösen sowie wirtschaftlichen Veränderungen durch die Ostsiedlung prägten die Geschichte Ostmitteleuropas zwischen Ostsee und Karpaten bis mindestens ins 20. Jahrhundert. Mit dem Versailler Vertrag von 1919 nach Ende des Ersten Weltkrieges und insbesondere 1945 nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Hochmittelalterliche Ostsiedlung (auch Deutsche Ostkolonisation genannt) zum Großteil rückgängig gemacht. Lediglich die ältesten Kolonisationsgebiete aus dem 12. und frühen 13. Jahrhundert blieben deutschsprachig.
Rahmenbedingungen Eine historisch-politische Ereignisgeschichte vor Einsetzen der Siedlungsbewegung ist nur in Verbindung mit den strukturellen Vorbedingungen der deutschen Ostsiedlung zu sehen. Zusammen bilden sie die Rahmenbedingungen des beschriebenen historischen Prozesses.
Historisch-politische Vorgeschichte Da der Prozess der Ostsiedlung außerhalb des Baltikums nur in seiner Frühphase mit militärisch-politischen Eroberungen verbunden war und in aller Regel auf Initiative auch der slawischen Landesherren, nicht aber der römisch-deutschen Könige erfolgte, ist eine chronologische, an Ereignissen orientierte Gesamtdarstellung wenig sinnvoll und auch kaum möglich. Allerdings existiert bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts eine chronologische Reihe von Entwicklungen, die den Hintergrund vor dem eigentlichen Einsetzen der Siedlungsbewegung bildet.
10. und 11. Jahrhundert mini|Sclavinia, Germania, Gallia und Roma huldigen Kaiser Otto III. (um 1000) Unter den Ottonen und Saliern wurden Unterwerfungsfeldzüge jenseits der östlichen Reichsgrenzen geführt. Diese fanden in einem Gebiet statt, das im Westen etwa durch die Linie Elbe-Saale-Naab und im Osten durch Oder, Bober, Queis und Moldau begrenzt wird. In den eroberten Gebieten richtete man Grenzmarken ein. Burgen wurden besetzt oder neu errichtet; sie dienten der militärischen Kontrolle und der Eintreibung von Tributen. Ein Zuzug von Neusiedlern blieb aber aus. Diese Phase ist daher treffender als Ostexpansion (statt Ostsiedlung) zu bezeichnen. Die Christianisierung beschränkte sich auf massenhafte Zwangstaufen und die Errichtung von Missionsbistümern wie Oldenburg, Brandenburg oder Havelberg. Die Entwicklung eines Pfarrkirchensystems erfolgte erst mit der Ansiedlung deutscher Kolonisten ab der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts.
Allerdings ging immer wieder die Kontrolle über bereits eroberte Gebiete verloren. Besonders gravierende Folgen hatten der Slawenaufstand von 983 und eine Erhebung der Abodriten ab 1066. Außerdem gerieten die deutschen Herrscher im Gebiet zwischen Elbe und Oder zunehmend in Konkurrenz mit den Fürsten von Polen, die ebenfalls ein starkes Interesse an der Unterwerfung und Eroberung der wendischen Gebiete hatten. Besonders erfolgreich war dabei der erste polnische König Boleslaw I. Chrobry.
Das Evangeliar Ottos III. zeigt vier Frauengestalten, die dem Kaiser huldigen, darunter erstmals auch Sclavinia, der slawische Teil Europas.
Ab dem 12. Jahrhundert Ein erster Ansatz zur Besiedlung des Landes östlich der Saale findet sich in dem umstrittenen Aufruf zum Kampf gegen die Wenden (epistola pro auxilio adversus paganos slavos, 1108), der vermutlich aus dem Magdeburger Raum stammte und den Kreuzzug gegen die Heiden erstmals mit der Aussicht auf lohnende Landgewinne für Neusiedler verband. Allerdings blieb der Aufruf ohne erkennbare Wirkung; weder erfolgten Kriegszüge gegen die Wenden noch eine Besiedlung ihrer Gebiete. Seit 1124 kam es zu ersten Ansiedlungen von Flamen und Niederländern in Norddeutschland bis zur Eider. Darauf folgte die Eroberung des Landes der Wagrier (Abodriten) durch die Holsten beziehungsweise Holsteiner, Stormarner und Dithmarscher 1139, die Gründung Lübecks 1143 und der Aufruf von Graf Adolf II. von Schauenburg zur Besiedlung Ostholsteins im gleichen Jahr. Eine bedeutende Etappe war der militärisch nur bedingt erfolgreiche Wendenkreuzzug von 1147, ein Nebenunternehmen des Zweiten Kreuzzugs. Ihm folgte 1157 die Eroberung der Mark Brandenburg durch Albrecht den Bären, den ersten Markgrafen von Brandenburg. Im 12. Jahrhundert wurde auch die Mark Meißen (das spätere Kurfürstentum Sachsen) von Deutschen besiedelt. Ein weiteres Siedlungsgebiet entstand in Siebenbürgen. Vom ausgehenden 12. Jahrhundert an wurden in Pommern, der Mark Brandenburg, Schlesien, Böhmen, Mähren (später Deutsch-Böhmen und Deutsch-Mähren bzw. Sudetenland) und den östlichen Gebieten Österreichs Klöster und Städte angelegt. Im Baltikum wurde im beginnenden 13. Jahrhundert von den Deutschordensrittern ein eigener Ordensstaat gegründet.
