hochkant|mini|Idealbilder hochmittelalterlicher Ritter: Hartmann von Aue (Darstellung um 1300) … hochkant|mini|… und Ulrich von Liechtenstein (Codex Manesse, um 1300) Ritter (mittelhochdeutsch rîtære, rîter, riter, ritter, mittellateinisch miles, neulateinisch eques auratus, französisch chevalier, englisch knight, italienisch cavaliere, spanisch caballero, polnisch rycerz, slawisch vitez, vityaz, ungarisch vitéz) ist ursprünglich die Bezeichnung für die wehrhaften, schwer gerüsteten, berittenen Krieger des europäischen Mittelalters. Einen ebenfalls gesellschaftlich herausgehobenen Reiterstand außerhalb des hier behandelten mittelalterlichen Rittertums stellten bereits die römischen „Equites“ dar. Ab dem Spätmittelalter bezog sich der Begriff als Titel vornehmlich auf eine besondere Würde, die einzelne Adelige, aber auch Nichtadelige erwerben konnten.

Das Ideal der Ritterlichkeit und die Ritterorden haben bis heute kulturelle und soziale Bedeutung.

Definition Der Begriff Ritter bezeichnet je nach Zeithorizont unterschiedliche Aspekte: einen Berufsstand vor allem im Hochmittelalter, einen sozialen Habitus oder einen neu akzeptierten Adelsrang seit dem Spätmittelalter: Ab dem 11. Jahrhundert etablierten sich neben adligen, „edelfreien“ Grundherren auch unfreie Hofbeamte (Ministeriale) als Ritter. Ihre in der Regel wie der alte Adel von Einkünften aus dem Feudalsystem lebende Mittel- und Oberschicht bildete im 14. Jahrhundert den Hauptteil des entstehenden niederen Adels, der sich nun als Ritterstand definierte. Der Großteil der hoch- und spätmittelalterlichen Ritter konnte sich jedoch aus wirtschaftlichen Gründen nicht auf Dauer im niederen Adelsstand der frühen Neuzeit etablieren. Einen neuen Wirkungsraum für diese kleineren Ritterfamilien boten die sich entwickelnden Städte. Zahlreiche Burgställe in dörflichen Umgebungen und Reste von spätmittelalterlichen Eigenbefestigungen in Städten zeugen bis heute von ihrer einstmaligen Existenz. Die meisten Reiterkrieger des Hochmittelalters galten ursprünglich nicht als Adelige, sondern gehörten bis in das 13. Jahrhundert hinein rechtlich der zwischen Unfreiheit und Freiheit angesiedelten Ministerialität an. Die Verhältnisse variierten je nach Region.Johanna Maria van Winter: Rittertum. Ideal und Wirklichkeit. München 1965.

Die meisten Adligen im 14. oder 15. Jahrhundert erwarben diese Ritterwürde gar nicht.Maurice Keen: Das Rittertum. Düsseldorf 2002 Die Ritterbürtigkeit, also die Abstammung von (nieder-)adligen Vorfahren („zum Wappen geboren“), war meist die Voraussetzung für die Erlangung der Ritterwürde. In einem feierlichen Akt, ursprünglich der Schwertleite, später dem Ritterschlag, wurde man vom Herrscher oder einem anderen Adligen zum Ritter erhoben, vorausgesetzt, man brachte die erforderlichen Merkmale und Qualitäten mit. Letztendlich erlangten nur etwa ein Zehntel der eigentlich ritterbürtigen Personen die Ritterwürde. Die restlichen Angehörigen ritterbürtiger Familien wurden in Deutschland u. a. als „Edelknechte“, „Knechte“ (in der verbreiteten Formel „Ritter und Knechte“), „Knappen“ oder „Armige“ bezeichnet.Rudolf Kilian Weigand: Halbritter und Schildknechte. Zur Kategorisierung und Illustrierung sozialer Randgruppen im „Renner“ Hugos von Trimberg. In: Hans-Jochen Schiewer, Karl Stackmann (Hrsg.): Die Präsenz des Mittelalters in seinen Handschriften. Tübingen 2002, S. 83–105. Im englischsprachigen Bereich werden Ritter (Knights) und Edelknechte (Esquires/Squires) für das Spätmittelalter zeitgenössisch und modern als „men-at-arms“ zusammengefasst.Andrew Ayton: Knights and Warhorses. Military Service and the English Aristocracy under Edward III. Woodbridge, Rochester 1994.