Gesellschaftlicher, demographischer und rechtlicher Rahmen Die politischen Ereignisse fanden vor dem Hintergrund einer starken Bevölkerungszunahme ganz Europas im Hochmittelalter statt, die weder durch Gründung zahlreicher Städte noch durch Intensivierung der bestehenden Siedlungsflächen aufgefangen werden konnte. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert hatte die Bevölkerung in Deutschland von etwa vier auf 12 Millionen zugenommen. In dieser Zeit wurde das Ackerland zunächst auf Kosten der bis dahin noch anders genutzten Flächen und der Waldareale ausgeweitet.Werner Rösener: Agrarwirtschaft, Agrarverfassung und ländliche Gesellschaft im Mittelalter. München 1992, S. 17. Die sogenannte Binnenkolonisation in den Altsiedelgebieten, z. B. im Odenwald, reichte jedoch nicht aus. Weitere Faktoren waren laut Robert Bartlett ein Überschuss an nicht erbberechtigtem Nachwuchs des Adels, dem nach dem Erfolg des Ersten Kreuzzugs die Chancen zum Erwerb neuer Ländereien nicht nur im Heiligen Land, sondern auch in den Peripherieregionen Europas deutlich vor Augen stand. Hinzu kamen die Auflösungserscheinungen der Villikationsverfassung, die eine höhere Mobilität der Bevölkerung ermöglichte, sowie ein steigender Abgabendruck auf die Bauern.
Natürliche, technische und agrarische Rahmenbedingungen Seit ungefähr dem 11. Jahrhundert ist für Mitteleuropa eine Klimaveränderung zu beobachten, die für durchschnittlich höhere Temperaturen sorgte und als Mittelalterliche Warmzeit bekannt ist. Hinzu kam der technische Fortschritt etwa durch Mühlenbau, Dreifelderwirtschaft und vermehrten Getreideanbau (Vergetreidung). Alle diese Faktoren begünstigten den oben erwähnten Bevölkerungsanstieg und machten die Erschließung neuer Anbauflächen attraktiv, wozu auch die Siedlungskonzentration durch Verdorfung gehörte.
Aspekte der Ostsiedlung In diesem Abschnitt werden Elemente des hochmittelalterlichen Landesausbaus vorgestellt, die sich in allen betroffenen Gebieten der Germania Slavica, des Baltikums sowie Ostmittel- wie Südosteuropas finden lassen. Sie können als charakteristisch für den Vorgang der deutschen Ostsiedlung gelten.
Die alten wie neuen Landesherren in Ostmitteleuropa besaßen zwar viel Land, dieses war jedoch in weiten Teilen nicht urbar gemacht und erbrachte somit kein Einkommen.Bartlett, S. 147 f. Nachdem sich Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter als wenig effektiv erwiesen hatten,Bartlett, S. 148 warben sie daher mit erheblichen Privilegien und Versprechen um freiwillige Neusiedler aus den alten Reichsgebieten. Beginnend in den Grenzmarken siedelten die Fürsten Menschen aus dem Reich an, indem ihnen Landbesitz und verbesserte Rechtsstellung gewährt wurden. Dazu gehörten verbindlich festgelegte Abgaben (statt unbemessener Verpflichtung), die aber zunächst in den ersten „Freijahren“ nicht zu zahlen waren, und Vererbbarkeit des Hofes. Von den auf den ersten Blick weitgehenden Vergünstigungen für diese Bauern profitierten die Landbesitzer mit einer zeitlichen Verzögerung wiederum selbst, indem sie überhaupt Einnahmen aus dem Land erzielen konnten, das zuvor brachgelegen hatte.