Aus finanziellen und familiären Gründen zog es gerade der Großteil des Niederadels nun vor, zeit seines Lebens als Edelknechte (lateinisch Armigeri, „Schildträger“) aufzutreten. In zeitgenössischen Heeren des Spätmittelalters stellten sie bis zu neunzig Prozent der Reiterkrieger. So gehörten sie ebenfalls zur Elite der zeitgenössischen Heere und waren waffentechnisch und taktisch kaum von den titeltragenden Rittern zu unterscheiden. Wenn heute der Begriff Ritter für das Mittelalter verwendet wird, so ist oft nicht klar, ob die große Menge der titellosen Edelknechte mit einbezogen wird oder nicht.So bezieht sich zum Beispiel Prestwich in seinem populärwissenschaftlichen Buch auf den Ritter im eher exklusiven Sinn, ohne aber die Alternative zu thematisieren: Michael Prestwich: Ritter. Der ultimative Karriereführer. Darmstadt 2011. Auch bei Hochadligen war die Ritterwürde übrigens keineswegs selbstverständlich. Manchmal wurde sie gegen Zahlung einer erheblichen Summe erkauft. Gelegentlich wurden sogar bewährte nichtadlige (d. h. nicht von ritterbürtigen Familien abstammende) Kriegsknechte zu Rittern geschlagen oder mit dem Schwert umgürtet. Diese Auszeichnungen waren aber meist symbolischer Natur, vergleichbar mit heutigen Ordensverleihungen, denn den so ausgezeichneten Knechten fehlten meist die nötigen finanziellen Mittel, um die Ritterwürde dauerhaft anzunehmen. Einige besonders tapfere Krieger wurden sogar mehrere Male zum Ritter geschlagen, blieben aber weiterhin Edelknechte. mini|Reiterharnisch Kaiser Maximilians I. († 1519)

Besonders bei Turnieren wurde seit dem Spätmittelalter streng zwischen Rittern (im Sinne der Ritterwürde) und Edelknechten unterschieden. So durften Ritter beispielsweise mit drei Pferden auf dem Turnierplatz erscheinen, Knechten wurden nur zwei zugestanden. Vor großen Schlachten versuchten viele Feudalherren die Kampfmoral ihrer Truppen zu stärken, indem man Edelknechten in größerer Anzahl die Ritterwürde verlieh. So soll der polnische König Władysław II. Jagiełło unmittelbar vor der Schlacht bei Grunwald/Tannenberg die Ritterwürde an tausend seiner „Szlachtschitzen“ verliehen haben. Diese „Promotionen“ kamen natürlich auch nach der Schlacht vor.

In der frühen Neuzeit und bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation konnte die Anerkennung als Ritter – aufgrund bestandener Ahnenprobe – durch Aufschwörung und Eintrag (Immatrikulation) in entsprechende Adelsregister – neben dem Besitz eines sogenannten landtagsfähigen Rittergutes – entscheidend dafür sein, ob ein politisch und wirtschaftlich begehrtes Recht auf Sitz und Stimme im Landtag oder in einem Domkapitel bestand. Um die Anerkennung gab es erbittert ausgefochtene Rechtsstreitigkeiten wie den „Erbmännerprozess“.

In Monarchien konnten souveräne Herrscher eine „Nobilitierung“ vornehmen, im österreichischen Adel war hier auch der Titel Ritter möglich. Dieses Privileg wurde dort 1919 durch die Republik Österreich abgeschafft.Reinhard Binder-Krieglstein: Österreichisches Adelsrecht 1868–1918/19. Peter Lang, Wien 2000, ISBN 978-3-631-34833-8.

Historische, regionale und politische Ursprünge

Die Bezeichnung „Ritter“ ist in der mittelhochdeutschen Form rit(t)er, rīter, rītære vom mittelniederländischen riddere/reddere (= Reiter) entlehnt bzw. von italienisch cavaliere, okzitan. cavalièr, französisch chevalier, von spätlateinisch caballarius (= Reiter) lehnübersetzt.„caballarius“, perseus.tufts.edu Sie verweist auf den Ursprung des Rittertums aus der in Spätantike und Frühmittelalter entstandenen Panzerreiterei. Regional liegen die Ursprünge des mittelalterlichen Rittertums im heutigen Frankreich, das „fränkische (französische)“ Rittertum wurde dann über das niederländische Sprachgebiet nach Osten weitervermittelt. „Ritter“ ist deshalb nach der Ansicht einiger Historiker ein Lehnwort aus dem Niederländischen. Von Deutschland aus breitete sich die Ritterkultur bis weit nach Osteuropa aus, besonders Böhmen entwickelte eine späte, aber umso eindrucksvollere Ausprägung. Noch heute ist Böhmen das Gebiet mit der höchsten Burgendichte Europas. Die politische Grundlage des europäischen Rittertums war der Feudalismus. „Rittertum und Feudalismus gehören in ihrer Geschichte unlösbar zusammen“ (Josef Fleckenstein). In einer anderen Gesellschaftsform hätte sich das Rittertum in seinem historischen Erscheinungsbild nicht ausprägen können, beruht es doch auf der gesellschaftlichen Heraushebung des Kriegers (auch des „Beamten“) aus der Volksmasse. Hier lassen sich deutliche Parallelen zur Herausbildung adliger Kriegerkasten in anderen Kulturen erkennen, zum Beispiel der Samurai in Japan.

Geschichtliche Entwicklung mini|Fränkische Panzerreiter mit Drachenstandarte, abgebildet im Goldenen Psalter von St. Gallen, 9. Jhd. mini|Reiterkrieger mit Bandhelmen, Kettenhemden und Rundschilden im Leidener Makkabäer-Codex, um 925 mini|Normannische Kavallerie auf dem Teppich von Bayeux, um 1070 Gepanzerte und mit Lanzen und Langschwertern bewaffnete Reiter waren bereits bei den Parthern und Sarmaten so erfolgreich, dass im römischen Reich der Spätantike ebenfalls solche Kataphrakte eingesetzt wurden. Auch bei Ostgoten und Alanen waren gepanzerte Reiter eine wichtige Stütze der Kriegsführung, die häufig schlachtentscheidend waren, etwa in der Schlacht bei Adrianopel.Herwig Wolfram: Die Goten. C.H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-33733-3, S. 302ff. Bei Franken und Alamannen der Völkerwanderungszeit waren hochrangige Krieger ebenfalls beritten und zum Teil mit Helmen und Panzerungen ausgestattet.Karin Krapp: Die Alamannen. Krieger – Siedler – frühe Christen. Theiss, Stuttgart 2007, ISBN 3-8062-2044-1. S. 93f. In den fränkischen Heeren der Merowingerzeit waren Reitereinheiten fester Bestandteil. Allerdings unterstützten diese in der Regel nur die Fußtruppen, die den Kern des Heeres bildeten, und saßen sogar meist vor der Schlacht ab, um selbst zum Fußkampf überzugehen.Matthew Bennett (Hrsg.): Kriege im Mittelalter Schlachten – Taktik – Waffen. Theiss, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8062-2223-4. Gepanzerte Reiter wurden damals nur von einer vergleichsweise kleinen Schicht Adeliger gestellt.

Die Ursprünge des mittelalterlichen Rittertums gehen bis in das 8. Jahrhundert zurück. Häufig werden die Entwicklungen mit dem Auftreten neuer Feinde in Verbindung gebracht. Nachdem die Mauren innerhalb von knapp drei Jahren den größten Teil Spaniens erobert hatten und sich anschickten, die Pyrenäen zu überqueren, sah sich das fränkische Reich einer akuten Gefährdung ausgesetzt. Die berittenen arabischen Kämpfer waren viel beweglicher als die schwerfällige fränkische Infanterie und stellten eine echte Gefahr dar. Im Jahr 732 konnten die Franken in der Schlacht von Tours und Poitiers die muslimischen Araber zwar offenbar vor allem durch ihr starkes Fußheer besiegen, doch begann der fränkische Hausmeier Karl Martell seitdem eine neue Truppengattung aufzubauen: Die fränkischen Panzerreiter, die als direkte Vorfahren der späteren Ritter gelten. Ein Zusammenhang zwischen dem Aufbau dieser Truppen und dem Vordringen der Araber wird bisweilen bezweifelt, da arabische Heere ebenfalls erst ab der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts begannen, in großem Stil Reiter einzusetzen. Häufig wird die Entwicklung zum Panzerreiter daher der Ausbreitung des Steigbügels zugeschrieben, der sich ab dem 6. bis 7. Jahrhundert langsam in Europa ausbreitete. Er gab den Reitern einen taktischen Vorteil und verlieh ihnen Sicherheit im Sattel. Durch die Übernahme des Steigbügels wurde das Reiten erleichtert und die Kraft des Pferdes konnte direkt auf die Lanze übertragen werden.

Im Frankenreich der Karolinger wurde der Panzerreiter mehr und mehr zum Träger der Stoßkraft in kriegerischen Aufgeboten, obgleich Fußvolk und leichte Reiterei weiterhin die Masse der Militärmacht stellten. Als im 9. Jahrhundert die Wikinger Westeuropa heimsuchten, kam vorrangig den Panzerreitern die Aufgabe zu, die Eindringlinge abzuwehren. Die Wikinger kamen mit Booten auf den Flüssen ins Landesinnere, errichteten Heerlager und starteten von den Lagern aus Reiterangriffe. Den Panzerreitern gelang es häufig, den Feind überraschend zu stellen und zu vernichten.